Eine florentinische Tragödie

Fragment

Der Ehemann tritt ein.

SIMONE: Mein gutes Weib, du zögerst? Wär's nicht besser, du eiltest mir entgegen? Nimm den Mantel! Doch erst den Ballen, der ist schwer - hab nichts verkauft, nur einen pelzbesetzten Rock dem Sohn des Kardinals, der will ihn tragen, wenn sein Vater stirbt, und hofft, 's ist bald soweit. Doch wer ist das? Ein Freund bei dir? Ein Vetter zweifellos, der aus der Fremde heimkam in ein Haus, in dem kein Hausherr war, ihn zu begrüßen. Vergebt mir, Vetter! Denn das Haus, worin der Herr fehlt, ist doch nur ein leeres Ding, ist arm an Ehr, der Becher ohne Wein, die Scheide ohne Dolch, sie grad zu halten, der blumenlose Garten, bar der Sonne. Drum bitt ich nochmals um Vergebung, Vetter.

BIANCA: Er ist kein Vetter, er ist kein Verwandter.

SIMONE: Verwandt nicht, und kein Vetter? Du erstaunst mich. So sag, wer ist's, der mit so artigem Anstand geruht, sich unsrer Gastlichkeit zu freun?

GUIDO: Mein Name ist Guido Bardi.

SIMONE: Wie? Der Sohn des großen Fürsten von Florenz, des Türme gleich düstren Schatten ich nächtens seh aus meinem Fenster vom ruhelosen Mond versilbert? Herr Guido Bardi, seid willkommen hier, willkommen zwiefach. Hoff, mein züchtig Weib, höchst züchtig, wenn auch keine Augenweide, hat nicht mit törichtem Geplapper Euch nach Weiberart ermüdet.

GUIDO: Eure gütige Gattin, der Schönheit Licht, vor dem die Sterne bleichen, Dianas Köcher leer und dunkel wird, hat mir so holde Artigkeit erwiesen, dass ich noch häufig kommen möcht in dies Euer schlichtes Haus, beliebt es ihr und Euch. Und treiben die Geschäfte Euch hinweg, so will ich ihr die Einsamkeit versüßen, damit sie Euretwegen sich nicht gräme. Nun, trefflicher Simone?

SIMONE: Edler Herr, so hohe Ehr erweist Ihr mir, dass gleich dem Sklaven mir die Zung gebunden, des Worts nicht mächtig ist. Doch nicht zu danken Euch wär allzu ungesittet. Aus tiefstem Herzen empfangt drum meinen Dank. Denn derlei ist's, was einen Staat verknüpft, wenn so ein Prinz, von feiner Lebensart und hochgeboren, des ungerechten Schicksals Unterschiede vergisst und ehrbarn Bürgers ehrbar Heim als ehrbar guter Freund besucht. Und doch, zu kühn, Herr, bin ich wohl. Ein andermal vielleicht kommt Ihr hierher als Freund, doch heut kamt Ihr doch wohl, bei mir etwas zu kaufen, nicht wahr? Der Seiden, Samte, was Ihr wollt, gewiss hab ich auch manche Köstlichkeiten, Euch Lust zu machen. Wohl wahr, die Stund ist spät, jedoch wir armen Kaufleut plagen uns bei Tag und Nacht um spärlichen Gewinn. Der Zoll ist hoch, und jede Stadt erhebt den ihren, und noch unerfahrene Gehilfen dazu, ja, selbst den Weibern fehlt 's Geschick, wiewohl Bianca einen reichen Kunden herzog. Nicht wahr, Bianca? Doch Zeit vergeude ich. Wo ist mein Ballen? Geh und öffne ihn, mein gutes Weib. Und lös die Schnüre. Knie hin. Es geht so besser. Nein, nicht jenen, den da! Beeil dich, spute dich! Denn oft verliert der Käufer die Geduld, wir dürfen ihn nicht warten lassen. Ja! Schon recht, das ist's, und reich es mir behutsam. 's ist sehr kostbar. Behutsam, sag ich. Und nun, mein edler Herr - verzeiht, aus Lucca hier den Damast seht, dies fein Gewirk aus Silber mit den Rosen, so kunstvoll ist's gewebt, dass nur der Duft fehlt, die Sinne ganz zu täuschen. Fühlt ihn an, Herr, ist weicher doch als Wasser und wie Stahl so fest. Und erst die Rosen! Sind sie nicht schön gewirkt? Der Rosen Paradies von Bellosguardo, Fiesole treibt nicht solche Blüten aus dem Schoß des Lenzes, und wenn doch, so welken sie und sterben, wie es von jeher allem Köstlichen beschieden, das tanzt in Wind und Wasser. Die Natur bekriegt die eigene Holdseligkeit, und tötet wie Medea ihre eignen Kinder. Doch Herr, blickt näher hin! In diesem Damast weilt ewiger Sommer; keines Winters Zahn vernichtet diese Blüten. Für jede Elle ein Goldstück zahlt ich. Rotes Gold, und gutes, des achtsamen Gewinnes Frucht.

