Die fromme Kurtisane
oder
Das von Juwelen funkelnde Weib


Die Bühne zeigt einen Winkel in einem Tal des hunderttorigen Theben. Rechts befindet sich eine Höhle. Vor der Höhle steht ein großes Kruzifix. Links Sanddünen. - Der Himmel ist blau wie die Innenwand einer Schale aus Lapislazuli. Die Hügel sind aus rotem Sand. Hier und da auf den Hügeln Dornbüsche.

ERSTER MANN: Wo ist sie? Sie macht mir bange. Sie hat einen purpurnen Mantel, und ihre Haare sind wie Fäden von Gold. Ich glaube, sie muss die Tochter des Kaisers sein. Ich hörte die Bootsleute sagen, der Kaiser habe eine Tochter, die einen purpurnen Mantel trägt.

ZWEITER MANN: Sie hat Vogelschwingen auf ihren Sandalen, und ihre Tunika ist von der Farbe grünen Korns. Es ist wie Korn im Frühjahr, wenn sie stillsteht. Es ist wie junges Korn, über das die Schatten von Raubvögeln unruhig huschen, wenn sie sich bewegt. Die Perlen an ihrer Tunika gleichen vielen Monden.

ERSTER MANN: Sie gleichen den Monden, die man im Wasser sieht, wenn der Wind von den Hügeln weht.

ZWEITER MANN: Ich glaube, sie ist eine Göttin. Ich glaube, sie kommt aus Nubien.

ERSTER MANN: Ich bin gewiss, dass sie die Tochter des Kaisers ist. Ihre Nägel sind mit Henna gefärbt. Sie sind wie die Blütenblätter einer Rose. Sie ist hergekommen, um Adonis zu beweinen.

ZWEITER MANN: Sie ist eine Gottheit. Ich weiß nicht, warum sie ihren Tempel verlassen hat. Die Götter sollten ihre Tempel nicht verlassen. Wenn sie zu uns spricht, wollen wir nicht antworten, und sie wird vorbeigehen.

ERSTER MANN: Sie wird nicht zu uns sprechen. Sie ist die Tochter des Kaisers.

MYRRHINA: Lebt er nicht hier, der schöne junge Eremit, der keines Weibes Antlitz schauen will?

ERSTER MANN: Wahrlich, hier ist es, wo der Eremit lebt.

MYRRHINA: Warum nur will er keines Weibes Antlitz schauen?

ZWEITER MANN: Wir wissen es nicht.

MYRRHINA: Warum schaut ihr selbst mich nicht an?

ERSTER MANN: Ihr funkelt über und über von Edelsteinen und blendet unsere Augen.

ZWEITER MANN: Wer die Sonne ansieht, wird blind. Ihr seid zu funkelnd hell, Euch anzusehen. Es ist nicht weise, Dinge anzusehen, die sehr heil sind. Viele Priester in den Tempeln sind blind und haben Sklaven, sie zu führen.

MYRRHINA: WO lebt er, der schöne junge Eremit, der keines Weibes Antlitz schauen will? Hat er ein Haus von Schilfrohr oder ein Haus von gebranntem Lehm, oder ruht er am Hügelhang? Oder macht er sein Lager in den Binsen?

ERSTER MANN: Er lebt in jener Höhle.

MYRRHINA: Welch sonderbare Stätte, darin zu leben.

ERSTER MANN: Einstmals hauste dort ein Zentaur. Als der Eremit kam, stieß der Zentaur einen gellenden Schrei aus, weinte und wehklagte und galoppierte davon.

ZWEITER MANN: Nein. Es war ein weißes Einhorn, das in der Höhle hauste. Als es den Eremiten kommen sah, kniete das Einhorn nieder und betete ihn an. Viele Leute sahen es ihn anbeten.

ERSTER MANN: Ich habe mit Leuten gesprochen, die es sahen.

ZWEITER MANN: Manche sagen, er sei ein Holzhauer gewesen und habe für Lohn gearbeitet. Aber das braucht nicht wahr zu sein.

MYRRHINA: Welche Götter betet ihr an? Oder betet ihr überhaupt Götter an? Es gibt solche, die haben keine Götter, die sie anbeten. Die Philosophen, die lange Bärte und braune Mäntel tragen, haben keine Götter, die sie anbeten. Sie zanken miteinander in den Säulenhallen. Die ( ) lachen sie aus.

