Ave Imperatrix

England, des nordischen Meeres Zier,
Du Königin ruhloser Flut!
Was sagt die Menschheit wohl von dir,
Zu deren Fuß die Erde ruht?

Zerbrechlich wie ein Kugelglas
Die Erde liegt in deiner Hand,
Und durch ihr Herze von Topas
Wie Schatten durch ein Zwielicht-Land

Die Speere roten Krieges ziehn,
Die langen Wogen blutiger Schlacht,
Des Todes grimme Batterien,
Der Fackelbrand der Herrn der Nacht.

Der Leoparden gelber Hauf
- Der bübische Russe kennt sie gut -
Springt kühn im Bombenhagel auf
Mit schwarzen Rachen, heiß voll Wut.

Verlassen hat sein blaues Meer
Englands Seelöwe heldenhaft,
Um mit dem Sturm zu kämpfen, der
Bedrohte Englands Ritterschaft.

Der Erztrompeten hell Getön
Bläst über Pathans schilfiges Ried,
Und über Indiens schneeige Höhn
Ein Heer bewehrter Männer zieht.

Manch ein Afghanenhäuptling fährt
Aus Träumen beim Granatbaum auf
Und schlägt erwartungsvoll ans Schwert,
Da den Spion er sieht im Lauf

Schnellfüßig nahen, ihm, dem Herrn,
Zu melden, dass er Englands Schar
Schon trommeln hörte nicht mehr fern
Vom starken Tor von Kandahar.

Der Südwind bringt dem Ostwind Gruß
Dort wo gewappnet heldengleich
England mit bloßem blutigem Fuß
Den Weg erklimmt zum Weltenreich.

O Himalaja-Einsamkeit,
Des indischen Himmels graues Pfühl,
Wo sahst zuletzt du todbereit
Die Siegerschar im Kampfgewühl?

Im Mandelhain von Samarkand,
In Bokhara voll Lilienpracht,
Am Oxus, dessen gelber Sand
Den weißen Turban staubig macht,

Und weiter noch in Ispahan
- »Der Sonne Garten« nennt sich's stolz
Von wo der Karawanenmann
Zinnober bringt und Zedernholz,

Und in Kabul, der grausigen Stadt,
Die tief am Fuß der Berge ruht
Und immer volle Becken hat
Mit Wasser für die Mittagsglut,

Und wo man staunt auf dem Basar
Ein klein cirkassisch Mädchen an,
Das jüngst geschenkt der große Zar
An einen altenbärtigen Chan -

Hier fielen unsre Adler ein
Und schlugen ihre Schwingen weit;
In England aber sitzt allein
Die traurige Taube tief in Leid.

Vergebens schaut das Mädchen aus
Nach ihres Liebsten Wiederkehr:
In schwarzer Schlucht des fernsten Gaus
Liegt er durchbohrt von tückischem Speer.

Sehnsüchtig und gedankenvoll
Harrt Tag und Nacht so manches Kind,
Dass Vater mit ihm spielen soll;
Einsam gewordne Frauen sind

In jedem Hause gramverzehrt,
Reliquien pressen sie ans Herz:
Beschmutzte Epaulettes, ein Schwert -
Doch lindert solcher Tand den Schmerz?

Ach, nicht in englischem Gefild
Ward unsern Brüdern letzte Ruh,
Es deckt nicht den zerbrochnen Schild
Ein Flor der liebsten Blumen zu.

Bei Delhis Mauern liegen die,
Und jene im Afghanenland,
Und fern am Ganges liegen sie,
Verschwemmt von seiner Mündung Sand,

Und ruhn in Russlands Wüstenei,
Und eine andre tapfre Schar
Sank in des Ostens Meer und bei
Den stürmischen Höhn von Trafalgar.

Wandernde Gräber! Ohne Ruh!
O Schlaf in sonnenlosem Graus!
Du stumme Schlucht, Sturmtiefe du,
Gib sie heraus! Gib sie heraus!

Und, Cromwells England, wundenvoll
Im ewigen Wettlauf um die Welt,
Ists nötig, dass für jeden Zoll
Von Land ein Sohn als Opfer fällt?

Die Dornenkrone auf dein Haupt!
Dein Sang sei Trauer! Sturm und Meer
Hat deine Toten dir geraubt
Und gibt dir keinen wieder her.

Meerwogen, Sturmwind, fremder Strand
Besitzen Englands Blüte, und
Nie drückt die Hände deine Hand,
Nie küsst die Lippen mehr dein Mund!

Was nützt uns nun der Erdenball,
Gefesselt in ein Netz von Gold,
Wenn tief im Herz der Widerhall
Vieltausendfacher Sorge grollt?

Was solls, dass unsre Schiffe ziehn
Wie Fichtenwälder allerwärts?
Wir säen Elend und Ruin
Allüberall und Grimm und Schmerz.

Wo sind, die tapfer, schnell und stark?
Wo ist nun Englands stolz Geblüt?
Wildgräser blühn aus ihrem Mark,
Meerbrausen ist ihr Klagelied.

Geliebte ihr, so weit entflohn,
Ihr schickt uns nie mehr Wort und Kuss!
O blinder Staub! O tauber Ton!
Ist dies der Schluss? Ist dies der Schluss?

Doch still! Lasst ruhn die Toten! Raubt
Den ernsten Schläfern nicht die Ruh!
England geht kinderlos, das Haupt
Voll Dornen, aufwärts immerzu.

Doch strahlt es einst in höchster Macht,
Fernher des Wächters Weckruf schwebt,
Dass sonnengleich aus blutiger Nacht
Die junge Republik sich hebt!