Das schöne Heim (1882)

„Wenn ich Sie heute daraufhin anspreche, Ihre Häuser schöner zu bauen und auszugestalten, so meine ich damit keineswegs, dass Sie dafür große Summen aufwenden sollen, weil ja die Kunst durchaus nicht abhängt von Extravaganz oder Luxus, sondern vielmehr von der Erlangung jener Dinge, die, wie wohlfeil sie auch erworben sein, wie schlicht sie auch aussehen mögen, dennoch schön sind und geeignet, dem Beschauer ebensoviel Freude zu bereiten, wie der Hersteller sie empfunden hat. Deshalb wende ich mich nicht an die Millionäre, die ihr Vergnügen daran finden, Europa auszuplündern, sondern an all die weniger Begüterten, die jedoch, sobald sie nur willens sind, unter geringem Kostenaufwand jederzeit Schönes, wertvoll Gestaltetes um sich haben können.

Kein Erzeugnis ist zu trivial, zu gering, als dass es durch die Kunst nicht veredelt werden könnte, denn ihr Genius kann dem Stein, dem Metall und auch dem Holze besonderen Glanz verleihen schon durch die Art und Weise, in der er diese schlichten Werkstoffe formt und gestaltet. Und warum soll denn die wertvollste Rarität eines Kunstmuseums nicht eine kleine Urne sein, mittels derer vor mehr als zwei Jahrtausenden ein griechisches Mädchen aus dem Brunnen das Wasser heraufgeholt hat - eine Urne, die, obschon aus dem nämlichen Lehm gefertigt, auf den wir Heutigen unsern Fuß setzen, dennoch kunstvoller geformt ist als all die entsetzlichen, silbernen Tafelaufsätze unserer Tage zusamt ihren missgestalteten Kamelen unter galvanisch versilberten Palmen!

Heutzutage kann nicht einmal ein Mann von Geschmack und Wohlstand seine Ideen zur Gänze in Kunst umsetzen lassen. Er kann sich nicht freimachen aus der hässlichen Umgebung dieser Zeit, er kommt an keine anderen Dinge heran als an jenen protzigen Plunder, der heute allerorten erzeugt wird. Und es wird hierzuland um Ihre Kunst so lange nicht besser bestellt sein, als Sie nicht Ihre Arbeiter aufgesucht, sie in deren Beziehung zur Kunst zu höheren Anschauungen gebracht und ihnen die Möglichkeiten ihres Berufes klargemacht haben, denn die große Schwierigkeit, welche der Kunstentwicklung in Ihrem Lande entgegensteht, ist nicht ein Mangel an Kunstinteresse oder an Liebe zur Kunst, sondern der Umstand, dass Sie Ihren Handwerker nicht genügend würdigen, ihm nicht die gebührende Anerkennung zollen. Alle Kunst muss ja ihren Anfang beim Handwerker nehmen, und so müssen Sie diesem Handwerker wieder die Position einräumen, die ihm zukommt. Dadurch werden Sie die allzeit ehrenhafte Arbeit auch noch zu etwas Edlerem aufgewertet haben.

Auch müssten Sie hierzuland eine Schule für dekorative Kunst besitzen, wo die Prinzipien des guten Geschmacks und die einfacheren Wahrheiten in bezug auf das Entwerfen gelehrt werden könnten, denn das technische Wissen des Arbeiters um sein Handwerk erleichtert es uns, ihm die künstlerischen Prinzipien auf dem Wege der Praxis zu vermitteln. Solch eine Schule sollte auch direkte Beziehungen zur Fabrikation und zum Kommerz unterhalten: wäre also ein Fabrikant auf der Suche nach einem neuen Teppich- oder Tapetenmuster, so könnte er sich an diese Schule wenden und einen Preis aussetzen für jenen Entwurf, der seinen Absichten am besten entspricht. Auf solche Weise würde jedermann alsbald dahinterkommen, dass es praktischer ist, lieber gleich auf künstlerische Weise zu bauen und zu gestalten.

In allen Fragen der Dekoration ist es unabdingbar, dass jedwede Kunstart den Stempel einer ausgeprägten Individualität aufweise. Nun ist es zwar schwierig, etwa in bezug auf die Dekoration von Wohnräumen Regeln festzulegen, weil jedes Heim in seiner Einrichtung und seinem Dekor eine individuelle Note aufweisen sollte. Bis jetzt wird aber dieses individuelle Moment in den meisten Fällen dem Tapezierer überlassen, was zur Folge hat, dass die Wohnungen zumeist einander gleichen wie ein Ei dem anderen und es nicht wert sind, eines Blickes gewürdigt zu werden, weil ja das Dekor eines Hauses Ausdruck des Empfindens der darin Wohnenden sein soll. Aber es gibt da dennoch gewisse, weitgespannte künstlerische Prinzipien, an die man sich ganz allgemein halten sollte und innerhalb derer noch genug Spielraum bleibt für den persönlichen Geschmack. So sollten Sie zum Beispiel nichts in Ihrem Hause dulden, was dem Verfertiger nicht ebensoviel Freude bereitet hätte wie Ihnen als dem späteren Benützer. Und auch nichts Unnützes und Unschönes sollten Sie in Ihrem Hause dulden. Nach konsequenter Einhaltung solcher Regel würden Sie staunen, wieviel wertlosen Plunder Sie losgeworden sind! Dulden Sie aber auch keinerlei Vorspiegelung echten Materials durch ein anderes, wie etwa Papiertapeten mit Marmorstruktur, Steinimitationen aus Holz, und auch keine Ornamentik aus der Maschine! Lieber wollen wir überhaupt kein Ornament, als eines, das aus der Maschine kommt! Jedes Ornament sollte aus dem Lebensgefühl eines Menschen entstanden sein, und dergleichen kann natürlich keine Maschine bewältigen. Im übrigen aber ist ein Mensch, der nur mit den Händen zu arbeiten versteht, auch nicht viel mehr als eine Maschine.

Doch nun zu den Baumaterialien der Häuser: Ausreichende Geldmittel vorausgesetzt, wird man vielleicht Marmor verwenden. Dagegen ist an sich nichts einzuwenden, doch dürfen Sie den Marmor nicht behandeln, als wär' er gewöhnlicher Stein. Sie dürfen also nicht bloß Marmorquader aufeinandertürmen, wie das der Fall ist bei jenen großen, uns aus ihrer Kahlheit so weiß entgegenstarrenden Gebäuden, welche in diesem Lande so häufig anzutreffen sind. Denn Ihr Marmor ist ja wirklich ein kostbares Gestein, das man nur von einfallsreichen, innerlich vornehmen Arbeitern, das man nur von zarter Hand bearbeiten lassen sollte von Menschen also, die aus diesem Marmor edle Statuen hauen, schöne Dekorationen daraus hervorholen oder ihn intarsieren mit andersfarbigem Marmor. Denn die wahren Farben aller Architektur sind diejenigen des Natursteins, und ich würde diese meine Worte sehr gern und aufs Vorteilshafteste allerorten in die Tat umgesetzt sehen! Jederlei Farbton steht Ihnen dabei zu Gebote, vom blassen Gelb über Orange, über Rot und Braun bis hin zum Purpur, und auch fast alle Grün- und Grautöne sind verfügbar! Mit ihnen und dem reinen Weiß - welche Farbharmonie wäre da noch unerreichbar? Und von den gesprenkelten und rnehrfarbigen Gesteinsarten steht uns eine nahezu unerschöpfliche Auswahl zur Verfügung. Will man aber hellere, glänzendere Farben, so kann man Glas oder Gold unter Glas in Mosaikform verwenden, und diese Technik ist so zeitbeständig wie jede Arbeit in massivem Stein: ihren Glanz kann nicht einmal die Zeit ihr rauben. Die Arbeit des Malers aber erfolge in der schattigen Loggia und im Inneren des Hauses.