ERSTER MANN: Wir beten sieben Götter an. Wir dürfen ihre Namen nicht nennen. Es ist sehr gefährlich, die Namen der Götter zu nennen. Keiner sollte je den Namen seines Gottes nennen. Nicht einmal die Priester, welche die Götter den ganzen Tag preisen und mit ihnen von ihrer Speise essen, rufen sie bei ihrem richtigen Namen.

MYRRHINA: WO sind diese Götter, die ihr anbetet?

ERSTER MANN: Wir verbergen sie in den Falten unserer Tunika. Wir zeigen sie niemandem. Wenn wir sie jemandem zeigten, könnten sie uns verlassen.

MYRRHINA: Wo habt ihr sie gefunden?

ERSTER MANN: Ein Einbalsamierer der Toten, der sie in einem Grab fand, schenkte sie uns. Wir dienten ihm sieben Jahre.

MYRRHINA: Die Toten sind schrecklich. Ich fürchte mich vor dem Tod.

ERSTER MANN: Der Tod ist kein Gott. Er ist nur der Diener der Götter.

MYRRHINA: Er ist der einzige Gott, vor dem ich mich fürchte. Habt ihr viele von den Göttern gesehen?

ERSTER MANN: Wir haben viele von ihnen gesehen. Man sieht sie vor allem bei Nacht. Sie gehen sehr geschwind an einem vorüber. Einmal sahen wir etliche Götter bei Tagesanbruch. Sie gingen über eine Ebene.

MYRRHINA: Einmal, als ich über den Marktplatz kam, hörte ich einen Sophisten aus Cilicien sagen, es gäbe nur einen einzigen Gott. Er sagte es vor vielem Volk.

ERSTER MANN: Das kann nicht wahr sein. Wir haben selbst viele gesehen, obgleich wir nur gewöhnliche Menschen und unbedeutend sind. Wenn ich sie sah, habe ich mich in einem Gebüsch versteckt. Sie taten mir nichts zuleide.

MYRRHINA: Erzählt mir mehr von dem schönen jungen Eremiten. Sprecht mir von dem schönen jungen Eremiten, der keines Weibes Antlitz schauen will. Wie verbringt er seine Tage? Welch ein Leben führt er?

ERSTER MANN: Wir verstehen Euch nicht.

MYRRHINA: Was tut er, der schöne junge Eremit? Sät oder erntet er? Bepflanzt er einen Garten oder fängt er Fische in einem Netz? Webt er Leinen auf einem Webstuhl? Legt er seine Hand an den hölzernen Pflug und geht hinter den Ochsen her?

ZWEITER MANN: Da er ein sehr heiliger Mann ist, tut er nichts. Wir sind gewöhnliche Menschen und unbedeutend. Wir placken uns den ganzen Tag in der Sonne. Manchmal ist der Boden sehr hart.

MYRRHINA: Speisen ihn die Vögel der Luft? Teilen die Schakale ihre Beute mit ihm?

ERSTER MANN: Jeden Abend bringen wir ihm etwas zu essen. Wir glauben nicht, dass ihn die Vögel der Luft speisen.

MYRRHINA: Warum speist ihr ihn? Welchen Nutzen habt ihr davon?

ZWEITER MANN: Er ist ein sehr heiliger Mann. Einer von den Göttern, den er beleidigte, hat ihn toll gemacht. Wir glauben, er hat den Mond beleidigt.

MYRRHINA: Geht hin und sagt ihm, eine, die aus Alexandria gekommen ist, wünscht mit ihm zu sprechen.

ERSTER MANN: Wir wagen nicht, es ihm zu sagen. In dieser Stunde betet er zu seinem Gott. Wir bitten Euch, uns zu verzeihen, dass wir nicht tun, wie Ihr uns heißt.

MYRRHINA: Fürchtet ihr euch vor ihm?

ERSTER MANN: Wir fürchten uns vor ihm.

MYRRHINA: Warum fürchtet ihr euch vor ihm?

ERSTER MANN: Wir wissen es nicht.

MYRRHINA: Wie ist sein Name?

