Der Priester und der Messnerknabe

Erster Teil

»Vater, gib mir deinen Segen, denn ich habe gesündigt.«

Der Priester fuhr zusammen; Geist und Körper waren übermüdet, seine Seele war traurig und sein Herz war schwer, während er in der schrecklichen Abgeschlossenheit des Beichtstuhles saß und immer dieselbe Runde oft wiederholter Sünden mit anhören musste. Die monotone Art und Weise und die selbstverständlichen Mienen ermüdeten ihn. Wird die Welt immer gleich bleiben? Seit beinahe zwanzig Jahrhunderten waren Christenpriester in den Beichtstühlen gesessen und hatten denselben alten Geschichten gelauscht. Die Welt schien nicht besser zu werden, sie blieb sich immer gleich, immer gleich. Der junge Priester seufzte, und einen Augenblick lang wünschte er sie sich schlechter. Warum konnten die Menschen diesen alten ausgetretenen Pfaden nicht entfliehen und etwas eigenartiger in ihren Lastern sein, wenn sie schon sündigen mussten? Aber die Stimme, welche er jetzt hörte, riss ihn aus seiner Träumerei. Sie war süß und weich, scheu und unsicher zugleich. Er erteilte den Segen und lauschte. Ach ja, er erkannte jetzt die Stimme. Er hatte sie an diesem Morgen zum ersten Male gehört; es war die des kleinen Ministranten, welcher zum erstenmal seine Messe bedient hatte. Er wandte seinen Kopf und blickte durch das Gitter auf das kleine geneigte Haupt und erkannte es an den langen weichen Locken.

Plötzlich wandte sich ihm das Gesicht zu, und große, blaue, feuchte Augen blickten zu ihm auf; er sah das kleine ovale Gesicht erröten vor Scham über die einfachen, kindlichen Sünden, die er berichtete. Da durchzuckte ihn das Gefühl, dass wenigstens hier etwas in der Welt war, das schön und wirklich echt war. Würde der Tag kommen, an welchem diese süßen roten Lippen hart und falsch geworden sein würden? Der Tag, an dem der sanfte schüchterne Diskant gleichgültig und konventionell würde? Seine Augen füllten sich mit Tränen, und mit unsicherer Stimme erteilte er die Absolution. Nach einer Weile hörte er den Knaben sich erheben, und er blickte ihm nach, wie er durch die kleine Kapelle schritt und vor dem Altar niederkniete, um sein Bußgebet zu verrichten. Der Priester barg sein mageres abgespanntes Gesicht in den Händen und seufzte müde.

Als er am nächsten Morgen vor dem Altar zelebrierte und sich umwandte, um das Kredo zu sprechen, betrachtete er den kleinen Ministranten, dessen Haupt so fromm geneigt war. Er beugte sich tief herab, bis sein Kopf leicht den goldenen Heiligenschein berührte, der das Gesicht des kleinen Knaben umrahmte, und er fühlte es in seinen Adern pochen und brennen, wie eine neue, wundervolle Anziehungskraft. Wenn das Wunderbarste in der Welt - vollkommener Seeleneinklang - einen Menschen plötzlich erfasst, so fühlt er Himmel und Hölle; aber wenn der Mann ein Asket, ein Priester ist, dessen Herz an das Überirdische hingegeben ist, so geschähe ihm besser, er wäre nie geboren. Als sie in die Sakristei kamen und der Knabe andächtig vor ihm stand, um das Messgewand entgegenzunehmen, kam dem Priester die Erleuchtung, dass von nun an seine ganze religiöse Hingabe, die ekstatische Inbrunst seiner Gebete verbunden sein - nein, inspiriert sein würden durch ein einziges Objekt. Er legte seine Hand auf das lockige Haupt des Knaben mit derselben Andacht und Demut, mit welcher er die heiligen Sakramente berührte, bog das schmale, blasse Gesichteben zu sich und küsste ihn zart auf die glatte weiße Stirne.

Als der Knabe die Liebkosung der Hand fühlte, verschwamm einen Augenblick alles vor seinen Augen, aber als er die leichte Berührung der Lippen fühlte, überkam ihn eine wundervolle Gewissheit: er begriff. Er erhob seine kleinen Arme, schlang seine schmalen weißen Hände um des Priesters Nacken und küsste ihn auf die Lippen. Mit einem leisen Schrei stürzte der Priester auf die Knie, presste die kleine, in Scharlachrot und weiße Spitzen gekleidete Gestalt an sein Herz und bedeckte das hold errötende Gesicht mit brennenden Küssen. Plötzlich erschraken beide, sie trennten sich hastig, falteten mit heißen, zitternden Fingern die geweihten Gewänder zusammen und gingen rasch in schüchternem Schweigen auseinander.

