Londoner Malermodelle (1889)

Das Berufsmodell ist eine Erfindung unserer Tage. Den Griechen zum Beispiel war es so gut wie unbekannt. Zwar berichtet uns Mr. Mahaffy von dem Brauch des Perikles, den großen Damen der Athener Gesellschaft Pfauenvögel zum Präsent zu machen, um die ersteren zu bewegen, seinem Freund Phidias Modell zu sitzen, und es ist uns auch bekannt, dass Polygnot seinem Bilde der Troerinnen das Antlitz der Elpinike einfügte, der berühmten Schwester des großen konservativen Parteiführers jener Tage doch fallen jene grandes dames gewiss nicht unter die von uns zu behandelnde Kategorie. Und soweit es die Alten Meister betrifft, haben diese zweifellos immer wieder Studien nach ihren Schülern und Lehrbuben gemacht, ja es sind sogar ihre frommen Bilder voll der Bildnisse von Freunden und Anverwandten. Dennoch scheint man damals noch nicht im Genuss jener unschätzbaren Errungenschaft gewesen zu sein, dass da eine Klasse von Leuten existiert, deren einzige Profession es ist, zu posieren. Tatsächlich ist ja das Modell im hier gebrauchten Wortsinn eine direkte Erfindung der Akademie-Malerei.

Heutzutage hat jedes Land seine eigenen Modelle, Amerika ausgenommen. In New York, ja sogar in Boston, ist ein gutes Modell so selten aufzutreiben, dass die meisten Maler mit dem Niagara und den Millionären vorlieb nehmen müssen. In Europa hingegen liegen die Dinge anders. Hier haben wir Modelle im Überfluss, Modelle jedweder Nationalität. Die italienischen sind die besten: ihre natürliche anmutsvolle Haltung und ihre malerische Farbe machen sie dem Pinsel zum gefügigen - oft allzu gefügigen - Objekt. Die französischen Modelle sind, obgleich nicht so schön wie die aus Italien, sehr rasch von Begriff und erfassen die Wünsche des Künstlers im Augenblick - eine wirklich bemerkenswerte Fähigkeit. Auch beherrschen sie meisterlich das Mienenspiel, sind ganz besonders dramatisch und wissen im Atelierjargon ebenso trefflich zu plaudern wie der Kunstkritiker des Gil Blas. Hingegen bilden die englischen Modelle eine Klasse für sich: weder sind sie so malerisch wie ihre italienische Kollegenschaft, noch auch so klug wie die französische und verfügen über keinerlei Fachtradition. Hin und wieder klopft ein alter Veteran an die Ateliertür und bietet sich an, als blitze trotzender Ajax zu sitzen oder auch als König Lear auf verödeter Heide. Vor etlicher Zeit hat da einer sich an einen prominenten Maler gewandt, welcher die angebotenen Dienste zufällig gebrauchen konnte und den Mann engagierte mit dem Ersuchen, er mög' eine knieende Gebetshaltung einnehmen. »Wünschen Sie, dass ich biblisch wirke, oder soll ich lieber shakespearisch aussehen, Sir?« lautete die Frage des Veteranen. »Nun, sagen wir - shakespearisch«, versetzte der Maler, voll Neugier, durch welche subtile Nuance der Mann solch feinen Unterschied wohl zum Ausdruck bringen werde. »Geht in Ordnung, Sir«, sagte solcher Professionist der Pose, kniete feierlich nieder und fing an, mit dem linken Auge zu blinzeln! Allein, diese Kategorie ist im Aussterben. Heutzutage ist das Modell meist ein hübsches Mädchen zwischen Zwölf und Fünfundzwanzig, versteht überhaupt nichts von Kunst, ist womöglich noch weniger daran interessiert, sondern nur darauf bedacht, auf unproblematische Weise ihre sieben bis acht Shillings pro Tag zu verdienen. Englische Malermodelle werfen kaum einen Blick auf das Bild und hüten sich ,jemals irgendwelche ästhetischen Theorien zu äußern. Auf solche Weise verkörpern sie wirklich und aufs Vollkommenste Mr. Whistler's Theorie von der Rolle des Kunstkritikers, denn sie lassen keinerlei kritische Bemerkungen verlauten. Jede Schule ist ihnen recht, sie akzeptieren einfach alles mit der großen Vorurteilslosigkeit des Auktionators und sitzen dem jungen impressionistischen Phantasten ebenso bereitwillig wie dem gewitzten, mit allen Wassern gewaschenen Akademiker. Ob Whistlerianer oder nicht - ihnen gilt es gleich. Unberührt von dem Gezänk zwischen den Vertretern des Faktischen und denjenigen des Effektvollen in der Malerei, sind ihnen »idealistisch« und »naturalistisch« nur bedeutungsleere Worthülsen. Ihr einziger Wunsch ist ein geheiztes Atelier und ein warmer Imbiss, denn alle freundlichen Künstler reichen ihren Modellen auch eine Stärkung. Was immer man von ihnen zu tun verlangt sie tun es. Montags tragen sie die Lumpen eines Bettelmädchens für Mr. Pumper, dessen ergreifende Bilder aus dem Leben unserer Tage das Publikum so sehr zu Tränen rühren, am Dienstag posieren sie im Peplos für Mr. Phoebus, welcher dafürhält, jeder wahrhaft künstlerische Bildvorwurf müsse den vorchristlichen Jahrhunderten angehören. So gehen sie unbeschwert durch sämtliche Zeiten und Kostüme und sind, ganz wie die Schauspieler auch, nur dann interessant, wenn sie nicht sie selber sind. Im übrigen sind sie außerordentlich gutmütig und sehr entgegenkommend. »Als was sitzen Sie?« fragte ein junger Künstler das Modell, welches ihm ihre Karte übersandt hatte (alle Modelle besitzen solche Geschäftskarten sowie ein schwarzes Täschchen). »Oh, als alles, was Sie wünschen, Sir«, versetzte das Mädchen. »Zur Not auch als Landschaft.«

