Oscar Wilde - Die romantische Renaissance
Vorwort von Franz Blei - März 1906
Es lag an den Umständen, dass man die Anekdoten seines Lebens vor allem erzählte, als ob Anekdoten, auch die wahren, nicht immer Fälschungen wären. Das Lob der Schriften kam nach, etwas aufdringlich und laut, als ob man sie ohne begeisterte Ausschreier nicht zu genießen vermöchte. Wäre nicht eine Revision des Standpunktes vorzunehmen und einer zu finden, von dem aus mehr zu sehen ist, als ob Wildes Prosa gut oder schlecht war, und wie viele Zigaretten er in 24 Stunden geraucht hat? Ein Leben, in dem Vorsatz, Wille und Absicht so stark waren wie in dem Leben Wildes, ein solches Leben erfährt von den äußeren Zufälligkeiten weder Richtung noch Ziel. jene Katastrophe möchte das zu widerlegen scheinen; jene Richter möchten wohl glauben, dass sie höhere Richter, dass sie eine Art rächenden Schicksals gewesen seien, aber das glaubt nur ihre grausame Eitelkeit. Denn niemand vermag etwas über unser Leben als wir selbst. Wenn der Einzelne sein Leben zu Fall bringt, so bilden sich die Nachbarn immer ein, er wäre über das Bein gestürzt, das sie ihm gestellt haben. Und dies auch, weil dem Gemeinen das Leben auseinander fällt: in Glück und in Unglück, in Lachen und in Tränen, in Denken und Handeln, und wie es diese Reihe plumpdeutlicher Scheidung weitergeht, die dem wesentlichen Menschen fremd ist, dessen linke Hand weiß, was die rechte tut. Wilde ,ab dieser populären Meinung vom Leben etwas nach - wenn man so müde ist, redet man den Jargon der andern -, da er sagte, er sei so lange unter der Sonne gegangen, dass er nur eine weise Absicht seines Geschickes darin sehen müsse, das ihn nun auch auf die Schattenseite des Lebens geführt habe. Aber schon kehrt er zu seinem eigenen Willen und zu der Verachtung fremden Wollens zurück und trinkt mit seiner stolzen Leidenschaft für den bioV JeoreticoV den bitteren Rest, als ob der gerade die Süße hätte, die er je nur gesucht. Das gewöhnliche Mitleid möchte, dass dieses Gefängnis nicht gewesen wäre, und das Mitleid verwirrt. Das merkwürdige Pathos dieses Lebens wäre deutlicher, wäre diese äußerliche Sache nicht, die mit der Justiz, der Gesellschaft, der öffentlichen Moral, mit allem zu tun hat, nur nichts mit dem Beispiel dieses Lebens Wilde.
Was wir gestern als ein Paradox erfanden, ist heute eine Wahrheit und wird morgen ein Gemeinplatz sein, auf dem sich alle Welt ergeht. Die Gemeinschaft macht sich das Paradox damit unschädlich, dass sie es als Wahrheit akzeptiert. Das Genie hat nur den Vorteil eines zeitlich längeren Widerstandes der Menge und damit das Angenehme einer Alleinsamkeit.
Das Paradox war auf eine sonderbare Art in Wildes Leben beschlossen und zweifach: ihm selber in allem einzelnen seines Tuns und uns Späteren dieses Leben ganz. Von diesem letzten ist die Rede. Wilde war mit allen, mit den großen und den kleinen Mitteln darauf aus, dass sein Leben uns nicht anders als ästhetisch beeindrucke - und: wir spüren die Künste und Künstlichkeiten Wildes nur als Teil des moralischen Problems Wilde. Was er immer vorausstellte, das rückt in einen undeutlichen Hintergrund oder wird Illustration und Beispiel; was er ausschalten, was er beseitigen wollte, das steht ganz vorne und eigentümlich da. Aber so sieht es nur aus. Denn es war diese heftige Leidenschaft zur ästhetischen Formung des Lebens im Grunde nichts als moralische Äußerung, besser: eine Äußerung gegen die Moral der anderen Leute und somit von moralischer Farbe. Was Wilde durch Leben und Schaffen aufzuheben meinte: die Bedeutung des Moralischen, das ist das Problem seines Lebens geworden, das stärker bewegt als das oft Unbedeutende, Zerstreute, nie Große seines Werkes. Wie er der Spieler seines Lebens war, wie er der neugierige Zuschauer der Agonie dieses Lebens war, das ist merkwürdiger und bedeutender als die Bücher.
