Das Bildnis des Herrn W.H.

Kapitel I

Ich hatte bei Erskine in seinem hübschen kleinen Haus in Birdcage Walk gespeist, und wir saßen mit unserm Kaffee und Zigaretten in der Bibliothek, als von ungefähr die Frage literarischer Fälschungen in unserm Gespräch auftauchte. Ich kann mich im Augenblick nicht erinnern, wie wir auf dies für die damalige Zeit etwas ungewöhnliche Thema kamen, aber ich weiß, dass wir lange über Macpherson, Ireland und Chatterton diskutierten und dass ich, was den Letztgenannten betraf, steif und fest behauptete, seine sogenannten Fälschungen seien nur das Ergebnis eines künstlerischen Verlangens nach vollendeter Wiedergabe; wir hätten kein Recht, mit einem Künstler wegen der Umstände zu streiten, die er wählt, sein Werk darzubieten, und da alle Kunst bis zu einem gewissen Grade eine Art Darstellung sei, ein Versuch, die eigene Persönlichkeit auf einer gedachten Ebene außerhalb der hemmenden Zufälle und Begrenzungen des wirklichen Lebens zur Erfüllung zu bringen, heiße es ein ethisches mit einem ästhetischen Problem vermengen, wenn man einen Künstler wegen einer Fälschung verurteile.
Erskine, der ein gut Teil älter war als ich und mich mit der amüsierten Nachsicht eines Vierzigjährigen angehört hatte, legte mir plötzlich seine Hand auf die Schulter und sagte: »Was würden Sie von einem jungen Mann halten, der eine merkwürdige Theorie über ein bestimmtes Kunstwerk hatte, an seine Theorie glaubte und eine Fälschung beging, um sie zu beweisen?«
»Oh, das ist eine ganz andere Sache«, antwortete ich.
Erskine schwieg eine Zeitlang und schaute den dünnen grauen Rauchfäden nach, die von seiner Zigarette aufstiegen. »Ja«, sagte er nach einer Weile, »eine ganz andere.«
Etwas lag im Ton seiner Stimme, vielleicht ein schwacher Anflug von Bitterkeit, was meine Neugier erregte. »Haben Sie jemanden gekannt, der das tat?« fragte ich.
»Ja«, antwortete er und warf seine Zigarette ins Feuer, »er war ein guter Freund von mir, Cyril Graham. Er war sehr bestrickend, sehr töricht und sehr herzlos. Immerhin hinterließ er mir das einzige Vermächtnis, das ich je in meinem Leben erhielt.«
»Was war das?« fragte ich. Erskine stand von seinem Platz auf, ging zu einem hohen, mit Intarsien geschmückten Schrank, der zwischen den beiden Fenstern stand, schloss ihn auf und kam zu mir zurück, ein kleines, auf Holz gemaltes Bild in einem alten, etwas matt gewordenen, elisabethanischen Rahmen in der Hand.
Es zeigte in voller Größe einen jungen Mann in der Tracht des ausgehenden sechzehnten Jahrhunderts, der an einem Tisch stand und dessen Rechte auf einem geöffneten Buch ruhte. Er schien etwa siebzehn Jahre alt zu sein und war von ganz ungewöhnlichen, wenngleich offensichtlich etwas weibischer Schönheit. Wären nicht die Kleidung und das kurzgeschnittene Haar gewesen, so hätte man das Gesicht mit den träumerisch sinnenden Augen und den feinen scharlachroten Lippen tatsächlich für das Gesicht eines Mädchens gehalten. Im Stil und vor allem in der Behandlung der Hände erinnerte das Bild an das Spätwerk von François Clouet. Das schwarze Samtwams mit seinen wunderlichen Goldspitzen und der pfauenblaue Hintergrund, gegen den es sich so hübsch abhob und durch den es einen so leuchtenden Farbgehalt empfing, waren ganz und gar Clouets Stil, und die beiden etwas gezwungen vom Marmorpiedestal herabhängenden Masken der Tragödie und der Komödie hatten die harte Strenge des Pinselstrichs so verschieden von der leichten Grazie der Italiener -, die der große flämische Meister nicht einmal am französischen Hofe völlig verlor und die an sich stets ein charakteristisches Merkmal des nördlichen Naturells gewesen ist.
»Es ist bezaubernd!« rief ich aus, »aber wer ist dieser bewundernswerte junge Mann, dessen Schönheit uns die Kunst so vortrefflich bewahrt hat?«
»Es ist das Bildnis des Mr. W. H.«, sagte Erskine mit einem traurigen Lächeln. Es mochte eine zufällige Lichtwirkung sein, aber mir schien, als glänzten seine Augen von Tränen.
»Mr. W. H.?« fragte ich. »Wer war Mr. W. H.?«
»Erinnern Sie sich nicht?« erwiderte er. »Schauen Sie das Buch an, auf dem seine Hand ruht.«
»Ich sehe, dass dort etwas geschrieben steht, kann es aber nicht entziffern«, gab ich zurück.
»Nehmen Sie mein Vergrößerungsglas, und versuchen Sie es«, sagte Erskine, während immer noch das traurige Lächeln um seinen Mund spielte.
