Englische Dichterinnen (1888)

England hat der Weit eine große Dichterin geschenkt: Elizabeth Barrett Browning. Ihr an die Seite würde Mr. Swinburne Miss Christina Rossetti stellen, deren Hymnus an das Neue Jahr er als das so sehr edelste aller Weihegedichte englischer Zunge bezeichnet, dass da nichts mehr heranreichte, auch nur den zweiten Platz zu behaupten. »Es ist ein Hymnus«, teilt er uns mit, »berührt wie vom Feuer und gebadet wie im Glanze der Sonne, gestimmt wie die Akkorde und Kadenzen der wogenden See, unerreichbar für Harfe und Orgel im großen Nachhall der gelassen-sonoren Gezeiten des Himmels.« Nun, wie sehr ich auch Miss Rossetti's Werk bewundere, ihre subtile Wortwahl, ihren Bilderreichtum, ihre künstlerische Unbefangenheit, worin so seltsam fremde Töne den einfachsten Klängen phantastisch vermählt sind, so kann ich doch nur annehmen, dass da Mr. Swinburne die Dichterin in nobler und natürlicher Loyalität auf ein allzu erhabenes Podest gestellt hat. Für mich ist sie ganz einfach eine überaus erfreuliche Künstlerin auf dem Gebiete der Poesie. Dergleichen ist in der Tat so selten, dass wir im Augenblick der Begegnung es auch schon lieben müssen, wenngleich es noch nicht das Höchste ist: jenseits davon und darüber hinaus gibt es höhere, durchsonntere Bereiche des Gesangs, umfassendere Visionen und luftigere Räume sowie eine Kraft ' die sowohl leidenschaftserfüllter als auch profunder ist, eine schöpferische Kraft, die aus dem Geist, eine beschwingte Begeisterung, die aus der Seele sich gebiert, eine Stärke und Inbrunst schon allein im Ausdruck, die alle Wunder des Prophetentons in sich trägt, doch nichts von pfäffischer Salbaderei.

Mrs. Browning ist unerreichbar für jedwedes Weib, das jemals die Leier geschlagen, das jemals die Flöte gespielt seit den Tagen der großen, äolischen Sängerin. Doch Sappho, die der antiken Welt ein Fanal gewesen, ist uns Heutigen nur noch dessen Abglanz. Von ihren Dichtungen, die zusammen mit anderen wertvollsten Werken verbrannt wurden von byzantinischen Kaisern und römischen Päpsten, sind uns nur Fragmente erhalten. Vielleicht gilben noch andere in der balsamgeschwängerten Luft einer ägyptischen Grabkammer, umkrampft von der welken Hand eines längst dahingerafften Liebenden. Und auch ein griechischer Mönch mag auf dem Berg Athos sich noch beugen über etwelche uralte Schriftrolle, deren krause Schriftzeichen Lyrik bedeuten oder auch eine Ode von ihr, die bei den Griechen nur als »Die Sängerin« gegolten, ganz wie Homer nur »Der Sänger« genannt worden - von ihr, die ihnen die Zehnte Muse gewesen, die Blume der Grazien, die Tochter des Eros und der Stolz von ganz Hellas: von der Hand jener Sappho mit der holden Stimme, dem leuchtendschönen Blick, dem schwarzhyazinthenen Haar! Aber alles in allem genommen, ist das Werk der wundersamen Sängerin von Lesbos uns zur Gänze verloren.

Verblieben sind einige Rosenblätter aus ihrem Garten - und damit genug. In unseren Tagen überdauert das Geschriebene den Marmor und die Bronze, doch in den alten Zeiten ist das, bei allem Auftrumpfen der römischen Dichter, nicht so gewesen. Die zerbrechlichen Tonvasen der Griechen bewahren noch Bilder der Sappho, herrlich gemalt in Schwarz und in Rot und in Weiß. Von ihrem Gesang aber haben wir nur mehr den Nachhall des Echos.

Unter sämtlichen Frauen der Geschichte ist Mrs. Browning die einzige, welche wir allenfalls in einen möglichen Zusammenhang mit Sappho stellen können.

