Rom - das ich nicht gesehen

I

Der grüne Halm ward gelbes Stroh
Seit damals, als ich mich entriss
Der nordischen Städte Finsternis
Und nach Italiens Bergen floh.

Und hier schon muss ich heimwärts sehn,
Denn all mein Wandern ist erfüllt,
Mag auch die Sonne rot enthüllt
Voran zur heiligen Roma gehn.

O selige Herrin, die regiert
Herab vom Siebenhügelkranz,
O reine Frau, die höchster Glanz
Und dreifach eine Krone ziert!

Roma, Roma benedeit!
Dir bring ich diesen armen Sang,
Denn ach, der Weg ist steil und lang
Bis hin zu deiner Heiligkeit.

II

Und doch: gen Süd hinabzuziehn
Bis dorthin, wo der Tiber lacht -
Wie hätte das mich froh gemacht!
Wie einst in Fiesole zu knien

Und ihn, der Arnos Strom umgibt,
Den grünen Pinienwald zu sehn,
Hoch auf dem Apennin zu stehn,
Wenn hell das Morgenrot zerstiebt;

Vorbei an Höfen weinumkränzt -
Obstwaldung - Ölbaumgärtnerei -
Bis aus Campagna-Ödenei
Auf Hügeln hoch der Dom erglänzt.

III

Von Nordlands Meer ein Pilgersohn
O Lust für mich, zur Tempelpracht
Zu ziehn, zu Ihm, der treu bewacht
Die hehren Schlüssel auf hehrem Thron!

Zu Ihm, den rot- und goldgeschmückt
Umringen Priester und Kardinal,
Der seiner Herde unendliche Zahl
Mit mildem Auge überblickt.

O Lust, vor meinem Tod zu sehn
Den gottgesalbten König dort,
Wenn der Posaunen Silberwort
Verkündet Sein Vorübergehn,

Zu schaun, wie Er am Altarschrein
Das heilige Opfer hoch erhebt,
Und Menschenblick vor Gott erbebt,
Der leiblich ward in Brot und Wein.

IV

Denn manchen Wechsel bringt die Zeit!
Der Tanz der Jahre, der verweht,
Macht wohl, dass all mein Sorgen geht
Und dass mir neues Lied gedeiht.

Eh staubig in den Scheuern liegt
Der Felder schwanke Gold, eh tot
Das Herbstlaub scharlachfarben loht
Und vogelgleich im Winde fliegt,

Könnt ich vielleicht am Ziele stehn,
Die Fackel brennend in der Hand,
Und Ihm, der jetzt sich abgewandt,
Getrost ins heilige Antlitz sehn.