Geleitwort zu Rose Leaf and Apple Leaf (1882)

Unter den vielen jungen Leuten in England, die zusammen mit mir die englische Renaissance zu vollenden und zu vervollkommnen suchen - jeunes guerriers du drapeau romantique, würde uns Gautier genannt haben -, unter diesen jungen Leuten ist keiner, dessen Liebe zur Kunst makelloser, und keiner, dessen künstlerischer Schönheitssinn subtiler und delikater, keiner auch, der mir lieber wäre als der junge Dichter, dessen Verse ich mit nach Amerika gebracht habe; Verse, erfüllt von süßer Trauer und doch auch voll Freude. Denn der froheste Dichter ist nicht der, der auf den trostlosen Landstraßen dieser Welt den schalen Samen des Lachens sät, sondern wer seinem Schmerz die stärkste Musik gibt, denn dieses ist allein der wahre Sinn der künstlerischen Freude, dieses unsagbare Element künstlerischen Genusses, das in der Lyrik aus dem >sinnlichen Leben des Verses< kommt, wie Keats es nennt, das Element des Gesanges, das uns durch das Wunder des Rhythmus fortreißt und oft in nichts als einem musikalischen Impuls seinen Ursprung hat, und das in der Malerei nie im gemalten Gegenstand, sondern nur im malerischen Reiz zu suchen ist, in der Symphonie des Lichtes, in der beruhigenden Schönheit der Linie, so dass die höchsten Formen unsrer Kunstbewegung in der Malerei nicht die vergeistigten Visionen der Praeraphaeliten sind, trotz all ihrer Wunder der griechischen Legende und ihrem Mysterium des italienischen Liedes, sondern das Werk der Whistler und Albert Moore, die Zeichnung und Farbe zu höchster Poesie und Musik gebracht haben. Denn die Art ihrer erlesenen Malerei kommt lediglich von ihrer originalen und schöpferischen Behandlung von Linie und Farbe, von einer Form und Wahl der Technik, die jede literarische Reminiszenz und jede metaphysische Idee verwirft, da sie für sich allein völlig den ästhetischen Sinn befriedigt, Selbstzweck ist, wie die Griechen gesagt hätten. Die Wirkung ihrer Bilder ist wie die der Musik; denn die Musik ist die Kunst, in der Form und Stoff immer eins sind; die Kunst, deren Gegenstand von der Form, in der er zum Ausdruck kommt, nicht getrennt werden kann; die Kunst, die uns das künstlerische Ideal am allervollkommensten verwirklicht, da sie immer dort war, wohin alle andern Künste zu kommen streben.

Dieser gesteigerte Sinn für den völlig in sich ruhenden und durchaus hinreichenden Wert der guten Technik, diese Erkenntnis von der ausschlaggebenden Bedeutung des sinnlichen Elementes in der Kunst, diese Liebe zur Kunst um der Kunst willen ist der Punkt, wo wir, die jüngere Schule, uns von der Lehre Ruskins getrennt haben - endgültig und entschieden.