Ich nahm das Glas, zog die Lampe ein wenig näher und begann die kaum leserliche Handschrift aus dem sechzehnten Jahrhundert zu buchstabieren: »,To The Onlie Begetter Of These Insuing Sonnets ... »Gütiger Himmel!« rief ich. »Ist das Shakespeares Mr. W. H.?«
»Cyril Graham behauptete es«, murmelte Erskine.
»Aber es sieht Lord Pembroke nicht ein bisschen ähnliche, antwortete ich. »Ich kenne die Porträts in Penshurst sehr gut. Vor ein paar Wochen habe ich mich dort aufgehalten.«
»Glauben Sie denn wirklich, dass die Sonette an Lord Pembroke gerichtet sind?« fragte er.
»Davon bin ich überzeugt«, antwortete ich. »Pembroke, Shakespeare und Mistress Mary Fitton sind die drei Gestalten der Sonette, daran gibt es überhaupt keinen Zweifel.«
»Ja, der Meinung bin ich auch«, sagte Erskine, »aber ich habe nicht immer so gedacht. Früher glaubte ich - nun ja, vermutlich glaubte ich an Cyril Graham und seine Theorie.«
»Und wie lautete die?« fragte ich, während ich das wundervolle Porträt betrachtete, das bereits einen seltsamen Zauber auf mich auszuüben begann.
»Das ist eine lange Geschichte«, sagte Erskine und nahm mir das Bild fort - ziemlich schroff, wie es mir damals schien -, »eine sehr lange Geschichte, aber wenn Ihnen etwas daran liegt, sie zu hören, will ich sie Ihnen erzählen.«
»Ich liebe Theorien über die Sonette«, rief ich, »aber ich halte es nicht für wahrscheinlich, dass ich zu einer neuen Ansicht bekehrt werde. Die Sache hat aufgehört, für jemanden noch ein Rätsel zu sein. Tatsächlich frage ich mich, ob sie je ein Rätsel war.«
»Da ich selbst nicht an die Theorie glaube, habe ich keine Aussicht, Sie zu überzeugen«, lachte Erskine, »aber vielleicht interessieren Sie sich dafür.«
»Natürlich, erzählen Sie nur«, antwortete ich. »Wenn sie nur halb so reizvoll ist wie das Bild, werde ich mehr als zufrieden sein.«
»Nun gut«, sagte Erskine und zündete sich eine Zigarette an, »Zu Beginn muss ich Ihnen von Cyril Graham selbst erzählen. Wir beide wohnten in Eton im selben Haus. Ich war ein oder zwei Jahre älter als er, aber wir waren sehr eng befreundet, verrichteten unsere Arbeit gemeinsam und waren auch beim Spiel stets zusammen. Natürlich gab es sehr viel mehr Spiel als Arbeit, aber ich kann nicht behaupten, dass ich das bedaure. Es ist stets von Vorteil, keine tadellos gesellschaftsfähige Erziehung genossen zu haben, und was ich auf den Sportplätzen von Eton lernte, ist mir ebenso nützlich gewesen wie alles, was man mich in Cambridge lehrte. Ich müsste noch erwähnen, dass Cyrils Eltern tot waren. Sie ertranken bei einem schrecklichen Jachtunglück vor der Insel Wight. Sein Vater war im diplomatischen Dienst gewesen und hatte eine Tochter, in Wahrheit die einzige Tochter, des alten Lord Crediton geheiratet, der nach dem Tode von Cyrils Eltern dessen Vormund wurde. Ich glaube, Lord Crediton hatte nicht viel übrig für Cyril. Dass seine Tochter einen Mann ohne Titel heiratete, hat er ihr nie wirklich verziehen. Er war ein merkwürdiger alter Aristokrat, fluchte wie ein Höker und hatte Manieren wie ein Bauer. Ich erinnere mich, ihn einmal bei einer Schulfeier gesehen zu haben. Er knurrte mich an, schenkte mir einen Sovereign und sagte, ich solle ja nicht so ein >verdammter Radikaler< werden wie mein Vater. Cyril hegte sehr wenig Zuneigung für ihn und war nur allzu froh, dass er seine Ferien meistens bei uns in Schottland verbringen konnte. In der Tat, die beiden vertrugen sich überhaupt nicht. Cyril sah in ihm einen ungeschlachten Bären, und er hielt Cyril für weibisch. Vermutlich war er das auch in mancher Hinsicht, obgleich er ein ausgezeichneter Reiter und ein überragender Fechter war. Er konnte wahrhaftig schon fechten, ehe er Eton verließ. Aber in seiner ganzen Art war er sehr lasch und nicht wenig eitel auf sein gutes Aussehen und hegte eine starke Abneigung gegen Fußball. Die beiden Dinge, die ihm wirklich Freude bereiteten, waren Poesie und Schauspielkunst. In Eton putzte er sich ständig heraus und trug Shakespeare vor, und als wir ins Trinity College von Cambridge kamen, wurde er gleich im ersten Semester Mitglied des A.D.C. Ich erinnere mich, dass ich ihn stets um sein Spiel beneidete. Ich war geradezu unsinnig vernarrt in ihn, vermutlich, weil wir in manchen Dingen so verschieden waren. Ich war ein recht