Kann man sich jedoch Marmor oder farbigen Haustein nicht leisten, so bleiben noch immer der gebrannte Ziegel oder das Holz. Der rote Ziegel mit seinem freundlich-anheimelnden Aussehen ist an sich schon die schönste und einfachste Lösung für alle, die keine großen Sprünge machen können. Wir in England haben mit roten Ziegeln gebaut, und die stattlichen Häuser aus der Tudorzeit bis herunter zum Zweiten Georg sind da recht brauchbare Vorbilder. Motivziegel ermöglichen es Ihnen, mit Terrakotta-Ornamentierung zu arbeiten, der schönsten aller Außendekorationen, die auch der besondere Stolz der alten Lombarden gewesen ist, deren Kunstfertigkeit in diesem Punkt wir in England erneuern wollen.

Das verbreitetste Material aber ist das Holz. Ich mag Holzhäuser nicht ungern, doch wär' mir ein besserer Anstrich lieber. Sie müssten wärmere Farbtöne wählen: es wird nämlich viel zu viel Weiß und kaltes Grau verwendet. Diese Farben wirken auf größeren Baukörpern niemals vorteilhaft, erwecken bei Regen einen trübseligen Eindruck und blenden uns bei sonnigem Wetter. Halten Sie sich also lieber an die vielfältigen Braun- und Olivtöne, wie die Natur sie uns zeigt. Auch könnten die Holzhäuser mit Hilfe von Schnitzwerk ein freundlicheres Aussehen gewinnen. Man sollte ja schon jedem Kinde das Holzschnitzen beibringen, und so empfehle ich Ihnen, in dieser Stadt eine kunstgewerbliche Schule zu gründen mit dem einzigen Ziel, die Holzschnitzerei zu unterrichten. Sogar der arme Schweizer Hirtenjunge verbringt seine Mußestunden über schöner Schnitzarbeit und nicht über irgendwelchen abscheulichen Romanen. Und die Amerikaner würdem ihm da um nichts nachstehen, so dass ich bitter enttäuscht bin, dieser Kunstfertigkeit bei Ihnen kein größeres Augenmerk zugewendet zu sehen.

Alles Ornament sollte handgefertigt sein - dulden Sie also keinerlei gusseiserne Zier und auch keine dieser maschinengefertigten Greuel. Kein gusseisernes Geländer sollte Ihre Haustür verunzieren, es würde von den Knaben ohnehin nur zerschlagen werden, und das mit Recht, denn derlei Erzeugnisse sehen stets nur billig und schäbig aus. Wenn möglich, so verwenden Sie handgeschmiedete Geländer. Es ist eine Schande, dass in diesem Land alle Metallarbeit, soweit es sich um Gusseisen handelt, so gar nichts von Schönheit, so gar nichts Edles an sich hat, anders als etwa die getriebenen Kugeln noch in den ärmsten Städten Italiens. Die alte Eisen-Ornamentik Veronas, aus diesem Metall von Hand zu schönen Figuren gefertigt, ist heute noch ebenso schön und solide wie vor drei- oder vierhundert Jahren, als der Kunsthandwerker sie geschaffen hat. Und schließlich sollten auch Ihre rußschwarzen Türklopfer ersetzt werden durch schimmernde aus Messing.

Gehen wir nun zum Hausinneren über: Die Halle sollte niemals mit Papiertapeten ausgeklebt sein, weil ja die Wände durch das häufige Öffnen und Schließen der Haustür den Witterungseinflüssen in höherem Maße ausgesetzt sind. Hingegen könnten diese Wände verkleidet werden mit Amerikas schönen Hölzern, etwa mit Ahorn, oder aber mit einem gewöhnlichen Tempera-Anstrich versehen sein. Holztäfelung vermittelt ein Gefühl von Wärme, bereitet dem Zimmermann keine Schwierigkeiten und lässt auch die Lasiertechnik zu, eine wünschenswerte Dekoration, die immer mehr an Beliebtheit gewinnt.

Teppiche sind in der Halle nicht am Platz: ganz gewöhnliche rote Fliesen machen den Fußboden warm und schön, und ich gebe ihnen den Vorzug vor denjenigen, die in geometrischen Mustern verlegt sind, wie das heutzutage üblich ist. Auch Bilder sollte man nicht in die Halle hängen: für gute ist sie nicht der rechte Ort, und schlechte Bilder bringt man besser überhaupt nirgends an. Die Halle ist, stattliche Herrensitze ausgenommen, lediglich ein Durchgangsraum, und man sollte dort, wo man nicht die Zeit hat, Platz zu nehmen, um etwas nach Gebühr zu würdigen, zu bewundern, zu studieren, auch keine Bilder haben.

Hutablagen sind, so fürchte ich, eine Notwendigkeit. Noch nie aber hab' ich einen wirklich schönen Hutrechen gesehen. Der allgemein gebräuchliche gleicht eher einem grässlichen Folterinstrument und hat nichts von Nützlichkeit oder gar Anmut an sich, ja ist vielleicht der hässlichste Gegenstand im ganzen Haus. Ein geräumiger, bemalter Eichenschrank ist der geeignetste Ort, die Mäntel wegzuhängen. Für die Hüte empfiehlt sich ein hübscher Wandrechen von jener Art, wie ich sie in Griechenland und in der Türkei gesehen habe, wiewohl man dort die Gewehre daran hängt. Oder aber man nimmt eine der hübschenjapanischen Ablagen aus hellem Holz oder Bambus. Ein paar bequeme Sitzgelegenheiten würden die Halleneinrichtung komplettieren. Dulden Sie nichts von jenen Gruseldingen, als da sind: ausgestopfte Bestien, präparierte Vögel oder dergleichen mehr, auch nicht in Glasbehältnissen. Glatte, nackte Marmortischchen, wie ich sie so zahlreich in Amerika angetroffen habe, sollte man gleichfalls nicht tolerieren, die Marmorplatte wiese denn eine schöne Intarsierung auf, und die Holzteile wären geschnitzt.

Die Zimmer betreffend, möchte ich nur ganz allgemein sagen: In Amerika besteht, soweit es die Dekoration anbetrifft, der Hauptfehler in dem vollständigen Mangel an Harmonie oder an eindeutiger Farbzusammenstellung. Meist gibt es da ein Sammelsurium von allerlei Gegenständen, die jeder für sich recht schön sein können, aber insgesamt sich nicht zum harmonischen Gesamtbild fügen. Mit den Farben ist es aber wie in der Musik: ein einziger Misston zerstört das ganze Bild, das gesamte Musikstück. Deshalb sollte in jeder Innenraumdekoration ein Grundfarbton dominieren. Man muss sich schon zu Beginn im klaren darüber sein, welches Farbschema man haben will, und dann alles andere darauf abstimmen, ganz wie bei den Motivwiederholungen in einer Symphonie, weil sonst der Wohnraum zum reinen Farb-Museum wird. In bezug auf die Farbwahl sagt man den Studenten unserer neuen Kunstgewerbeschule nach, sie gäben den düsteren Farbtönen den Vorzug. Nun gut, wir legen großen Wert auf tonige, auf gebrochene Farben, weil alle Dekoration Farbabstufung bedeutet, wohingegen man die hellen, leuchtenden Farben dem eigentlichen Ornament vorbehalten sollte. Für die Wände aber empfehlen sich die gebrochenen Farben, und auch die Zimmerdecke sollte niemals in kräftigen, lebhaften Farben gehalten sein. Die besten Ornamentierungen des Ostens zum Beispiel weisen ausschließlich helle Farben auf Beginnen Sie also mit einem gedämpften Hauptton, und Sie erhalten die echten Valeurs der Grundfarben schon durch kleinste Farb-Akzente und schöne Ornamentik, welche kunstvoll gleich kostbaren Steinen den gedämpften Farbtönen aufgesetzt werden. Ist aber alles und jedes in Ihrem Zimmer von heller Farbe, so sind seine Möglichkeiten in bezug auf sämtliche anderen Farb-Effekte ausgeschöpft, und Sie müssten schon ein Feuerwerk veranstalten, um da eine Ornamentik noch zur gehörigen Wirkung zu bringen. So hängt denn alles von der Farb-Abstufung ab. Nehmen Sie die Rose als Beispiel, und Sie werden sehen, wie all ihre Schönheit nur aus der exquisiten Nuancierung der Blütenblätter kommt, von denen das eine dem anderen zu respondieren scheint.