Der Priester kehrte in seine dürftigen Zimmer zurück, setzte sich nieder und versuchte zu denken. Aber es war umsonst; er versuchte zu essen, schob aber widerwillig den Teller zurück: er versuchte zu beten, aber anstatt der stillen Gestalt am Kreuz, der stillen kalten Gestalt mit dem müden, so müden Gesicht, sah er fortwährend das leichtgerötete Gesicht eines lieblichen Knaben und die weiten sterngleichen Augen seiner neugefundenen Liebe.

Den ganzen Tag kam der Priester seinen verschiedenen Pflichten automatisch nach, aber er konnte weder essen noch ruhig sitzen, denn sobald er allein war, ließen ihn die Gedanken nicht in Ruhe, und er fühlte, er müsse ins Freie flüchten oder wahnsinnig werden.

Endlich kam die Nacht. Der lange heiße Tag hatte ihn vollkommen erschöpft. Er warf sich vor seinem Kruzifix auf die Knie und zwang sich zu denken.

Er rief sich seine Kinder- und Jugendzeit ins Gedächtnis zurück: die Erinnerung an die schrecklichen Seelenkämpfe der letzten fünf Jahre kam ihm wieder. Hier kniete er, Ronald Heatherington, Priester der heiligen Kirche, achtundzwanzig Jahre alt, sollte er all das umsonst gelitten haben, was er während dieser fünf Jahre an wilden Kämpfen gegen diese fürchterlichen Leidenschaften seiner Jugend durchgemacht hatte? Seit einem Jahr glaubte er alles in sich zum Schweigen gebracht zu haben, sogar die schrecklichen Anfälle leidenschaftlicher Liebessehnsucht glaubte er für ewig erstickt zu haben. Er hatte so hart und unaufhörlich an sich gearbeitet seit seiner Einkleidung - er hatte sich seinem geweihten Berufe so voll und ganz hingegeben; mit der ganzen Intensität seiner Natur war er in die wundervollen Mysterien seiner Religion eingedrungen. Er hatte alles vermieden, was ihn ablenken könnte, alles, was eine Erinnerung an sein verflossenes Leben wachrufen könnte. Dann hatte er diese Stelle eines Kaplans bekommen, versah allein den Dienst der kleinen Kapelle neben dem Hause, das er jetzt bewohnte, es war eine der kleinen Missionskapellen, welche am weitesten entfernt lag von der alten Gemeindekirche von St. Anselm. Er war erst vor einigen Tagen eingetroffen und als Messnerknaben hatte man ihm den kleinen Enkel zur Verfügung gestellt, dessen Großeltern in dem Hause wohnten, dessen Rückseite an sein eigenes Gärtchen stieß.

»Mein Sohn war ein Künstler, mein Herr,« hatte der alte Mann zu ihm gesagt. »Er fühlte sich hier niemals glücklich, und deshalb schickten wir ihn nach London; er hatte dort viel Erfolg und heiratete eine Dame der Gesellschaft, aber das rauhe Klima bekam ihm nicht gut, er starb und ließ seine arme Junge Frau mit dem kleinen Buben zurück. Sie zog ihn auf und unterrichtete ihn selbst, mein Herr, aber verflossenen Winter starb auch sie, und so kam das arme Kind zu uns. - Wilfried ist sehr zart und gar nicht wie aus unserm Schlag. Seine Mutter ließ ihn gern als Messnerknaben in ihrer Londoner Kirche den Dienst versehen, und das Kind selbst hatte so viel Freude daran, dass wir dachten, wenn Sie nichts dagegen hätten, mein Herr, er würde sehr glücklich sein, dasselbe auch hier tun zu dürfen.«

»Wie alt ist der Knabe?« fragte der junge Priester.

»Vierzehn, mein Herr,« erwiderte die Großmutter.

»Gut, schicken Sie ihn mir morgen früh in die Kapelle.« Ronald hatte zugestimmt.

Ganz in seine Andacht vertieft, hatte der junge Mann den kleinen Ministranten kaum beachtet, der den Dienst versah, und erst als er später seine Beichte ablegte, hatte er seine zauberhafte Lieblichkeit bemerkt.

