Die neue Helena

Wo warst du, seit um Trojas Wall und Graben
In jenem Kampf erlag manch Göttersohn?
Kommst du von neuem auf die Erde her?
Gedenkst du jenes ungeduldigen Knaben,
Des Purpurschiffs, der Tyrier nicht mehr?
Und nicht mehr Aphroditens Blick voll Hohn?
Denn wohl warst du's, die, wie am Himmelsbogen
Ein Sterngruß winkt in silberstille Nacht,
Verlockte in des Krieges blutige Wogen
Der alten Reiche Ritterschaft und Macht!

Hast du den feuervollen Mond geleitet?
Stand im verliebten Sidon dir ein Haus,
An lachend blauer See ein Tempel dir,
Wo hinter goldnen Gittern dir bereitet
Ein braunes Mädchen seltne Teppichzier
Durch all der Mittagsstunden schwülen Graus,
Bis ihre bleichen Wangen rot entglommen
Im Kuss der salzbesprühten Lippen des
Cyprischen Schiffers, der zurückgekommen
Von Calpe und dem Riff des Herakles?

O Helena! Sollt ich dich nicht erkennen!
Für dich starb Sarpedon so knabenjung,
Und Memnons Kraft für dich zu Falle kam,
Für dich geschah's, dass jenes böse Rennen
Mit Thetis' Kind einst Hektor unternahm,
Im letzten Jahr deiner Belagerung.
Ja! Jetzt noch brennt in jenen Asphodelen,
Die dort auf den zerstampfen Feldern blühn,
Dein Ruhmesglanz, weil noch die Heldenseelen,
Dich rufend, dort die Geisterwaffen ziehn.

Wo warst du doch? In jenen Zauberlanden,
Wo in verschlafnem Tal Kalypso lag,
Wo nie ein Mäher eine Wiese schnitt,
So dass die Gräser hoch in Wildnis standen
Und längs des reifen Korns mit ernstem Schritt
Der Schäfer ging, bis es dem Herbst erlag?
Standst du vor irgend einer Lethequelle,
Ganz hingegeben der Erinnerung
An Lanzenkrachen und an Sonnenhelle
Zerschellten Helms, an Kampfbegeisterung?

O nein, du warst im hohlen Berg gefangen
Mit einer, die man längst vergessen schon,
Mit der entkrönten Königin: es war
Die Erycinische. Du sahst die Wangen
Der Ärmsten nie; in Rom brach ihr Altar,
Heut kniet dort schweigend manche Nation;
Ihr gab die Liebe niemals Glück und Freuden,
Nur unerträglich bittre Leidenschaft,
Ein Schwert nur, um das Herz ihr zu zerschneiden,
Und nur die Bitternis der Mutterschaft.
Die Lotosblätter, die Todwunden heilen,
Hält deine Hand; o schenke Güte du,
Solang mein Sommer mir noch Blüten bringt;
Denn kaum kann Atem meinem Mund enteilen,
Dass dir mein Silberhorn ein Loblied singt,
So beug ich mich, du Mystische, dir zu,
So beugt und bricht das Marterrad der Liebe
Mich ganz; doch ob auch Schweigen und Ruin
Und nichts als Hoffnungslosigkeit mir bliebe,
Was tut's - darf ich in deinem Tempel knien!

Weh, weh! Du wirst nicht lange hier verweilen,
Nein, wie der Vogel dort die Sonne liebt,
Doch sich verbirgt vor Nacht und kaltem Nord,
So wirst du unserm öden Land enteilen:
Zum Turm deines Triumphs zieht es dich fort,
Zum Kuss, den dir Euphorions Jugend gibt.
Nie werde ich dein Antlitz wiederfinden,
Denn dieser giftige Garten hält mich fest
Und wird mit Dorn und Stachel mich umwinden,
Bis selbst das Leben lieblos mich verlässt.

Helena! O Helena! Ich flehe,
Ein Weilchen, kleines Weilchen zögre hier,
Bis dass der junge Tag die Schattenjagt:
Wenn ich die Sonne deines Lächelns sehe,
Macht Himmel nicht noch Hölle mich verzagt,
Da ich es weiß, mein Gott lebt nur in dir:
Mein Gott ist der, der über dem Getriebe
Der goldumsponnenen Planeten thront,
Der Fleisch gewordne Geist geistiger Liebe,
Der freudevoll in deinem Körper wohnt.

Geboren bist du nicht nach Menschenweise;
Mit luftigem Flor von Silberschaum bedeckt
Erhobst du dich aus tiefsaphirnem Meer.
Und da du kamst, entflammte dir zum Preise
Ostwärts ein ewiger Stern so hell und hehr
Und hat der Insel Hirtenvolk geweckt.
Nie stirbst du! Keine von Ägyptens Schlangen
Bedroht dich und vergiftet dir die Luft,
Kein tückischer Mohn befleckt dir Haar und Wangen
Und lockt dich in des ewigen Schlafes Gruft.

Lilie von Liebe! Reine! Erdentrückte!
O Turm von Elfenbein! O Rosenpracht!
Du kamst, damit das Dunkel sich erhellt:
Denn ach, in unsres Schicksals Netz verstrickte
Und hoffnungsmüde Wandrer dieser Welt
Sahn wir vergebens aus in unsre Nacht
Nach einem Schlaftrunk für verfehltes Leben,
Für all die zaudernde Erbärmlichkeit,
Bis dein Altar uns ward zurückgegeben
Und deiner Schönheit weiße Lieblichkeit.