Diese war unzweifelhaft die bei weitem makellosere, ja vollkommene Künstlerin, und sie hat die Welt der Antike stärker bewegt, als Mrs. Browning je unsere Zeit. Nie wieder hat die Liebe solche Sängerin gefunden. Noch aus den wenigen Zeilen, die uns verblieben sind, scheint die Leidenschaft hervorzubrennen und uns versengen zu wollen. Da aber die ungerechte Zeit solche Dichterin krönte mit dem wertlosen Lorbeer des Ruhmes und diesem Lorbeer den Mohn des Vergessens beigesellt hat, wollen wir uns von dem bloßen Gedenken an eine Dichterin ab- und derjenigen zuwenden, deren Gesang noch um uns ist als ein unverwelklicher Ruhm unserer Literatur: uns zuwenden ihr, die das Klagen der Kinder vernommen aus nachtschwarzem Bergwerk und überfüllter Fabrik, ja, die England zu weinen gelehrt hat über das Los seiner Kleinen; ihr, die als vergeblich portugiesische Nonne in Sonetten gesungen vom Geist des Mysteriums der Liebe und von den Gedanken, welche die Liebe der Seele beschert, und ihr, die in ihrem Glauben an alles Wertvolle soviel Begeisterung empfunden für alles Große und soviel Mitleid mit allem, was leidet: ihr schließlich, die die Vision der Dichter geschrieben, die Casa Guidi-Fenster und die Aurora Leigh.

Es ist schon so, wie einer, dem ich meine Liebe zur Poesie und nicht minder diejenige zum Vaterland verdanke, über sie gesagt:

An unser Ohr
tönt das »Excelsior« noch von ihren Lippen,
schallt übers Gipfelmeer des Apennin,
ob auch der Säng'rin Stirn vom Tode bleich ward
und kalt, gleichwie der Marmor zu Florenz.
Doch weil der Große Sang die Herzen rührt,
weil seine Klänge durch die Welt vibrieren,
ja, Kreis aus Kreis sich weiten bis hinan
zu Gottes Thron, wo zum Gebet sie werden
und als Gebet die Kraft herniederbringen,
mit der die Völker heldisch sich befrei'n:
Darum lebt weiter sie, die große Säng'rin,
die von der Casa Guidi Fenstern einst
so rot Italiens Freiheit dämmern sah,
und solchen Glanz als Sonnenaufgangs-Hymnus
der ganzen Menschenheit zurückgegeben!

So lebt sie denn in der Tat nicht nur weiter im Herzen von Shakespeare's England, sondern auch im Herzen von Dante's Italien. Der griechischen Literatur verdankte sie die in der Schulzeit erworbne Kultur, doch die Leidenschaft für die Freiheit ward ihr im Italien unserer Tage ins Herz gesenkt. Da sie die Alpen überquerte, ward sie von einer ganz neuen Innigkeit erfüllt, und so brachen aus dem schönen beredten Munde, den wir noch bewundern können auf ihren Bildnissen, lyrische Gesänge von solch edler Majestät, wie man sie. von Frauenlippen seit mehr als zwei Jahrtausenden nimmer vernommen hatte. Und es ist schön, denken zu können, dass eine englische Dichterin es war, die in ihren Grenzen einen echten Beitrag geleistet hat zu jener Einigung Italiens, von der schon Dante geträumt. Mag Florenz seinen großen Sänger immer in die Verbannung getrieben haben, so hat es doch in seinen Mauern willkommen geheißen die spätere Sängerin, die ihm von England gesandt worden war.

Fragte nun jemand nach den hervorstechenden Qualitäten in Mrs. Brownings Werk, so könnte man ihm mit Mr. Swinburne's Byron-Charakteristik antworten es seien Echtheit und Kraft. Natürlich hat es auch seine Fehler: »Sie würde noch >Mond< auf >Tisch< reimen«, pflegte man scherzhaft über sie zu sagen, und gewiss finden sich in der gesamten Literatur nicht so viele monströse Reime vor wie sie uns in den Gedichten der Mrs. Browning aufstoßen. Allein, solcher Mangel an Feingefühl war nimmermehr die Folge von Unachtsamkeit, sondern ein durchaus gewollter, was sie ja in ihren Briefen an Mr. Horne vollauf bestätigt. Nein, sie hat sich ganz einfach geweigert, ihre Muse auch noch glattzuschmirgeln, denn sie hatte nichts übrig für gefällige Glätte und kunstvolles Aufpolieren. Noch in ihrer Verwerfung des Künstlerischen war sie Künstlerin. Ihr ging es nur darum, eine bestimmte Wirkung mit bestimmten Mitteln hervorzurufen, und darin hat sie ja auch Erfolg gehabt. Häufig verleiht diese Indifferenz gegenüber dem vollen Reim-Gleichklang ihren Versen besonderen Glanz und bewirkt, dass sie uns immer wieder überraschen.