unbeholfener, schwächlicher Bursche mit enormen Füßen und grässlichen Sommersprossen. In schottischen Familien sind Sommersprossen ebenso gang und gäbe wie in englischen Familien die Gicht. Cyril pflegte zu sagen, dass ihm dann schon die Gicht lieber wäre, aber er maß der äußeren Erscheinung ja immer einen lächerlich hohen Wert bei und hielt in unserem Debattierklub einmal einen Vortrag, mit dem er beweisen wollte, dass es besser sei, gut auszusehen, als gut zu sein. Er war ohne Zweifel wunderschön. Leute, die ihn nicht mochten, Philister und geschäftsführende Collegeprofessoren und Theologiestudenten, behaupteten, er sei nur hübsch, aber in seinem Gesicht lag sehr viel mehr als bloße Hübschheit. Ich glaube, er war das herrlichste Geschöpf, das ich je gesehen habe, und nichts konnte die Anmut seiner Bewegungen, den Zauber seines Wesens übertreffen. Er bezauberte alle, die dessen wert waren, und sehr viele Leute, die es nicht waren. Er war oft eigenwillig und launisch, und ich hielt ihn für schrecklich unaufrichtig. Schuld daran, glaube ich, war in der Hauptsache sein übermäßiges Verlangen zu gefallen. Armer Cyril! Ich sagte ihm einmal, er gäbe sich mit sehr billigen Triumphen zufrieden, aber er lachte nur. Er war entsetzlich verdorben. Ich glaube, alle bezaubernden Leute sind verdorben. Es ist das Geheimnis ihres Reizes.
Aber ich muss Ihnen von Cyrils Darstellungskunst erzählen. Sie wissen, dass im A.D.C. keine weiblichen Darsteller gestattet sind. Zumindest war das zu meiner Zeit so. Wie es jetzt ist, weiß ich nicht. Natürlich bekam Cyril immer die Mädchenrollen zugeteilt, und wenn >Wie es euch gefällt< aufgeführt wurde, spielte er die Rosalinde. Er war wundervoll. Cyril Graham war tatsächlich die einzige vollkommene Rosalinde, die ich je gesehen habe. Unmöglich könnte ich Ihnen wiedergeben, wie schön, wie köstlich und wie erlesen das Ganze war. Es machte ungeheures Aufsehen, und das damals so grässliche kleine Theater war jeden Abend überfüllt. Noch jetzt muss ich immer, wenn ich das Stück lese, an Cyril denken. Es hätte für ihn geschrieben sein können. Im Semester darauf promovierte er und kam nach London, um sich auf die diplomatische Laufbahn vorzubereiten. Aber er rührte nicht die mindeste Arbeit an. Seine Tage verbrachte er mit der Lektüre von Shakespeares Sonetten und seine Abende im Theater. Er war natürlich ganz versessen darauf, zur Bühne zu gehen. Lord Crediton und ich taten alles, was wir nur konnten, ihn daran zu hindern. Vielleicht würde er noch leben, wenn er zur Bühne gegangen wäre. Es ist stets töricht, Ratschläge zu geben, aber gute Ratschläge zu geben ist absolut verhängnisvoll. Ich hoffe, Sie werden nie in diesen Fehler verfallen. Wenn Sie es tun, werden Sie es bedauern.
Um nun aber zum wahren Kern der Geschichte zu kommen: Eines Tages erhielt ich von Cyril einen Brief mit der Bitte, ihn am Abend daheim zu besuchen. Er hatte eine reizende Junggesellenwohnung in der Piccadilly, mit Aussicht auf den Green Park, und da ich ihn tagtäglich zu besuchen pflegte, war ich etwas überrascht, dass er sich die Mühe gemacht hatte, mir zu schreiben. Natürlich ging ich hin und fand ihn bei meinem Eintreffen in einem Zustand großer Erregung. Er erzählte mir, dass er endlich das wahre Geheimnis der Shakespeare-Sonette entdeckt habe, dass alle Gelehrten und Kritiker einer völlig falschen Spur gefolgt wären und dass er als erster durch reine Intuition herausgefunden habe, wer Mr. W. H. in Wirklichkeit sei. Er war geradezu schwärmerisch vor Begeisterung und wollte mir eine geraume Weile nichts von seiner Theorie erzählen. Schließlich holte er sein Bündel Notizen hervor, nahm seine Ausgabe der Sonette vom Kaminsims, setzte sich und hielt mir eine lange Vorlesung über die ganze Sache.
Zunächst wies er darauf hin, dass der junge Mann, an den Shakespeare diese ungewöhnlich leidenschaftlichen Gedichte gerichtet habe, jemand gewesen sein müsse, der eine wahrhaft wesentliche Rolle in der Entwicklung seiner dramatischen Kunst gespielt habe, und das könne man weder von Lord Pembroke noch von Lord Southampton sagen. Wer immer es sei, er könne keinesfalls ein Mann von hoher Geburt gewesen sein, wie es sehr deutlich aus dem 25. Sonett hervorgehen wo sich Shakespeare in Gegensatz zu jenen stellt, die >großer Fürsten Günstling< sind, und unverhohlen sagt:

Lass, die in Gunst bei ihren Sternen stehen,
Mit Titeln prahlen, öffentlicher Ehre,
Dieweilen ich, dem Glorie nicht ersehen,
Mir stille Freud am höchsten Glück beschere ...

und sich am Ende des Sonetts zu dem niederen Stand dessen beglückwünscht, den er so heiß liebt:

Drum glücklich ich - ich lieb und bin geliebt,
Wo's kein Verdrängen und Vergessen gibt.

Dies Sonett, so erklärte Cyril, wäre völlig unverständlich, wenn wir es uns an den Grafen Pembroke oder an den Grafen Southampton gerichtet dächten, da beide Männer von höchstem Rang in England und vollauf berechtigt gewesen seien, >große Fürsten< genannt zu werden, und zur Bekräftigung seiner Ansicht las er mir das 124. und das 125. Sonett vor, in denen uns Shakespeare sagt, seine Liebe sei nicht >des Standes Kind<, sie >leide nicht in heiterem Gepränge<, sondern sei >gegründet fern vom Ungefähr<. Ich hörte ihm mit großem Interesse zu, denn ich glaube nicht, dass dieser wesentliche Punkt schon je zuvor beobachtet worden war; doch was folgte, war noch sonderbarer und schien mir Lord Pembrokes Anspruch damals völlig aufzuheben.
Von Meres wissen wir, dass die Sonette vor 1598 geschrieben wurden, und aus dem 104. Sonett erfahren wir, dass Shakespeares Freundschaft mit Mr. W. H. bereits seit drei Jahren bestand. Nun wurde aber Lord Pembroke 1580 geboren und kam erst im Alter von achtzehn Jahren nach London, das heißt also 1598, und Shakespeare muss 1594 oder spätestens 1595 mit Mr. W. H. bekannt geworden sein. Folglich konnte Shakespeare Lord Pembroke erst kennen gelernt haben, nachdem die Sonette geschrieben waren.
Cyril wies auch darauf hin, dass Pembrokes Vater erst 1601 starb, während aus der Zeile:

Dein war ein Vater. So sag auch dein Sohn!

deutlich hervorgehen dass der Vater von Mr. W. H. 1598 bereits tot gewesen sein müsse. Außerdem sei es absurd, anzunehmen, irgendein Verleger jener Zeit, und die Vorrede stamme ja aus der Feder des Verlegers, würde gewagt haben, William Herbert, Graf von Pembroke, als Mr. W. H. anzureden; der Fall Lord Buckhursts, von dem man als Mr. Sackville gesprochen habe, sei kein echtes Parallelbeispiel, da Lord Buckhurst kein Peer, sondern nur der jüngere Sohn eines Peers gewesen sei und einen bloßen Höflichkeitstitel getragen habe, und der Abschnitt in >Englands Parnass<, wo er so bezeichnet werde, sei keine formelle und pompöse Zueignung, sondern nur eine beiläufige Anspielung. Soweit über Lord Pembroke, dessen scheinbare Ansprüche Cyril mit Leichtigkeit zerstörte, während ich staunend dabeisaß. Mit Lord Southampton hatte Cyril sogar noch weniger Schwierigkeiten. Southampton wurde in sehr jungen Jahren der Anbeter Elisabeth Vernons, deshalb bedurfte er keiner dringlichen Bitten, sich zu verheiraten; er war nicht schön, er glich nicht seiner Mutter, wie es bei Mr. W. H. der Fall war:

Du Spiegel deiner Mutter, denn durch dich
Ruft sie der Jugend holden Mai zurück ...

und vor allem, sein Vorname war Henry, während aus den wortspielerischen Sonetten (135 und 143) ersichtlich ist, dass Shakespeares Freund den gleichen Vornamen hatte wie er selbst - Will.
Was die übrigen Vermutungen unseliger Deuter anginge Mr. W. H. sei ein Druckfehler anstelle von Mr. W. S., nämlich Mr. William Shakespeare; >Mr. W. H. all< müsse >Mr. W. Hall< gelesen werden; Mr. W. H. bedeute Mr. William Hathaway, und der Punkt müsse hinter >wünschet< stehen, wodurch Mr. W. H. der Verfasser der Zueignung werde statt der Person, an die sie gerichtet sei -, so räumte Cyril in sehr kurzer Zeit mit all diesen Deuteleien auf, und es ist nicht der Mühe wert, seine Gründe anzuführen; obgleich ich mich erinnere, dass ich mich vor Lachen nicht halten konnte, als er mir, zum Glück nicht im Original, einige Auszüge aus der Abhandlung eines deutschen Kommentators namens Barnstorff vorlas, der sich darauf versteifte, Mr. W. H. sei kein Geringerer als >Mr. William Höchstselbst<. Auch gab Cyril Graham nicht einen Augenblick dem Gedanken Raum, die Sonette seien nichts weiter als Satiren auf das Werk von Drayton und John Davies von Hereford. Für ihn wie freilich auch für mich waren sie Gedichte ernsten und tragischen Inhalts, die Shakespeare aus der Bitterkeit seines Herzens gepresst und durch den Honig seines Mundes versüßt hatte. Noch weniger wollte er gelten lassen, dass sie eine bloße philosophische Allegorie seien und dass sich Shakespeare in ihnen an sein ideales Ich wende oder an das Ideal des Menschentums oder an den Geist der Schönheit oder an die Vernunft oder an den göttlichen Logos oder an die katholische Kirche. Er spürte, was wir meiner Ansicht nach freilich alle spüren müssen, dass die Sonette an einen Menschen gerichtet waren - an einen bestimmten jungen Mann, dessen Persönlichkeit Shakespeares Seele aus irgendeinem Grunde mit gewaltiger Freude und mit nicht weniger gewaltiger Verzweiflung erfüllt haben muss.
Nachdem Cyril auf diese Weise gleichsam den Weg gebahnt hatte, bat er mich, alle Vorstellungen, die ich mir vielleicht schon von der Sache gemacht hätte, aufzugeben und mir seine Theorie unparteiisch und vorurteilslos anzuhören. Das Problem, betonte er, sei folgendes: Wer war dieser junge Mann zu Shakespeares Zeit, der, ohne von edler Geburt oder auch nur edlem Wesen zu sein, in Worten so leidenschaftlicher Liebe angesprochen wurde, dass wir nur staunen können über die ungewöhnliche Verehrung und fast bange sind, den Schlüssel umzudrehen, der uns das Geheimnis zum Herzen des Dichters erschließt? Wer war er, dessen äußere Schönheit solcherart war, dass sie der wahre Eckstein der Kunst Shakespeares wurde, der wahre Quell der Inspiration Shakespeares, die wahre Inkarnation der Träume Shakespeares? Nur die Person in ihm zu sehen, an die einige Liebesgedichte gerichtet sind, heiße die ganze Bedeutung der Gedichte verfehlen; denn die Kunst, von der Shakespeare in den Sonetten spricht, ist nicht die Kunst der Sonette selbst, die er tatsächlich nur gering achtete und verborgen hielt, sondern die Kunst des Dramatikers, auf die er immer wieder anspielt, und der, zu dem Shakespeare sagt:

All meine Kunst bist du, durch den ich fand
Vom stumpfen Sinn zu Weisheit und Verstand ...

der, dem er Unsterblichkeit verhieß:

Wo stärkster Atem weht: im Menschenmunde!

war gewiss kein anderer als der jugendliche Darsteller, für den er Viola und Imogen, Julia und Rosalinde, Porzia und Desdemona und sogar Kleopatra schuf So lautete Cyril Grahams Theorie, die er, wie Sie sehen, einzig und allein aus den Sonetten selbst entwickelt hatte und deren günstige Aufnahme nicht so sehr von nachweislichen Tatbeständen oder regelrechten Zeugnissen abhing, sondern gewissermaßen von einem geistigen und künstlerischen Verständnis, mit dem allein, so behauptete er, der wahre Sinn der Gedichte zu erfassen sei. Ich denke noch daran, wie er mir das schöne Sonett vorlas:

Wie könnte meiner Muse Stoff entgehn,
Solang du lebst und hauchst in meinen Sang
Dein eignes süßes Selbst, zu hold und schön
Für jeder Alltagsweise matten Klang?
dank's dir selbst, gelang nur etwas mir,
Das lesenswürdig deinem Auge schien -
Wer könnt, ob noch so stumpf, nicht singen dir,
Von dem die Dichtkunst selbst ihr Licht entliehn?
Die zehnte Muse sei wert zehnmal mehr
Als jene alten neun, der Reimer Hort,
Und wer dich anruft, dichte dir zur Ehr,
Was über fernste Zeit noch lebe fort.

Und ich erinnere mich, dass er betonte, wie voll und ganz dieses Sonett seine Theorie bestätige; so sorgfältig kämmte er tatsächlich alle Sonette durch und bewies - oder bildete sich ein, zu beweisen -, dass nach seiner neuen Auslegung ihres Sinnes Dinge, die bislang unverständlich oder verderbt oder überspannt erschienen waren, nun klar und sinnvoll und künstlerisch höchst bedeutsam wurden, da sie Shakespeares Begriff von der echten Beziehung zwischen der Kunst des Schauspielers und der Kunst des Dramatikers erklärten.
Es ist natürlich einleuchtend, dass sich in Shakespeares Truppe irgendein wundervoller jugendlicher Schauspieler von großer Schönheit befunden haben muss; denn Shakespeare war ja nicht nur ein phantasievoller Dichter, sondern auch ein erfahrener Theaterleiter, und Cyril Graham hatte wahr und wahrhaftig den Namen dieses jugendlichen Schauspielers entdeckt. Er hieß Will, oder, wie Cyril ihn lieber zu nennen pflegte, Willie Hughes. Den Vornamen fand er selbstverständlich in den wortspielerischen Sonetten 135 und 143, der Vatersname war seiner Ansicht nach in der achten Zeile des 20. Sonetts verborgen, wo Mr. W. H. beschrieben wird als:

A man in hew, all Hews in his controwling ...