Der Meister in der Wissenschaft edler Lebensführung und in der Weisheit aller Dinge des Geistes wird er zwar immer für uns bleiben, denn er war es, der durch die magische Kraft seiner Persönlichkeit und durch die Musik seiner Rede uns in Oxford diese Begeisterung für die Schönheit lehrte, die das Geheimnis der griechischen Antike, und diesen schöpferischen Drang, der das Geheimnis des Lebens ist. Ruskin war es, der, in manchen wenigstens von uns, diese hohe Leidenschaft entfachte, den Völkern eine Botschaft und der Welt eine Sendung zu verkünden. Und doch gehen wir in seiner Kunstkritik, seiner Wertung des Kunstgenusses und seiner ganzen Methode der Kunst gegenüber nicht mehr mit ihm; denn das Kriterium seiner Ästhetik ist immer ein ethisches. Er wird ein Bild nach der Summe guter moralischer Gedanken, die es ausdrückt, beurteilen; für uns aber sind die Bahnen, auf denen allein ein Bildwerk uns berühren kann und wirklich berührt, nicht solche der Wahrheiten des Lebens oder der Philosophien. Ihm bedeutet die vollendete Technik nur äußerlichen Glanz, und mangelhaftes Können zeugt ihm für eine Phantasie, die zu schrankenlos ist, als dass sie in den Grenzen der Form ihren völligen Ausdruck finden könnte, oder für eine liebende Hingebung, die zu einfach ist, als dass sie in ihrem Bericht nicht stammelte. Aber für uns ist das Gebiet der Kunst nicht jenes der Moral. In einem nur einigermaßen menschlichen ethischen System wird gewiss jede Tat guten Willens ihre Anerkennung finden. Wer aber in das erlauchte Haus der Schönheit eintreten will, den fragen wir nicht, was er hat tun wollen, sondern was er getan hat. Die ernsten Vorsätze haben keinen Wert für uns, sondern bloß die verwirklichten Schöpfungen. Pour moi je préfère les poètes qui font des vers, les médecins qui sachent guérir, les peintres qui sachent peindre.

Auch sollen wir uns bei der Betrachtung des Kunstwerkes nicht in Träumen ergehen, was es bedeutet, sondern es um seiner selbst willen lieben. Der nur denkende Geist ist dem Geiste der Kunst fremd. Das metaphysische Denken Asiens mag sich das unglaubliche und vielbrüstige Idol schaffen, aber dem Griechen, dem reinen Künstler, ist das Werk seelisch am reichsten belebt, das der Vollkommenheit auch des leiblichen Lebens am nächsten kommt. Ein Gemälde hat auf den ersten Anblick nicht mehr geistige Botschaft oder Bedeutung für uns als eine blaue Kachel aus der Mauer von Damaskus oder eine Hisenvase. Es ist eine schöngefärbte Fläche, nichts weiter, und wirkt auf uns nicht durch eine aus den Philosophien gestohlene Idee, nicht durch ein aus der Literatur stibitztes Pathos und nicht mit einem dem Dichter entwendeten Gefühl, sondern mit einer ihm eigentümlichen, unsagbaren künstlerischen Wahrheit - mitjener besonderen Wahrheit, die wir Stil nennen, und jenem Verhältnis der Werte, das wir Malerei nennen: die Qualität der Technik, die Arabeske der Zeichnung, das Licht der Farbe. Diese Dinge genügen, um die göttlichsten und verborgensten Saiten zu rühren, die in unserer Seele musizieren, und es ist die Farbe an sich schon wahrhaft ein mystisches Leben in den Dingen und der Ton eine Art Empfindung.

Dies also, diese neuere Art der jüngern Schule ist das Hauptmerkmal der Lyrik Rennell Rodds; denn wenn auch vieles in seinem Buch ist, das den Verstand interessieren mag, vieles, das zum Gefühl spricht, und viele rhythmische Akkorde süßer und schlichter Empfindung - denen, die die Kunst um ihrer selbst willen lieben, ist alles das geschenkt -, so ist doch die Wirkung, die diese Verse vornehmlich suchen, eine rein artistische. Ein Gedicht wie >The Sea-Kings Grave< mit all seiner majestätischen Melodie, die so voll und gewaltig ist wie das Meer, an dessen kiefernumwallten Ufern es so groß empfangen und gestaltet wurde; oder das kleine Gedicht, das danach steht, dessen geschickte Arbeit mit einem so starken künstlerischen Sinn für Beschränkung geleistet ist, dass man es mit der Kunst des Ziseleurs vergleichen möchte, die sein Motiv ist; oder >In a Church<, bleiche Blüte eines jener köstlichen Augenblicke, wo alle Dinge, außer dem Augenblick selber, so seltsam wirklich scheinen, und wo die alten Erinnerungen an vergessne