GUIDO: Simone, genug, ich bitt Euch. Ich bin wohlgeneigt und werd Euch morgen meinen Diener senden und zwiefach Euern Preis.

SIMONE: Großmütiger Prinz, die Hände küss ich Euch. - just fällt mir ein, dass noch ein Schatz in meinem Haus verborgen, den müsst Ihr sehn. Ein Prunkgewand, gewoben von einem Venetianer; gerissner Samt der Stoff, Granatäpfel das Muster, Perlen als Samen eingefügt; aus lauter Perlen der Kragen, dicht wie sommernachts die Motten und weißer als die Monde, die der Irre am Morgen durch Gefängnisstäbe sieht. In seiner Spange glühet ein Rubin, desgleichen nicht der Heilige Vater hat, im ganzen Indien fand man solchen nicht. Die Spange selbst bezeugt die feinste Kunst, Cellini schuf nichts Schöneres zur Lust des hohen Herrn Lorenzo. Das müsst Ihr tragen. In unsrer Stadt ist keiner dessen würdiger, und gut wird es Euch stehn. Zur Linken, gehörnt und schlank, ein goldner Satyr springt, zu fangen eine Silbernymphe. Zur Rechten Verschwiegenheit, in ihrer Hand - an Maß der kleinsten Ähre gleich - liegt ein Kristall, der bebt bei eines Vogels sacht Vorüberstreichen. So wunderbar ist der, man möchte sagen, er atmet oder hält den Atem an. Sag an, Bianca, würde nicht dies edle, so kostbare Gewand dem jungen Herrn gut stehn? So bitt ihn doch, er wird dir nichts verweigern, wiewohl der Preis dem Lösegeld für einen Prinzen gleichkommt. Dein Gewinn soll nicht geringer sein als meiner.

BIANCA: Bin ich Euer Mund, dass ich feilschen soll für Euch?

GUIDO: Bianca, schöne Bianca, nein, ich kauf es, auch alles sonst, was dieser Biedermann besitzt. Denn Loskauf ist der Prinzen Los, und glücklich alle hohen Herrn, die fallen in schönen Feindes schöne weiße Hände.

SIMONE: Zurechtgewiesen wurd ich. Wie, die ganze Ware, kauft Ihr mir ab? Mit fünfzigtausend Kronen bin ich kaum selbst bezahlt. Doch Ihr, Herr, könnt sie für vierzigtausend haben. Ist der Preis zu hoch? So nennt den Euren. Mich gelüstet's sehr, in diesem Wunderwerk grad Euch zu sehn im Kreis der edlen Damen Eures Hofes, als Blume in dem Blumenflor. Es heißt, Herr, die Damen sind von Euer Gnaden so entzückt, dass wie die Fliegen sie Euch stets umdrängen, erstrebend Eure Gunst. Desgleichen hört ich von Ehemännern, die wacker Hörner tragen die Mode scheint mir wunderlich.

GUIDO: Simone die lose Zunge zäumt, und überdies vergesst Ihr diese holde Dame hier, denn nicht für zarte Ohren ist bestimmt solch grober Ton.