In der Erstausgabe der Sonette ist >Hews< mit großem Anfangsbuchstaben und kursiv gedruckt, und das, so behauptete er, zeige deutlich, dass ein Wortspiel beabsichtigt gewesen sei, und seine Ansicht erhielt eine nicht geringe Bekräftigung durch jene Sonette, in denen er in so auffallender Weise mit den Worten >use< und >usury< spielt. Natürlich war ich sofort bekehrt, und Willie Hughes wurde für mich eine so reale Person wie Shakespeare. Als einzigen Einwand gegen die Theorie brachte ich vor, dass in der Schauspielerliste von Shakespeares Truppe, die in der ersten Folioausgabe abgedruckt ist, der Name Willie Hughes nicht auftaucht. Cyril machte mich jedoch darauf aufmerksam, dass gerade das Fehlen seines Namens auf der Liste seine Theorie bestätige, da ja aus dem 86. Sonett ersichtlich sei, dass Willie Hughes Shakespeares Truppe verließ, um an einem rivalisierenden Theater zu spielen, wahrscheinlich in einigen Stücken von Chapman. Darauf bezogen sich die Zeilen in dem herrlichen Sonett über Chapman, in dem Shakespeare zu Willie Hughes sage:

Doch seit dein Antlitz ihm die Zeilen füllte,
Fehlt es mir so, dass meine Muse sich verhüllte.

Die Worte >seit dein Antlitz ihm die Zeilen füllte< bezögen sich offensichtlich auf die Schönheit des jungen Schauspielers, die Chapmans Versen Leben, Wahrhaftigkeit und zusätzlichen Reiz verleihe; derselbe Gedanke spreche auch aus dem 79. Sonett:

Als ich allein auf deine Hilf vertraute,
Ward meinem Vers allein dein holder Reiz;
Doch jetzt zerfällt, was liebend ich erbaute:
Die Muse, krank, weicht anderen bereits.

Ebenfalls aus dem unmittelbar vorangehenden, wo Shakespeare sagt:

Dass alle Dichter folgen meinem Brauch
Und geben nun durch dich ihr Dichtwerk kund.

