Aus „Freundschaft mit Oscar Wilde“

Während dieses Buch noch in der Druckerei war und ich die Korrektur las, wurde von der Firma Dulau in der Old Bond-Street ein Verkauf zahlreicher Briefe Oscar Wildes angekündigt. Dulau schickte mir ein Exemplar seines Spezialkatalogs, von dem er nur hundertfünf Exemplare hatte drucken lassen und der Auszüge aus den Briefen enthielt. Einige Wochen vorher war Dulau durch die Vermittlung meines Freundes Mr. A. J. A. Symons an mich herangetreten und hatte um meine Erlaubnis gebeten (die er dann erhielt), mehrere Briefe Wildes an mich, von denen viele beleidigende Anspielungen enthielten, in ihren Verkauf einschließen zu dürfen.

Diese Erlaubnis erteilte ich unter der Bedingung, dass die Firma Dulau folgende Notiz in ihrem Katalog drucken ließ, die auch auf Seite V des Katalogs vermerkt war:

„Wir haben die in diesem Katalog veröffentlichten Briefe Lord Alfred Douglas zur Prüfung eingesandt. Lord Alfred hat angesichts ihres historischen und psychologischen Interesses keine Einwände gegen ihre Verbreitung erhoben, in der Voraussicht, dass schon die Erteilung seiner Erlaubnis seine Stellungnahme gegen die in den Briefen enthaltenen Anspielungen genügend kennzeichnet.“

Meine Haltung ist selbstverständlich einfach verächtliche Gleichgültigkeit. Ich hätte den Verkauf dieser Briefe mit all ihren Lügen und Verleumdungen und vor allem ihrem absichtlichen Unterschlagen der Wahrheit verhindern können, aber ich tat es nicht.

Es war vielleicht ein Glück, dass ich dieses Buch, in dem ich mich bemüht habe, so großmütig wie möglich gegen Wilde zu sein, gerade fertig hatte, ehe ich jene Briefe las, die er aus Paris während seines letzten Lebensjahres an Ross schrieb. Es fällt mir recht schwer, die aus ihnen sprechende Unvornehmheit und Falschheit zu verzeihen.

Ich gebe hiermit einen Auszug aus dem einen, der nur das Datum 1900 trägt und augenscheinlich ungefähr im März geschrieben wurde:

„Frank Harris ist hier, auch Bosie. Ich machte Bosie den Vorschlag, zu dem du mir rietst, aber ohne irgendwelchen bestimmten Betrag zu erwähnen – es war nach dem Abendessen. Er hatte gerade vierhundert Pfund beim Rennen gewonnen und einige Tage vorher sogar achthundert und war in sehr guter Stimmung. Aber als ich mit ihm von deinem Vorschlag sprach, geriet er in eine namenlose Wut, brach in sarkastisches Lachen aus und sagte, es wäre der unglaublichste Vorschlag, den er jemals gehört hätte. Es fiele ihm nicht im Traume ein, meinte er, etwas dergleichen zu tun – und er sei über meine Zumutung maßlos erstaunt.“ In dem Brief steht kein Wort davon, dass ich ihm kurz vorher sehr viel Geld gegeben und ihm außerdem versichert hatte, dass ich ihm stets, solange ich selber Geld besaß, finanzielle Hilfe zukommen lassen würde.

An diesem Abend, von dem er spricht, hat er mich um zweitausend Pfund gebeten, und ich sagte ihm, dass ich bisher erst achttausend Pfund von meinem Erbteil erhalten hatte und nicht mehr als höchstens noch sechstausend Pfund erwarten könne und diese Summe das einzige Geld darstelle, das ich jemals in meinem ganzen Leben zu erwarten halbe, darum sei es mir unmöglich, ihm jetzt einen so hohen Betrag auf einmal zu geben.