Die waren nur Mittel für ein anderes, nichts für sich. Nie war die Kunst der Moral dienstbarer gemacht worden als durch Oscar Wilde, den Ästheten. Die Kritik, die sich nur an die Bücher hält, sieht das Wesen nicht. Denn über die Bücher ist es leicht zu sagen, dass der Reichtum ihrer Prosa aufdringlich und überladen ist, dass die Verse solche von Swinburne sind, dass das >Porträt des Dorian Gray< eine Kopie nach Huysmans ist, wie die >Herzogin von Padua< eine nach Hugo, dass die Ideen der >Intentions< das Echo des Mallarme und Villiers de l'Isle-Adam tönen - ja, das alles und dieses auch, dass hier kein Weg ist, sondern vielerlei Wege sind, keine neue Botschaft, sondern viele alte, dass das Inferno des Dante wegen seiner Dekoration aufgesucht wird wie die Gärten des Akademus wegen der Eurhythmie der Gesten ja, auch dieses und noch viel mehr Richtiges, wenn man sich mit der Idee vom einsamen Kunstwerk vor diese Bücher stellt und so die Absicht auf ein ganz anderes übersieht. Und ein solcher Beurteiler der Bücher wird sich von ihnen hierauf zum Menschen wenden, ganz bitter werden und sagen: Wilde lehrte die Unpersönlichkeit der Schönheit, und keiner tat je dies so persönlich wie Wilde; er schloss von den Künsten alle Fragen um Gute und Böse aus und sprach von nichts sonst als davon; er konnte sich an der Schönheit von Ruskins Prosa nicht freuen, wie allein es seine Pflicht als Ästhet war, und sprach von Ruskins Moralismus; er war nie gütig sorglos und konnte sich nie vergessen; sein Leben war ein Arrangement vor Dummköpfen, die er die traurigste Kunst, die >Kunst des Lebens< lehren wollte; er lachte nur, um dem Lachen der andern zuvorzukommen, aber in seiner Natur war das Lachen nicht, denn er besaß weder die Demut des Einfachen, noch die vornehme Skepsis des Kultivierten; er dachte zu viel über sich, und das ist klein; er konnte die Kunst nie vergessen und posierte den Künstler, wie ihn sich das gemeine Volk denkt ...
Das ist alles so richtig, dass man sich nur wohl kümmern müsste, über die Anmerkung der Vorzüge oder Defekte zum Ganzen dieses Menschen zu kommen, zum Sinne dieses Lebens.
Es hat diese Zeit die Kraft zu positiven Werten verloren; sie bestimmt aus negativen, nein, bestimmt nicht, sondern redet vom Negativen und überlässt es dem Positiven, sich von selber daraus zu ergeben. Alle unsere moralischen Werte sind negativer Art und alle unsere ästhetischen, seitdem sich die positiven als Willkürlichkeiten erwiesen haben, seitdem die Feigheit geläufiger wurde als die Tapferkeit, die stumpfe Hässlichkeit vertrauter als die strahlende Schönheit und das kleine Laster bekannter als die große Tugend. Diese Zeit spricht vom Bösen, ohne im Guten, vom Hässlichen, ohne im Schönen einen Standpunkt zu haben. Den ehemals positiven Wertbildner, das Christentum, hat man aufgegeben, sein schlechtestes Produkt, die christliche Moral, hat man beibehalten, weil sich darunter am besten die Falschheiten der Konvention betreiben lassen. Das Umstehen der positiven Werte macht misstrauisch gegen die negativen. Vielleicht sind beide Arten überhaupt nur ein Mittel der Verständigung für jene, die in ihres engen Lebens Notdurft schnell sich entschließen müssen. Aber das Eine Leben, über das sie sich so ökonomisch verständigen, vermag das nicht: dieses lebt seinen Sinn zu Ende nach Kraft und Willen und hat den amor fati, von dem Nietzsche spricht.