Tage sanft berührt werden und der vertraute Ort auf einmal in einer Vision der unsterblichen Schönheit der sterblichen Götter feierlich aufglüht; oder der Schauplatz in >Chartres Cathedral<, düstres Schweigen in Gewölben und Bogen brütend und das Volk stumm kniend im Staub der Fliesen, und der junge Priester hebt den Leib des Herrn empor in einem kristallnen Stern; Strahlen scharlachnen Lichtes brechen nun durch die gemalten Fenster und schlagen an das Gitterwerk des Lettners, und heftige Orgelstöße rollen und tönen mächtige Musik vom Chor zum Altar und von Säule zu Säule, und über allem die helle, frohe Stimme eines singenden Knaben, die übersüß den rechten artistischen Grundton unserer Stimmung trifft; oder das Gedicht >In Lanuvium<: durch die Musik seiner Linien vermeint man wieder das Summen der Mantuaner Bienen zu hören, wie sie aus den grünen Tälern ihrer Heimat und von den Flüssen im Inland herausschwärmen, um den Bernsteinhonig zu sammeln, den die Blumen am Meere bergen; oder das Gedicht >In the Coliseum<, das den gleichen künstlerischen Genuss gibt, wie wenn man einem Handwerker bei seiner Arbeit zusieht, einem Goldschmied, der sein Gold in diese dünnen Plättchen hämmert, bis sie zart sind wie die Blätter einer gelben Rose, oder es in lange Fäden auszieht, die wie ineinandergewirrte Sonnenstrahlen sind, so vollendet und köstlich schon jetzt, vor allem Gebrauch; oder die kleinen lyrischen Zwischenspiele, die hie und da wie das Singen einer Drossel einfallen und so flink und so sicher sind wie der Flügelschlag eines Vogels, so leicht und blank wie die Apfelblüten, die nach einem Frühlingsschauer langsam auf den Rasen schweben und noch lieblicher schauen, da die Regentränen auf ihrem zarten, rosigen Perlengeäder liegen; oder die Sonette - denn Rodd ist einer von denen, qui sonnent le sonnet, wie die Ronsardisten zu sagen pflegten -, das eine, das sich >On the Border Hills< nennt, mit dem feurigen Wunder seiner Phantastik und der seltsamen Schönheit seiner achten Zeile; oder das andere, das vom Schmerz des großen Königs um das tote kleine Kind erzählt - alle diese Gedichte streben, wie ich sagte, eine rein artistische Wirkung an und haben die seltene und erlesene Qualität, die dem Werke solcher Art eignet; und ich fühle es hier, dass die völlige Unterordnung aller bloß gefühls- oder verstandesmäßigen Motive unter das lebendige formende Prinzip der Poesie das sicherste Zeichen der Gesundheit unserer Ästhetik ist.

Aber es genügt nicht, dass ein Kunstwerk den ästhetischen Forderungen seiner Zeit entspricht: es muss auch, wenn es uns einen dauernden Genuss geben soll, den Stempel einer besonderen Individualität tragen. Jedes Kunstwerk unseres Jahrhunderts muss auf diesen beiden Polen ruhen: der Persönlichkeit und der Vollendung. Trennt man in diesem dünnen Bande die früheren und einfacheren Gedichte von den späteren und stärkeren, da der Dichter mehr technische Kraft und stärkere künstlerische Anschauung besitzt, so möchte man diese auseinanderfallenden Gedichte, diese wirren und einzelnen Fäden in ein feuerfarbenes Band des Lebens weben: erst ist es die bloße Fröhlichkeit eines Knaben über seine Jugend, mit all seiner einfachen Freude in Feld und Blumen, in Sonnenschein und Singen, und dann die Bitterkeit plötzlichen Schmerzes über das Todesende einer jener kurzen und schönen Jugendfreundschaften, mit all dem vergeblichen Sehnen und antwortlosen Fragen, mit dem wir so nutzlos das Marmorantlitz des Todes bedrängen; der künstlerische Kontrast zwischen der Unvollkommenheit des Geistes und der Vollendung der Form, die ihn ausdrückt, ist das Hauptelement des ästhetischen Reizes dieser ersten Gedichte. Und dann: die Geburt der Liebe und all das Wunder und alle die Angst und gefahrvolle Wonne, wenn die Schwingen der Liebe die Stirn des Knaben zum erstenmal streifen; und nun die Liebeslieder, zart und zärtlich, kleine Schwalben von Musik und voll dieses Dufts und dieser Freiheit, dass man sie im Freien und auf dem fließenden Wasser singen möchte; und nun der Herbst mit seinen verstummten Wäldern und seiner duftenden Verwesung und vergehenden Lieblichkeit, wo die Liebe im Tode liegt, und die Klage darüber.