Ehe er mich um die bescheidene Summe von zweitausend Pfund bat, hatte ich ihm schon – einige Minuten vorher – zweitausend Francs (achtzig Pfund) geschenkt. Gerade dieses Geschenk war die Veranlassung, dass er mich um mehr bat, das heißt, von mir forderte. Er sagte: „Ich bin dir für die zweitausend France sehr verbunden, aber ist dir der Gedanke noch nie gekommen, dass du mir jetzt, nachdem du auf einmal so viel Geld erhalten hast, eine größere Summe zuwenden könntest? Ich finde, du müsstest mir wenigstens zweitausend Pfund schenken.“

Ich war ganz verblüfft über seine Dreistigkeit und sagte ihm offen, dass ich seine Zumutung unerhört fände und gar nicht einsähe, mit welchem Recht er mich für verpflichtet halte, ihn zu unterstützen, dass ich jedoch als sein Freund natürlich bereit sei, ihm so viel in meiner Macht lag, zu helfen, was ich auch schon häufig getan hätte.

Als diese Unterredung stattfand, hatte ich ihm in den letzten drei Monaten schon mindestens zweihundert Pfund gegeben. Die anderen in Dulaus Katalog angeführten Briefe Wildes, die er in der Zeit zwischen seiner Entlassung und seinem Tode schrieb, enthalten zahlreiche Anspielungen auf Geld und auch recht viele Bemerkungen (oft wenig schmeichelhafte) über mich. Doch Wilde erwähnt nicht einmal die Tatsache, dass ich ihm Geld gegeben hätte, oder dass er in regelmäßigen Abständen Geldsendungen von mir erhielt, wie es von der Zeit des Antritts meiner Erbschaft an bis zu seinem Tode der Fall war.

Zur Zeit, als ich Ransome wegen Verleumdung verklagte, das heißt im Jahre 1913, erhielt ich von der Piccadilly-Filiale der National-Provincial-Bank eine amtlich bestätigte Kopie meines damaligen Scheckbuches. Sie enthielt mehrere Eintragungen von Schecks, die an Wilde unter dem Namen, den er seit seiner Entlassung aus dem Zuchthaus angenommen hatte, nämlich Sebastian Melmoth, ausgestellt waren. Im ganzen hatte ich in jenem Jahr in Schecks allein, einschließlich der zwanzig Pfund, die ich Ross zwei Tage nach Wildes Tod für die Beerdigungskosten Wildes gab, dreihundertneunzig Pfund an Oscar geschickt. Bei der Verhandlung im Ransome-Prozess wurden diese Eintragungen von meinem Verteidiger vorgezeigt, und die Gegenpartei konnte ihre Richtigkeit nicht bestreiten. Der erste Scheck, den ich auf Wildes Namen ausgestellt hatte, trug das Datum Februar 1900 und der letzte November desselben Jahres – einige Tage vor seinem Tode. Diese Schecks stellten nur das ganze Geld dar, das ich Wilde in den letzten Monaten seines Lebens per Post geschickt hatte. Außerdem hatte ich ihm aber eine ganze Menge Bargeld gegeben.

In jenem Jahr lebte ich in Chantilly, wo ich meinen Rennstall hatte, doch kam ich sehr häufig auf zwei, drei Tage nach Paris. Bei diesen Gelegenheiten lud ich stets Wilde zum Abendessen ein und gab ihm auch dann immer Geld. Der geringste Betrag war fünfhundert Francs (zwanzig Pfund), doch meistens schenkte ich ihm ein- bis zweitausend Francs.

Es ist noch ein Glück, dass ich damals in Chantilly wohnte und nicht in Paris, denn auf diese Weise bekam Wilde das meiste Geld, das ich ihm schenkte, in Schecks. Sonst hätten überhaupt keine Belege für meine Geldgeschenke an ihn existiert, und alle seine Lügen und sein unfaires Unterschlagen der Wahrheit hätte nicht widerlegt werden können.

Sowohl Ross als auch Adey wohnten den Verhandlungen im Ransome-Prozess bei. Trotzdem werden diese Briefe Wildes an Ross mit ihren Beschimpfungen und ihrem unglaublichen Verschweigen meiner Freigebigkeit in der Welt verbreitet, ohne dass ein Mensch ihnen mit einem einzigen Wort widerspricht.