In der Philosophie war sie Platonikerin, in der Politik Opportunistin. Sie hing keiner speziellen Partei an, sondern liebte die Menschen, wenn sie königlich waren, und die Könige, wenn sie sich als menschlich erwiesen. Vom wahren Wert und Ursprung der Dichtung hegte sie die übertriebenste Vorstellung: »Die Poesie«, sagt sie im Vorwort zu einem ihrer Bände, »war für mich ein so ernstes Ding wie das Leben an sich, und dies Leben habe ich überaus ernst genommen. Hier wie dort hat es kein Honiglecken für mich gegeben, und niemals habe ich in der Freude die Ursache der Dichtung gesehen, so wenig wie in der Muße die Stunde des Dichters. Ich habe mein Werk nicht nur insoweit geschaffen, als Hand und Hirn daran beteiligt waren, sondern mit allem persönlichen Sein als den vollkommensten Ausdruck jener Wesenheit, die zu erwerben mir vergönnt war.«

Nun, es ist ganz gewiss der vollkommenste Ausdruck geworden, und eben durch dieses Werk erreicht auch die Dichterin ihre größte Vollkommenheit. »Der Dichter«, sagt sie an anderer Stelle, »ist zugleich reicher und ärmer geworden, als er einstmals gewesen: er trägt feineres Tuch auf dem Leibe, aus seinem Mund aber tönen keine Orakel mehr.« Diese Worte bilden den Grundton ihrer Auffassung vom Auftrag des Dichters, der vor Zeiten dazu bestimmt war, in göttlichen Orakeln zu sprechen - inspirierter Prophet und Weihepriester in einer Person. Und in solchem Lichte können wir, ohne zu übertreiben, auch unsere Dichterin sehen: eine Sibylle ist sie gewesen, die der Welt eine Botschaft zu verkünden hatte, wenn auch bisweilen nur stammelnden Mundes, und mindestens einmal geblendeten Blicks, stets aber mit dem echten Feuer und der wahren Inbrunst erhabenen, unerschütterten Glaubens, stets auch mit dem großen, begeisterten Schwung der spirituellen Natur und mit dem ganzen hochfliegenden Eifer der leidenschaftserfüllten Seele: beim Lesen ihrer besten Gedichte spüren wir das. Ist auch Apollos Altar verwaist, der bronzene Dreifuß umgeworfen, und das Tal von Delphi verlassen, so ist Pythia doch nicht gestorben: noch in unseren Tagen hat sie gesungen für uns, und durch dieses unser Land ward sie zu neuem Leben erweckt. In der Tat ist ja Mrs. Browning die weiseste der Sibyllen, weiser noch als jene machtvolle Gestalt, von Michelangelo zu Rom an die sixtinische Decke gemalt, gebeugt über die Schrift. des Mysteriums und sich mühend um das Geheimnis des Schicksals. Denn sie hat ja erkannt: ist Erkenntnis gleich Macht, so ist Leiden ein Teil der Erkenntnis.