Hier möchte man innehalten; denn von einem jungen Dichter dürfte man keine tieferen Klänge des Lebens verlangen als diese, die Liebe und Freundschaft uns zu ewigen machen; und doch gehören die besten Gedichte dieses Buches offenbar einer späteren Zeit an, wo die wirklichen Erfahrungen in eine Form gebracht sind, die diesen Erfahrungen des Wirklichen fremd und weit von ihnen entfernt scheint; wo der einfache Ausdruck von Freude und Schmerz nicht länger genügt und lieber in der Hoheit des wohlgemessenen Rhythmus lebt, in der Musik und Farbe der verketteten Wörter als im unmittelbaren Aussprechen dessen, was ist; mehr, möchte man sagen, in der Formvollendung lebt als im Pathos der Gefühle. Und nun können wir, nach der zerbrochenen Musik der Liebe und nach der Grablegung der Liebe in den Herbstwäldern, ein Wandern unter seltsamen Menschen und Ländern spüren, die wir nicht kennen, wodurch wir so pathetisch die Wunden des uns bekannten Lebens zu heilen suchen, und diese reine und leidenschaftliche Hingebung an die Kunst, die uns überkommt, wenn die rauhe Wirklichkeit des Lebens uns zu plötzlich verwundet hat und mit Verzweiflung oder Kummer eine Jugend zerstört, und diese Hingebung kommt, meine ich, nicht seltener davon, als von irgendeiner natürlichen Freude am Leben. Und diese eigentümliche Gewalt der Vision, die in Momenten überwältigender Trauer und unzwingbarer Verzweiflung künstlerische Dinge im Gedächtnis zum Leben bringt, zu einer Wirklichkeit, die dem Leben gehört, das diese Dinge uns zu vergessen helfen - ein altes, graues Grab in Flandern mit einer seltsamen Inschrift, die den Gedanken gibt, dass leidenschaftliche Liebe vielleicht den Tod überlebt; eine Schnur blauer und bernsteingelber Perlen und ein zerbrochener Spiegel, in Rom im Grabgewölbe eines Mädchens gefunden; ein Marmorbild eines Knaben, wie Eros gekleidet und mit der pathetischen Geste eines großen Königs, dessen Schmerz über ihm liegt wie ein purpurner Schatten - über dem allem ruht der müde Geist mit dieser ruhigen und sicheren Freudigkeit, die über einen kommt, wenn man etwas gefunden hat, was die Zeit nicht verwittern und die Welt nicht zerstören kann; und mit ihr kommt diese Sehnsucht nach den Werken der Griechen, die oft des Künstlers Mittel nur ist, seine Sehnsucht nach Vollendung auszudrücken, und dieses Verlangen nach den alten vergangenen Tagen, das so zeitgemäß ist und so unfertig und rührend - wie die umgedrehte Fackel der Hoffnung kommt es einem vor, welche die Hand verbrennt, die sie leiten sollte; und ist an vielen Dingen eine kleine Traurigkeit und zu allen Dingen eine große Liebe. Und zuletzt, im Kiefernwald an der Küste, noch einmal der rauhe, lebendige Pulsschlag froher Jugend, der in jeder Zeile hüpft und lacht, die frische und unverzagte Freiheit von Welle und Wind, die des Lebens ausgebrannte Asche zu Flammen erwecken und zu Gesang die stummen Lippen der Qual - wie klar man alles zu sehen meint: die lange Reihe der Kiefern, durch die Meer und Wolken hie und da aufblitzen wie ein Fieberblick; den freien Platz im tiefen, grünen Herz des Waldes mit dem moosumsponnenen Altar des alten italischen Gottes darauf, und ringsum die Blumen, Alpenveilchen im Schatten und die Sterne der weißen Narzisse wie Schneeflocken über dem Gras, wo die flinke, helläugige Eidechse über den Stein schießt und die Schlange zusammengerollt faul auf dem heißen Sand in der Sonne liegt, und zu Häupten fließen die Sommerfäden von den Zweigen, dünne, zitternde, goldene Fäden - ganz vollendet ist diese Landschaft für ihr Motiv, denn hier, wenn irgendwo, möchte die wahrhafte Seligkeit des Lebens einer Jugend offenbart werden, die Seligkeit, die nicht kommt, wenn man die Leidenschaft von sich stößt, sondern wenn man sie in sich zieht, und die wie diese ruhige Heiterkeit ist, die im Gesicht der griechischen Bildwerke liegt, und die Verzweiflung und Schmerz nicht vernichten, sondern nur verstärken können.