Mr. Whistler hat vor kurzem in London zwei Räume ausgestaltet, die wahre Wunder an Schönheit sind. Der eine ist das berühmte Pfauen-Zimmer, das ich für die schönste Schöpfung sowohl nach Farbe als auch nach Dekor halte, welche die Welt seit den Tagen gesehen hat, da Correggio jenen wunderbaren Raum in Italien geschaffen, als er einen Reigen tanzender Kinder an die Wände gemalt. Alles hat die Farben der Pfauenfeder und ist im einzelnen so gehalten, dass der Raum, sobald man ihn erhellt, wie ein entfaltetes Pfauenrad wirkt. Die Arbeit hat 3000 Pfund gekostet. Das andere Zimmer wurde von Mr. Whistler noch kurz vor meiner Abreise vollendet - es ist ein Frühstückszimmer, ganz in Blau und Gelb gehalten, und hat nur 30 Pfund gekostet. Die Wände sind mit einem blauen Tempera-Anstrich versehen, die Zimmerdecke ist hell und von warmem Gelb. Der Fußboden ist mit strahlend-hellgelben Läufern belegt, die ab und zu blaue Striche oder Blätter aufweisen. Das Holzwerk insgesamt ist in Maisgelb gehalten, alle Mauernischen und -vorsprünge präsentieren sich hellgelb, und die Regale sind besetzt mit blauweißem Porzellan. Die weißen Serge-Vorhänge haben geschmackvoll eingearbeitete, gelbe Bordüren und hängen in zwanglos-schönen lockeren Falten. Wird in dieser Wohnung der Frühstückstisch gedeckt mit dem freundlichen Tischtuch und dem zierlichen, blau-weißen Porzellan rund um den Strauß Chrysanthemen in der Nankingvase, so ist das ein ganz bezaubernder Raum, der, erfüllt vom warmen Morgenlicht und von all der Schönheit ringsum, dem Gast ein Gefühl der Fröhlichkeit, der Entspannung und des Komforts vermittelt. Nichts könnte einfacher sein. Die Kosten sind gering, und insgesamt zeigt sich, welch großartige Gesamtwirkung sich mit wenigen und einfachen Farben erzielen lässt.

Ein Entwerfer muss die Farben in sich haben, er muss in ihnen denken und sehen. Ihre Arbeiter sollten unterwiesen werden freier mit der Farbe umzugehen, und das kann nur geschehen, indem man sie an schöne Farben gewöhnt. Sogar in der imaginativen Kunst muss man jetzt der Farbe den Vorrang einräumen: ein Bild ist zuallererst eine Fläche, die mit Farben bedeckt wird, um eine angenehme Wirkung auf den Beschauer zu üben. Kann es das nicht, so ist es ganz gewiss ein schlechtes Bild. Der Endzweck aller Kunst besteht einfach darin, dem Leben mehr Freude zu verleihen.

Sie sollten hier Männer wie Whistler haben, der Sie die Schönheiten und Freuden der Farbe lehren könnte. Malt er ein Bild, so hält er sich nicht so sehr an den Gegenstand, was ja eher eine Sache des Intellekts wäre, sondern an die Farbe. Ein Kritiker hat geäußert, er könne nicht glauben, dass es jemandem möglich sei, ein Bild nur in einer einzigen Farbe zu malen, wenn natürlich auch mit allen Nuancen und Valeurs. Mr. Whistler erklärte sich bereit, das mit jeder beliebigen Farbe zu tun, und der Kritiker entschied sich für Weiß, weil es die wenigsten Nuancen zulässt. Daraufhin malte Mr. Whistler seine herrliche »Symphonie in Weiß«, ein Bild, das Sie zweifellos für etwas Verstiegenes ansehen werden. Dies ist aber keineswegs der Fall. Stellen Sie sich einen Himmel vor in kühlem Grau und mit weißen Wolken über einer grauen, von weißen Schaumkronen belebten See. Davor ein grauer Balkon, über dessen Geländer sich zwei kleine, weißgekleidete Mädchen lehnen. Zu seiten dieses Balkons ein weißblühender Mandelbaum, von dem das eine Mädchen mit weißer Hand die Blütenblätter pflückt und durch das Bild flattern lässt. - Bilder dieser Art sind von unendlich größerem Wert als die entsetzlichen Schinken der Historienmalerei. Sie enthalten keinerlei an den Haaren herbeigezogenen, intellektuellen Bezug, der uns ja doch nur verwirrt, und auch nichts Metaphysisches, wie wir's schon zur Genüge in der Kunst gesehen haben. Hat erst die einfache, durch nichts anderes gestützte Farbe den rechten Grundton angeschlagen, so ist die gesamte Konzeption auch schon gegeben. Und ich zweifle nicht, dass unsere Ästhetische Bewegung den Menschen einen vertieften Sinn für die Farbvaleurs geschenkt hat, ja dass mit der Zeit eine ganz neue Kunstwissenschaft in bezug auf die Farbgebung sich herausbilden wird.

Doch zurück nun zum Wohnzimmer: besteht seine Einrichtung aus vielen oder schweren Möbelstücken, dann sollte auch das Wandmuster sehr reich gehalten sein. Ist die Möblierung aber sparsam oder weniger gewichtig, dann sollten auch die Wände ein leichtes, einfacheres Muster haben. Da man hierzulande die Räume nicht so häufig mit Wandteppichen ausstatten kann, sollte man sie tapezieren. Verwenden Sie aber keine weißen oder Gold-Tapeten. Unterteilen Sie Ihre Wand in zwei ungleiche Streifen, entweder durch einen Sockel oder durch einen Fries. Vom Sockelstreifen tapezieren sie aufwärts bis in Gesimshöhe, vom Wandfries hingegen abwärts bis zum Boden. Beides zu tun, scheint mir nicht ratsam, Sie hätten denn sehr hohe Wände in Ihrer Wohnung. Vielleicht werden Sie eine fröhliche Tapete bevorzugen, mit vielen Blumen und anderen schönen Formen. Dann sollte freilich der Sockel nicht mit Papier, sondern mit irgendwelchen Hölzern verkleidet werden, oder auch mit den schönenjapanischen Materialien, wie sie hierzuland erhältlich sind: wir tragen damit auch dem Prinzip der Nützlichkeit Rechnung, denn wir schützen so die unteren, exponierteren Wandpartien vor Schäden, wie sie etwa durch das Möbelrücken verursacht werden könnten. Und auch der Wandfries sollte nicht aus Papier sein, sondern gemalt. Alles andere bleibe der Tapete vorbehalten.

