Amerikanische Impressionen (1883)

Ich fürchte, ich kann Ihnen Amerika insgesamt nicht gerade als ein Elysium schildern - und wär´ das auch nur aus dem ganz gewöhnlichen Grund, nicht genug über dieses Land zu wissen. Ich kann seine Ausdehnung weder der Breite noch der Länge nach angeben, kann nicht den Wert seiner Warenproduktion abschätzen und bin auch mit seiner Politik nicht sonderlich vertraut. Das sind jedoch Dinge, die Sie nicht interessieren werden und die auch für mich ganz gewiss nicht von Interesse sind.

Das erste, was mir auffiel, als ich in Amerika an Land ging, war der Umstand, dass die Amerikaner, wenn schon nicht die bestangezogenen Leute auf der Welt, so doch die am bequemsten gekleideten sind. Man sieht dort Männer mit der entsetzlichen Angströhre auf dem Kopf, aber nur sehr wenige ohne Hut. Auch tragen die Männer den schrecklichen Schwalbenschwanz-Überzieher, aber kaum einer lässt sich ohne Überrock sehen. Insgesamt liegt ein Hauch von Bequemlichkeit über dem Erscheinungsbild der Leute, und das ist ein deutlicher Gegensatz zu dem, was man in unserem Lande zu Gesicht bekommt, wo die Menschen sich ja allzu oft in recht schlechter, beengender Kleidung zeigen.

Der zweite bemerkenswerte Umstand besteht darin, dass jedermann voll Hast darauf bedacht scheint, noch irgendeinen Zug zu erreichen. Es ist dies ein Zustand, der aller Poesie und Romanze abträglich ist. Wären Romeo und Julia in beständiger Sorge um einen Zug gewesen oder in konstanter Aufregung wegen der Retourbillets, so hätte Shakespeare uns nimmermehr jene herrliche Balkonszene schenken können, die so voll Poesie und Pathos ist.

Amerika ist das lärmendste Land, das es je gegeben hat. Des Morgens wird man nicht vom Ruf der Nachtigall, wohl aber vom Geheul der Dampfsirene geweckt. Es ist verwunderlich, dass der gesunde, praktische Sinn der Amerikaner diesen unerträglichen Lärm noch immer nicht auf ein erträgliches Maß herabgesetzt hat. Alle Kunst beruht ja auf exquisitem Feingefühl, und so muss solch beständiger Aufruhr letztlich jeder Musikalität den Garaus machen. Die amerikanischen Städte haben nicht so viel an Schönem zu bieten wie etwa Oxford, Cambridge, Salisbury oder Winchester, wo wir auf Schritt und Tritt den herrlichen Zeugen einer schönen Vergangenheit begegnen. Immerhin aber gibt es da und dort manches Schöne, freilich nur dann, wenn es nicht von Amerikanern geschaffen ist. Überall dort nämlich, wo Amerikaner sich in der Schaffung von etwas Schönem versucht haben, ist ihnen das aufs Bemerkenswerteste danebengelungen. Und ein besonderes Charakteristikum der Amerikaner ist die Art und Weise, wie sie die Wissenschaft dem modernen Leben dienstbar gemacht haben.

Man bemerkt das schon beim flüchtigsten Rundgang durch New York. In England wird ein Erfinder nahezu für verrückt angesehen, und nur zu oft stehen am Ende eines Erfinderlebens Armut und Enttäuschung. In Amerika hingegen ehrt man den Erfinder, man gewährt ihm Hilfe, und so sind der Gebrauch von Erfindungsgabe sowie die Anwendung der Wissenschaft in der Arbeitswelt der kürzeste Weg zur Wohlhabenheit. Es gibt kein Land auf dieser Erde, wo die Maschinen so schön sind wie in Amerika.

Stets habe ich daran glauben wollen, dass Kraft und Schönheit auf ein und derselben Linie liegen. Dieser Wunsch ging mir in Erfüllung, als ich Amerikas Maschinen zu sehen bekam. Und als ich die Wasserwerke von Chicago besichtigt hatte, ward mir das Wunder der Maschine erst richtig bewusst: das Auf und Ab der stählernen Kolben, die symmetrische Drehbewegung der gigantischen Räder - es war wohl die herrlichste Rhythmik, die ich je zu Gesicht bekommen. Überhaupt ist man ja in Amerika fortwährend beeindruckt - wenn auch nicht immer im günstigen Sinn von den ungewöhnlichen Dimensionen aller Dinge. Es ist, als versuchte das Land, uns mit seiner imponierenden Größe hineinzuzwingen in den Glauben an seine Stärke.