»O Gott! Hilf mir! Erbarme dich! Soll all meine Mühe und Plage umsonst gewesen sein? Soll ich mich wieder selbst verlieren? Hilf mir! Hilf mir, o Gott!« Gerade während er betete, gerade während er seine Hände flehentlich zu den Füßen des Kruzifixes rang, vor welchem er seine härtesten Kämpfe durchgemacht hatte - gerade während die Tränen bitterster Zerknirschung und Selbstanklage seine Augen verdunkelten - klopfte es leise an das Fenster neben ihm. Er erhob sich und zog erstaunt den dichten Vorhang zur Seite. Auf dem mondbeschienenen Platz vor seinem Fenster, barfuss, nur mit einem weißen langen Nachthemd bekleidet, stand sein kleiner Ministrant, das Kind, welches seine ganze Zukunft in seinen zarten Kinderhänden hielt.

»Wilfried, was tust du hier?« fragte er mit zitternder Stimme.

»Ich konnte nicht schlafen, Hochwürden, ich musste immer an Sie denken, und ich sah Licht in Ihrem Zimmer, da kletterte ich aus dem Fenster und kam, um Sie zu sehen. Sind Sie mir böse, Hochwürden?« fragte er zitternd, als er den fast wilden Ausdruck in dem asketischen Gesicht bemerkte.

»Warum wolltest du mich sehen?« Der Priester wagte kaum sich die Situation ganz klar zu machen und hörte fast nicht, was das Kind sprach.

»Weil ich Sie liebe, ich liebe Sie - oh, so sehr! Aber Sie - Sie sind böse auf mich - oh, warum bin ich gekommen? Ich dachte nie, dass Sie böse sein würden.«

Und der Kleine sank ins Gras und brach in bittere Tränen aus.

Der Priester sprang durch das offene Fenster, nahm die kleine schmale Gestalt in die Arme und trug sie in das Zimmer. Er zog den Vorhang vor, setzte sich in den tiefen Lehnsessel, legte den kleinen, blonden Kopf an seine Brust und küsste die Locken wieder und wieder.

»Oh, mein Liebling, mein wunderschöner Liebling!« flüsterte er, »wie könnte ich dir böse sein? Du bist mir mehr als die ganze Welt. Ach Gott! Wie ich dich liebe, mein süßer Liebling!«

Fast eine Stunde blieb der Knabe in seine Arme geschmiegt, Wange an Wange gelehnt, dann sagte der Priester ihm leise, dass er heimgehen müsse. Ihre Lippen begegneten sich in einem letzten langen Kusse, dann schlüpfte die schmale weißgekleidete Gestalt durch das Fenster, rannte durch den kleinen mondbeschienenen Garten und verschwand in dem gegenüberliegenden Fenster.

Als sie sich am folgenden Morgen in der Sakristei trafen, hob der kleine Knabe sein schönes, blumengleiches? Gesicht, und der Priester legte sanft seine Arme um ihn und küsste ihn zart auf die Lippen.

»Mein Liebling, mein Liebling,« war alles, was er sagte: aber der Knabe erwiderte seinen Kuss mit einem Lächeln beinahe himmlischer Liebe, einem Schweigen, das beredter war als Worte.

»Ich möchte wissen, was heute mit Hochwürden los war,« sagte ein altes Weib zum andern, als sie von der Kapelle nach Hause gingen, »er war so zerstreut, dass er mehr Fehler machte als Pfarrer Thomas in einem Jahr. «

»Grad so, als hätte er noch nie eine Messe gelesen, « erwiderte ihre Freundin mit Geringschätzung. Und Nacht für Nacht zog der Priester mit dem schmalen müden Gesicht einen Vorhang über sein Kruzifix und wartete am Fenster, bis der Schein des bleichen sommerlichen Mondlichtes sich in einer Krone goldener Locken spiegelte, wartete auf den Anblick schlanker Knabenglieder, vom langen weißen Nachthemde umhüllt, welches die Grazie jeder Bewegung eher unterstrich, und durch das Gras eilender weißer Füße. Dort am Fenster wartete er Nacht für Nacht auf zarte Arme an seinem Halse und das berauschende Entzücken zarter Knabenküsse auf seinen Lippen.

Ronald Heatherington irrte sich jetzt nicht mehr bei der Messe. Er sagte die feierlichen Worte mit solcher Inbrunst und Andacht, dass sogar die einfachen armen Leute, welche zuhörten, beinahe mit abergläubischer Ehrfurcht von ihm zu sprechen begannen, während das Gesicht des kleinen Ministranten mit solcher Innigkeit zu ihm aufblickte, dass sie sich fragten, woher dieses überirdische Leuchten käme. Sicher müsse der junge Priester ein Heiliger sein, während der Knabe neben ihm mehr wie ein Engel aussähe als ein erdgeborenes Kind.

Teil 2