Doch jetzt zur Zimmerdecke: sie ist es, die uns allzeit Kopfzerbrechen bereitet - was soll man nur anfangen mit dieser großen weißen Gipsfläche? Sie gibt uns ja das Gefühl, in einer Pappschachtel zu leben, und das ist nicht gerade angenehm. Deshalb sollte man den Plafond strukturieren, damit das Licht darüber hinspielen kann und nicht leblos wirkt. Wenn Sie ein Haus bauen, so vereinbaren Sie doch mit dem Baumeister, er möge die tragenden Balken wenigstens andeutungsweise aus der Decke hervortreten lassen. Das vermittelt ein Gefühl von Tragfähigkeit und Solidität, und die Zwischenräume könnten höchst effektvoll durch Täfelung oder Stuck-Ornamentik gestaltet werden. Für Plafond Dekorationen sollte man aber den früher in Verwendung gewesenen Gips nehmen und nicht den neuen, der zu schnell hart wird und dessen Weiß zu sehr glänzt. Der schöne alte Gips aus der Queen Anne-Zeit, der oftmals so wunderbar gearbeitet ist, war von feinerer, besser formbarer Beschaffenheit, blieb lange Zeit feucht und deshalb auch lange Zeit nachformbar. Können Sie jedoch keinen Gips verwenden, dann sollte der Plafond eine Holzverkleidung bekommen mit gemaltem oder auch in Leder ausgeführtem Medaillon. Und ist die Lösung mit den Tragebalken oder der Holzverkleidung nicht ausführbar, dann lassen Sie die Decke in jener Farbe malen, die im Zimmer dominiert, aber verwenden Sie auf keinen Fall eine Tapete: das Licht auf tapezierten Decken wirkt stumpf, leblos und schummerig.

Dulden Sie keinen grellbrennenden Gaslüster inmitten Ihres Zimmers. Haben Sie ihn aber schon, so tut es nicht viel zur Sache, wie Sie Ihren Raum dekorieren und schöner machen, ja ob Sie dergleichen überhaupt unternehmen, denn innerhalb von sechs Monaten wird das Gas all Ihre Arbeit verfärbt und zunichte gemacht haben. Auch sollte uns das Licht nicht direkt in die Augen fallen, sondern das Zimmer müsste durch Reflexion und nicht auf unmittelbare Weise erhellt sein. Und wenn Sie schon Gaslicht haben müssen, dann beleuchten Sie Ihr Zimmer mit Wandarmen, wobei jede Flamme auf hübsche Weise abzuschirmen wäre, so dass von Wänden wie von Zimmerdecke nur der Widerschein des Lichtes käme. Öllampen und Wachskerzen sind immer noch vorzuziehen, weil sie ein sanfteres Licht spenden, für das Lesen am günstigsten sind, der Dekoration nicht schaden und überdies viel hübscher und gesünder sind als jede Beleuchtung mit Gas.

Und nun zum Fußboden: Decken Sie ihn nicht zur Gänze mit Teppichen zu, denn nichts ist ungesunder und unkünstlerischer als unsere heutige Teppichware. Teppiche sind Staubschlucker, und es ist unmöglich, sie so sauber zu halten, wie alles und jedes rings um uns sein sollte. Auch hier gehen, wie in allen anderen Punkten, Kunst und Gesundheit Hand in Hand. Es ist besser, rundum Parkettboden und nur in der Zimmermitte einen Teppich zu haben, und wenn ein intarsierter oder gestrichener Boden nicht möglich ist, denn legen Sie hübsche Läufer auf und ein paar dieser ansprechenden und billigen Matten aus China, Persien oder Japan.

jetzt die Fenster: Die Baumeister berücksichtigen nicht, dass ein Unterschied besteht zwischen Licht und Blendung. Die meisten modernen Fenster sind zu groß, blenden uns zu sehr und sind insgesamt so beschaffen, als wollte man bloß durch sie hinausschauen. Sie sind lichtfeindlich und bewirken eine Blendung, die jedem Ruhebedürfnis abhold ist: man kann bei solcher Lichtfülle weder schreiben noch sonst wie arbeiten oder gar Behaglichkeit empfinden. Vielmehr sieht man sich gezwungen, gleich nach dem Betreten solchen Raumes die Jalousien herunterzulassen. Die kleinen, älteren Fenster haben ausreichend Licht eingelassen. Hat Ihr Haus aber große Fenster, dann lassen Sie sie zumindest teilweise mit Buntglas versehen - damit meine ich natürlich nicht die Buntglasfenster der Kirchen und Kathedralen, sondern rate lediglich zu grün- oder graugetöntem Glas mit kleinen, lebhaften Farbeinschlüssen. Solche Fenster geben gedämpftes Licht, eine angenehme Farbmischung und vermitteln ein Gefühl der Ruhe und Entspanntheit.

Und nun zum Stil der Einrichtung: Lassen Sie die Finger von »altenglischem« oder »gotischem« Mobiliar. Das gotische, wiewohl zur Zeit in diesem Lande so beliebt, ist zwar von soliderer Machart und daher von besserer Qualität als unsere heutigen Möbel, doch ist es dermaßen schwer und massiv, dass es unpassend wirkt im Angesicht all der hübschen Gegenstände, welche wir Menschen von Heute so gern um uns haben. Die gotischen Möbel waren gut für Burgbewohner, also für Leute, welche ihre Einrichtung gegebenenfalls zu Verteidigungszwecken oder als Kriegsmittel heranziehen mussten. Unsere friedlicheren Zeiten verlangen nach einem leichteren, graziöseren Einrichtungsstil. So ist das Eastlake-Möbel vernünftiger als vieles Moderne: es ist billig, fest und dauerhaft, ja verkörpert Mr. Eastlake's Idee, die Arbeit des Handwerkers sichtbar zu lassen. Freilich wirkt es ein wenig nackt und kalt, hat keine elegante Form und sieht nicht nach vornehmer Arbeit für vornehme Leute aus. Das Eastlake Möbel ist gotisch ohne den anheimelnden Aspekt des Gotischen, und außerdem passt hübsche Glasscheiben-Ornamentik nicht in ein gotisches Zimmer, weil sie ein Anachronismus wäre. Italienische Renaissance ist zu kostspielig, und die französischen Möbel in ihrer aufdringlichen Vergoldung sind vulgär, monströs und nicht zweckdienlich.

Der in England meistgeschätzte Stil, der übrigens auch für Sie in jedem Respekte der zweckmäßigste wäre, ist jene Einrichtung, die unter der Bezeichnung Queen Anne-Möbel bekannt ist.

Aus welchem Grunde diese Möbel ausgerechnet nach Queen Anne benannt sind, kann ich nicht sagen. Sie wurden schon hundert Jahre vor der Regierungszeit dieser Monarchin geschaffen und benutzt, doch können wir ebenso gut diesen wie einen beliebigen anderen Namen dafür verwenden, solange wir uns über seine Bedeutung nicht im Unklaren sind. Diese Möbel sind schön ohne aufdringlich zu wirken, und bei aller Fragilität der Erscheinung doch sehr solide. Sie sind also vornehme Arbeit für vornehme Leute und passen sehr gut zum Geschirr und zur Keramik unserer Tage, zu unseren hellen Dekorationen und zu unserer Art der Ornamentierung. Und außerdem sind sie ebenso schön wie alles, was man in Italien finden kann. Es sind Möbel, die sehr dauerhaft sind, und die man in sehr alten Stücken auch heute noch in vielen englischen Häusern vorfindet, genau so intakt wie eh und je. Auch sind sie überaus bequem: was auf den ersten Blick steif und gerade anmutet, ist in Wahrheit kaum merklich aber elegant geschwungen, von exquisiter Ausgewogenheit, und wo die Polsterung der heutigen Sitzgelegenheiten eine Monstrosität aus eiserner Federung ist, dort schwingt diejenige der Quenn Anne Stühle zurück und passt sich der Figur an, wodurch Behagen und Schönheit in einem erreicht sind. Und auch in farblicher Hinsicht sind diese Möbel am schönsten: ihr sattes Mahagonibraun und ihr blitzendes Messing absorbieren das warme Licht am besten, und der Pesamtentwurf ist der allererfreulichste. Zwar müssten unsere modernen Möbel bei all den verbesserten Maschinen und der großen Auswahl an Holzarten besser sein als die alten, allein, das Gegenteil ist der Fall.

