Am Grabe von Keats (1877)

Betreten wir die Stadt Rom von der Via Ostiensis her durch die Porta San Paolo, so steht uns als erstes eine marmorne Pyramide vor Augen, die nahe zur Linken errichtet ist.
Es gibt eine Vielzahl ägyptischer Obelisken in Rom - hohe, mit befremdlichen Zeichen behaftete, schlangengleich wirkende Spitzen von rotem Sandstein, und sie gemahnen an jene Feuersäulen, so den Kindern Israels durch die Wüste vorangeleuchtet haben bei deren Auszug aus dem Lande der Pharaonen. Indes, noch wunderbarer zu schauen ist die schlanke Keilform dieser Pyramide, wie sie da vor uns steht in ihrer italienischen Stadt, unzerstört inmitten all der Ruinen und des Trümmerwerks der Zeit, älter von Ansehn denn die ganze große Ewige Stadt: eine schreckliche, steingewordne Un-Teilnahme. Darum wohl auch haben die Menschen des Mittelalters dies Monument für die Grabstatt des Remus gehalten, des zu Zeiten der Stadtgründung vom leiblichen Bruder erschlagnen - so uralt, so geheimnisumwittert mutet dies Steinwerk uns an. Heutzutag freilich besitzen wir - ob zum Glück oder Unglück - akkuratere Kunde und wissen, dass wir vor dem Grabmal des Caius Cestius stehen, eines römischen Vornehmen etwelchen Ranges, der um das Jahr 30 vor Christi Geburt verstorben sein soll.
Können wir indes auch nicht sonderlich viel empfinden für den Toten, der da so einsam unter seinem Denkstein liegt, so wird solche Pyramide doch und für immerdar teuer sein jedem Besucher englischer Zunge: gegen Abend legt ja ihr Schatten sich auf die Grabstätte Eines, der da ebenbürtig einherschreitet mit Spenser, mit Shakespeare, mit Byron, mit Shelley und mit Elizabeth Barrett Browning in dem erleuchten Heraufzug all der holdesten Sänger von England. Nämlich, zu Füßen unserer Pyramide erstreckt sich Hang abwärts ein grüner besonnter Fleck Erde, der Alte Protestantenfriedhof, und auf ihm, da gibt es ein schlichtes Grab, dessen Stein diese Inschrift trägt: Dies Grab enthält, was vergänglich war an einem jungen englischen Dichter, der auf dem Sterbelager begehrt hat aus aller Bitternis des Herzens, man möge diese Worte ihm auf den Grabstein setzen: Allhier lieget einer, dessen Name ward geschrieben ins Wasser. 24. Februar 1821.
Und dieser Name eines jungen englischen Dichters lautet: John Keats.
Lord Houghton nennt unsern Friedhof »einen der schönsten Erdenplätze, wo Aug' wie Herz des Menschen Ruhe finden können«, und Shelley sagt von ihm, er könnt' »in Lieb' uns mit dem Tod versöhnen bei dem Gedanken, solch holdem Orte eingesenkt zu sein«. Und in der Tat, sobald ich all die Veilchen, Gänseblümchen, Wildmohnblumen den Hügel überwuchern sah, entsann ich mich, dass der nun tote Dichter einst einem Freunde anvertraut, er glaube, die »reinste Freude, die im Leben ihm geworden, sei's gewesen, den Blumen beim Erblühen zuzusehn«, und weiter, dass nach einer Weile, in der er recht still dagelegen, er in sonderbarer Ahnung frühen Todes vor sich hingemurmelt, »Ich spür' die Blumen wachsen über mir«.
Indes, der verwitterte Stein und all die Wiesenblumen sind bloß ein ärmlich Gedenken an einen Großen wie Keats, noch dazu in einer Stadt wie Rom, wo man den Toten so viele Ehren erweist: wo Päpste, Kaiser, Heilige, Kardinäle geborgen liegen in »porphyr'nem Schoß«, wohl auch gebettet sind in Chalzedon, Jaspis und Malachit, welche da funkeln von kostbaren Steinen und edlem Metall, dieweil nimmer aufhören will das Lesen der Heiligen Messen davor. - Nämlich, überaus nobel ist ja dieser Totenbezirk und deshalb wohl wert eines nicht minder noblen Monuments: grau ragt im Hintergrund die Pyramide auf - Inbild des Alters der Welt und erfüllt vom Gedenken an Sphinx und an Lotos und alle Herrlichkeiten vom Alten Strome Nil; nach vorne hin aber erhebt sich der Monte Testaccio, errichtet, so heißt's, aus den Scherben all jener Gefäße, darinnen von Ost wie von West die Völker des Erdkreises ihren Tribut hergesandt nach dem mächtigen Rom; und nur um ein Weniges weiter, den Abhang entlang an der Aurelianischen Mauer, erheben sich schwärzlich etwelche hohe Zypressen und weisen gleich abgeflackerten Totenfackeln den Ort, wo das Herz von Shelley (dies »Herz aller Herzen«!) in der Erde ruht. Und außerdem und darüber hinaus ist ja der Boden, den hier unser Fuß betritt, das ureigentlichste Rom!
Da ich nun so verharrte an der schlichten Grabstatt solch göttlichen Jünglings, trat er mir im Geist als ein allzu früh dahingeraffter Priester der Schönheit vor Augen, und in mir stieg herauf die Vision von des Guido Reni Heiligem Sebastian, wie ich ihn zu Genua gesehen: die Vision eines braunhäutig-lieblichen Knaben in krauser Lockenpracht, mit roten Lippen, an einen Stamm gefesselt von seinen ruchlosen Widersachern und, wiewohl von deren Pfeilen schon durchbohrt, dennoch den Blick aufschlagend in göttlicher Verzückung, empor zur Ewiglichen Schönheit aller aufgetanen Himmel. Und also kam's, dass sich mein Denken mir zu Versen formte:

Heu Miserande Puer

Entbunden aller Last und Qual der Welt,
Entrückt dem Lenz der Ersten Lieb' und Treue,
Ruht er zuletzt nun unter Gottes Bläue,
Den Märtyrern als Jüngster hier gesellt,
Schön wie Sebastian - schnöd gleich ihm zerspellt.
Kein Trauerbaum am Grab: doch immer neue
Maßliebchen, Veilchen-Augen, zart' und scheue,
Und Schlafmohn, drein der Abendregen fällt.

O Herz, noch hochgemut im letzten Hauch!
O trauervoller Dichter, uns erschienen!
O hold'ster Mund, den England je gekannt!
Und wenn dein Namenszug im Wasser schwand,
So mag er neu aus unsern Tränen grünen
Und blüh'n hinfort gleichwie ein Rosenstrauch.

Rom, 1877