Das Wortspiel (use = Hughes) sei natürlich klar zu erkennen, und der Satz >und geben nun durch dich ihr Dichtwerk kund< bedeute, mit deiner Hilfe als Schauspieler bringen sie ihre Stücke vor das Publikum.
Es war ein wundervoller Abend, und wir saßen fast bis zum Morgengrauen beisammen und lasen immer wieder die Sonette. Doch nach einiger Zeit wurde mir klar, dass es, ehe die Theorie in einer wirklich vollendeten Form vor die Welt gebracht werden konnte, unerlässlich war, ein unabhängiges Zeugnis für die Existenz dieses jungen Schauspielers Willie Hughes zu beschaffen. War diese erst einmal festgestellt, so konnte es keinen Zweifel über seine Identität mit Mr. W. H. geben, andernfalls wäre die Theorie null und nichtig. Ich brachte das sehr nachdrücklich zum Ausdruck, aber Cyril war höchst verärgert über das, was er meine philisterhafte Sinnesart nannte, und tatsächlich geradezu erbittert. Dennoch nahm ich ihm das Versprechen ab, dass er in seinem eigenen Interesse seine Entdeckung nicht veröffentliche, ehe er nicht die ganze Sache außer Zweifel gesetzt habe, und wochenlang durchstöberten wir nun die Register der Londoner Kirchen, die Handschriften von Alleyn im Dulwich College, das Staatsarchiv, die Papiere des Lord Chamberlain - tatsächlich alles und jedes, was unserer Meinung nach einen Hinweis auf Willie Hughes enthalten konnte. Natürlich entdeckten wir nichts, und mit jedem Tag schien mir die Existenz Willie Hughes' problematischer zu werden. Cyril befand sich in einer schrecklichen Verfassung und ging die ganze Frage Tag für Tag von neuem durch und flehte mich förmlich an, daran zu glauben; doch ich sah den einen Riss in der Theorie und wollte mich nicht überzeugen lassen, ehe nicht die tatsächliche Existenz von Willie Hughes, einem jugendlichen Darsteller der elisabethanischen Zeit, über jeden Zweifel oder jede spitzfindige Krittelei festgestellt sei.
Eines Tages verließ Cyril London, um seinen Großvater zu besuchen, wie ich damals glaubte; doch später erfuhr ich von Lord Crediton, dies sei nicht der Fall gewesen, und zwei Wochen danach erhielt ich ein in Warwick aufgegebenes Telegramm von ihm, in dein er mich bat, am selben Abend um acht Uhr ganz bestimmt zu ihm zu kommen und mit ihm zu speisen.
Als ich eintrat, sagte er zu mir: >Der einzige Apostel, der des Beweises nicht wert war, war der heilige Thomas, und der heilige Thomas war der einzige Apostel, der ihn erhielt.< Ich fragte ihn, was er damit meine. Er antwortete, dass es ihm nicht allein gelungen sei, die Existenz eines jugendlichen Schauspielers namens Willie Hughes im sechzehnten Jahrhundert festzustellen, sondern durch ein ganz unerschütterliches Zeugnis zu beweisen, dass er der Mr. W. H. der Sonette sei. Mehr wollte er mir im Augenblick nicht sagen; aber nach dem Essen holte er feierlich das Bild hervor, das ich Ihnen zeigte, und erzählte mir, er habe es durch den reinsten Zufall an der Innenseite einer alten Truhe entdeckt, die er in einem Bauernhaus in Warwickshire gekauft habe. Die Truhe selbst, ein sehr schönes Exemplar elisabethanischer Arbeit, hatte er natürlich mitgebracht, und in der Mitte der vorderen Füllung waren ohne jeden Zweifel die eingeschnitzten Initialen W. H. zu erkennen. Dies Monogramm hatte seine Aufmerksamkeit erregt, und er erzählte mir, dass er erst dann auf den Gedanken gekommen sei, das Innere sorgfältig zu untersuchen, als sich die Truhe bereits mehrere Tage in seinem Besitz befunden habe. Eines Morgens jedoch sei ihm aufgefallen, dass die eine Seite der Truhe viel dicker war als die andere, und bei näherer Prüfung habe er entdeckt, dass ein auf Holz gemaltes und gerahmtes Bild daran befestigt war. Er nahm es heraus und erblickte das Bild, das jetzt hier auf dem Sofa liegt. Es sei sehr schmutzig und verschimmelt gewesen, aber er habe es fertiggebracht, es zu säubern, und zu seiner großen Freude erkannt, dass er durch einen bloßen Zufall auf das gestoßen sei, wonach er gesucht habe. Da war nun ein authentisches Porträt von Mr. W. H., dessen Hand auf der Widmungsseite der Sonette ruhte, und auf dem Rahmen selbst war, in schwarzen Unzialbuchstaben auf verblasstem Goldgrund, der Name des jungen Mannes eben noch zu erkennen: >Master Will Hews<.
Nun, was sollte ich sagen? Nicht einen Augenblick kam es mir in den Sinn, dass mich Cyril Graham hinters Licht führen könnte oder seine Theorie durch eine Fälschung zu beweisen suche.«
»Aber ist es denn eine Fälschung?« fragte ich.
»Natürlich«, erwiderte Erskine. »Es ist eine sehr gute Fälschung, aber nichtsdestoweniger eine Fälschung. Mir schien damals, als nähme Cyril die ganze Sache ziemlich gelassen hin, aber ich erinnere mich, dass er mir mehr als einmal sagte, er selbst bedürfe keinerlei Beweise, und er halte seine Theorie auch ohne einen Beweis für abgeschlossen. Ich lachte über ihn und sagte ihm, ohne Beweis wäre seine Theorie nichts wert, und beglückwünschte ihn von Herzen zu seiner wunderbaren Entdeckung. Sodann kamen wir überein, von dem Bild eine Radierung oder ein Faksimile anfertigen zu lassen und Cyrils Ausgabe der Sonette als Titelkupfer voranzustellen, und drei Monate lang beschäftigten wir uns ausschließlich damit, jedes Gedicht Zeile für Zeile durchzugehen, bis wir alle Bedenklichkeiten in Text oder Sinn geklärt hatten. Eines unseligen Tages war ich in einer Kunsthandlung in Holborn und erblickte auf dem Ladentisch ein paar ungewöhnlich schöne Silberstiftzeichnungen. Sie verlockten mich so sehr, dass ich sie kaufte, und der Inhaber der Kunsthandlung, ein Mann namens Rawlings, erzählte mir, dass sie von einem jungen Maler, Edward Merton, stammten, der sehr begabt sei, aber arm wie eine Kirchenmaus. Einige Tage später suchte ich Merton auf, dessen Adresse ich von dem Kunsthändler erhalten hatte, und stand vor einem interessanten, bleichen jungen Mann und einer recht gewöhnlich aussehenden Frau - seinem Modell, wie ich hinterher erfuhr. Ich sagte ihm, wie sehr ich seine Zeichnungen bewundere, worüber er sehr erfreut schien, und bat ihn, mir noch andere Arbeiten von sich zu zeigen. Als wir eine Mappe mit wirklich ganz reizenden Sachen durchblätterten - denn Merton hatte einen überaus feinen und köstlichen Strich -, fiel mein Blick plötzlich auf eine Skizze zu dem Bildnis des Mr. W. H. Es gab nicht den geringsten Zweifel darüber. Es war fast ein Faksimile - der einzige Unterschied bestand darin, dass die beiden Masken der Tragödie und der Komödie nicht wie auf dem Bild von dem Marmorsockel herabhingen, sondern zu Füßen des jungen Mannes am Boden lagen. >Wo in aller Welt haben Sie das her?