Charmides

I

Er war ein Griechenknabe, der mit Feigen
Und Weinen von Sizilien heimwärts zog,
Er stand an Schiffes Bug im tollen Reigen
Von Wind und Wogenschaum, sein Braunhaar flog
Und troff; er aber gab darauf nicht acht,
Er stand und spähte unverwandt hinein in Sturm und Nacht.

Bis morgens er, da er den Speer erkannte,
Der, ferne noch, als Goldstrich nur erschien,
Die Segel raffte und die Seile spannte
Und seinen Lotsen bat, dorthin zu ziehn,
Entgegen dem Nordwest; den ganzen Tag
Hielt er den Kurs und sang im Takte mit dem Ruderschlag.

Und als Korinths Gebirge rot erglänzte,
Warf Anker er in kleiner sandiger Bai,
Worauf er mit Olivenlaub sich kränzte
Und seine Glieder, nun von Sprühschaum frei,
Mit Ölen salbte; ein Sandalenpaar
Mit erznen Sohlen zog er an, ein Hemd, das leinen war,

Und auch ein reiches Kleid, das er erstanden
In Syrakus, ein Kleid gar wunderbar,
Auf dem sich Purpurstickerein befanden
Und das durch Fischsaft bunt gemustert war.
Dann schritt er durch der Händler laute Reihn
Hinauf durch silberigen Wald, und als der Abendschein

Mit tiefem Rot den Himmel überspannte,
Stieg er zur Höhe auf, und ungesehn
Schlich an den Priestern er vorbei und rannte
Ins Heiligtum und blieb im Dunkel stehn
Und sah die Hirten, deren Freund er war,
Das erstgeborne Lämmchen bringen und auf den Altar

Das Salz verstreun, das in der Flamme krachte,
Und ihren Schäferstab der Einen weihn,
Die Haus und Stall vor Wölfen treu bewachte,
Gesundheit gab dem Vieh und Wohlgedeihn;
Der Mädchen klares Lied schwoll hoch empor,
Und zum Altar schritt ehrfurchtsvoll ein jeder Beter vor.

Man brachte einen Becher Milch als Gabe,
Wohl auch ein Kleid, dem kühne Phantasie
Jagdszenen eingewebt, und Honigwabe,
Aus der es golden troff, Tierhäute, die
Geölt, wie sie der Ringer trägt, und auch
Den Eber, den der Artemis aus altgewohntem Brauch

Man raubte, um Athena zu gefallen,
Und brachte des gefleckten Hirsches Fell,
Den man erjagt in grünen Waldeshallen;
Zum Aufbruch riefen dann die Wächter hell -
Und aus der Göttin heiligem Säulenhaus
Zog stillbewegt und glaubensvoll das Griechenvolk hinaus.

Der alte Priester löschte alle Flammen,
Nur jene nicht, die ruhelose Glut
Durch rote Ampel sandte; Töne schwammen
Im Windeshauch, denn keck und frohgemut,
Mit Sang und Tänzen zog das Volk hinab;
Der Wächter schloss mit starker Hand die Kupfertore ab.

Der Knabe fühlte seine Pulse klopfen
Und hörte, wie der Nachtwind vom Altar
Die Rosenblätter warf, und wie das Tropfen
Vergossnen Weins so klangvoll rhythmisch war;
Er schien in Ohnmacht regungslos zu sein,
Bis oben durch das offne Dach der volle Mondenschein

Den Marmor übergoss mit hellen Wogen;
Da trat aus dem Versteck er schnell und kühn
Und riss weit auf der Zederntüre Bogen
Und sah ein ehrfurchthohes Bild erglühn,
Das Waffen trug und dem vom Helme wild
Zwei Vogelaugen funkelten; die Lanze und der Schild

Von Stahl und Stein wie rote Feuer schienen,
Und schrecklich grinste der Gorgonenkopf
Mit offnem Mund und qualverzerrten Mienen
Und schüttelte den eklen Schlangenschopf;
Die blinde Eule schrie in Angst und Wut,
Von soviel Freveltat entsetzt und soviel Wagemut.