Wohin in der Welt sollten wir das tun, was wir an Wilde tadeln? Wohin anders legen als wieder in ihn, der doch mit all dem lebte? Ich meine, wer da nur Bücher sieht, die ihm missfallen, weil er an andere Bücher denkt, oder wer nur Lebensgewohnheiten sieht, die ihn empören, weil er die seinen anders haben möchte, der hat keine Ehrfurcht vor dem Menschen, der das Schwierigste wagte: sein Leben auf sich selber zu stellen und das Gesetz des Lebens aus seinem eigenen Leben zu bestimmen.
L'étrange rage, cette manie moderne de donner une façon commune à tous les esprits et de briser l'individu! Wer dies nicht sieht, dass Wilde ein Leben eingesetzt hat, um dieser Frage nach dem Leben willen, wer dieses Ganze nicht sieht, dass hier ein Leben für nichts anders sonst lebte als ein früher und von den andern theoretisch nur Gefasstes wirklich zu leben, mit seinem Gehirne und Blute zu leben, wer diesen heroischen Egoismus nicht sieht und sagt, er halte sich an das Geschehene der Bücher, der wird darüber viel Richtiges sagen, aber eine innere Armut verraten. Denn er begreift das Opfer eines Lebens für einen Gedanken nicht, sei dieser wie immer.
Dass Wilde wieder und wieder den Künstler als die stärkste Äußerung der Humanität feiert, so weit, dass er sich Christus zum Künstler umschafft, um sich ihn näher zu bringen - das sollte nicht verführen, ihn in diesem seinen kleinsten Spiegel zu sehen, ja es sollte nahe legen, dass er alles andere eher sein konnte oder sein wollte als der Künstler, von dem er spricht, wie von etwas außer ihm.
Ja, er wollte ein früher und von andern theoretisch nur Gefasstes wirklich leben.
Er nahm das Prinzip des art pour art so leidenschaftlich auf, dass das Gegenteil dieser Wahrheit zum Vorschein kommen musste. Denn in jeder Wahrheit liegt ihr Gegenteil beschlossen. Wilde machte mit dem Programm des englischen Ästheticismus ernst und brachte ihn damit zu einem vorläufigen Ende. Er ließ die delikaten Sätze des pessimistischen Freudensuchers Pater nicht in der intellektuellen Sphäre der Bücher, er wollte sie auf das Leben probieren, von dem sie ja reden, und gab sein eigenes Leben als Einsatz auf die Probe. Sei auch schon das Todesurteil über uns gesprochen, und bleibe uns auch nichts sonst als die Freude am schönen Augenblick, so müssen wir nichts anderes also tun, als dem Leben den Ablauf in solchen schönen Augenblicken geben, die währende Kontinuität solcher Augenblicke. Burn with a hard, gernlike flame: die Flamme soll kühl brennen, nicht rauchen und sich nicht verzehren, das wollte Wilde nicht bloß geschrieben sehen und nicht bloß gedacht wissen, er wollte es leben. Und alles, was er tat, tat er für diesen Gedanken. Den finde man, wie man will: worauf es allein ankommt, ist dieses, dass Wilde die Antinomie von Denken und Tun aufzuheben suchte, nicht mit dem Witz der Logik, sondern mit der Wirklichkeit des Lebens. Der Erfolg ist gleichgültig; die Richtigkeit der Lösung ist gleichgültig; der Mut und die Anstrengung sind alles. Vielleicht ist diese Antinomie überhaupt nur, dass Starke an ihrer Überwindung die eigene Kraft messen; dass sie auf das Letzte ihres Wesens kommen, daran rühren; dass sie erkennen, dass das erste Wort der Dinge und das letzte Wort ein und dasselbe ist. Aber die Lösung ist absolut nur für sich selber, und die Frage nach ihrem objektiven Wert stellen nur die Ahnungslosen und Ungläubigen.
Aber es möchten vielleicht auch welche sein, die es bezweifeln, dass Wilde diese für ihn absolute Lösung gefunden habe, die sagen, er hätte sich am Ende in ein ihm Fremdes begeben, da er, der Grieche und Ästhet, Katholik geworden sei.