Wenn ich Ihnen zu Queen Anne-Möbeln rate, so verbinde ich damit nicht etwa die Absicht, Sie deshalb nach Chippendale in England zu schicken: diese Möbel könnten ebenso wohl hierzulande hergestellt werden, und schon aus diesem Grunde sollten Sie eine gute kunstgewerbliche Schule einrichten. Und wenn Sie dann in dieser Schule die Studenten statt an Bildern an Dekorationen und Entwürfen arbeiten ließen, so würden Sie die Produkte solcher Arbeit alsbald in allen Ihren Häusern haben. Die jungen Entwerfer sollten mit dem Bemalen von Möbeln beginnen, was für sie innerhalb von sechs Monaten erlernbar wäre, wonach sie imstande sein müssten, erfreulichere Arbeit zu liefern. In Bayern zum Beispiel sind die Möbel nur um ihrer Farbigkeit willen so schön, die Bewohner der Schweiz hinwiederum verzieren mit eigener Hand ihre Häuser, und es besteht kein Grund zu der Annahme, dass gleiche Vortrefflichkeit nicht auch von den Menschen dieses wie jedes anderen Landes erreicht werden könnte. Nur die Töpferei erfordert größere Kenntnisse, will man zu wirklich schönen Ergebnissen gelangen: man muss mit der Töpferscheibe umzugehen wissen, man muss das Brennen, die Über-, die Unterglasur und noch etliche weitere Prozeduren in der Praxis erprobt haben.

Eine Kunstschule von unschätzbarem Wert wäre ein Museum, das anstelle von ausgestopften Giraffen und ähnlichen Schrecknissen, wie die Männer der Wissenschaft sie zusammenzutragen lieben, alle Arten einfacher Dekorationskunst, Möbel in den unterschiedlichen Stilarten, Bekleidung &c aus verschiedener Zeit zur Schau stellte, ganz besonders aber aus jenen Zeiten, in denen die englischen Künstler noch wirklich Schönes geschaffen haben - ein Museum also, wo die bodenständigen Kunsthandwerker Gelegenheit fänden, Stilistik und bevorzugte Muster all der edlen Entwerfer aus früherer Zeit zu studieren. Solchen kulturellen Impuls wüssten gerade die arbeitenden Menschen zu würdigen, was bezeugt ist durch den Anblick, den das Londoner South Kensington Museum während der Samstagabende bietet: dort kann man die Kunsthandwerker mit offnem Notizbuch auf der Suche nach jenen Ideen sehen, die sie während der kommenden Woche in ihrer Arbeit verwirklichen wollen. Aus solch einem guten Museum würden Ihre Kunsthandwerker innerhalb eines einzigen Jahres mehr Vorteil ziehen als aus zehnjährigem Vorlesungs- oder Bücherstudium.

Vielleicht sind Sie mit einem Kamin gesegnet, bei dessen Errichtung man Sie nicht nach Ihren Wünschen gefragt hat. Wahrscheinlich wirkt er recht düster und hat eine Einfassung aus kaltweißem Marmor, der durch maschinell gefertigte Ornamentik verunziert ist - dergleichen wirkt ja allzeit nur plump und vergröbert. In solchem Falle bleibt Ihnen nur übrig, das ganze nach besten Kräften zu vertuschen: durch Abdecken mit Matten, durch das Anbringen einer holzgeschnitzen Verkleidung, durch einen bis zur Decke reichenden Regal-Aufbau, in dessen Fächer Sie dann Ihr kostbares Porzellan oder sonstige Kunstgegenstände stellen. Die Fächer selbst können mit Saffiangrund oder mit selbstbemalten Paneelen hinterfangen sein. Im Zentrum solcher Regalwand vielleicht eine Aussparung für einen kleinen, kreisrunden Spiegel, denn die großen, goldgerahmten Spiegel unserer Tage sind ja nicht nur sehr teuer, sondern erschlagen sämtliche andere Dekoration. Spiegel hatten ja ursprünglich das Licht im Zimmer auf einen Ort zu konzentrieren, und gerade darin besteht ja die Schönheit der kleinen Rundspiegel.

Ihre Heizgelegenheit soll nicht aus hochglanzpoliertem Stahl bestehen, auch sollte es kein gusseisernes Gitter davor geben, das in der Regel nur ungefügig und hässlich wirkt. Hingegen sind Porzellan-Ofen, wie sie in Holland verwendet werden, wunderschön, und ebenso freut es mich immer wieder, einen der guten altenglischen offenen Kamine zu sehen. In diesem Fall sollten Sie rote Ziegel, einen eisernen Vorsetzer sowie messingblitzendes Kaminbesteck haben. Der Farbenreichtum, der von einem offenen Kamin ausstrahlen kann, ist einfach unberechenbar: da sind einmal die lodernden Flammen, dann die roten Ziegel, hernach die messingne Gerätschaft - insgesamt eine Fülle schönster Farben!

Die Bilder nun, die ich in den meisten von mir besuchten Häusern hier in Amerika gesehen habe, sind von stumpfer Farbe, ja sind gewöhnlich und geschmacklos. Schlechte Bilder zu besitzen ist aber noch ärger, als gar keine zu haben. Besitzen Sie jedoch gute Bilder, dann ordnen Sie ihnen die Dekoration unter, besitzen Sie keine, so widmen Sie sich zur Gänze der Dekoration durch Wand-Ornamentik. Getriebene Wandarme aus Messing zum Beispiel hellen die Wand auf Töricht ist es, kleine Teller an die Wand zu hängen, denn der Ort für sie ist das Wandbord, man darf sie nicht über die Wände verteilen. Große Porzellan- oder große edle Japanteller hingegen könnten in geschmackvoller Anordnung an den Wänden ihren Platz finden. Zur Abendzeit würde ihre Schönheit durch Kerzenlicht nur noch gewinnen, anders als durch Gasbeleuchtung.

Stickereien haben Sie natürlich auch, aber decken Sie um Himmelswillen nicht alles und jedes damit zu, so als wäre bei Ihnen der Waschtag ausgebrochen! Verwenden Sie gestickte Deckchen nicht für allerlei Kleinkram, sondern breiten Sie Schöngemustertes nur über große Flächen! Gute Stickerei verlangt größere Formate, als Sie sie verwenden: Kissen, Vorhänge, Decken, kurz, jede größere Fläche sollte mit geschmackvollen Mustern versehen sein. Nehmen Sie dazu aber keine Seide - sie schillert zu sehr.

Ein Klavier muss man vermutlich haben, wenngleich es ein recht melancholisches Ding ist, das etwas von Leichengepränge an sich hat. Manche Leute behelfen sich da mit einer gestickten Decke, was recht günstig ist bei einem verstimmten Instrument, oder wenn man das Klavierspiel nur mangelhaft beherrscht, oder auch, wenn man kein Musikfreund ist: eine Stoffdecke verdirbt nämlich den Ton total, und kein echter Musikliebhaber würde dergleichen verwenden. Andere Leute hinwiederum stellen Porzellan oder auch Bücher auf ihr Klavier, ganz als wär' es ein Tisch, doch auch das ist nicht richtig. Die beste Form des Klaviers ist noch die aufrechte des Pianino, weil sie gute Gelegenheit für Intarsierung oder Bemalung bietet. Die erste kunstgewerbliche Schule in Amerika, welche uns die Pianinos mit Erfolg verziert, wird der dekorativen Kunst eine neue Ära eröffnet haben. Nun, ein Klavier sollte weder aus Rosenholz gemacht, noch auch mit einer Hochglanzpolitur versehen sein, und die Hersteller dürften keinerlei maschinelle Zier darauf anbringen, sondern müssten es uns in aller glatten, schlichten Einfachheit ins Haus liefern, so dass wir selber es farbig ausgestalten könnten. Man glaube aber nicht, ich hegte eine weltfremde Abneigung gegen die Maschine, doch verspürt wohl niemand unter uns den Wunsch, die gewähltesten Weisen aus einer musikalischen Kiste leiern zu hören. Auch mit den anderen Künsten ist es ja das Nämliche. Nein, Aufgabe der Maschine ist es, den Menschen die Arbeit zu erleichtern. Und den drehbaren Klavierstuhl vollends müsste man in die Schreckenskammer eines Horror-Museums verbannen und durch eine Sitzbank ersetzen, die Platz bietet für zwei Spieler.