Ihrem Einfluss möchte ich, fast so sehr wie der Höheren Schulbildung der Frauen, das wirklich bemerkenswerte Erwachen der Frauenlyrik zuschreiben, das die zweite Hälfte dieses Jahrhunderts in England kennzeichnet. Kein Land hatte jemals so viele Dichterinnen auf einmal aufzuweisen. Und tatsächlich: führt man sich vor Augen, dass die Griechen bloß über Neun Musen verfügten, so neigt man bisweilen zu der Annahme, wir hätten ihrer zu viele. Dennoch hat das dichterische Schaffen der Frauen einen hohen Stand an Vollkommenheit erreicht. Wir in England waren ja stets versucht, die Bedeutung der Tradition in der Literatur zu unterschätzen. In unserem Bestreben, eine neue Stimme, einen frischen Ton aufzuspüren, haben wir übersehen, wie schön auch das Echo sein kann. Wir schauen erst einmal auf Individualität und Persönlichkeit, und diese beiden sind ja wirklich das Charakteristikum der Meisterleistungen unserer Literatur, sei das nun in Prosa oder in Gedichtform. Aber auch die bewusste Kultivierung und das Studium der besten Vorbilder können, sobald sie Hand in Hand gehn mit künstlerischem Temperament, mit einem Wesen, das offen ist für exquisite Impressionen, viel Bewunderns und Lobenswertes hervorbringen. So wäre es nahezu unmöglich, eine vollständige Liste all jener Frauen zu erstellen, die, von Mrs. Browning abwärts gerechnet, sich an Laute oder Lyra versucht haben: da wären etwa die Mrs. Pfeiffer, die Mrs. Hamilton King, die Mrs. Augusta Webster, die Graham Tomson, die Miss Mary Robinson, die Jean Ingelow, die Miss May Kendall, die Miss Nesbit, die Miss May Probyn, die Mrs. Craik, die Mrs. Meynell, die Miss Chapman. Sie und viele andere haben in der Poesie wirklich Gutes geleistet - ob das nun in der ernsten dorischen Art des gedankenschweren, geistvollen Verses ist, in den leichten anmutigen Formen des altfranzösischen Lieds, in der romantischen Weise alter Balladen oder aber in Gestalt jenes »Denkmals des Augenblicks«, wie Rossetti die so intensive Verdichtung genannt hat, die zum Sonett geworden ist. Bisweilen freilich ist man zu wünschen versucht, die künstlerische Fähigkeit, die ja den Frauen unzweifelhaft zu eigen ist, möge sich ein wenig stärker in Prosa und weniger häufig in Gedichtform manifestieren. Die Poesie ist unseren höchsten Momenten vorbehalten, jenen Augenblicken, da wir eins sein wollen mit den Göttern, und so sollte in unserer Dichtung uns nur das Allerbeste zufriedenstellen. Die Prosa hingegen ist unser täglich Brot, und der Mangel an guter Prosa ist ein hervorstechender Schandfleck unserer Kultur. Die französische Prosa, auch von der Hand mittelmäßigsten Schreiber, ist allzeit lesbar, aber die englische ist abscheulich. Wie die Dinge liegen, haben wir hier nur wenige, sehr wenige Meister: da ist Carlyle, den man nicht nachahmen sollte, ferner Mr. Pater, der in seiner feinen formalen Perfektion einfach unnachahmlich ist. Dann noch Mr. Froude, der durchaus brauchbar, und Matthew Arnold, der vorbildlich ist. Vor Mr. George Meredith hingegen muss man warnen, und Mr. Lang ist ein gottvoller Dilettant. Dann noch Mr. Stevenson als den humanen Künstler, sowie Mr. Ruskin, dessen Rhythmik, Farbigkeit, geschliffne Rhetorik und wunderbare Sprachmusikalität einfach unübertroffen sind. Die gemeinhin übliche Prosa jedoch, welche wir in Magazinen und Tageszeitungen vorgesetzt bekommen, ist entsetzlich dumm und schwerfällig, ist ungefüg und ungelenk oder aber übertrieben. Vielleicht werden eines Tages unsere Schriftstellerinnen sich doch noch zur Prosa entschließen können.

Ihre leichte Hand, ihr exquisites Gehör, ihr feiner Sinn für Ausgewogenheit und rechtes Maß könnten uns zu nicht geringem Vorteil gereichen, und ich kann mir recht gut vorstellen, dass dergestalt die Frauen eine neue Note in unsere Literatur zu bringen vermochten.

Allein, wir beschäftigen uns hier mit der Frau als Dichterin, und in solchem Zusammenhang ist es anmerkenswert, dass es, wiewohl Mrs. Browning's Einfluss unzweifelhaft sehr viel beigetragen hat zur Entfaltung der neuen Sangesbewegung, wenn diese Bezeichnung erlaubt ist - dass es also während der letzten dreihundert Jahre keinen Zeitabschnitt gegeben hat, worin die Frauen dieses Landes nicht die Kunst oder doch zumindest den Brauch gepflegt hätten, Poetisches zu verfassen.