Die vulgäre Meinung denkt sich den antiken Menschen als einen rosenbekränzten, gesetzlos ausschweifenden und schamlos optimistischen Tänzer und stellt dazu den Gegensatz von der christlichen Askese. Das Christentum ist aber gar nicht asketisch, und der antike Mensch war seiner Würde und seiner Vernünftigkeit so sehr bewusst, dass er darüber hysterisch exzedierte, wie das Hermann Bahr sehr fein gezeigt hat. Die Gegenüberstellung ist aber auch anders noch falsch, da sie Christentum und Antike als etwas gleichzeitig und nebeneinander Bestehendes annimmt, wo doch das eine aus dem andern wurde, so dass man sagen muss: der Katholizismus ist das einzige, was von der Antike heute noch lebendig ist. Chesterton meinte das nur als Witz zu sagen - er sagte die Wahrheit nur in der knappsten Form. Die Verzweiflung an ihrem spröden Rationalismus machte die Antike christlich, als sie sich zu ihren reinen Verstandestugenden die mystischen Paradoxe: Glaube, Liebe und Hoffnung, erfand. Die Ohnmacht der Vernunft gegenüber dem Leben - das ist die resignierte Erkenntnis der Antike, die sie ins Christentum wendet. Die größtmögliche Lust meinte der antike Mensch in der Expansion seines Ich zu finden, in das er die Welt drückte - um am Ende seiner Kultur die Entdeckung zu machen, dass das noch größere Glück in der Vernichtung des Ich zu finden ist: und so gebar die Antike die vierte christliche Tugend: die Demut. Sie gibt den wahren Genus der Dinge: die Erschaffung der Welt aus der Zerstörung des Ich. Aber das ist nicht von irgendwo außen in die Antike hineingetragen worden, es ist vielmehr ihre Regeneration aus sich selber, ihr Weiterleben bis auf unsere Zeit.
Und so müssen die Wiederkehren der Antike in der neueren Zeit immer im katholischen Christentum enden. Man möge sich an die ästhetische Bewegung in Deutschland erinnern, die man die Romantik nennt: eine an der Vernunft ermüdete Zeit feierte ihre Erneuerung in der Antike und kam zum Katholizismus, der noch lebenden Antike; Friedrich Schlegel, um nur den tiefsten dieser Neogriechen zu nennen, musste katholisch werden, und die es nicht wurden, die waren wie Tieck auch nie Griechen, sondern immer nur Protestanten gewesen, oder waren wie Goethe im Rationalismus des früheren Jahrhunderts schon fertig. Swinburne, der am Anfang der letzten ästhetischen Renaissance in England steht, gibt einen noch heftig gegen das Christentum eifernden antiken Hedonismus an Pater, der ihn an Plato prüft und sublimiert. Edward C. Lefroy, der in der einen Hand den Thomas von Kempis, in der anderen den Sophokles hält, schreibt sein Programmbuch >Muscular Christianity<, dessen Synthese ein grober Irrtum, das aber doch ein Zeichen auf dem Wege ist, den Wilde bis ans Ende geht, um nur ihn zu nennen, da die anderen der Ästheten, die mit ihm an dieses gerade Ziel kamen, hier nur Namen wären, Beardsley ausgenommen. Die Romantik der Dänen endet der Sokratiker Kierkegaard als Katholik. Den lateinischen Rassen sind diese Revisionen ihrer Kultur fremd, da sie sich ihres ununterbrochenen Besitzes erfreuen, einer Kontinuität, so stark, dass in Italien zu keiner Zeit dieser scheinbare Gegensatz von Christentum und Antike Problem wurde, wie alle wissen, die unter Christentum Riten und Dogmen verstehen und nicht die Geschäftsfirma politischer Unternehmer und Spekulanten. Dem französischen, in seinem Rationalismus sehr römischen Geist scheint der mystisch stärkere Orient erst den Rausch geben zu können, der ihn seine Vernünftigkeit vergessen lässt, auf dass er sich erneuere - Chateaubriand schloss eine solche Renaissance, die eine antike ist, katholisch, wie sie Paul Claudel, das Genie des heutigen Frankreich, katholisch schließt. Denn: wer die Antike feiert und sich treu bleibt, muss als Katholik enden. Dies liegt in jedem so beschlossen. Was auch immer für Motive im besonderen Fall noch wirkend sein mögen oder für wirkend gehalten werden - stärker ist keines als dieses: dass jeder ästhetischen Neubelebung der Antike das Christentum als die einzig noch lebende Antike immanent ist.
