Athanasia

In jenes Haus, in dem man Dinge hegt,
Die vor der Zeit Zerstörung man gerettet,
Ward eines Mädchens Mumienleib gelegt,
In Unschuldstagen schon zu Grab gebettet;
Araber hatten ihn emporgebracht
Aus Pyramidenschoßes düstrer Nacht.

Als man gelöst das alte Linnenband
Von der Ägypterin Leib - ach, man erspähte
Ein Samenkorn in ihrer dürren Hand;
Und da man es in Englands Erde säte,
Gedieh's in wunderweißem Sternenflor
Und hauchte reichsten Blütenduft empor.

Und soviel Künste lockten hier vereint,
Dass man gar bald den Asphodill vergessen,
Die Biene selbst, der Lilie brauner Freund,
Verließ den Kelch, drin sie bisher gesessen;
Es schien, als ob's ein selten Wunder wär
Aus einem himmlischen Arkadien her.

Vergebens bog Narzissus sich zum Fluss,
Vergebens war sein bleiches Selbstentzücken;
Denn die Libelle fand nicht jnehr Genuss,
Mit seinem Goldstaub sich ihr Kleid zu schmücken,
Nicht Freude mehr, zu küssen den Jasmin,
Nach Regenfall um Eucharis zu ziehn.

Die Nachtigall vergaß ihr altes Leid
Und alte Liebe um der Blume willen,
Die Taube flog nicht mehr zur Blütezeit
In nasse Wälder, Sehnsucht zu erfüllen, -
Sie segelte im Amethystgewand
Nur um die Blume aus Ägyptenland.

Wenn Sonne heiß im blauen Turm erglüht,
Kam kühlend her ein Wind aus schneeiger Ferne,
Und zärtlich schenkte Tau der warme Süd
Den weißen Blüten, wenn die Abendsterne
Entstiegen jener grünen Himmelsflut,
Die Purpurflecken trägt von Sonnenblut.

Doch wenn im lilienblühenden Gefild
Die müden Vögel nicht mehr Liebe sangen,
Und wenn des Mondes breiter Silberschild
In Saphirhimmeln glitzernd aufgegangen -
Durchschauerte die Blütenkelche nicht
Dunkles Erinnern, fremdes Traumgesicht?

O nein! Ein einziger Tag nur schienen ihr,
Der seltnen Blume, jene tausend Jahre;
Was wusste sie von böser Ängste Gier,
Die welken macht die schönsten Knabenhaare?
Sie hatte Schrecken nie noch Qual gekannt
Und nicht den Tod, der alles Leben bannt.

Denn wir, ach! ziehn mit Spiel und Tanz zu Tod,
Um nimmermehr zu leiden, was wir litten, -
So wie ein Strom, dem nichts das Ufer bot
Als öde Ebenen und Armenhütten,
Verliebtem gleich ins grausige Meerbett springt,
Des Sterbens froh, das ihm Erlösung bringt!

Wir siechen hin im unfruchtbaren Streit
Der Welt mit all den tausend eklen Sorgen;
Sie lebt und blüht und fühlt sich frei von Leid
Im reinen Licht, in reiner Luft geborgen,
Wir leben sterbend hin im Bann der Zeit,
Sie ist das Kind der ganzen Ewigkeit!