Natürlich werden Sie auch Blumen in Ihrem Zimmer haben, doch sollte man da nicht alle Arten durcheinander mischen oder zu großen Buketts vereinen. Manche Blumen wie etwa Rosen oder Veilchen, deren größte Schönheit in ihrer Farbe besteht, kann man ja in größerer Menge zusammenfassen, doch Blumen von perfekter Form, wie etwa Narzisse, Märzenbecher oder Lilie, sollte man einzeln in kleinen, venezianischen Gläsern aufstellen, so dass sie ihre natürliche Wirkung bewahren.

Da wir nun von Gläsern sprechen: Nehmen Sie niemals Kristallglas, es ist allzu gewöhnlich, wirkt nur hart und scharf, und entbehrt jeglicher Anmut. Verwenden Sie geblasene Gläser. Auch schätze ich nicht das amerikanische Speiseservice: glattweißes Porzellan wirkt zu kalt, und die modernen Silbersachen sind schon vom Entwurf her vulgär. Menschen von Geschmack sind, sobald sie eines der jetzigen Juweliergeschäfte betreten, unwillkürlich indigniert beim Anblick all des Aufwands an kostspieligem Material, das bei der Herstellung von Tafelaufsätzen ruiniert wird. Die Schönheit einer gedeckten Tafel beruht einzig in der Qualität und im Aussehen des Porzellans und der Gläser. Für ein gutes dauerhaftes Tafelgedeck nehmen Sie ein Japan-Service oder blau-weißes Porzellan, auch verwenden Sie am besten altes Silberbesteck, solange Ihre Kunsthandwerker nicht gelernt haben, brauchbares neues herzustellen. Im übrigen sollten auch Blumen die Tafel zieren.

Wer von Ihnen altes Porzellan besitzt, der wird es hoffentlich auch verwenden. Nichts ist absurder, als das gute Porzellan im Gläserschrank zur Schau zu stellen, während die gesamte Familie von Steingut speist. Können Sie wertvolles Porzellan nicht vor Schaden bewahren, so sind Sie auch nicht wert, es zu besitzen. Was immer Sie an schönen Gebrauchsgegenständen Ihr Eigen nennen, ist für den Gebrauch bestimmt - wo nicht, so geben Sie's an jemanden weiter, der willens ist, es in Gebrauch zu nehmen. Mit groben Dingen umzugehn, vergröbert unseren Umgang. Aber in San Francisco, in einem chinesischen Speisehaus, habe ich einen chinesischen Taglöhner seinen Tee nippen sehen aus einer wunderschönen Tasse, die von der Zartheit eines Blütenblattes war, wohingegen ich selber in einem Ihrer Erster-Klasse-Hotels, wo man Tausende verschwendet hatte an grelle Farben und geschmacklose Vergoldungen, aus einer Tasse von anderthalb Zoll Stärke habe trinken müssen. jene Kulis aber zerbrechen keine der zarten Tassen, weil sie gewohnt sind, daraus zu trinken. Und deshalb sollten auch Sie Ihre zerbrechlichen Dinge verwenden, um Ihr Personal an die sichere Hantierung damit zu gewöhnen. Das wird zunächst und auf längere Zeit einem Martyrium gleichkommen, doch wird Sie dessen guter Zweck schon für Ihre seelischen Leiden entschädigen. Ich selber habe während meiner College-Zeit venezianische Gläser gesammelt, und mein Diener hat anfangs an jedem Tag der Woche eines davon zerschlagen, und wenn es Sonntag war, auch noch die Karaffe. Doch ich kaufte meine Gläser weiter, und in der Folge, im Verlauf meiner gesamten restlichen College-Zeit, hat er kein einziges Stück mehr zerbrochen.

Noch zu den Bildern: Nichts ist mir verdrießlicher, als so viele gute Bilder verdorben zu sehen durch unsachgemäße Rahmung, will sagen, wenn der Rahmen überhaupt nicht zum Bild passt. Und ebenso wenig mag ich bei schönen Bildern jene großen, blitzend-prätentiösen Goldrahmen. Verwenden Sie Goldrahmen nur bei Bildern, die solche Rahmung vertragen. In allen anderen Fällen sollten die Bilderrahmen in einem Farbton etwa zwischen dem des Bildes und demjenigen der Wand gehalten sein. Goldgerahmte Ölgemälde sollten an samtenen Kordeln aufgehängt werden, Aquarelle, Stiche und Radierungen hingegen nur an Schnüren.

Nichts sieht trübseliger, melancholischer aus als Bilder, die in einer Reihe nebeneinander hängen. Ebenso wohl könnte man zehn oder zwanzig Mädchen auf einer Estrade gleichzeitig ein und dasselbe Klavierstück spielen lassen! Zwei Bilder sollten niemals in gleicher Höhe beisammen hängen, es würde das eine ja vom anderen erschlagen, was einem künstlerischen Selbstmorde gleichkäme. Bilder reihenweise aufzuhängen, das erweckt in mir die Frage, ob solche Leute Bilder überhaupt mögen. Hängen Sie Ihre Bilder effektvoll auf schokoladefarbnen Grund, aber keinesfalls in geometrischer Anordnung, weil dergleichen die Aufmerksamkeit ablenkt. Bilder sollten von einer unter dem Fries angebrachten Simsleiste herabhängen, und zwar bis in Augenhöhe. Der Brauch hier in Amerika, sie in Gesimshöhe zu placieren, erschien mir zunächst als höchst unvernünftig. Erst als ich gewahren musste, wie schlecht diese Bilder waren, lernte ich die Vorteile solchen Brauches erst richtig schätzen.

Hängen Sie keine Photographien von Gemälden an Ihre Wände - es wäre das eine Beleidigung der Großen Meister: nichts vermittelt uns ja einen schlechteren Eindruck von einem Maler, als eine Photographie seiner Malerei. Ich kann mich nicht entsinnen, jemals eine dekorative Photographie gesehen zu haben, denn das erste, worauf Sie merken sollten, ist die Schönheit der Farbe, und auf Photographien findet sich keinerlei Farbe, die den Zwecken der Dekoration förderlich sein könnte. Photographien sind lächerliche Vorspiegelungen, wir sollten sie in Portefeuilles aufbewahren und nur jenen Freunden zeigen, von denen wir keine üble Nachrede zu befürchten haben. Denn genau so, wie ein Gemälde ein exquisites Farb-Arrangement sein sollte, genau so sollte ein Stahl- oder Kupferstich ein ebensolches von Schwarz und Weiß sein, und das ist die Photographie unter gar keinen Umständen. Die meisten modernen Stiche sind zwar nicht gut, die Holzschnitte aber sind schlecht. Radierungen sind natürlich immer gut, und man sollte sie an die Wände hängen oder in Holzplatten einlassen und auf ein Wandbord stellen. Holzstiche von Meistern wie Gustave Doré vertragen Holzrahmung und können an die Wände gehängt werden.

In jedem Hause sollten sich einige gute Gipsabgüsse griechischer Skulpturen vorfinden. Kein edlerer Einfluss lässt sich denken, als derjenige, den in einem Zimmer die Venus von Milo ausstrahlt. In Gegenwart eines so reinen Werkes der Kunst wird wohl jede Lästerzunge verstummen. Die Bibliothek aber ist der rechte Ort, um darin Gipsabgüsse berühmter Männer aufzustellen.

