Hermann von Teschenberg

Erinnerung an Oskar Wilde

Aus: Das Theater. Illustrierte Halbmonatsschrift, redigiert von Christian Morgenstern, Jahrgang 1 (1903/04), Heft 2 (Oktober 1903), Berlin: Verlag von Bruno Cassirer (Nachdruck Emsdetten 1981) S. 28 f.

Im großen achteckigen Saal der Herzogin von X, des Urbilds der Lady Hunstanton erblickte ich Oskar Wilde zum ersten Male. Um ihn drängten sich Englands stolze Namen, der Adel der Geburt, des Geistes, der Schönheit. Hoch aufgerichtet überragte seine athletische Gestalt alle, die ihn umringten und seinen Worten lauschten; seine Augen leuchteten, sein ganzes Wesen drückte die Freude aus, dass seine Thesen, seine Paradoxe, seine Bonmots gefielen, Heiterkeit erweckten, Eindruck machten. Als dann nach Tisch die Herren allein zurückgeblieben waren, erzählte er, das wellig gescheitelte Haupt bequem im Lehnstuhl zurückgelehnt, ein Erlebnis, ein Märchen in geistsprühenden, scharf geschliffenen Sätzen mit beredten, weiblich graziösen Gebärden - unnachahmlich, unvergesslich.

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Wenige Jahre später, in einer lauen Frühlingsnacht, stand er vereinsamt, ein von den Meisten ängstlich Gemiedener, im Kolosseum zu Rom. Seine Haltung war noch die alte, stolz erhobenes Haupt, ungebeugte, ungebrochene Schultern, aber in seinem Antlitz machte sich ein herber, kalter, fast grausamer Zug bemerkbar, wenn auch das verächtliche Lächeln seiner Lippen der bengalischen Beleuchtung gelten mochte, welche die edlen Linien der herrlichen Ruine brutalisierte. Auch seinem Gange fehlte das Schwebende, Leichtfüßige, sich Wiegende von ehedem. War das noch Oskar Wilde? Nein, der war der Welt gestorben, an Jenem Tage, da man ihn verurteilt hatte, weil er zu stolz gewesen war, zu lügen und zu heucheln.

Hermann Freiherr von Teschenberg wurde 1860 in Wien als Sohn eines österreichischen Ministers geboren. Wegen eines 'Skandals' musste er seine Heimat verlassen und ging über London und Paris nach Berlin, wo er ab 1898 Magnus Hirschfeld und die Arbeit des Wissenschaftlich-humanitären Komitees tatkräftig unterstützte. 1905 führte ihn sein Lebensweg nach Italien, wo er 1911 starb. Magnus Hirschfeld rühmte seine "Anmut, die alle entzückte". (1) Davon zeugt auch das berühmte Bild, das ihn in großer Damengarderobe zeigt. (2)


1)       Magnus Hirschfeld, Geschlechtskunde, Band 1, Stuttgart 1926, S. 357 f.; zitiert von Manfred Herzer, Magnus Hirschfeld. Leben und Werk eines jüdischen, schwulen und sozialistischen Sexologen, Berlin 2001 (Bibliothek rosa Winkel).

2)       Abbildung u. a. in: Goodbye to Berlin? 100 Jahre Schwulenbewegung, Berlin 1997, S. 42.