Endymion

Im Apfelbaum hängt goldner Schein,
Arkadien tönt von Vogellaut,
Im Hürdenhof die Schafe schrein,
Die wilden Gemsen fliehn waldein,
Ich weiß, bald wird er bei mir sein,
Der gestern Liebe mir vertraut.
Steigende Luna! Herrin du!
Nimm du den Liebsten mir in Hut;
O sicherlich kennst du ihn gut,
Denn purpurrot sind seine Schuh,
O sicher findest du ihn leicht,
Da er den Schäferstecken schwingt,
An Lieblichkeit der Taube gleicht
Und braunes Haar sein Haupt umringt.

Schon girrt nicht mehr wie Tropfenfall
Der Turteltaube Liebeslied,
Der graue Wolf umschleicht den Stall,
Der Lilie singender Seneschall
Schlief ein im Lilienkelch, und all
Die blauen Höhen Nacht umzieht.
O Luna, hoch am Himmel du,
O schau vom Helikon ins Land,
Und wenn dein Blick den Liebsten fand,
Und wenn du siehst die Purpurschuh,
Den Haselstock, des Braunhaars Schein,
Das Geißfell, das den Arm ihm deckt,
So sage ihm, ich warte sein
Dort, wo ein Lichtlein angesteckt.

Nun zwitschert längst kein Vogel mehr,
Der Tau verschenkt die Perlenzier,
Kein Faun streift mehr im Feld umher,
Und die Narzisse, nachttauschwer,
Schloss müd das Blütentor; doch er,
Mein Liebster, kehrte nicht zu mir!
O Luna! treulos schwindest du
Und zeigst mir den Geliebten nicht,
Nicht seiner Lippen rotes Licht,
Den Schäferstab, die Purpurschuh?
Was lächelst du voll List und Hohn,
Was hüllst du dich in Nebelflor?
Ah! Du hastjung Endymion,
Du hast den Kuss, den ich verlor!