SIMONE: Fürwahr, ich hatt's vergessen und werd's beherzigen. Doch, artiger Herr, das Prunkgewand! Ihr kauft es - oder nicht? Nur vierzigtausend Kronen! 's ist ein Nichts für einen, der Giovanni Bardis Erbe.

GUIDO: Macht's morgen ab mit meinem Haushofmeister Antonio Costa. Ich send ihn her, und Ihr sollt hunderttausend Kronen haben, ist Euch damit gedient.

SIMONE: Einhunderttausend Kronen! Ihr sagtet, hunderttausend? Oh! Gewiss, das macht für alle Zeit in all und jedem zu Euerm Schuldner mich. Hinfort ist Euer nun mein Haus und einzig Euer, was dieses Haus enthält. Einhunderttausend! Mir schwindelt. Reicher werd ich sein, viel reicher als all die andern Kaufleut, Ländereien, auch Weinberg', Gärten werd ich kaufen. Mir gehört dann jeder Webstuhl zwischen Mailand und Sizilien, mir alle Perlen, die in stillen Grotten Arabiens verborgen ruhn im Wasser. Der Abend heut soll meine Liebe kundtun - so groß ist sie, dass nichts ich könnt verweigern, was irgend Ihr verlangt.

GUIDO: Doch wenn nun Bianca ich von Euch verlangte?

SIMONE: Herr, Ihr scherzt, nicht wert ist sie so hochgebornen Prinzen. Ist nur geschaffen, hauszuhalten und zu spinnen - nicht wahr, mein Weib? Ist anders nicht. Schau her! Dein Rocken wartet deiner, geh ans Spinnrad. Im Hause soll das Weib nicht müßig sein, denn müßige Finger machen Herzen lose. So geh schon, sag ich.

BIANCA: Und was soll ich spinnen?

SIMONE: Ach, spinn ein Kleid, das Sorge tragen mag, gefärbt mit Purpur, sie zu trösten; ein Tuch mit Fransen, darin ein unwillkommen Neugebornes mag greinen unbemerkt -, ein schmuckes Leintuch, getränkt mit Duft von süßen Kräutern, den Toten zu umhüllen. Spinn, was du willst, gleichviel ist's mir.

BIANCA: Der schwache Faden ist zerrissen, das Rad ist müde seines ewigen Laufs, der Rocken überdrüssig seiner Last, ich mag heut nacht nicht spinnen.

SIMONE: Nun, einerlei. So wirst du's morgen tun, und jeder Tag wird finden dich am Rocken. So fand einst Tarquinius Lukretia. Und, 's kann sein, Lukretia erwartete Tarquinius. Wer weiß? Es heißt, absonderlich sind Eheweiber. Und nun, Herr, was gibt's Neues? Ich hört in Pisa, grad heut, dass Handelsleut aus England Wollzeug verkaufen um geringren Preis, als just erlaubt ist nach Gesetz, und die Signoria ersuchten, sie zu hören. Ist das recht? Und sollt ein Händler sein des andern Wolf? Und dürft der Fremde hier in unserm Land erzwungnes Privileg und List benutzen, uns den Gewinn zu rauben?

GUIDO: Und was hätt ich mit Händlern und Gewinn zu schaffen? Soll ich denn euretwegen mit der Signoria streiten? In jenem Kleid, in dem ihr kauft von Narren, um größren Narren zu verkaufen? Simone, mein Guter, Wolle, das ist Euer Jagdgebiet. Nach anderm Wild steht mir der Sinn.

BIANCA: 0 Herr, verzeiht, ich bitt Euch, meinem braven Gatten, des Leib und Seele auf dem Marktplatz wohnt, des Herz nur schlägt für Woll und ihren Preis. Auf seine niedre Art ist er doch achtbar.

Zu SIMON

Und Ihr, Ihr schämt Euch nicht? Ein gütiger Prinz beehrt das Haus, und Ihr belästigt ihn auf dreiste Art? Gleich bittet um Vergebung.

SIMONE: In Demut bitt ich drum. Wir wolln heut Abend von anderm sprechen. Ich hört, der Heilige Vater an Frankreichs König sandt ein Schreiben, darin die Alpen er ihn überqueren hieß, den Schild von Schnee, für Friede in Italien, ein ärger Ding als Bruderkrieg, ein Ding, noch blutiger als Bürgerraub und -fehde.