Zugegeben: in geistiger Hinsicht sind diese Geschöpfe von der spießigsten Kleinbürgerlichkeit, aber soweit es das Körperliche betrifft, sind sie vollkommen - zumindest einige von ihnen. Obschon keine einzige altgriechisch sprechen kann, verstehen doch sehr viele, altgriechisch auszusehen, was natürlich für einen Künstler dieses neunzehnten Jahrhunderts von ganz besonderer Wichtigkeit ist. Lässt man sie gewähren, so plappern sie alles mögliche daher, nie aber sagen sie etwas. Ihre Bemerkungen sind die einzigen Banalitäten, die man im Bereich der Bohème zu Ohren bekommt. Und wissen sie den Künstler auch nicht als Künstler zu werten, so sind sie durchaus bereit, ihn in seiner Rolle als Mann zu schätzen. Auch sind sie sehr empfänglich für Freundlichkeit, Achtung und Generosität. Ein ungewöhnlich schönes Mädchen, das zwei Jahre hindurch einem unserer bekanntesten englischen Maler Modell gesessen, verlobte sich mit einem herumziehenden Eisverkäufer. Anlässlich ihrer Heirat übersandte ihr der Maler ein hübsches Hochzeitsgeschenk und erhielt daraufhin ein herzlich gehaltenes Dankschreiben mit dem bemerkenswerten Postscript: »Essen Sie auf keinen Fall von dem grünen Eis!«

Sind die Modelle ermüdet, so gönnt der weise Künstler ihnen eine Pause. Dann sitzen sie herum und lesen Groschenhefte oder ähnlich Abscheuliches, bis sie, aufgescheucht aus der Tragödie der Literatur, aufs neue ihren Platz in derjenigen der Malerei einnehmen. Manche Mädchen rauchen Zigaretten, doch wird solche Angewohnheit von den übrigen als Mangel an Seriosität angesehn und findet keinen Beifall. Die Mädchen werden für den vollen oder den halben Tag aufgenommen, der Tarif beträgt einen Shilling pro Stunde. Große Künstler legen üblicherweise auch noch das Omnibusfahrgeld zu. Das beste, was man den Modellen nachsagen kann, ist zum einen, dass sie ungewöhnlich hübsch, und zum andern, dass sie ganz besonders achtbar sind. Als Berufsstand genommen, sind sie von außerordentlich guten Manieren, sonderlich jene, die »Akt« sitzen, eine Tatsache, die uns als natürlich oder als sonderbar anmuten mag, je nachdem, welchen Standpunkt wir hinsichtlich der Natur des Menschen einnehmen. Im allgemeinen machen die Mädchen irgendwann eine gute Partie, manche von ihnen heiraten sogar ihren Künstler. Für ihn wirkt solche Modellheirat sich ähnlich fatal aus wie für den gourmet die Ehelichung seiner Köchin: der eine kriegt keine Sitzungen, der andere keine Mahlzeiten mehr.