Wer die erste englische Dichterin gewesen ist, kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen, doch glaube ich, dass es die Äbtissin Juliana Berners war, die im fünfzehnten Jahrhundert gelebt hat. Ganz sicher bin ich jedoch, dass Mr. Freeman es im Augenblick fertigbrächte, uns irgendwelche angelsächsische oder normannische Dichterin zu zaubern, deren Werke ohne Wörterbuch nicht lesbar wären und auch mithilfe eines solchen vollkommen unverständlich blieben. Ich für mein Teil bescheide mich da lieber mit der Äbtissin Juliana, die mit so viel Begeisterung über die Falknerei geschrieben hat. Und gleich nach ihr möchte ich Anne Askew nennen, die im Kerker und am Vorabend ihres Märtyrertods auf dem Scheiterhaufen eine Ballade verfasst hat, die zumindest von pathetisch-historischem Interesse ist. Queen Elizabeth's »allerholdestes Sinngedicht« auf Maria Stuart wird von dem zeitgenössischen Kritiker Puttenham gepriesen als beispielhaft für »Exargasia oder das Prächtige in der Litteratur«, was ja ein überaus passendes Lob auf die Gedichtversuche solch großer Königin darstellt. Die Bezeichnung, mit der sie die unglückliche Königin Schottlands belegt hat, nämlich »Tochter des Zwistes«, ist natürlich längst in die Literatur eingegangen. Auch die Gräfin von Pembroke und Schwester von Sir Philip Sidney galt zu ihrer Zeit als vielbewunderte Dichterin. Im Jahre 1613 veröffentlichte die »hochgelahrte, tugendsam und wahrhafft ädelmüettige Dame« Elizabeth Carew eine Tragoedi derer Marian, Schoenen Koeniginn der Judenheit, und wenige Jahre danach verfasste die »wohlädle Dame Diana Primrose« Eine Kette von Perlen als Lobgedicht auf »die incomparablen Reitze« der Gloriana Mary Morpeth, Freundin und Verehrerin des Drummond of Hawthornden. Lady Mary Wroth, der Benjonson seinen Alchimist gewidmet hat, sowie die Prinzessin Elizabeth und Schwester des Ersten Karl wären hier auch noch zu erwähnen.

Nach der Restaurationszeit widmeten die Frauen sich mit noch größerem Eifer dem Studium der Literatur und dem Verfassen von Poesieen. Margaret, die Herzogin von Newcastle, war eine wirkliche Schriftstellerin, und etliche ihrer Verse sind von ungewöhnlicher Schönheit und Anmut. Mrs. Aphra Behn war die erste Frau in England, welche das Schreiben als Profession betrieb. Mrs. Katarine Philips führte, wenn wir Mr. Gosse glauben dürfen, das Sentimentalische in die Literatur ein. Da aber Dryden sie gelobt und Cowley sie betrauert hat, wollen wir hoffen, dass ihr vergeben worden ist. Keats stieß auf ihre Dichtungen, als er in Oxford am Endymion arbeitete, und fand in einer davon »eine höchst geschmackvolle Bilderwelt in der Manier von Fletcher«, doch fürchte ich, dass heutzutage kein Mensch mehr die »unvergleichliche Ornida« lesen wird. Über Lady Winchelsea's Nächtliche Träumerei hat Wordsworth gesagt, sie sei, mit Ausnahme von Pope's Wald von Windsor das einzige Gedicht aus der Zeitspanne zwischen Verlorenem Paradies und Thomson's Jahrzeiten, das ein Naturbild von origineller Neuheit enthalte. Der Lady Rachel Russell darf man die Einführung des Brief-Elements in England nachsagen, Eliza Heywood, die unsterblich ist ob der beklagenswerten Qualität ihrer Arbeiten und die eine Gedenknische in der Dunciade (Epos über die Dummköpfe in der Literatur von Pope, Anm. d. Ü.) erhalten hat, sowie die Marquise von Wharton, deren Gedichte Waller ausdrücklich bewundert hat, sind bemerkenswerte Erscheinungen, namentlich die Erstgenannte, die eine Frau von heroischem Naturell und überaus nobler Dignität gewesen ist.