So etwa könnten wir diese losen und verstreuten Blumenblätter des Gedichtes zu einer vollendeten Rose des Lebens sammeln und möchten vielleicht doch mit solchem Tun das wahre Wesen dieser Gedichte nicht treffen. Des Menschen wirkliches Leben ist so oft das Leben, das er nicht führt; und schöne Gedichte können wie Fäden von schöner Seide zu mannigfachen Mustern verwoben werden, alle wunderbar schön und alle anders: und zudem ist die romantische Kunst wesentlich die Dichtung der Impressionen, und wie diese letzte Schule der Malerei, die des Whistler und Albert Moore, wird sie in der Wahl ihrer Situationen nicht von einem Gegenstand, einem Thema bestimmt; behandelt sie lieber die Ausnahmen als die Typen des Lebens; liebt sie die kurze Intensivität, das, was man die feuerfarbene Augenblicklichkeit nennen möchte, denn es sind in der Tat die Augenblickssituationen Natur und Leben, was Dichtung und Malerei uns jetzt zu vermitteln suchen. Ehrlichkeit und Treue wird dem Künstler immer eignen; aber künstlerische Ehrlichkeit ist nichts sonst als die plastische Vollendung der Ausführung, ohne die ein Gedicht oder ein Malwerk, mag die Empfindung noch so edel, seine Herkunft noch so vornehm sein, vergeudete und unwirkliche Arbeit ist; und treu sein kann der Künstler nicht irgendeinem festgelegten System oder Regeltum des Lebens, sondern nur diesem Prinzip der Schönheit, durch das die schwankenden Schatten seines Lebens in ihrem flüchtigsten Augenblick festgehalten oder verewigt werden. Er wird sich zum Beispiel in den Dingen der Erkenntnis nicht bei der heutigen bequemen Orthodoxie beruhigen, die so vernünftig und künstlerisch so uninteressant ist, und ebenso wenig wird es ihn nach dem feurigen Glauben der Antike verlangen, der die Phantasie wohl intensiver machte, sie aber auch beschränkte; noch weniger wird er erlauben, dass der Friede reiner Kultur von des Zweifels misstönender Verzweiflung oder der Traurigkeit unfruchtbarer Skepsis verwirrt wird; denn das gefahrvolle Tal, wo Heere, die voneinander nichts wissen, zur Nacht aufeinanderstoßen, ist kein guter Rastplatz für sie, der die Götter das helle Hochland, den heiteren Gipfel und die sonnleuchtende Luft bestimmt haben - lieber wird er es immer neugierig mit neuen Formen des Glaubens versuchen, wird seine Natur in den Gefühlen untertauchen lassen, die noch um einen alten, schönen Glauben weben; und wenn er, der die Erfahrung selbst und nicht ihre Früchte sucht, ihr Geheimnis geborgen hat, wird er vieles ohne Bedauern verlassen, was ihm einmal teuer war. >Ich bin immer unaufrichtig<, sagt Emerson, >da ich weiß, es gibt andere Stimmungen<, und >les émotions<, schrieb Théophile Gautier einmal in einer Kritik über Arsène Houssaye, >les émotions ne se ressemblent pas, mais être ému - voilà l´important<.