GUIDO: Oh, wir sind Frankreichs König überdrüssig, der niemals kommt und stets vom Kommen schwätzt. Was geht's mich an? Für mich gibt's andre Dinge, die meinem Herzen sehr viel näher liegen.

BIANCA zu Simone: Mir scheint, Ihr langweilt unsern edlen Gast. Was geht uns Frankreichs König an? Soviel wie Eure britischen Händler und die Wolle.

SIMONE: Ist's so? Ist diese ganze mächtige Welt gezwängt in dieses Raumes Grenzen, worin der Seelen drei die spärlichen Bewohner? Wohl gibt es Zeiten, da das Universum wie Tuch in ungeschickten Färbers Küpe zur Handbreit schrumpft, und solche Zeit, mag sein, ist nun gekommen! Wohlan! Es sei die Zeit. Es mag mein Raum der mächtigen Bühne gleichen, wo Könige sterben, und hier um unsrer Leben geringen Einsatz mag Gott spielen. - Weiß nicht, warum ich's sagte. Mein Ritt hat mich ermüdet. Und dreimal strauchelte mein Pferd. Ein Omen, das keinem Gutes kündet. Ach, hoher Herr, welch schlechter Handel ist das Menschenleben, und ach, wie schäbig werden wir verkauft! Der Mütter Tränen netzen die Gebornen, doch keiner weint um unsern Tod. Nein, keiner.

Geht in den Hintergrund.

BIANCA: Wie niedrig, einem Höker gleich, er spricht! Ich hasse ihn mit Leib und Seele. Es hat die Feigheit ihm ihr Siegel aufgedrückt. Wie Espenlaub in Frühlingsstürmen zittern die bleichen Hände ihm; ein blödes Nichts von leeren Worten entlässt sein Stammelmund wie Wasser aus dem Rohr.

GUIDO: O holde Bianca, nicht wert ist er ein Wort von Euch, von mir, ein biedrer Schalk nur ist der Mann und voll von schönen Phrasen für des Lebens Ware, verkauft höchst teuer, was er wohlfeil kaufte, ein windiger Maulheld in der Welt der Worte. Einen geschwätzigeren Narren traf ich nie.

BIANCA: O packte ihn der Tod, dort, wo er steht!

SIMONE dreht sich um: Wer sprach von Tod? Dass niemand red von Tod! Was suchte Tod in solchem heitren Hause, da nur ein Weib, ein Gatte und ein Freund ihm Gruß entbieten können? In Häuser geh er, wo schnöder Ehbruch nistet, wo züchtige Weiber, der edlen Gatten überdrüssig, den Vorhang des Ehebetts beiseite ziehn, auf Laken, geschändet und entweiht, hinfort zu frönen der ungesetzlichen Begierde. Seltsam, ja, seltsam ist's, und dennoch. Ihr kennt nicht die Welt. Ihr seid ja ledig und zu ehrenwert. Und ich, ich kenn sie gut. Und wünscht es nicht, doch Weisheit kommt mit Jahren. Mein Haar wird grau, den Leib verließ die Jugend. Lassen wir's; der Abend ist reif zur Freude, fröhlich möcht ich sein, wie es dem Hausherrn ziemt, der unerwartet einen edlen Gast daheim antrifft. Nimmt eine Laute auf. Doch was ist dies, o Herr? Die Laute brachtet Ihr, uns vorzuspielen. O spielt sie, lieber Prinz. Und bin ich dreist, verzeiht, doch spielt.

GUIDO: Heut Abend will ich nicht. Ein andermal, Simone. Zu Bianca. Wenn Ihr und ich beisammen, niemand lauschet als die Sterne und eifersüchtig wohl der Mond.