Vom Niagara war ich enttäuscht - und das wird wohl den meisten Leuten so ergehen. Jede amerikanische Braut wird hierher geschleppt, und so ist der Anblick dieses riesigen Wasserfalls wohl eine der ersten, wenn nicht sogar bittersten Enttäuschungen im amerikanischen Eheleben. Man sieht den Wassersturz unter ungünstigen Bedingungen und aus so großer Entfernung, dass man das glänzende Schauspiel der schäumenden Wasserkaskaden gar nicht erst wahrnehmen kann. Um dies wirklich zu können, muss man ganz unten, am Fuße des Absturzes stehen, und dazu ist es vonnöten, eine gelbe Ölhaut überzuziehen, die so hässlich wirkt wie unsere Mackintosh-Mäntel, wobei ich nur hoffen kann, dass niemand von Ihnen auf die Idee kommt, solches Kleidungsstück anzulegen. Doch ist es immerhin tröstlich zu wissen, dass eine Künstlerin vom Range der Madame Bernhardt solch gelbe Scheußlichkeit nicht nur getragen hat, sondern darin auch noch photographiert worden ist.

Der vielleicht schönste Teil Amerikas ist der Westen, in den zu gelangen man freilich eine sechstägige Eisenbahnreise auf sich nehmen muss, will sagen, das an einen abscheulichen Blechkessel von Dampflokomotive gehängte, ununterbrochne Dahinrasen. Auf solcher Reise habe ich nur wenig Trost gefunden in der Tatsache, dass die Burschen, von denen die Waggons heimgesucht werden, um den Reisenden alles zu verkaufen, was essbar ist - oder doch lieber nicht genossen werden sollte -, auch meine Dichtungen zum Kauf anboten, erbärmlich gedruckt auf einer Art grauen Löschpapiers, noch dazu zum Spottpreis von zehn Cents. Nachdem ich diese Burschen zur Seite gerufen, bedeutete ich ihnen, dass wir Poeten zwar sehr gerne populär wären, aber hiefür auch bezahlt sein wollten, und dass der Verkauf meiner Dichtungen, ohne mich am Profit teilhaben zu lassen, ein Schlag gegen die Literatur sei, der die unheilvollsten Auswirkungen auf alle angehenden Dichter nach sich ziehen müsse. Die stets gleichbleibende Antwort war, dass man selber am Verkauf profitiere, und dass einen alles weitere nicht kümmere.

Es ist ein verbreiteter Aberglaube, dass in Amerika jeder Besucher des Landes mit »Fremder« angeredet werde. Zu mir hat man kein einziges Mal »Fremder« gesagt. Als ich nach Texas kam, wurde ich mit »Hauptmann« tituliert, weiter drinnen im Lande mit »Oberst«, und bei meiner Ankunft an der mexikanischen Grenze mit »General«. Im großen und ganzen aber ist die alte, in England übliche Anrede »Sir« auch in Amerika die gebräuchlichste.

Vielleicht ist es anmerkenswert, dass das, was viele Leute als Amerikanismen bezeichnen, in Wirklichkeit alte, englische Ausdrucksweisen sind, die in den Kolonien überlebt haben, während sie in unserem Land in Vergessenheit gerieten. Viele Leute bilden sich ein, der in Amerika so verbreitete Ausdruck »ich schätze« sei rein amerikanisch, und doch wurde er von John Locke in dem Werk »Die Erkenntnis« ganz im Sinn unseres heutigen »ich glaube« verwendet. Denn nicht im Mutterland besteht das Leben in seiner alten Form weiter, sondern in den Kolonien. Will man etwa das Wesen des englischen Puritanismus in seinem Kern erkennen - also nicht in seiner schlimmsten Ausprägung (wo er sehr ungut ist), sondern in seiner besten, wo er auch nicht gerade erfreulich ist -, so glaube ich nicht, dass man in England noch viel davon vorfinden wird: sehr vieles jedoch findet sich noch um Boston herum und in Massachusetts. Wir Engländer sind den Puritanismus losgeworden. Amerika bewahrt ihn noch als eine hoffentlich in Bälde aussterbende Rarität.