ERSTER MANN: Die Stimme, die des Nachts in der Höhle zu ihm spricht, ruft ihn bei dem Namen Honorius. Bei dem Namen Honorius riefen ihn auch die drei Aussätzigen, die einmal vorbeikamen. Wir glauben, sein Name ist Honorius.

MYRRHINA: Warum riefen ihn die drei Aussätzigen an?

ERSTER MANN: Dass er sie heilen möge.

MYRRHINA: Hat er sie geheilt?

ZWEITER MANN: Nein. Sie hatten eine Sünde begangen, und darum waren sie aussätzig. Ihre Hände und Gesichter waren wie Salz. Einer von ihnen trug eine Maske aus Leinen. Er war eines Königs Sohn.

MYRRHINA: Was ist das für eine Stimme, welche des Nachts in der Höhle zu ihm spricht?

ERSTER MANN: Wir wissen nicht, wessen Stimme es ist. Wir glauben, es ist die Stimme seines Gottes. Denn wir haben nie jemand seine Höhle betreten noch daraus hervorkommen sehen.

MYRRHINA: Honorius.

HONORIUS von drinnen: Wer ruft Honorius?

YRRHINA: Komm heraus, Honorius.
Mein Gemach ist mit Zedernholz getäfelt und duftet nach Myrrhe. Die Säulen meines Bettes sind von Zedernholz und die Vorhänge purpurn. Mein Bett ist mit Purpur bestreut, und die Stufen sind aus Silber. Die Vorhänge sind mit silbernen Granatäpfeln bestickt, und die Stufen aus Silber sind mit Safran und Myrrhe bestreut. Meine Buhlen hängen Girlanden um die Säulen meines Hauses. Zur Nacht kommen sie mit den Flötenspielern und solchen, welche die Harfe spielen. Sie werben um mich mit Äpfeln, und auf das Pflaster meines Hofes schreiben sie meinen Namen mit Wein.
Von den äußersten Enden der Welt kommen meine Buhlen zu mir. Die Könige der Erde kommen zu mir und bringen mir Geschenke.
Als der Kaiser von Byzanz von mir hörte, verließ er sein Porphyrgemach und setzte Segel auf seine Galeeren. Seine Sklaven trugen keine Fackeln, damit niemand von seiner Ankunft erfahre. Als der König von Zypern von mir hörte, schickte er mir Botschafter. Die beiden Könige von Lybien, welche Brüder sind, brachten mir Geschenke aus Bernstein.
Ich nahm Cäsar seinen Liebling und machte ihn zu meinem Gespielen. Er kam des Nachts in einer Sänfte zu mir. Er war bleich wie eine Narzisse, und sein Leib war wie Honig.
Der Sohn des Statthalters tötete sich mir zu Ehren, und der Tetrarch von Cilicien geißelte sich zu meiner Lust vor meinen Sklaven.
Der König von Hierapolis, der ein Priester und ein Räuber ist, breitete mir Teppiche unter meine Schritte.
Zuweilen sitze ich im Zirkus, und unterhalb von mir kämpfen die Gladiatoren. Einmal wurde ein Thrazier, der mein Buhle war, im Netz gefangen. Ich gab das Zeichen für seinen Tod, und das ganze Theater applaudierte. Zuweilen gehe ich durch das Gymnasium und beobachte die jungen Männer beim Ringen oder beim Wettlauf Ihre Leiber glänzen von Öl, und ihre Stirnen sind mit Weidenzweigen und Myrte bekränzt. Sie stampfen mit den Füßen den Sand, wenn sie ringen, und wenn sie laufen, folgt ihnen der Sand gleich einer kleinen Wolke. Der, dem ich zulächle, verlässt seine Gefährten und folgt mir zu meinem Hause. Zu anderen Zeiten gehe ich hinunter zum Hafen und beobachte die Kaufleute beim Entladen ihrer Schiffe. Die aus Tyrus kommen, tragen Mäntel aus Seide und Smaragdohrringe. Die aus Massilia kommen, tragen Mäntel aus feiner Wolle und Ohrringe aus Messing. Wenn sie mich nahen sehen, stellen sie sich am Bug ihrer Schiffe auf und rufen mir zu, aber ich antworte ihnen nicht. Ich gehe in die kleinen Schenken, wo die Matrosen den ganzen Tag bei schwarzrotem Wein und Würfelspiel liegen, und ich setze mich zu ihnen.
Ich habe den Prinzen zu meinem Sklaven gemacht, und seinen Sklaven, der ein Tyrier war, machte ich für die Frist eines Mondes zu meinem Gatten.
Ich steckte ihm einen mit Bildern geschmückten Ring an den Finger und nahm ihn mit in mein Haus. Ich habe wundervolle Dinge in meinem Haus.
Der Staub der Wüste liegt auf deinem Haar, deine Füße sind zerkratzt von Dornen, und von der Sonne verbrannt ist dein Leib. Komm mit mir, Honorius, und ich will dich in eine Tunika von Seide kleiden. Ich werde deinen Leib mit Myrrhe salben und Nardenöl auf dein Haar gießen. Ich werde dich in Hyazinth kleiden und deinen Mund mit Honig laben. Die Liebe -