Der stille Fischer, der sein Lämpchen putzte
Seewärts von Sunium oder mit Bedacht
Die Netze warf, schrak plötzlich auf und stutzte,
Denn erzner Hufschlag dröhnte in die Nacht,
Und Hörnerstöße gellten übers Meer -
Er sank in frommer Ehrfurcht hin und fürchtete sich sehr.

Und die zu süßestem Genuss sich einten,
Schuldige Liebende, sie ließen sich,
Weil sie Dianas Schrei zu hören meinten,
Und grimme Wächter liefen ärgerlich
Zu Schild und Speer in atemloser Hast,
Und manchen Spähers Hals ward da von Würgerhand erfasst.

Denn um den Tempel wogte Kampfgetümmel,
Und angstvoll jeder Gott vom Marmor sprang,
Von schrillem Schlachtlärm bebten Erd und Himmel,
Bis nun Poseidon seinen Dreizack schwang,
Und stampfend, wiehernd Ross zu Ross sich fand,
Und auf zum Fries mit erznem Tritt der Reiterzug verschwand.

Zum Tod bereit, blieb er begeistert stehen,
Denn sterbenswert schien ihm die Seligkeit,
Die gottgewaltige Jungfrau nah zu sehen,
Die breite Stirn, die keine Glut entweiht;
O sterbenswertes Glück, da nie ein Mann
Seit Trojas jungem Hirtenprinz solch hohe Lust gewann.

Zum Tod bereit! Doch sieh, das Kampfgeklirre
Verstummte rings, das Wiehern scholl nicht mehr.
Da warf er aus der Stirn das Haar, das wirre,
Und riss sich das Gewand vom Leib - denn wer
Wird rasend nicht in solchem Liebesbann? -
Und kam, berührte ihren Hals, löste den Panzer, dann

Das krokusgelbe Kleid mit frevlen Händen
Und sah die glatten weißen Brüste stehn,
Bis auch der Peplos sank von ihren Lenden
Und sichtbar ward, was keiner je gesehn,
Was nie vorher Verliebtem sichtbar war:
Die mächtigen kühlen Flanken und das hohe Hügelpaar.

Ihr, die ihr nie gekannt verliebte Sünde,
Lest nicht mein Lied, das euch nichts sagen will,
Das niemals euer stumpfer Sinn verstünde -
Doch ihr, in deren bleiche Wangen still
Ein Glühn jetzt stieg, ein sehnend Lächeln kroch,
Ihr, die ihr wisst, wer Eros ist - o lauscht ein wenig noch!

Auf diesem Bilde ruhte mit Entzücken
Sein gieriger Blick, bis ihm der Atem schwand,
Weil solchen Glanz sein Auge durfte pflücken;
Wie schnell sein Mund begehrend zu ihr fand,
Zu ihrem Mund! Um ihres Halses Turm
Warf er den Arm und überließ sich seinem Liebessturm.

Nie wieder hielt Verliebter solche Feste,
Denn Wort' der Lust sprach er die ganze Nacht
Und sah die süßen Glieder an und presste
Den weißen Leib und küsst' ihn unbewacht
Und koste ihren glatten Hals, und heiß
Schlug sein verwegnes Herz an ihrer Brüste frostiges Eis.

Viel schwirrende Numidierspeere schienen
Tief einzudringen ihm in Hirn und Herz,
Wie Saitenschwingen tönt von Violinen,
Bebten die Nerven ihm, so süßen Schmerz
Gab ihm die Qual, dass nie den Mund er zog
Von ihrem Mund, bis in den Tag warnend die Lerche flog.

Die nie gesehn, wie Morgenfarben woben
Ins Nachtgemach, und die den Vorhang nie
Mit müder Hand geteilt und nie sich hoben
Erschöpft von göttlich liebem Leib - ja sie
Verstehen nie, was mein Gesang verrät,
Wie lang sein letztes Küssen war, sein Scheiden ach wie spät.

Es war der Mond von lichtem Reif umwunden,
- Nach Schifferglaube zeigt es Unheil an -
Und als der letzte Stern schon bleich verschwunden
Und eiligen Flugs die Dämmerung entrann
Vor einem Glanz, der ostwärts sichtbar war,
Da erst verließ der Liebende den heimlichen Altar.