San Francisco ist wirklich schön. Das Chinesenviertel Chinatown, wo die chinesischen Taglöhner hausen, ist die am künstlerischesten angelegte Stadt, die ich je durchwandert habe. Ihre Bewohner - sonderbar melancholische Geschöpfe des Ostens, die von vielen Leuten als allzu gewöhnlich bezeichnet würden, und die ja auch wirklich sehr arm sind -, diese Bewohner haben es sich zur Regel gemacht, nichts Unschönes in ihrem Umkreis zu dulden. Im chinesischen Speisehaus, wo die Taglöhner zur Abendmahlzeit zusammenkamen, sah ich sie ihren Tee aus Porzellantassen nippen, die von der Zartheit eines Rosenblatts waren, wohingegen man mir in den talmiglänzenden Hotels eine Tasse aus Steingut von anderthalb Zoll Stärke hingestellt hat. Als man mir die chinesische Rechnung präsentierte, war sie von Reispapier und sah aus, als hätte ein Künstler winzige Vögel auf einen Fächer geritzt.

Salt Lake City hat nur zwei bedeutende Bauwerke aufzuweisen - das wichtigere ist der sogenannte Tabernakel, welcher die Form einer Suppenterrine hat. Ausgeschmückt worden ist diese Baulichkeit von dem einzigen dort ansässigen Künstler. Er hat die frommen Motive in der naiven Manier der frühen Florentiner behandelt, wobei die in moderner Kleidung dargestellten Leute unserer Tage Seite an Seite mit denen aus der Biblischen Geschichte figurieren, nur dass die letztgenannten in irgendwelche romantischen Gewänder gehüllt sind.

Das zweitwichtige Bauwerk trägt die Bezeichnung Amelia-Palast, und zwar zum Gedenken an eine von Brigham Young's Ehefrauen. Nach dessen Tode erhob sich im Tabernakel der gegenwärtige Mormonenpräsident und verkündete, es sei ihm enthüllt worden, dass nunmehr er den Amelia-Palast übernehmen solle, und dass es in diesem Punkte keine weiteren, wie immer gearteten Enthüllungen zu geben habe!

Von Salt Lake City geht es über die großen Ebenen von Colorado und dann hinauf in die Rocky Mountains, wo ganz oben Leadville sich befindet, die reichste Stadt der Welt. Sie hat auch den Ruf, die rauheste zu sein, und jedermann trägt denn auch einen Revolver mit sich herum. Man hatte mir bedeutet, falls ich dorthin ginge, so würde man ganz gewiss mich oder meinen Impresario kurzerhand abknallen. Nun, ich schrieb und sagte diesen Leuten, dass aber auch gar nichts, was sie meinem Tournee-Veranstalter etwa antun würden, mich im geringsten einschüchtern könne. Es sind dort lauter Minenarbeiter - Männer, die mit Metallen zu tun haben, und so hielt ich ihnen einen Vortrag über das Moralische in der Kunst. Auch las ich ihnen Stellen aus Benvenuto Cellini's Selbstbiographie vor, und das schien ihnen recht gut zu gefallen, denn meine Hörer machten mir sogar Vorwürfe, warum ich ihn denn nicht gleich mitgebracht hätte? Daraufhin erklärte ich ihnen, er sei schon seit einiger Zeit tot, was wiederum die Frage auslöste, »Wer hat ihn abgeknallt?« Als dann Schluss war, haben sie mich in ein Tanz-Etablissement mitgenommen, einen sogenannten »Saloon«, wo ich die einzig vernünftige Methode der Kunstkritik angetroffen habe, die mir je untergekommen ist. Nämlich, über dem Klavier hing der gedruckte Hinweis:

BITTE, ERSCHIESSEN SIE NICHT DENPIANISTEN!
ER TUT WAS ER KANN.

Die Sterblichkeitsrate bei Klavierspielern grenzt dortigen Orts ja ans Unglaubliche. Hinterher lud man mich zum Abendessen ein, ich wurde mittels eines wackeligen Förderkübels in einen Schacht hinabgelassen - eine äußerst ungraziöse Prozedur! Und nachdem ich im Innersten des Berges angelangt war, kam ich denn auch zu meinem Abendessen, das aus drei Gängen bestand: der erste war Whisky, der zweite Whisky, und der dritte Whisky.

Dann begab ich mich ins Theater, um meinen Vortrag zu halten, und musste erfahren, man habe kurz vor meinem Eintreffen dort zwei Männer wegen Mordes festgenommen, sie um acht Uhr abends auf die Bühne gestellt, verurteilt und vor vollem Hause hingerichtet. Ich habe aber diese Minenarbeiter sehr reizend gefunden und überhaupt nicht roh.