HONORIUS: Es gibt keine Liebe als die Liebe Gottes.

MYRRHINA: Wer ist Er, dessen Liebe größer ist als die der Sterblichen?

HONORIUS: Er ist der, welchen du am Kreuze siehst, Myrrhina. Er ist Gottes Sohn und wurde von einer Jungfrau geboren. Drei Weise, die Könige waren, brachten Ihm Opfergaben, und die Hirten, die auf den Hügeln lagen, erwachten von einem großen Licht.

Die Seherinnen wussten von Seinem Kommen. Die Haine und die Orakel sprachen von Ihm. David und die Propheten kündigten Ihn an. Es gibt keine Liebe wie die Liebe Gottes noch eine Liebe, welche mit ihr zu vergleichen ist.

Der Leib ist schlecht, Myrrhina. Gott wird dich wiederauferstehen lassen mit einem neuen Leib, der keine Verderbnis kennt, und du wirst in den Palästen des Herrn wohnen und Ihn sehen, dessen Haar feiner Wolle gleicht und dessen Füße von Messing sind.

MYRRHINA: Die Schönheit ...

HONORIUS: Die Schönheit der Seele nimmt zu, bis sie Gott zu schauen vermag. Deshalb, Myrrhina, bereue deine Sünden. Den Räuber, der neben ihm ans Kreuz geschlagen wurde, brachte Er ins Paradies. Geht ab.

MYRRHINA: Wie seltsam er zu mir sprach. Und mit welcher Verachtung er mich betrachtete. Ich möchte wissen, warum er so seltsam zu mir sprach.

HONORIUS: Myrrhina, die Schuppen sind mir von den Augen gefallen, und ich sehe nun klar, was ich zuvor nicht sah. Nimm mich mit nach Alexandria und lass mich die sieben Sünden kosten.

MYRRHINA: Spotte meiner nicht, Honorius, und sprich nicht zu mir mit so bittren Worten. Denn ich habe meine Sünden bereut, und ich suche eine Höhle in dieser Wüste, wo auch ich so leben kann, dass meine Seele würdig werden mag, Gott zu schauen.

HONORIUS: Die Sonne geht unter, Myrrhina. Komm mit mir nach Alexandria.

MYRRHINA: Ich will nicht nach Alexandria gehen.

HONORIUS: Lebe wohl, Myrrhina.

MYRRHINA: Honorius, lebe wohl. Nein, nein, geh nicht.

Ich habe meine Schönheit verflucht um dessentwillen, was sie tat, und das Wunder meines Leibes verflucht wegen des Übels, das er über dich brachte.

Herr, dieser Mann brachte mich zu Deinen Füßen. Er erzählte mir von Deiner Ankunft auf Erden und von dem Wunder Deiner Geburt und auch von dem großen Wunder Deines Todes. Durch ihn, o Herr, wurdest Du mir offenbart.

HONORIUS: Du sprichst wie ein Kind, Myrrhina, und ohne Erkenntnis. Löse deine Hände. Warum kamst du in dieses Tal in all deiner Schönheit?

MYRRHINA: Der Gott, den du anbetetest, führte mich hierher, auf dass ich meine Laster bereuen und Ihn als den Herrn erkennen möge.

HONORIUS: Warum hast du mich mit Worten versucht?

MYRRHINA: Damit du die Sünde in ihrer bunten Verkleidung sähest und den Tod in seinem Gewand der Schande erblicktest.