Doch jetzt zu den Büchern selbst: Eine alte Bibliothek zählt zum Schönsten, was man sich an effektvoller Farbigkeit vorstellen kann. Die alten Buchrücken sind von so herrlich verbliebenen Farben und von so schöner Bindung - denn alles Schöne ist auch stets von der solidesten Machart. Die moderne Buchbinderei bedeutet einen der schwersten Rückschläge in bezug auf die Schönheit zahlreicher Bibliotheken - die Bücher sind in alle erdenklichen grellen Farben gebunden. Die besten Einbände sind diejenigen von weißem Pergament oder Velinpapier, denn sie sehen schon nach wenigen Jahren wie Elfenbein aus. Auch Kalbsleder ist gut, weil es mit der Zeit die unterschiedlichsten Gold-Tönungen annimmt. Nun können Sie aber nicht Ihre sämtlichen Bücher neu binden lassen: so bleibt als Ausweg nur, sie hinter Vorhängen zu verbergen, und das so lange, als nicht ein geschmackvollerer Stil den gegenwärtig herrschenden abgelöst hat. Als ich in Boston an Land ging, musste ich sehen, dass mein alter Verleger, der von London hierher übersiedelt war, meine Dichtungen in eben jene entsetzlichen Farben gebunden hatte, an deren Bekämpfung ich meine Jugend gewendet. Und ich dachte bei mir, dass er meiner eigentlich hätte schonen können!

Doch jetzt noch einiges in puncto Kleidung: Echte Vornehmheit ist hier ein wichtiger Teil der Erziehung, doch gibt es leider vieles im Bekleidungswesen unserer Tage, das uns entmutigen muss. Wäre die Kleidung im dreizehnten und vierzehnten Jahrhundert nicht eine so schöne gewesen, so hätte Venedigs Kunst niemals solche Höhe erreicht. Nichts in der Mode der Gegenwart ist aber dazu angetan, den Künstlern ein ähnliches Vorbild zu liefern, und ich wage kaum daran zu denken, was wohl im Kopf eines wahren Bildhauers vor sich gehen würde bei der Aufforderung, er möge das Standbild eines modern gekleideten Mannes schaffen es würden wohl recht selbstmörderische Gedanken sein. Es gibt ja kein sichreres Anzeichen für den Verfall der Moral, als den Schmutz und die Gleichgültigkeit in den Fragen der Kleidung: alles Geld, das wir für moderne Bekleidung auf den Tisch zählen, ist hinausgeworfenes Geld. Die Menschen sollten eine schöne Umgebung nicht durch düstere Kleidung beeinträchtigen. Unsre Kleidung ist aber insgesamt allzu düster, und so sollten wir uns dazu verstehen, mehr Farbigkeit, mehr freundliche Helle in sie zu legen. Licht und Schatten sollten ja stets in schönem Gleichmaß zueinander stehen, und das Leben hätte mehr an Freude zu bieten, würden wir uns daran gewöhnen, in der Mode nach Kräften von schönen Farben Gebrauch zu machen. Ich glaube, dass die Kleidung kommender Tage sehr reich drapiert und von erfreulicher Farbigkeit sein wird.

Auch sollte man nichts Sinn- oder Nutzloses an seiner Kleidung haben. Die Schönheit eines Gewandes liegt in seiner Einfachheit - und all die unnützen, verwirrenden Schleifen, Falbeln, Volants und Knoten, kurz, der sinnlose Krimskrams, der heute als so modisch gilt, ist samt und sonders die törichte Erfindung der Putzmacherinnen. Das ganze Übel moderner Kleidung kommt nur aus der Verkennung des Umstandes, dass die rechten Leute, die sich um unsre Erscheinung zu kümmern hätten, einzig die Künstler sind und nicht die modernen Putzmacherinnen, deren Augenmerk bloß darauf gerichtet ist, hohe Rechnungen auszustellen.

Nichts kann schön sein, was unserer Gesundheit schadet, wie etwa die engen Korsetts. Alle Kleidung passe sich der Figur an und sei bequem genug, uns Bewegungsfreiheit zu lassen, bringe aber auch die Figur zur Geltung! Alles, was diese Figur entstellt oder die Schönheit natürlichen Wuchses verwischt, ist hässlich, und so bedarf es sowohl der anatomischen Kenntnisse als auch des künstlerischen Feingefühls, um unserem Bekleidungswesen aufzuhellen. Man stelle sich die mediceische Venus vor, herabgestiegen von ihrem Podest im Louvre und zur Schau gestellt bei Mr. Worth im Palais Royal sowie angetan mit all dem neumodisch-französischen Putz: ihre Schönheit wäre zerstört, und kein Mensch würde es der Mühe wert finden, ein zweitesmal hinzusehen.

Durchblättern Sie eine Kostümgeschichte, und Sie werden sehen, dass die Kleidung immer dann am schönsten war, wenn sie am einfachsten gewesen ist. Eine der frühesten Formen ist die Drapierung bei den Griechen des Altertums: sie ist exquisit einfach und wirkt an jungen Mädchen einfach exquisit, wenngleich ich warnend hinzufügen muss, dass es überaus schwierig ist, sie zu entwerfen. Und ich glaube, auch unsre Begeisterung in Anbetracht der Gewandung unter dem Zweiten Karl ist entschuldbar, denn die war von solcher Schönheit, dass sie, wiewohl von den Royalisten eingeführt, von den Puritanern nachgeahmt wurde. Und auch über die Kinderkleidung von damals sollte man nicht hinwegsehen: es war ein wahrhaft Goldenes Zeitalter für die Kleinen! Ich glaube nicht, dass sie jemals wieder so allerliebst ausgesehen haben wie auf den Bildern aus jener Zeit. Und unsere Damen vollends mögen sich die Kostüme aus dem alten Venedig genau ansehen und sich nach ihnen richten. Will man aber moderner erscheinen, so ist die englische Kleidung aus dem vergangenen Jahrhundert ganz besonders anmutig und graziös: man betrachte nur die stilvollen Gewänder auf den Gemälden von Sir Joshua Reynolds oder von Gainsborough! Nichts von Bizarrem ist da zu bemerken, einzig Schönheit und Harmonie erfreuen das Auge. Ferner sollte unsre Kleidung auch nichts Outriertes an sich haben. Herr wie Dame könnten sie so passend gestalten, dass sie nicht nur kein Missfallen hervorriefen sondern das Lob all derer, die über ein künstlerisches Auge verfügen.

Von allen hässlichen Dingen sind künstliche Blumen wohl das Hässlichste, doch bin ich sicher, dass niemand von Ihnen sich dergleichen anstecken wird. Und auch das Tragen modernen Schmuckes unterlässt man lieber, denn er ist schon schlecht vom Entwurf her. Schwierig ist es auch, über den modernen Kopfputz der Damen zu sprechen, doch nicht etwa, weil es Grenzen des Abscheus gäbe, sondern weil es gilt, in der Sprache die Grenzen der Schicklichkeit einzuhalten. Derlei Gebilde sind von der unvernünftigsten Monstrosität und überdies von keinerlei Nutzen für die Trägerin: im Sommer halten sie die Sonne nicht ab, im Winter nicht den Regen. Der große Hut des letzten Jahrhunderts war vernünftiger und auch praktischer, und nichts auf der Welt ist von größerer Anmut, als ein Hut mit ausschwingender Krempe. Wir verstehen nicht mehr, die Menschengestalt künstlerisch zu drapieren, ja wir haben uns sogar der schönen Radmäntel mit ihrem reichen Faltenwurf begeben zugunsten der unschönen Überzieher. Hingegen ist der weitgeschnittene Mantel wie eh und je die einfachste und auch schönste Form der Drapierung, die man je ersonnen hat.