Leider verlor ich nach der Urteilsverkündung im Ransome-Prozess mein Bankbuch, und obgleich die Daten und Beträge der Schecks, die ich Wilde schickte, sofort vermittels der stenographisch aufgenommenen Berichte der Verhandlungen im Ransome-Prozess festgestellt werden könnten, ging ich trotzdem vor einigen Tagen noch einmal zur Bank und bat den Direktor, in den alten Hauptbüchern nachsehen zu lassen und mir eine Liste von all den auf Melmoths Namen ausgestellten Schecks zuschicken. Ich käme gerade noch zur rechten Zeit, sagte mir der Direktor, denn die Hauptbücher würden nach dreißig Jahren vernichtet. Er sandte mir die gewünschte Liste. Die kleinen Abweichungen im Namen – statt Melmoth manchmal Melmott oder Melnotte – rühren einfach von einer Nachlässigkeit des Bankangestellten her, der die Summen ins Hauptbuch eingetragen hatte. Man wird also sehen, dass die Gesamtsumme sich auf dreihundertzweiunddreißig Pfund und nicht auf dreihundertneunzig Pfund beläuft. Ich bin aber überzeugt, dass auch diese Unstimmigkeit auf ein Versehen des Angestellten zurückzuführen ist, der einen Scheck auf fünfzig Pfund und einen anderen auf achtzig Pfund übersehen hat. Denn als ich mit Crosland das Buch „Oscar Wilde und Ich“ schrieb (im Jahre 1914), haben wir beide festgestellt, dass die Gesamtsumme dreihundertneunzig Pfund betrug, wie es auch in diesem Buch steht. Doch dies ist von keiner großen Wichtigkeit; die Hauptsache ist, dass ich fortwährend Schecks an Wilde schickte, obwohl ich ihm außerdem sehr häufig Bargeld gab, und dass er in allen seinen Briefen an Ross nicht nur diese Tatsache verschweigt, sondern andauernd von meiner „Knickerigkeit“ spricht und zu verstehen gibt (wie alle seine Biographen, Frank Harris, Ross, Sherard, Davray, André Gide und andere es auch getan haben), dass ich ihm, als er aus dem Gefängnis kam, gar kein Geld gab, nicht einmal eine einzige Fünf-Pfund-Note.

Ich füge den Brief bei, den ich vom Direktor der National-und Provincial-Bank erhielt, und die Liste der Schecks, die ich auf Wildes Namen ausstellte:

208 und 209 Piccadilly, London W 1
30. November 1928

„Sehr geehrter Herr, bezugnehmend auf Ihren Besuch am 28. d. M. gestatten wir uns, Ihnen eine Liste der auf den Namen Melmott, Melmoth oder Melnotte geleisteten Zahlungen vom 12. Februar 1900 bis 15. November einschließlich desselben Jahres zu senden.

Wir haben auch festgestellt, dass eine Zahlung von Ihnen in Höhe von zwanzig Pfund an Ross am 30. April 1901 geleistet wurde.

Wir hoffen, dass dies die Auskunft ist, die Sie benötigen.

Mit vorzüglicher Hochachtung
Geo W. Sadler
Vizedirektor.“

Lord Alfred Douglas
Zahlungen an Melmott, Melmoth oder Melnotte zwischen
Februar und November 1900.

1900

An Melmott oder Melmoth 12. Febr. £ 20
19. Febr. £ 125
27. £ 12
16. März £ 25
Melnotte 10. Mai £ 25
Melmott Melmoth 30. Juni £ 25
17. Juli £ 50
17. Juli £ 25
16. August £ 15
Melnotte 15. Nov. £ 10
1901
Ross 30. April £ 20

Die Firma Dulau bietet auch Wildes schändlichen Brief aus Neapel an, in welchem er von mir sagt: „Sobald kein Geld da war, verließ er mich.“ Bei der Vernehmung im Ransome-Prozess bestätigte Mr. Adey (Ross‘ intimster Freund), dass ich in Neapel gegen meinen Willen gezwungen wurde, Wilde zu verlassen, und ihm zweihundert Pfund von meiner Mutter gab, die ihm von Mr. Adey ausbezahlt wurden. Auch dieser Brief wird zum Verkauf angeboten, ohne dass ein Wort hinzugefügt wird, um den falschen Eindruck, den das Schreiben über mich hervorruft, aufzuheben.

