Die Relation zwischen Kleidung und Kunst (1885)

Eine Anmerkung in Schwarz und Weiß zu Mr. Whistler's Vortrag

»Wie ist es nur möglich, dass Sie diese unmöglichen Dreispitze malen?«, wollte ein aufdringlicher Kunstkritiker einmal von Sir Joshua Reynolds wissen. »Ich sehe Lichter und Schatten darin«, versetzte der Künstler. »Les grands coloristes«, sagt Baudelaire in einem zauberhaft schönen Artikel über den künstlerischen Wert der Gehröcke, »les grands coloristes savent faire de la couleur avec un habit noir, une cravate blanche, et un fond gris.«

»Die Kunst ist allzeit auf der Suche nach dem Schönen, und sie findet es auch, ganz wie ihr Hohepriester Rembrandt es gefunden, als er die pittoreske Großartigkeit des Amsterdamer Judenviertels sah und nicht darüber klagte, dass dessen Bewohner keine Griechen seien«: so lauteten Mr. Whistler's schöne und einfache Worte in einer der wertvollsten Passagen seines Vortrages. Das heißt, wertvoll für den Maler: denn nichts tut mehr not, als den englischen Durchschnittsmaler daran zu erinnern, dass der echte Künstler nicht erst lange wartet, bis das Leben sich ihm von der malerischen Seite zeigt, sondern dass er es jederzeit unter malerischen Konditionen zu sehen habe - will sagen, unter Bedingungen, die zugleich neu sind und doch das Auge erfreuen. Indes, zwischen der Haltung, welche der Maler gegenüber dem Publikum einnimmt, und derjenigen des Publikums gegenüber dem Maler besteht ein großer Unterschied. Dass unter ganz bestimmten Bedingungen von Licht und Schatten das in Wirklichkeit Hässliche im Endeffekt zum Schönen werden kann, trifft zwar zu, und darin besteht ja die eigentliche modernité der Kunst: doch sind das genau jene Konditionen, derer wir nicht immer sicher sein können, etwa wenn wir den Piccadilly entlangschlendern in aller blendenden Vulgarität eines Mittags, oder im Park verweilen vor dem nichtssagenden Hintergrund eines Sonnenuntergangs. Könnten wir unser chiaroscuro mit uns herumfragen wie unseren Regenschirm, so wäre ja alles in Ordnung. Da dies aber nicht möglich ist, glaube ich kaum, dass die so netten und angenehmen Leute einen Kleidungsstil beibehalten werden, der so hässlich ist wie unbedeutend und monströs, auch nicht auf die Möglichkeit hin, dass ein Mr. Whistler sie zu einer Symphonie vergeistigen oder zu subtilsten Nebelschwaden auflösen könnte. Denn die Kunst ist für das Leben da, nicht aber das Leben für die Kunst.

Auch bin ich nicht so sicher, dass Mr. Whistler sich für seine Person stets an jenes Dogma gehalten hat, das er da vor uns zu erstellen scheint, nämlich, dass ein Maler nur die Kleidung seiner Tage und seiner Umgebung malen sollte: zwar sei es fern von mir, einem gaukelnden Falter die schwere Verantwortlichkeit für seine Vergangenheit aufzubürden - war ich doch stets der Ansicht, dass die letzte Zuflucht der Phantasielosen die Konsequenz ist. Aber haben wir nicht allesamt gesehen - und großenteils auch bewundert -, wie auf einem Bild von seiner Hand ganz wunderhübsche englische Mädchen längs einer opalenen See hinschlendern in phantastischer japanischer Kostümierung? Und war nicht die gesamte Tite Street aus dem Häuschen ob der Neuigkeit, dass die Chelsea-Modelle dem Meister für etwelche Pastellbilder im Peplos, im ärmellosen griechischen Frauengewand, posiert haben?

Was immer aus Mr. Whistler's Pinsel kommt, ist in seiner Schönheit viel zu perfekt, als dass es irgendwelchen Verstandesdogmen unterworfen sein könnte - auch nicht seinen eigenen denn die Schönheit ist gerechtfertigt allein schon in ihren Kindern und bedarf keiner Erklärung. Nur ist es nicht möglich, eine beliebige Kollektion moderner Bilder zu besichtigen, von Burlington House bis zur Grosvenor Gallery, ohne mehr und mehr zu spüren, dass das Berufsmodell der Ruin ist für die Malerei - dass es sie reduziert auf leere Pose und pastiche.

Sind wir seiner nicht allesamt müde, dieses ehrwürdigen Schwindlers von den Stufen der Piazza die Spagna, der in den Augenblicken jener Muße, die ihm seine ausgeleierte Drehorgel lässt, die Runde durch die Ateliers macht und in Holland Park schon erwartet wird? Erkennen wir ihn nicht allesamt wieder, sobald er, in der ganzen flotten insouciance seiner Nation, sich aufs neue präsentiert an unseren sommerlichen Ausstellungswänden? Sich präsentiert als alles, was er in Wahrheit gar nicht ist, und als das Nichts, das er in Wahrheit ist, indem er uns anglotzt bald als kanaanitischer Patriarch, bald als Wegelagerer aus den Abruzzen? Populär - ja, das ist er, dieser vazierende Professionist der Pose: populär bei all denen, die ihre Freude dran haben, das posthume Bildnis des letzten Philanthropen zu malen, der da zu Lebzeiten sich nicht photographieren gelassen. Populär ist er - und doch das Aushängeschild der Dekadenz und das Symbol des Verfalls.