Insgesamt betrachtet, sind Englands weibliche Modelle recht naiv, recht natürlich und überaus gutmütig. Ihre vom Künstler am höchsten geschätzten Tugenden sind Hübschsein und Pünktlichkeit. Deshalb führt jedes vernünftige Modell konsequente Termin-Aufzeichnungen und achtet auf nette schickliche Kleidung. Die tote Saison ist natürlich der Sommer, weil da die Künstler nicht in der Stadt bleiben, doch haben in den letzten Jahren manche Maler ihre Modelle auch hinaus aufs Land verpflichtet, und die Gattin von einem unserer beliebtesten Künstler hat während des Landaufenthalts häufig für drei bis vier Modelle zu sorgen, damit sowohl die Arbeit des Ehemannes als auch die seiner Freunde keine Unterbrechung erleide. In Frankreich emigrieren die Modelle en masse aus Paris, und zwar nach den kleinen Hafenorten oder Forstweilern, wo die Maler sich sommersüber versammeln. Dem gegenüber harren die englischen Modelle meist geduldig in London der Rückkunft ihrer Künstler entgegen. Fast alle wohnen sie bei ihren Eltern und tragen zum Haushalt bei. Sie haben jede Voraussetzung, innerhalb der Kunst zur Unsterblichkeit zu gelangen, mit Ausnahme ihrer Hände: die sind am englischen Modell fast immer grob und gerötet.

Im Hinblick auf die männlichen Kollegen wäre da erst einmal der schon erwähnte Typ des Veteranen zu nennen. Ihm eignet alles Traditionelle des Großen Stils, doch ist er in so raschem Aussterben begriffen wie die Malerschulen, die er repräsentiert. Einen alten Mann über seine Körpervorzüge sich verbreiten zu hören, ist naturgemäß kaum auszuhalten, und außerdem sind in der Malerei die Patriarchen aus der Mode gekommen. Dann wäre da noch das echte Akademiemodell. Meist ist es ein Mann um die Dreißig, der nur selten gut aussieht, aber ein perfektes Wunder an Muskulatur ist. Wahrhaftig, er ist eine Apotheose der Anatomie, und überdies der eignen Körperpracht so sehr gewiss, dass er uns von seinen Schienbeinen und von seinem Brustkasten zu erzählen weiß, als hätte sonst niemand sich ähnlicher Dinge zu rühmen. Ferner sind da die orientalischen Modelle. Sie stehen nur in sehr begrenzter Zahl zur Verfügung, doch ist davon in London jeder Zeit ein rundes Dutzend vorrätig. Gefragt sind sie so sehr, weil sie stundenlang unbeweglich verharren können und im allgemeinen auch über sehr schöne Kostüme verfügen. Ihre Meinung über die Kunst in England ist freilich eine denkbar schlechte: in ihren Augen ist der englische Künstler eine Kreuzung aus Vulgarität und Alltagsphotograph. Des weiteren wäre da noch der italienische Jüngling zu nennen, der eigens hierher gekommen ist, um sich als Modell zu verdingen, wofern er zu solchem Geschäft nicht nur überwechselt, weil sein Leierkasten gerade in Reparatur ist. Häufig wirkt er recht ansprechend mit seinen großen melancholischen Augen, seinem Kraushaar und der schlanken braunen Gestalt. Zugegebenermaßen nimmt er Knoblauch zu sich, danach aber steht er wie ein Faun oder kauert wie ein Leopard, und so darf ihm wohl vergeben werden. Stets sprudelt er über von den artigsten Komplimenten, und man weiß, dass er sogar noch für unsere größten Künstler ein Wort der Ermutigung hat. Der gleichaltrige englische Bursche hingegen verfügt über keinerlei Sitzfleisch: ganz augenscheinlich sieht er im Modellgeschäft keine ernsthafte Profession. Jedenfalls ist er, wenn überhaupt, nur selten dafür zu haben. Bisweilen mag ja ein ehemaliges Modell, wenn sie einen Sohn hat, ihm das Haar kräuseln, das Gesicht waschen und sodann mit solchem Seifen- und Sauberkeitswunder die Ateliers abklappern. Die Anhänger der neueren Schule schätzen dergleichen nicht sonderlich, aber die der älteren tun es, und hängt solch geschneuzt- und -gekräuselter Jüngling erst an den Wänden der Königlichen Akademie, so heißt er auch schon Der junge Samuel mit Namen. Gelegentlich fischt sich ein Künstler auch ein gamin-Paar aus der Gosse und fordert es auf, ins Atelier mitzukommen. Das erste Mal tun sie das ja stets, dann aber halten sie die getroffenen Absprachen nicht mehr ein. Sie mögen einfach nicht stillsitzen und hegen eine starke, wohl auch ganz natürliche Abneigung gegen gefühlvolles Aussehen. Überdies haben sie beständig den Eindruck, der Künstler mache sich über sie lustig. Es ist ja eine traurige, doch unbezweifelbare Tatsache: die armen Leute sind sich ihres malerischen Aussehens überhaupt nicht bewusst. Diejenigen, welche sich zum Modellsitzen überreden lassen, tun das in der Annahme, der Künstler sei in Wirklichkeit ein gutwilliger Wohltäter und bediene sich solch exzentrischer Methode nur, um seine Almosen an Unwürdige verteilen zu können. Mag ja sein, dass es der Unterrichtsbehörde gelingt, dem Londoner Gassenjungen seinen künstlerischen Wert klarzumachen, so dass wir mit der Zeit bessere Modelle haben werden als heute. Ein bemerkenswertes Privileg ist den Akademie-Modellen vorbehalten. Es besteht darin, jedem neugewählten Akademiemitglied oder Königlichen Akademiker einen Sovereign herausreißen zu dürfen. So warten denn alle gemeinsam vorm Burlington House, bis die Ernennung bekannt gegeben ist, und rennen danach auf schnellstem Wege zu des Bedauernswerten Behausung. Das Goldstück erhält, wer als erster dort eintrifft. In letzter Zeit herrschte große Aufregung ob der großen Entfernungen, die im Wettlauf zu bewältigen waren, und so blickt man voll Missvergnügen auf die Ernennung von Künstlern, die ihren Wohnsitz etwa in Hampstead oder in Bedford Park haben, denn man betrachtet es als Ehrensache, weder die Untergrundbahn noch den Pferde Omnibus oder sonst ein Mittel künstlicher Fortbewegung zu benutzen. Das Rennen aber erfolgt im raschesten Tempo.