SIMONE: O Herr, ich bitt Euch dringend. Sagt man doch, es könne einfach durch Berühren einer Saite, durch zarten Hauch in ausgehöhltes Rohr, ins kalte Mundstück kunstvoller Metalle der solchermaßen in der Kunst Erfahrne aus Kerkern Seelen locken. Ferner heißt es, es wohne solchen Hülln ein Zauber inne, dass Unschuld sich das Haar mit Weinlaub kränzt' und buhlt' mänadengleich. Uns kümmert's nicht. Ich weiß, dass Eure Laute züchtig. Drum spielt, entzückt die Ohren mir mit holdem Klang, wohnt meine Seele doch im Kerker und braucht Musik, den Wahn zu heilen. Bianca, Liebste, bitt du den Gast, zu spielen.

BIANCA: Seid unbesorgt, es wird der Gast den Ort, die Stunde wählen - es ist die Stunde nicht. Ihr fallt ihm lästig, wenn Ihr so plump darauf besteht.

GUIDO: Simone, ein andermal. Heut Abend möcht ich lauschen der Stimme Biancas leiser Melodie, die allzu liebesdurstig Luft verzaubernd und selbst die Erde, dass sie stillsteht oder um ihre Schönheit kreist.

SIMONE: Ihr schmeichelt ihr, besitzt sie wie die meisten Fraun auch Tugenden, ist Schönheit doch ein Schmuck, der sie nicht ziert. Vielleicht ist's besser so. - Wohlan, mein Herr, wollt Ihr nicht Töne Eurer Laut entlocken, die trüb verstörte Seele zu erfreuen, so werdet Ihr doch mit mir trinken? Sieht den Tisch. 's ist ja für Euch gedeckt. Bianca, einen Stuhl. Und schließ die Läden, leg den Riegel vor. Es soll die Weit mit ihren Späheraugen nicht stiern auf unsre Freude. Nun, mein Herr, mit einem vollen Glas trinkt uns Bescheid. Fährt zurück. Was soll der Fleck dort auf dem Tuch? Sieht aus so purpurn wie das Mal an Christi Seite. Nur Wein? Doch hört ich sagen, dass, wo Wein vergossen, auch Blut vergossen werde gleichermaßen - ein dummes Märchen. Ich hoffe, edler Herr, es sagt mein Wein Euch zu? Der aus Neapel ist feurig wie ihr Berg, Toscanas Trauben ergeben mildren Saft.

GUIDO: Er mundet mir, vortrefflicher Simone, und wenn's erlaubt, auf Bianca will ich trinken, ihre Lippen gleich roten Rosenblättern solln das Glas berühren, versüßend Euern Wein. Trinkt mir zu, Bianca. Bianca trinkt. Oh, aller Hyblabienen Honig wäre bitter, verglichen diesem Trank! Was ist, mein Bester, Ihr haltet ja nicht mit?

SIMONE: 's ist seltsam, hoher Herr, ich kann mit Euch nicht essen oder trinken. Ein Fieber, eine Laun in meinem Blut, das sonst stets ruhig ist, vielleicht ein Einfall, der Natter gleich in seinem Schleichen, Gleiten, dem Irren, der von Zell zu Zelle kriecht, vergiftet mir den Gaumen, macht den Appetit zum Ekel statt Gelüst. Geht beiseite.

GUIDO: Holde Bianca, der Krämer langweilt mich mit seinen Worten. Drum muss ich gehn. Ich werde morgen kommen. Die Stunde nennt.

BIANCA: IM ersten Morgengrauen! Mein Leben ist mir leer, bis ich Euch wiederseh.

GUIDO: Ach, löst des Haares tiefe Mitternacht, bewahrt in diesen Sternen, Euren Augen, mein Bild wie Spiegel treu. O liebste Bianca, sei's ein Schatten nur, bewahrt's von mir und blickt auf nichts, was ohne Zeichen meines Bildes. Mit Eifersucht denk ich an alles, was sich Eures Blicks erfreut.

BIANCA: O zweifelt nicht, Euer Bild wird immer bei mir sein. Geliebter, die Liebe kann noch das Geringste wandeln in süßester Erinnerung Zeichen. Kommt, eh noch der Lerche gellend Tirilieren erweckte eine Welt von Träumern. Ich werd auf dem Söller stehn.