Nun soll man nicht den Schluss ziehen, dass eine späte Erkenntnis den auseinanderfliegenden Dauben der Persönlichkeit mit dem Katholizismus einen haltenden moralischen Reifen geben möchte. Nein, so bürgerlich einfach ist dieser Vorgang keineswegs. Es wird gar nichts aufgegeben, auf nichts verzichtet, nichts verleugnet und nichts eingetauscht. Es wird alles nur an das letzte sichtbare Ziel gebracht, das kein ethisches ist; denn, das erste und das letzte Wort der Dinge ist ein und dasselbe. Alle Lösungen finden nur im Ästhetischen statt, und das Ethische ist ihnen nur ein Mittel, dem die Illusion die Bedeutung eines Zweckes und Endes gibt. Mit welchem Auge wir unsere moralischen Äußerungen auch immer sehen, wir sehen sie, wir genießen sie; und es hätte das Schauspiel des Lebens ohne die ethische Illusion keine Intrige. Das Schauspiel des Lebens: das ist keine Metapher, die ein indifferenter Hochmut gebraucht, um anzudeuten, dass er mit einer kleinen Weisheit darüber oder außerhalb steht. Das Schauspiel des Lebens: damit ist das Wesentliche beschrieben. Wir haben uns das Wort gegeben - wann, das haben wir vergessen -, uns nur als Masken zu kennen; wir haben es als ein Gesetz unseres Spieles, des Lebens, aufgestellt, dass wir die Illusion der Verkleidung wahren und ernst nehmen; und wir spielen alle so überzeugt, weil wir nicht wissen, dass wir spielen und einander ein Schauspiel geben; und so vollendet ist dieses Schauspiel, so >natürlich< sind Szene, Stück und Akteure, dass wir hier immer die Illusion haben, es sei kein Spiel und ist doch nichts sonst als ein Spiel, in dem wir Stück, Dichter und Akteure und manchmal auch unser eigener Zuschauer sind. Das letzte merken andere hie und da und sagen: er spielt. Es bedeutet, dass er nicht mehr >natürlich< spielt, wie Wilde.
Alles will zur Form und ist nicht ohne sie; die Illusionen der Inhalte haben ihre Nützlichkeit, da sie die Form variieren; für sich sind sie nichts. Das Ethische ist nichts für sich und nur ein Mittel dem Ästhetischen. Die ästhetische Freude an der Tragödie auf dem Theater wird nur in der Illusion ein moralischer Schmerz vor der Tragödie des Lebens: der moralische Schmerz will den Ausdruck, und sei es auch der des Gebetes oder des Fluches - er gibt damit sein Ethos auf, dass er Form wird. Anders ist kein Sinn des Lebens, und auch der, der an diesem Sinn verzweifelt, erfüllt ihn. Wir sehen die Geste, und auch der Verzweifelte weiß nichts sonst als eine Geste.
Nicht um jene >ästhetische Lebensauffassung< handelt es sich hier, die sich auf das eine beschränkt, da sie das andere nicht ansehen will, nicht um den Amoralismus und nicht um den Ästhetizismus irgendwelcher künstlerischer Programme. Hier ist kein Gegensatz notiert zu irgendeinem andern, und um Kunstwerke ist gar nicht die Frage, denn sie sind hier nur ein kleiner Teil des Ganzen, und ihre Kritik wird von dem Satze profitieren können, den ich noch einmal so niederschreibe: die ethische Illusion ist nichts für sich und nur ein ästhetisches Mittel; moralische Fragen werden wegen der ästhetischen Antworten gestellt, nicht nur in den Künsten, sondern im Leben. Und wir müssen an den Ernst der Fragen glauben, weil anders die Antwort formlos wird, und müssen das ethische Mittel wie den Zweck halten, da wir sonst den wirklichen Zweck: die Form, nicht erreichen, hinfallen und sterben würden.
März 1906, Franz Blei