Nämlich, alle Kostümierung ist Karikatur. Der Kostümball ist niemals die Grundlage der Kunst, und ist die Kleidung von sich aus schön, so bedarf es gar nicht erst irgendwelchen Verkleidung. Wäre also unser nationales Erscheinungsbild, soweit es die Kleidung betrifft, von ansprechenden Farben und von einfachem, ehrlichern Zuschnitt; wäre die Kleidung auch Ausdruck jener Schönheit und Anmut, deren Schutz und Schirm sie ist, jener raschen Beweglichkeit, der sie kein Hemmnis mehr bedeutet; fiele ihr Linienschwung frei von den Schultern herab anstatt sich aufzubauschen um die Hüften - wäre also das umgestülpte Weinglas nicht länger die Idealform in der Mode: wäre das alles so, wie es dereinst gewiss einmal sein wird, dann wär' auch die Malerei nicht länger gekünstelte Reaktion auf des Lebens Hässlichkeit, sondern, wie sich's gebührt, natürlicher Ausdruck aller Schönheit des Lebens. Und nicht nur die Malerei, nein, auch die anderen Künste würden profitieren an solchem Wandel, wie ich ihn verfechten würden gewinnen, so glaube ich, durch die Atmosphäre vermehrter Schönheit, welche dann den Künstler umgäbe, ja inmitten derer er schon heranwachsen könnte. Die Kunst nämlich wird nicht an den Akademien gelehrt. Nicht was wir hören, sondern was wir sehen macht uns zum Künstler! Die wahren Schulen müssten die Straßen sein. So gibt es ja in der Gewandung der Griechen keine noch so subtile Linie, keine noch so feine Proportion, die nicht ihr exquisites Echo gefunden hätte in der Architektur! Eine Nation freilich, die angetan ist mit Hüten in der Form eines Ofenrohrs, und die sich behelfen muss mit auswattierten Steißen, mag vielleicht imstande sein, das Pantechnikon zu errichten, nimmermehr aber den Parthenon. Und schließlich muss auch dies noch gesagt sein: gewisslich kann die Kunst allzeit nur auf die eigene Vervollkommnung Bedacht nehmen, und es mag ja sein, dass der Künstler, der nur betrachten und schaffen will, weise daran tut, sich nicht zu bemühen um Veränderungen in anderen Dingen. Indes, Weisheit ist nicht immer ihr bester Schluss: es gibt auch Zeiten, da sie auf das Niveau allgemeinster Betrachtungsweisen herabsinkt. Aber aus der leidenschaftlichen Verrücktheit derjenigen - und es sind ihrer gar nicht so wenige -, welche begehren, dass die Schönheit nicht länger beschränkt sei auf den Krimskrams des Sammlers und den Staub der Museen, sondern, wie sich's gebührt, zum natürlichen nationalen, ererbten Gemeingut Aller werde: aus dieser edlen Unweisheit sage ich - wer kann da schon wissen, welche neue Schönheit dem Leben da erwachsen, und, unter solch exquisiteren Konditionen, welch vollkommene Künstler uns da erstehen wird? Le milieu se renouvelant, l'art se renouvelle.

Indes hat Mr. Whistler, als er von seinem leidenschaftslosen Podest herab verkündet hat, die Stärke des Malers liege in der Kraft seiner Vision und nicht in der Geschicklichkeit seiner Hand, eine Wahrheit ausgesprochen, die gesagt werden musste und die, da sie von diesem Meister der Form und der Farbe kommt, nicht ohne Auswirkungen bleiben kann. Sein Vortrag, mag er von den Leuten auch als bloß apokryphe Anmerkung aufgefasst werden, wird von Stund an für den Maler das Buch der Bücher sein, das Meisterstück aller Meisterstücke und das Lied der Lieder. Zwar wurde in Wahrheit nur das Loblied des Philisters gesungen, doch bild' ich mir ein, dass da Ariel den Caliban nur zum Scherz gepriesen! Und dass er den Kritikern eine rechte Aschermittwoch-Predigt gehalten, das sollten alle Menschen ihm danken, auch die Kritiker, oder doch die meisten von ihnen, hat er sie doch nunmehr erlöst aus den Nöten ihres langweiligen Daseins. Als Redner, und nur als solcher betrachtet, scheint Mr. Whistler mir nahezu einzig dazustehen: denn ich kenne unter allen unseren öffentlichen Wortführern nur ganz wenige, die es auf so treffliche Weise fertigbrächten, die erheiternde Bosheit des Puck einzuschmelzen dem Großen Ton der Kleinen Propheten.