Er hastete den steilen Fels hinunter
Und kam dorthin, wo in der Höhle schlief
Der große Pan, und wie ein Rehkitz munter
Sprang über grüne Hügel er und lief
Hin nach dem silbernen Olivenhag,
Der bei der schöngebauten Stadt in schattigem Tale lag.

Und eilte, bis er einen Bach entdeckte,
Ihm wohl vertraut, denn oft im Übermut
Er hier den scheuen Haubentaucher schreckte
Und fischte nach Forellen in der Flut.
Hier sank er ins bestürzte Riedgras hin,
Und keuchend harrt in süßer Angst er auf den Tagbeginn.

Er lag im Ufergrün, und in die Schnellen
Des kalten Bachs hing lässig seine Hand.
Bald atmete der Morgen kühle Wellen
Auf seine heißen Wangen oder wand
as feuchte Haar ihm aus der Stirn; entrückt
Lag er und sah dem Wasser zu und lächelte verzückt.

Bald kam der Schäfer mit dem langen Stecken
Im rauhen Pelz und zog die Hürden auf,
Und aus dem Schornstein über Korn und Hecken
Stieg krauser Rauch in klare Luft hinauf,
Vom Hügel bellten Hunde ärgerlich,
Als raschelnd durch den dürren Farn das schwere Hornvieh strich.

Und als durch bunt vom Tau durchwirkte Matten
Leichtfüßig querfeldein ein Schnitter zog
Und Schafe blökten aus den Heckenschatten
Und auf vom Nest der Wachtelkönig flog,
Da sahn Holzhauer dort am Waldbach ihn
Und staunten, weil so glanzvoll schön der Knabe ihnen schien.

Sprach einer: »Nicht von Sterblichen geboren
Ist dieser, nein, nur Hylas ruht so süß,
Der die Najade sich zur Lust erkoren,
Seit treulos er den Herakles verließ. «
Doch andre: »Nein, Narziß, der sich nur liebt;
Dies ist der zärtlich schöne Mund, der niemals Küsse gibt!«

Und näher tretend rief ein dritter wieder:
»Dionysos! Der hier am Bach versteckt
Sein Fell und seinen Speer und seine Glieder
Von trunknem Tollen müd ins Gras gestreckt!
Und klüger ist's, wir bleiben hier nicht stehn,
Denn jener lebt nicht lang, der die Unsterblichen gesehn.«

So gingen sie, und Hirten auf der Weide
Erzählten sie, dass drinnen tief im Ried
Sie einen Waldgott sahn. Und offne Heide
Ein jeder heut zu überschreiten mied;
Kein Ölbaum ward gefällt an diesem Tag,
Kein Schilf geschnitten, denn verlassen lag der schöne Hag.

Nur daß, den leeren Eimer auf dem Rücken,
Der Kuhbub drüben in das Riedgras lief
Und staunend stehen blieb und mit Entzücken
Den neuen Kameraden sah und rief
Und, da er Antwort nicht bekam, sich scheu
Des Weges trollt; oder dass quer übers Wiesenheu

Lachend ein liebes kleines Mädel rannte,
Noch unschuldsvoll in sehnsuchtslosem Glück,
Und, als sie dort den weißen Arm erkannte
Und all sein Mannestum, mit schwerem Blick,
Der glühend schon ihr süßes Magdtum floh,
Sein Bild sich stahl und heimwärts ging, müde und nie mehr froh.

Fern her zu ihm die Stadtgeräusche drangen
Und dann und wann ein schrilles Lachen auch
Von dort, wo fröhlich braune Knaben sprangen,
Nackt unter Hellas' warmem Himmelshauch,
Und dann und wann ein munteres Geschell,
Wenn dem geschornen Hammel nach die Herde lief zum Quell.

Die bissige Mücke tanzte durch die Weide,
Von Ast zu Ast der scheue Buchfink flog,
Die Wasserratte im geölten Kleide
Mutig stromauf zu neuem Raube zog,
Die Grille sang im Baum ihr töricht Lied,
Und Sumpfschildkröten ruderten schwerfällig durch das Ried.