Bei den älteren Bewohnern des Südens fiel mir die melancholische Gewohnheit auf jedes bedeutende Ereignis auf den Bürgerkrieg zu beziehen. »Wie schön der Mond ist heute nacht«, sagte ich einmal zu einem neben mir stehenden Gentleman. »ja«, versetzte der, »aber da hätten Sie erst den Vorkriegsmond sehen sollen!«

Der Wissensstand in bezug auf die Kunst ist westlich der Rockv Mountains von einer Art, dass ein Kunstmäzen - und ehemaliger Minenarbeiter - in allem Ernst eine Schadenersatzklage gegen die Eisenbahngesellschaft anstrengte, weil der Gipsabguss der Venus von Milo, den er sich aus Paris hatte kommen lassen, ihm ohne Arme zugestellt worden war. Und, was noch besser ist, er gewann den Prozess, und die Bahn musste zahlen.

Pennsylvanien mit seinen felsig durchschluchteten Wäldern gemahnte mich an die Schweiz, die Prärie an Löschpapier.

Die Spanier und Franzosen haben ihr Angedenken hinterlassen in Form von schönen Namen. Alle Städte mit klangvollen Namen gehen auf spanische oder französische Gründungen zurück. Die aus England stammenden Einwanderer hingegen haben außerordentlich misstönende Namen für ihre Orte: einer davon ist dermaßen hässlich, dass ich mich geweigert habe, dort vorzutragen. Er lautet Grigsville (etwa: Grilldorf, Anm. d. Ü.). Nehmen wir einmal an, ich hätte dort eine Kunstschule gegründet - stellen Sie sich das vor: Jung-Grilldorf! Und überdies eine Schule mit dem Lehrziel »Grilldorfer Renaissance«!

Soweit es den amerikanischen Slang betrifft, habe ich davon nicht viel zu Ohren bekommen, wiewohl eine junge Dame, die sich nach einem Tanznachmittag umgekleidet hatte, mir diese Tatsache auf die folgende Weise mitteilte: »Nach dem Fersler« (ein Tanz. Anm. d. Hrsg.) hätten »ihre Tageslumpen Schichtwechsel gehabt«.

Die amerikanischen Jünglinge sind blass und aufgeschossen, farblos und anmaßend, aber die Mädchen sind hübsch und bezaubernd - kleine Oasen in der unermesslichen Wüste eines nur aufs Praktische gerichteten Geschäftssinns.

Jedes amerikanische Mädchen hat Anspruch auf ein komplettes Dutzend junger Verehrer. Die sind ihr sklavisch ergeben und werden von ihr regiert mit bezaubernder Nonchalance.

Die Männer widmen sich einzig ihren Geschäften. Sie haben, wie sie es ausdrücken, »das Hirn noch vor der Stirn«. Auch sind sie überaus empfänglich für alle neuen Ideen. Ihre Erziehung ist ganz aufs Praktische gerichtet. Wir in England stellen unsere Kindererziehung zur Gänze auf Bücher, aber wir müssten einem Kind erst den Geist vermitteln, um diesen dann auch bilden zu können. Kinder haben eine natürliche Abneigung gegen Bücher - deshalb sollte unsrer Erziehung lieber das Handwerkliche zugrunde liegen. Man müsste die Knaben wie die Mädchen lehren, ihre Hände zu gebrauchen, um etwas zu schaffen - sie würden dann weniger Lust an Zerstörung und Bosheit finden.

Kommt man nach Amerika, so begreift man recht bald, dass die Armut keine notwendige Begleiterscheinung der Zivilisation ist. jedenfalls ist Amerika ein Land, das keinen Pomp kennt, kein Gepränge und keinerlei glänzendes Zeremoniell. Ich habe dort nur zwei festliche Aufzüge erlebt - der eine war die Feuerwehr, angeführt von der Polizei, und der andere war die Polizei, angeführt von der Feuerwehr.

Jedermann, der das einundzwanzigste Lebensjahr vollendet hat, ist wahlberechtigt und erhält damit unversehens seine politische Reife. Dergestalt sind die Amerikaner das politisch reifste Volk der Welt, und es ist keine verlorene Zeit, ein Land zu besuchen, das uns die Schönheit des Wortes Freiheit so lehrreich vor Augen führt sowie den Wert von etwas, das sich Freiheit benennt.