Tatsächlich sind ja die englischen Dichterinnen bis herauf zu den Tagen der Mrs. Browning, obschon man ihnen kein Werk von absolutem Genie nachrühmen kann, recht fesselnde Gestalten und hochinteressante Studienobjekte. Wir finden unter ihnen die Lady Mary Wortley Montague, die alle caprice der Kleopatra an sich hatte und deren Briefe höchst vergnüglich zu lesen sind; ferner Mrs. Centlivre, die Verfasserin einer glänzenden Komödie; die Lady Anne Barnard, deren Alt' Robin Gray von Sir Walter Scott bezeichnet wurde als »so viel wert wie die sämtlichen Dialoge, welche Corydon und Phillis seit des Theokrit Tagen miteinander geführt«, und der ja wirklich ein recht schönes und ergreifendes Gedicht ist; dann noch Esther Vankomrigh und Hester Johnson, die Vanessa und die Stella im Leben von Hochwürden Swift; Mrs. Thrale, die Freundin des großen Wörterbuchverfassers; die würdige Mrs. Barbauld; die vorzügliche Mrs. Hannah More; die fleißige Johanna Baillie; die bewundernswerte Mrs. Chapone, deren Ode an die Solitude mich jedesmal mit dem leidenschaftlichsten Verlangen nach Gesellschaft erfüllt und derer zumindest gedacht sein wird in bezug auf ihre Gönnerschaft zugunsten jenes Instituts, wo Becky Sharp ihre Erziehung genossen; Miss Anna Seward, genannt »Der Schwan von Lichfield«; die arme L.E.L., von Disraeli in einem seiner gescheiten Briefe an seine Schwester bezeichnet als »Personifikation von Brompton rosa Satinkleid, weiße Satinschuhe, rote Backen, Stupsnase und das Haar à la Sappho«; Mrs. Radcliffe, welche den Roman romantisiert und demgemäss viel zu verantworten hat; die schöne Herzogin von Devonshire, der Gibbon nachgesagt hat, sie sei »für Besseres denn eine Herzogin geschaffene; die beiden wundersamen Schwestern Lady Dufferin und Mrs. Norton; Mrs. Tighe, deren Psyche Keats mit Vergnügen gelesen hat; Constantia Grierson, ein wunderlieber Blaustrumpf ihrer Tage; Mrs. Hemans, die hübsche, zaubrische »Perdita«, die abwechselnd mit der Poesie und dem Prinzregenten geliebäugelt und göttlich im Wintermärchen gespielt hat, wurde von Gifford aufs brutalste angegriffen und hat uns ein gefühlvolles kleines Gedicht auf das Schneeglöckchen hinterlassen; und Emily Bronte, deren Gedichte von Tragik durchdrungen sind und oftmals an der Schwelle zu wirklicher Größe stehen.

Das Altmodische in der Literatur ist nicht so erfreulich wie das Altmodische an der Kleidung. Mir sind die Kostüme aus der Zeit, da man gepuderte Perücken trug, lieber als die Dichtung aus den Tagen von Pope. Nehmen wir aber den historischen Standpunkt ein - und der ist ja wirklich der einzige, von dem aus wir eine gerechte Abschätzung der nicht gerade erstrangigen Werke treffen können -, so werden wir ganz gewiss feststellen, dass sehr viele Vorläuferinnen unserer Mrs. Browning ungewöhnlich begabt gewesen sind, aber großteils in der Poesie nur einen Zweig jener belles lettres gesehen haben, jenes schöngeistigen Schrifttums, dem ihre Zeitgenossinnen sich der Hauptsache nach widmeten. Von Mrs. Browning abwärts gerechnet haben aber unsere Wälder sich belebt mit Sing-Vögeln aller Art, und wenn ich es wage, diese sangesfreudigen Geschöpfe zu bitten, sich doch ein wenig mehr der Prosa zu- und vom Gesange abzuwenden, so tu' ich das nicht, weil ich die poetische Prosa schätze, sondern weil meine Liebe der Prosa des Dichters gehört.