Dies ist das Wesen der Kunst unserer Romantik und gibt uns den rechten Grundton, sie zu erfassen; aber die eigentliche Art alles Werkes, das wie die Gedichte Rodds nach einer rein künstlerischen Wirkung strebt, kann nicht mit den Worten begrifflicher Kritik beschrieben werden: sie sind dafür nicht zugänglich. Man kann vielleicht am besten in Ausdrücken aus andern Künsten zu ihnen führen; und wirklich, manche dieser Gedichte frisieren wie ein herrliches Stück venetianisches Glas und sind wie dieses vollendet und köstlich; andere sind so delikat in der Vollkommenheit ihrer Arbeit und so einfach in ihrem Naturmotiv wie eine Radierung Whistlers oder wie eine jener schönen kleinen griechischen Figuren, die man in den Olivenhainen in Tanagra heute noch finden kann, mit der matten Vergoldung und der leichten Spur Karmin, die noch nicht ganz von Haar, Lippen und Gewand verschwunden sind; und andere, viele von diesen Gedichten gleichen den Dämmerungen des Corot, die gerade Musik werden, denn nicht in der sichtbaren Farbe allein, sondern auch im Sentiment - das die Farbe des Gedichtes ist - kann eine Art Ton liegen.

Aber ich denke, das beste Gleichnis für die Art der Gedichte dieses jungen Poeten, das ich je sah, fand ich in der Loirelandschaft. Er und ich, wir hielten uns einmal in dem kleinen Städtchen Amboise auf, mit seinen grauen Schieferdächern und steilen Straßen und dem schmalen dunklen Torweg, wo die friedlichen Häuschen wie weiße Tauben in den düsteren Spalten des großen, befestigten Felsens nisten und die stattlichen Renaissancegebäude schweigsam und vornehm dastehn -jetzt sehr verlassen, aber die feingedrehten Säulen und die geschnitzten Tore mit ihrem grotesken Getier und lachenden Masken und wunderlichen Wappensprüchen von manchem Erinnern an vergangene Tage umschwebt an Menschen erinnern, die sich das Leben nicht wirklich denken konnten, sie hätten es zuvor nicht phantastisch gemacht. Und oberhalb des Städtchens, jenseits der Flussbiegung, pflegten wir nachmittags zu gehen und von einem der großen Kähne aus zu zeichnen, die im Herbst den Wein und im Winter das Holz ans Meer hinunterbringen, oder wir lagen im Gras und machten Pläne pour la gloire et pour ennuyer les philistins, oder wir spazierten an den niedrigen, schilfigen Ufern, »blasend unsre Rohrpfeifen im fröhlichen Wettkampf«, wie es Gefährten in den alten Tagen Siciliens gern taten; und die Landschaft war doch eine gewöhnliche und gar kahl, wenn man an Italien dachte, wie da die Oleanderbäume die Hügel bei Genua mit Scharlach schmücken und die Zyklamen jedes Tal von Florenz bis Rom mit ihrem Purpur füllen; denn es gab da vielleicht nicht viel wirkliche Schönheit, bloß lange, weiße, staubige Straßen und gerade, steife Pappelalleen; aber dann und wann mochte wohl ein kleiner zager Schimmer gebrochenen Lichtes dem grauen Feld und der stillen Scheune ein Geheimnisvolles und einen Zauber geben, den sie selber nicht besaßen, mochte für einen köstlichen Augenblick die Bauern verklären, die den Weinberg herabstiegen, oder den Schäfer, der auf dem Hügel weidete, mochte die Weiden am Ufer mit Silber sprenkeln und den Fluss in Gold verwandeln; und das Wunder dieser Wirkung zusammen mit der seltsamen Einfachheit des Mittels schien mir immer ein wenig wie die Art dieser Verse meines Freundes.