Das Missbehagen an unserer gegenwärtigen Kleidung zeigt sich ja schon in der Bereitwilligkeit, sich alle drei Monate einer neuen Mode zu unterwerfen. Jede wirklich schöne Kleidung aber ist auch von Dauer, und ist erst die Schönheit da, so auch die Ersparnis. Heutzutage, da wir so sehr ausgeplündert sind durch die modernen Putzmacherinnen, hören wir so manche Dame sich rühmen, sie trüge ein Kleid oder Kostüm nur ein einziges Mal. In vergangenen Zeiten, als die Kleider noch echt geziert waren mit schönen Ornamenten und exquisiter Stickerei, setzten die Damen ihren Stolz darein, solchen Staat möglichst oft zur Schau zu tragen, ja ihn weiterzugehen an ihre Töchter als etwas Schönes und Kostbares, das auch sie noch tragen sollten: ein Verfahren, das, so glaube ich, von den Vätern und Ehemännern unserer Tage recht sehr geschätzt würde, namentlich so oft es gilt, die aufgelaufenen Schneiderrechnungen zu bezahlen.

Wie aber sollten die Herren sich kleiden? Männer behaupten ja, nicht allzu viel Wert auf ihre Kleidung zu legen, weil diese Frage von rein sekundärer Bedeutung sei. Dem muss ich entgegenhalten, dass ich ihnen das nicht glaube, und dass auch Sie, so scheint mir, das nicht tun. Die Männer kleiden sich in Schwarz und in nüchterne Grau- oder Brauntöne, weil das eben üblich ist, und ihre Kleidung ermangelt der Schönheit auch im Zuschnitt, weil dieser der Harmonie nicht achtet. Auf all meinen Reisen durch dieses Land waren die einzig gutgekleideten Männer, die ich in Amerika zu Gesicht bekommen habe, die Minenarbeiter in den Rocky Mountains: sie trugen breitkrempige Hüte, die ihnen Sonne und Regen abhielten, und ihre weiten Mäntel, die ja wirklich das Schönste an Faltenwurf sind, das je erdacht worden ist, waren einfach bewundernswert. Auch die hohen Stiefel waren vernünftig und praktisch. Diese Minenarbeiter wollten von ihrer Kleidung nur Bequemlichkeit und erreichten dadurch auch Schönheit. Und als ich sie so betrachtete, musste ich plötzlich voll Bedauern daran denken, wie wohl diese Männer, nachdem sie in den Bergen ihr Glück gemacht hätten, wieder nach dem Osten zurückkehren und alle Abscheulichkeiten des Modischen wieder annehmen würden. Einigen von ihnen habe ich sogar das Versprechen abgenommen, dass sie, wieder im Gewühl des östlichen Zivilisationsbetriebes, ihre schönen Gewänder beibehalten würden, doch glaube ich nicht recht, dass sie ihr Versprechen auch halten werden.

Die Männerkleidung des vergangenen Jahrhunderts war voll Anmut, und unsere Herren mögen doch im eignen Interesse die noble und schöne Erscheinung eines George Washington studieren! Jener wackere, große Mann war stets geschmackvoll gekleidet, ganz wie auch andere Amerikaner aus seiner Zeit. Überhaupt sollten die Männer mehr Samt tragen - in Grau, in Braun oder auch Schwarz -, weil er Licht und Schatten besser verträgt, wohingegen das feine Tuch eher hässlich wirkt, weil es Licht und Schatten nicht absorbiert. lange Beinkleider sind dem Straßenkot ausgesetzt - Kniehosen sind bequemer und zweckdienlicher, sie bieten den hübscheren Anblick und bleiben auch sauberer. Hohe Stiefel halten den Straßenkot zwar ab, doch sollte man in der Wohnung Halbschuhe und seidene Strümpfe tragen. Und schließlich wären Umhänge oder Radmäntel zu verwenden anstatt der engen Überröcke.

Abschließend erhebt sich die Frage nach der Relation zwischen Kunst und Moral. Es heißt ja bisweilen, dass unsere Kunst im Widerspruch zur Moral stehe, doch ist sie, ganz im Gegenteil, der Moral förderlich. Kriege, Waffenlärm und das Aufeinandertreffen der Männer in der Schlacht, dergleichen muss es wohl allezeit geben, doch ich glaube, dass die Kunst, ob sie auch durch Schaffung einer allgemeinen geistigen Gestimmtheit zwischen den Ländern dieser Erde nicht vermag, des Friedens silberne Schwingen über der Welt zur Entfaltung zu bringen, doch die Menschen solche Brüderlichkeit lehren wird, dass sie nicht länger ausziehen, einander zu erschlagen um der törichten Launen von Königen und Ministern willen, wie das in Europa geschieht. Denn der nationale Hass ist immer dort am stärksten, wo's um die Kultur am schwächsten bestellt ist.

Und eben daher kommt auch die enorme Bedeutung, die wir in unserer englischen Renaissance den dekorativen Künsten beimessen. Wir wollen, dass die Kinder in England aufwachen im schlichten Umkreis alles Schönen. Der vereitelnde Einfluss der Kunst schon im zarten Kindesalter wird für uns alle von höchstem Wert, sobald wir diese Kinder lehren, das zu lieben, was schön ist und gut, doch das zu verabscheuen, was böse ist und hässlich. Wenn sodann ein Knabe heranwächst, so lernt er, dass wir zwar fleißig sein müssen, dass aber aller Arbeitsfleiß ohne die Kunst nur die reine Barbarei bedeutet.

Denn es hat noch niemals eine Zeit gegeben, die den geistigen Beistand der Kunst so sehr benötigt hätte wie unsere Gegenwart, Heutzutage bedarf es mehr denn je des Künstlers und der Liebe zum Schönen, um den schmutzigen Materialismus zu zügeln und ihm zu begegnen. In einer Zeit, da die Wissenschaft sich angeschickt hat, zu Felde zu ziehen gegen des Menschen geistige und seelische Natur - in einer Zeit, da der Kommerz unsere schönen Flüsse und herrlichen Wälder verdirbt und zugrunde richtet, ja in seiner Gier nach Profit noch den strahlenden Himmel mit Schmutz überzieht: in solch einer Zeit tritt der Künstler auf als ein Hohepriester und Prophet der Natur, um Protest zu erheben auch in seinen Werken, Protest gegen die Prostitution, gegen die Perversion alles dessen, was edel ist und erhaben am Menschengeschlecht und was schön ist in der physischen Welt. Und seine Frömmigkeit ist in ihrer wohltätigen Wirkung auf die Menschen so strahlend und hell wie die Sonne. Groß sind die Wahrheiten, groß ist die Schönheit in katholischer Bildkunst und protestantischer Kirchenmusik, und kein sektiererisches Vorurteil, keine engstirnige Bigotterie kann die Welt davon abhalten, zu danken und zu bewundern. Und so leg' ich Ihnen allen ans Herz: lassen Sie sich nicht entmutigen durch die Lächerlichkeit, mit der man heute diejenigen belegt, welche die Kühnheit aufbringen, gegen das öffentliche Vorurteil anzurennen! Mit der Zeit werden die wahren Prinzipien aller Ästhetik sich durchsetzen. In aller Welt, zu allen Zeiten und in allen Zeitaltern hat es Menschen gegeben, die den Mut gehabt haben, für Meinungen einzutreten, die von der Öffentlichkeit verabscheut wurden. Haben aber jene, die solche Meinungen vertreten, auch das Herz, sie hochzuhalten, ja zu verteidigen, so ist es absolut gewiss, dass am Ende die Wahrheit doch noch triumphiert.

So sei es denn an Ihnen, eine Kunst zu schaffen, die hervorgeht aus den Händen des Volkes zur Freude eben dieses Volkes, eine Kunst auch, die demokratisch sein und Eingang finden wird in die Häuser des Volkes, um dort noch dessen einfachste Gefäße zu verschönen. Denn nichts ist zu gering im täglichen Gebrauch, nichts von den Gegenständen unsres Alltags zu trivial, als dass es nicht durch Ihre Hand veredelt werden könnte, nichts gibt es im Leben, das nicht erhoben und geheiligt würde durch die Kunst.“