Neben den professionellen Atelier-Poseuren gibt es noch die von der Reitalle, vom Nachmittagstee, aus der Politik und schließlich noch die Zirkusposeure. Alle vier genannten Arten sind an sich recht erfreulich, doch nur die Zirkusleute sind allzeit und wahrhaft dekorativ. Akrobaten und Turner nämlich können dem jungen Künstler unendlich viele Anregungen vermitteln, denn sie bereichern die Kunst um das Element rascher Bewegung und beständigen Wandels - also um etwas, woran es dem Ateliermodell zwangsläufig gebricht. Interessant an diesen »Sklaven der Manege« ist der Umstand, dass Schönheit bei ihnen sich ganz unbewusst einstellt und nicht angestrebtes Ziel ist, weil solche Schönheit ja resultiert aus den mathematisch vorberechneten Schwüngen und Distanzen, aus der absoluten Präzision des Auges, aus der wissenschaftlichen Kenntnis des Gleichgewichts der Kräfte sowie aus einem perfekt durchtrainierten Körper. jeder gute Akrobat ist auch graziös, wiewohl er dies gar nicht bewusst anstrebt. Er ist es vielmehr, weil er, was er tun muss, auf die zweckmäßigste Weise tut - er ist graziös, weil er natürlich ist. Käme ein Grieche des Altertums heute zum andern Mal auf die Welt, was in Anbetracht der möglichen Härte seiner Kritik uns eher zum Nachteil ausschlagen würde, so wär' er bei weitem häufiger im Zirkus anzutreffen und nicht so sehr im Theater. Jeder gute Zirkus ist ja eine Oase des Hellenentums inmitten einer Welt, die zuviel liest, als dass sie zu Weisheit, die zuviel denkt, als dass sie zu Schönheit gelangen könnte. Und wären da nicht die Sportanlagen zu Eton, die Tauziehbahn zu Oxford, die Schwimmbäder an der Themse und die jährlichen Zirkustourneen, so würde die Menschheit nachgerade der plastischen Vollkommenheit ihrer Gestalt vergessen und zu einer Rasse kurzsichtiger Stubenhocker und bebrillter Zimperliesen degenerieren. Das heißt nun nicht etwa, dass die Zirkusdirektoren sich ihrer hohen Mission auch wirklich und immer bewusst wären: langweilen sie uns denn nicht mit ihrer haute école, ermüden sie uns denn nicht mit ihren shakespearischen Rüpel-Hanswurstiaden? Aber sie bescheren uns die Akrobaten, und jeder Akrobat ist auch ein Künstler. Schon die bloße Tatsache, dass er sich niemals direkt ans Publikum wendet, zeigt uns, wie gut er die große Wahrheit begriffen hat, dass das Ziel aller Kunst nicht darin liegt, Persönlichkeit zu zeigen, sondern Freude zu haben und zu bereiten. Mag der Clown nach Herzenslust sein lärmendes Spektakel vollführen - der Akrobat wird immer schön sein. Er ist die faszinierende Verquickung des Geistes griechischer Bildhauerkunst mit dem Flitterkram des heutigen Kostümschneiders. Sogar in unseren Romanen hat er seinen. Ehrenplatz erhalten, und wenn die Manette Salomon das Modelldasein demaskiert, so sind Les Frères Zemganno die Apotheose des Akrobatentums!