Im leisen Winde schwammen seidige Samen,
Als hell die Sense schnitt durchs schwanke Gras,
Und Wasseramseln, die zum Baden kamen,
Zerstörten keck des Ufers Spiegelglas,
Und kaum war wieder fortgeschwemmt die Spur,
Als aus dem Bett der trübe Schlei nach der Libelle fuhr.

Doch wenig fragte er nach diesen Dingen;
Und dass das Eichhorn durch die Buchen lief,
Und dass vom Busch des Hänflings heißes Singen
So ruhlos nach dem braunen Liebchen rief -
Ja wenig war das ihm, dem offenbar
Athenas schöne Brust und all ihr nacktes Wunder war.

Doch als der Hirt mit seiner schrillen Pfeife
Die Ziegen sammelte am Felsenhang,
Der Kranich sich, verspätet von der Streife
Heimkehrend, durch die dunkeln Wälder schwang
Und durch die Luft ein dumpfes Summen schwoll,
Des Nashornkäfers Flügelschwung, der Sturm verkünden soll,

Und klatschend auf die Feigenblätter Regen
Herniederschlug, erhob er sich und nahm
Durch düstern Forst den Weg an Obstgehegen
Vorbei und Höfen, bis zur Bucht er kam;
Da rief er die Genossen schnell an Bord,
Nahm Platz und steuerte, das nasse Segel lösend, fort.

Doch als den langen goldnen Pfad neun Sonnen
Gegangen waren, und neun Monde auch
Den keuschen Sternen ihr Gebet gesponnen
Und dem Nachtfalter, der erwacht vom Hauch
Der silberigen Nacht, den liebsten Traum
Gebeichtet hatten, kam durch Windgewölk und Wogenschaum

Mit gelben schwefeligen Augen eine Eule
Und flog aufs Schiff, das seine Rippen bog,
Als ob durch Wogenbraus und Sturmgeheule
Es dreimal schwer die eigene Ladung zog;
Und auf aus allen Tiefen Dunkel schlich,
Verhüllt war des Orion Schwert, selbst Mars versteckte sich.

Und hinter rauchig graue Wolken stellte
Sich blass der Mond, und von des Meeres Rand
Hob sich des Helmes Bogen, erzen schwellte
Der riesige Schild: den Speer in starker Hand
Und in entflammter Rüstung fürchterlich
Athena übers Wasser zog, das scheuernd seitwärts wich.

Den stumpfen Schiffern schienen ihre Locken
Nur Sturmgewölk und ihrer Füße Pracht
Nur als des Strudelschaums hellweißes Flocken;
Und da das Wasser stieg und nun mit Macht
Ans Schiff sich warf, so rief dem Steuermann
Der alte Führer zu: »Nun wacker du! Halt luvwärts an!«

Doch er, der überkühne Gott-Entweiher,
Der nackt das heilige Mysterium sah,
Der Angebeteten ruchloser Freier -
Er lachte wild in Lust, da nun so nah
Athenas gnadenloser Blick ihn zwang.
»Ich komme!« rief er, als verzückt er in die Wirbel sprang ...

Vom Himmel fiel ein heller Stern hernieder:
Ein Tänzer schied aus hohem Sternenkranz.
Und waffenklirrend schwang sich Pallas wieder
Zurück in ihr Athen, in allem Glanz
Gerächter stolzer Göttlichkeit. Ein paar
Gurgelnde Blasen stiegen noch, wo er gesunken war ...

Durch Mast und Rahen grausige Schauder flossen,
Als nun mit gellem Ruf der Herrin nach
Die Eule flog; da hissten die Genossen
Das große Segel, und der Alte sprach,
Dass dicht am Heck ein Schreckgespenst gedroht.
Sturmnasser Schwalbe gleich durchflog den Ozean das Boot.

Und von Charmides, ihrem Kameraden,
Sprach niemand mehr, da man ihn schuldig fand
Ruchloser Tat. Und bei den Symplegaden
Landeten sie und zogen auf den Sand
Ihr Boot und eilten in die Stadt hinauf
Und boten ihre Töpferein am Marktplatz zum Verkauf.

Kapitel II