Schließlich hat aber die Prüfung der zum Verkauf angebotenen Briefe eine überraschende Bestätigung meiner Ansicht gebracht, die ich in diesem Buch geäußert habe, nämlich, dass Ross mich in der Angelegenheit des De Profundis-Manuskripts betrog, und dass dieses wirklich ein Brief an mich war, der mit „Lieber Bosie“ begann und „Dein Dich liebender Freund Oscar Wilde“ endete. Anschließend gebe ich zwei Auszüge aus einem an Ross gerichteten Brief Wildes, der das Datum vom 1. April 1897 trägt und vom Zuchthaus in Reading aus geschrieben wurde. Darin gibt Wilde Anweisungen an Ross, was er mit dem Manuskript tun solle, das Ross freundlicherweise dem Britischen Museum „geschenkt“ hat, obwohl es augenscheinlich ihm niemals gehörte und er ebenso wenig das Recht hatte, es zu verschenken, wie das Britische Museum, es anzunehmen, weil es, wie einwandfrei feststeht, mein Eigentum ist.

„Nachdem eine Kopie vom Manuskript gemacht und mit dem Original verglichen worden ist, soll das Original an A. D. geschickt werden und eine zweite Kopie vom Stenotypisten angefertigt werden, damit du und ich beide eine Abschrift davon besitzen.“

„Es besteht also keine Notwendigkeit, A. D. zu sagen, dass eine Abschrift gemacht worden ist, es sei denn, dass er sich über Ungerechtigkeiten oder irrige Angaben in dem Brief beschweren sollte; in diesem Fall muss ihm gesagt werden, dass eine Abschrift existiert.“

Ross behielt also das ursprüngliche Manuskript für sich und hat mir nicht einmal eine Abschrift davon geschickt. Ich sah den Brief das erstemal im Jahre 1912, als er mir im Bureau der Anwälte Lewis & Lewis gezeigt wurde. Er gehörte zum Beweismaterial, auf das Ross seinen „Wahrheitsbeweis“ stützte, als ich ihn wegen Verleumdung verklagte. Gleichzeitig wurde mir eine Abschrift davon von Lewis & Lewis gesandt. Bis dahin hatte ich keine Ahnung von der Existenz dieses Briefes, obgleich Wilde zweifellos dachte, ich hätte ihn damals seinen Instruktionen gemäß erhalten. Wie in diesem Buch bereits erklärt worden ist, führte diese Schurkerei von Ross zu einem Missverständnis zwischen Wilde und mir, das bis zu seinem Tode nicht aufgeklärt wurde. Augenscheinlich hat Wilde es für selbstverständlich gehalten, dass ich den Brief bekommen hatte, und er muss sich immer gewundert haben, dass meine vorausgesehenen „Beschwerden“ über „Ungerechtigkeit“ oder „irrige Angaben“ ausblieben. Hätte ich den Brief erhalten, wäre vielleicht der ganze Verlauf meines Lebens ein anderer geworden. Meine Entrüstung über Wildes groteske Lügen und falsche Angaben, über sein Verdrehen der Wahrheit, seine Beschimpfungen hätten mich vielleicht ein für alle Mal von meiner Vernarrtheit in ihn, die damals noch trotz allem bestand, geheilt. Wiederum ist es möglich und sogar sehr wahrscheinlich, dass ich ihm verziehen hätte.

Jedenfalls steht es einwandfrei fest, dass das im Britischen Museum ruhende Manuskript mir gehört, und ich erwarte, dass der Kustos es mir jetzt aushändigt. Die Vermutung, dass er es jemals angenommen hätte, wenn ihm bekannt gewesen wäre, dass Ross weder ein gesetzliches noch ein moralisches Recht hatte, es überhaupt zu verschenken, würde meines Erachtens eine Beleidigung für ihn bedeuten.

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