GUIDO: Und kommt auf einer Leiter, gedreht aus Scharlachseide, die benäht mit Perlen, zu mir. Die weißen Füße auf den Sprossen wie Schnee auf einem Rosenstock.

BIANCA: Ihr wollt's. Ihr wisst es, Euch gehör ich an in Lieb und Tod.

GUIDO: Simone, hört, ich muss nun heim.

SIMONE: So bald? Warum? Des großen Domes Glocke hat Mitternacht noch nicht geläutet; die Wächter, die sonst mit ihrem Horn den Mond verhöhnen, sie schlummern in den Türmen. Beibt ein wenig. Ich fürcht, wir werden Euch hier nie mehr sehn, und diese Furcht betrübt mein schlichtes Herz.

GUIDO: Seid unbesorgt, Simone. Sehr beständig werd ich in meiner Freundschaft sein. Doch heut, für diesen Abend, will ich heim, und gleich. Bis morgen, holde Bianca.

SIMONE: Gut, so sei's. Wiewohl ich mehr Gespräch mit Euch gewünscht, mein neuer Freund, mein ehrenwerter Gast, doch das kann wohl nicht sein. Und überdies wird Euer Vater Euch gewiss erwarten., auf Schritt und Stimme lauschen. Irr ich nicht, seid Ihr sein einzig Kind? Kein andres ward ihm. Ihr seid die schmucke Säule seines Hauses, die Blume eines Gartens voller Unkraut. Die Neffen lieben Euern Vater nicht - so redet in Florenz des Volkes Zunge. Will sagen: Es heißt, sie neiden Euch das Erbe, schaun scheelen Augs auf Euern Weinberg, wie Ahab auf Naboths guten Weinberg Blicke warf Doch bloß Geschwätz ist das in einer Stadt, wo Weiber zuviel schwätzen. Gut Nacht, mein Herr. Die Fackel, Bianca. Voll Gruben ist und Fallen die alte Treppe, und wie ein alter Geizhals, so knausert heut der Mond mit seinen Strahlen, verschleiert ist sein Antlitz wie bei Huren, die ausgehn, eine jämmerliche Seele in Sünde zu verführn. Nun wohl, ich hole den Mantel Euch, den Degen. O ja, verzeiht, Herr, geziemt sich's doch, dass ich zu Diensten Euch, der Ihr mein ärmlich Haus so hoch geehrt, getrunken meinen Wein, mein Brot gebrochen und so vertraulich Euch gemacht. Mein Weib und ich, wir werden dieses schönen Abends und seiner Folgen oft gedenken. - Welch ein Degen! Ferraras Härte, biegsam wie die Schlange und tödlicher gewiss. Mit solchem Stahl da geht man furchtlos durch den Kot des Lebens, noch nie berührt ich eine solche Klinge - der Degen, den ich hab, ist fast verrostet. Bescheidenheit lehrt man uns Friedliche, man lehrt uns, schwere Last zu tragen und nicht zu murrn der ungerechten Welt, zu dulden auch viel unverdienten Schimpf. Und so belehrt, gleich dem geduldigen Juden, erwächst uns Nutzen aus der Pein. - Jedoch - es trug sich auf der Straße zu nach Padua, da wollt ein Räuber mir mein Saumtier stehlen, und ich - schnitt ihm die Kehle durch. Ich kann ertragen Schimpf und Schande, Kränkung auch, Verachtung, Hohn und Spott, doch wer mir stiehlt, was mir gehört, und sei's ein irdner Teller, ein minderwertig Ding, wovon ich speise - nun, der gefährdet Leib und Seel beim Diebstahl und stirbt für seine kleine Sünde. - Seltsam ist der Ton, der Menschen formt.

GUIDO: Was ficht Euch an?

SIMONE: Ich frage mich, Herr Guido, ob mein Degen wurd besser ausgeglüht als Eure Klinge? Erproben wir's? - Doch bin von Stand ich Euch vielleicht zu niedrig für solch Duell mit Degen, sei es im Scherze oder Ernst?

