Über "der Geburtstag der Infantin"

1891 in der Sammlung „Das Granatapfelhaus“ erschienen

Oscar Wildes Kunstmärchen stehen in der englischen Literaturtradition des 19. Jahrhunderts ziemlich isoliert und ohne Vorläufer dar, da der Rationalismus der Aufklärung die Prosaliteratur noch lange Zeit bestimmte. Die Volksmärchen der Geb. Grimm, die 1823 in einer englischen Übersetzung erschienen, waren zwar ein riesiger Erfolg, hatten aber wenig Resonanz bei den Schriftstellern. Charles Dickens „Christians Carols“ steht eher in der Tradition der Gespenstergeschichte, der moralischen Erzählung und „Alice im Wunderland“ von Lewis Carroll ist mit seinem fantastischen Nonsens ein ganz eigenständiges Buch ohne Vorläufer.

Nur der berühmte Kunsthistoriker John Ruskin hat sich in der Form des Kunstmärchens versucht und es ist kein Zufall, dass er dem Kreis der präraffaelitischen Malern nahe stand, der eine Erneuerung der englischen Kunst aus dem Geist aus dem Mittelalter anstrebte und der auch auf Oscar Wilde großen Einfluss hatte.

Die Motive und Metaphern der wildeischen Märchen weisen bis ins Details parallelen zur zeitgenössischen Malerei etwa von Edward Burne-Jones und Dante Gabriel Rossetti auf. Da ist die mittelalterliche Formenwelt und religiöse Symbolik, die unterschwellige Erotik, die ästhetisierende Darstellung sozialer Themen, die lineare und ornamentale, den Jugendstil vorwegnehmende Darstellungsweise, die auch in Wildes Märchen zu einer neuen Simplizität, einer künstlichen Einfachheit, einer stilisierten Naivität führt.

Den größten Einfluss übten freilich die Kunstmärchen von Hans Christian Andersen aus, deren Vorbild sich oft ganz direkt bei Wilde nachweisen lässt.

Das Märchen „Der Geburtstag der Infantin“ ist das vermutlich beste und wohl auch seltsamste das Wilde geschrieben hat. Es ist das einzige das nicht in märchenhafte Irrealität endet, sondern in wirklicher Tragik.

Alexander Zymblinski der aus Wildes Märchen eine Oper machte, hat vor allem diese tragische Komponente betont.

Wilde fand stoffliche Anregungen bei Victor Hugo und Théophil Gautier, seine ästhetisirten Beschreibungen des spanischen Hofzeremoniells, sind durch Bilder von Velázquez inspiriert worden. Etwa durch das Bild „Las Meninas“ von 1656, das die spanische Infantin Magarita mit ihrem Gefolge darstellt, darunter einer Zwergin.