Betrachten wir aber den Einfluss, welchen das Modell gemeiniglich auf unsere englische Schulmalerei übt, so kann man ihn insgesamt durchaus nicht als positiv werten. Natürlich zieht der junge Künstler viele Vorteile daraus, wenn er, im Atelier vor seiner Staffelei sitzend, aus all der verwirrenden Umwelt sich, wie die Franzosen es bezeichnen, »einen kleinen Winkel Lebens« heraussondern kann, um ihn unter gewissen Licht- und Schattenbedingungen zu studieren. Doch führt solche Aussonderung nur zu oft zum baren Manierismus und beraubt den Maler des großen Offenseins gegenüber den Fakten dieses Lebens, die ja den eigentlichen Kern aller Kunst bilden. Mit einem Wort, das Malen nach Modell mag zwar eine Vorbedingung der Kunst sein, ist aber keinesfalls ihr Ziel. Es ist Übung, nicht aber Vollendung, es schult des Malers Auge und Hand, bewirkt aber in dessen Malerei letztlich nur Pose und Geziertheit. Insgeheim steht dieses beständige Posieren hübscher Geschöpfe hinter sehr viel Gekünsteltem in der heutigen Malerei, und fängt die Kunst erst an, gekünstelt zu sein, so ist sie auch schon monoton. Außerhalb der kleinen Welt des Ateliers mit seinen Draperien und dem ganzen artifiziellen Krimskrams liegt das Leben in all seiner unendlichen, shakespearehaften Mannigfaltigkeit! Trotzdem aber müssen wir säuberlich unterscheiden zwischen zwei Arten von Modellen: zwischen denen, die »Akt« und denen, die »Kostüm« sitzen. Das Studium der erstgenannten ist jederzeit zu empfehlen, das Gewandmodell wird auf den heutigen Bildern eher zur Last: denn wohin soll es führen, ein Londoner Mädchen auf »Altgriechisch« zu drapieren und es dann als Göttin zu malen? Die Gewandung mag ja eine athenische sein, das Gesicht aber ist fast immer eines aus Brompton. Zugegeben: hin und wieder stößt man auf ein Modell, dessen Antlitz ein exquisiter Anachronismus ist, weil es hinreißend natürlich wirkt in der Gewandung jedweden Jahrhunderts - nur nicht in derjenigen unserer Zeit. Derlei jedoch kommt eher selten vor. Im allgemeinen sind die Modelle absolut de notre siècle und sollten auch dementsprechend gemalt werden. Sehr zum Unglück ist dies aber nicht der Fall, und so sehen wir uns Jahr für Jahr mit einer Serie von Kostümball-Szenen konfrontiert, die sich für Historienbilder ausgeben, aber kaum mehr sind als die mediokre Darstellung der Leute von heute, welche auf einem Maskenball Allotria treiben. In Frankreich weiß man es besser: der französische Maler benutzt sein Modell einzig zu Studienzwecken. Um aber ein Bild zu vollenden, stürzt er sich mitten hinein ins volle Menschenleben!

Vor einem Ding müssen wir freilich auf der Hut sein: wir dürfen jene, die da Modell sitzen, keinesfalls verantwortlich machen für die Unzulänglichkeit des Künstlers. Die englischen Modelle sind ein gesitteter, schwer arbeitender Berufsstand, und wenn sie am Künstler stärker interessiert sind als an dessen Kunst, so verhalten sie sich damit nicht anders als ein Großteil des Publikums. Und die meisten unserer heutigen Ausstellungen rechtfertigen solche Entscheidung.