GUIDO: Im Scherze oder im Ernst würd nichts mir lieber sein. Drum gebt mir meinen Degen. Holt den Euren. Heut nacht soll es sich zeigen, wessen Stahl, des Prinzen oder Kaufmann, besser wurd gehärtet. So war gemeint doch, was Ihr sagtet? Drum holt nun Euern Degen. Was zögert Ihr?

SIMONE: Mein Herr, von allen gnädigen Artigkeiten, mit welchen Ihr mein ärmlich Haus so reich bedacht, ist dies die höchste. Den Degen, Bianca! Schieb Stuhl und Tisch beseit. Ein freies Rund tut not für unsern Waffengang, und Bianca, die Gute, soll die Fackel halten, dass, was nur ein Scherz, nicht werde tiefer Ernst.

BIANCA zu Guido: Oh, tötet, tötet ihn!

SIMONE: Die Fackel, Bianca!

Sie beginnen zu fechten.

SIMONE: Gebt acht! Ah! Ha! Ihr möchtet wohl? Er wird von Guido verwundet. Ein Kratzer, weiter nichts. Das Licht fiel mir ins Auge. Nicht traurig sein, Bianca. 's ist nicht arg. Dein Gatte blutet, 's ist nicht arg. Ein Tuch bind mir um meinen Arm. Nein, nicht so fest. Behutsamer, mein gutes Weib. Nicht traurig, ich bitt dich, sei nicht traurig. - Nein, nimm's ab. Was macht es, wenn ich blute? Reißt den Verband ab. Noch mal! Noch mal! Simone entwaffnet Guido. Mein edler Herr, Ihr seht, ich hatte recht. Mein Degen ist besser ausgeglüht und bessrer Stahl. Probieren wir die Dolche.

BIANCA zu Guido: O tötet ihn!

SIMONE: Bianca, lösch die Fackel. Bianca tut es. Und nun, mein Herr, nun bis zum Tod des einen oder beider, mag sein, auch aller drei. Sie kämpfen. Nehmt dies und dies. Ah, Teufel! Halt ich dich in meinem Griff?

Simone überwältigt Guido und wirft ihn nieder über den Tisch.

GUIDO: Du Narr! Nimm mir vom Hals die Würgefinger. Des Vaters einziger Sohn bin ich; der Staat hat einen Erben nur, und Frankreich, der Feind, er wartet drauf, dass meines Vaters Linie ausstirbt, um unsre Stadt zu überfallen.

SIMONE: Euer Vater wird glücklicher ganz ohne Kinder sein. Der Staat? Ich meine, unser Staat Florenz braucht keinen Ehebrecher an der Spitze. Befleckt von Euch wärn seine Lilien.

GUIDO: Die Hände, die verdammten Hände weg! Lasst los, sag ich!

SIMONE: Ihr seid ertappt bei solchem bübischen Frevel, dass nichts Euch helfen wird, und Euer Leben, gezwängt in einen Augenblick der Schande, mit dieser Schande endet und höchst schandbar.

GUIDO: O lasst vorm Tod mich einen Priester haben!

SIMONE: Wozu willst du 'nen Priester? Deine Sünden beicht Gott, den du heut nacht wirst sehn und dann nie mehr in Ewigkeit. Ja, deine Sünden beicht Ihm, der höchst gerecht, weil mitleidlos, und voller Mitleid, weil gerecht. Ich selbst ...

GUIDO: O hilf mir, holde Bianca! Hilf mir, Bianca, du weißt, ich hab nichts Unrechtes getan.

SIMONE: Ist Leben noch in diesem Lügenmund? Stirb wie ein Hund, des Zunge hängt. Ja, stirb! Der stumme Fluss nehm deinen Leichnam auf und spül ihn unbeachtet fort ins Meer.

GUIDO: O Christ, empfang heut meine arme Seele!

SIMONE: Drauf Amen. Und nun das andere.

Guido stirbt. Simone richtet sich auf und sieht Bianca an. Sie geht, wie von Staunen betäubt, mit ausgestreckten Armen auf ihn zu.

BIANCA: Warum erfuhr ich nie, dass du so stark?

SIMONIE: Warum erfuhr ich nie, dass du so schön?

Er küsst sie auf den Mund.