Lotusblätter

Es gibt keinen Frieden unter der Sonne.
Ah! Wohnt der Friede in jenen Auen,
Wo, mit silbernem Vlies gegürtet,
Der Mond, ein heiterer Schäfer, zieht?

Königin der Himmelsgärten,
Wo Sterne gleich Lilien, weiß und schön,
Durch die Schleier der frostigen Lüfte leuchten,
Oh, verweile noch, der Morgen ist nah!

Oh, verweile, denn der neidische Tag
Streckt gierige Hände aus, die nach deinen Füßen greifen,
Ach! Aber du bist flinker,
Ach! Ich weiß, du willst nicht bleiben.

Aufsprang die Sonne zu ihrem Lauf,
Der leichte Wind blies über Wiese und Flur;
Aber im Westen glaubte ich zu sehen
Das Bild eines menschlichen Antlitzes.

Ein Hänfling auf dem Weißdornzweig
Sang von den Wonnen des Frühlings,
Und ließ die Blütenbüsche widerhallen
Vor Freude über den neugeborenen Tag.

Eine Lerche, die meine Schritte aus dem Grase schreckten,
Flog scheu davon und entschwand dem Blick
Im großen saumlosen Schleier aus Blau,
Der vor Gottes Antlitz hängt.

Die Weide wisperte hoch droben,
Dass Tod nur neues Leben ist
Und dass wir mit eitlen Zankesworten
Schande über die Toten bringen.

Ich brach einen Zweig vom Baum
Und Weißdornblüten, mit Tau benetzt,
Ich band sie mit einem Eibenzweig
Und machte einen Strauß, schön anzusehen.

Ich legte die Blumen hin, wo Er liegt
(Warme Blätter und Blumen auf dem Stein);
Wie froh war ich, alleine zu sitzen,
Bis der Abend sich auf müde Augen senkte.

Bis all die treibenden Wolken eine Robe
Aus Gold als Gottesgewand gesponnen hatten
Und die strahlende Sonnengaleere
In einem Meer aus purpurnen Lüften versank.

Soll ich froh sein um den Tag,
Und mich im Grunde meines Herzens anrühren lassen
Vom rauschenden Baum oder dem Lied des Vogels
Und mich grämen über des wilden Windes Spiel?

Nicht so: solch eitle Träumereien passen
Zu einem Gemüt, das leichter ist als das meinige;
Ich fühle, dass ich halb göttlich bin;
Ich weiß, dass ich groß und stark bin.

Ich weiß, dass jeder Baum im Wald
Mit Mühe aus der Wurzel wächst;
Ich weiß, dass keiner Früchte sammelt
Beim Segeln auf dem öden Meer.

* Ich tadele freilich mitnichten,
Dass man den Toten beweinen der sein Verhängnis erfüllt hat.
Ist doch dieses allein der armen Sterblichen Ehre,
Dass man schere sein Haar und die Wange mit Tränen benetze.

Homer, Odyssee, IV, 195-198. Übers. Von Johann Heinrich Voss.