< fragte ich. Er wurde ziemlich verlegen und antwortete: >Oh, das ist nichts. Ich wusste gar nicht, dass es in dieser Mappe liegt. Es hat überhaupt keinen Wert.< - >Das ist doch die Sache, die Du für Mister Cyril Graham gemacht hast!< rief die Frau, >und wenn dieser Herr sie kaufen möchte, dann gib sie ihm.< - >Für Mister Cyril Graham?< wiederholte ich. >Haben Sie das Bildnis von Mister W. H. gemalt?< - >Ich verstehe nicht, was Sie meinen<, entgegnete er und wurde sehr rot. Nun ja, die ganze Sache war einfach schrecklich. Die Frau plauderte alles aus. Ich gab ihr fünf Pfund als ich ging. Noch jetzt ist mir der Gedanke daran unerträglich, aber natürlich war ich wütend. Ich raste sofort in Cyrils Wohnung, wartete dort drei Stunden, bis er kam, mit dieser abscheulichen Lüge, die mir ins Gesicht sprang, und sagte ihm, dass ich seine Fälschung aufgedeckt hätte. Er wurde ganz bleich und erwiderte: >Ich habe es einzig und allein Deinetwegen getan. Auf andere Weise wärest Du nicht zu überzeugen gewesen. Die Wahrheit der Theorie bleibt davon unberührt!, - >Die Wahrheit der Theorie?< schrie ich. >Je weniger wir darüber reden, desto besser. Nicht einmal Du hast daran geglaubt. Wäre es der Fall gewesen, dann hättest Du keine Fälschung begangen, um sie zu beweisen!< Heftige Worte wurden zwischen uns gewechselt, wir hatten einen fürchterlichen Streit. Freilich war ich ungerecht. Am nächsten Morgen war er tot.« »Tot?« rief ich aus.
»Ja, er erschoss sich mit einem Revolver. Etwas Blut spritzte auf den Rahmen des Bildes, gerade dort, wo der Name hingemalt war. Als ich kam - sein Diener hatte sofort nach mir geschickt -, war bereits die Polizei da. Er hatte einen Brief für mich hinterlassen, der offensichtlich in höchster Erregung und Seelenqual geschrieben war.«
»Was stand darin?« fragte ich.
»Oh, dass er unbedingt an Willie Hughes glaube; die Fälschung des Bildes sei nichts als ein Zugeständnis an mich gewesen und entkräfte nicht im mindesten die Wahrheit der Theorie, und um mir zu zeigen, wie fest und makellos sein Glaube an die ganze Sache sei, wolle er dem Geheimnis der Sonette sein Leben zum Opfer bringen. Es war ein törichter, wahnsinniger Brief Ich erinnere mich, dass er mit den Worten endete, er betraue mich mit der Willie-Hughes-Theorie und es sei an mir, sie der Welt zu schenken und Shakespeares Herzensgeheimnis zu erschließen.«
»Das ist eine unerhört tragische Geschichte«, sagte ich; »aber warum haben Sie sein Verlangen nicht erfüllt?«
Erskine zuckte die Achseln. »Weil es von Anfang bis Ende eine völlig wurmstichige Theorie ist«, erwiderte er.
»Mein lieber Erskine«, sagte ich und stand auf, »Sie haben absolut unrecht in der ganzen Sache. Sie ist der einzige vollkommene Schlüssel zu Shakespeares Sonetten, der je gefunden wurde. Sie ist bis in jede Einzelheit ohne Fehler. Ich glaube an Willie Hughes.«
»Sagen Sie das nicht«, entgegnete Erskine ernst; »ich glaube, es liegt etwas Verhängnisvolles in der Idee, und von der Vernunft her lässt sich nichts zu ihren Gunsten sagen. Ich habe mich in die ganze Sache vertieft, und ich versichere Ihnen, die Theorie ist einfach irreführend. Bis zu einem gewissen Punkt ist sie glaubwürdig. Dann ist Schluss. Um Himmels willen, mein lieber junge, wärmen Sie nicht das Thema Willie Hughes auf Es wird Ihnen das Herz brechen.«
»Erskine«, gab ich zurück, »es ist Ihre Pflicht, diese Theorie vor die Welt zu bringen. Wenn Sie es nicht tun wollen, werde ich es tun. Wenn Sie sie zurückhalten, beleidigen Sie das Andenken an Cyril Graham, den jüngsten und herrlichsten aller Märtyrer der Literatur. Ich bitte Sie inständig, ihm Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Er starb für diese Sache - lassen Sie seinen Tod nicht umsonst gewesen sein.«
Erskine schaute mich verwundert an. »Das Ergreifende der ganzen Geschichte verführt Sie«, sagte er. »Sie vergessen, dass eine Sache nicht unbedingt wahr sein muss, weil ein Mensch für sie stirbt. Ich habe Cyril Graham sehr geliebt. Sein Tod war ein furchtbarer Schlag für mich. jahrelang habe ich ihn nicht verwunden. Vielleicht überhaupt nicht. Aber Willie Hughes? An der Idee Willie Hughes ist nichts dran. Kein solcher Mensch hat je gelebt. Und was den Punkt betrifft, die ganze Sache vor die Welt zu bringen - die Welt glaubt, es sei ein Unfall gewesen, dass sich Cyril Graham erschoss. Den einzigen Beweis für seinen Selbstmord enthielt sein Brief an mich, und von diesem Brief hat die Öffentlichkeit nie etwas erfahren. Bis zum heutigen Tage hält Lord Crediton die ganze Sache für einen Unglücksfall.«
»Cyril Graham hat sein Leben einer großen Idee geopferte, sagte ich, »und wenn Sie nicht über sein Märtyrertum berichten wollen, dann berichten Sie wenigstens über seinen Glauben.«
»Sein Glaube«, entgegnete Erskine, »hatte sich in etwas Falsches verbohrt, etwas Wurmstichiges, in etwas, das kein Shakespeareforscher auch nur einen Augenblick gelten lassen würde. Man würde die Theorie verlachen. Machen Sie sich nicht zum Narren, indem Sie einer Spur folgen, die nirgendwohin führt. Sie fangen damit an, dass sie die Existenz jener Person voraussetzen, deren Existenz ja gerade erst bewiesen werden muss. Außerdem weiß jeder, dass die Sonette an Lord Pembroke gerichtet waren. Die Sache ist ein für allemal abgetan.«
»Die Sache ist keineswegs abgetan!« rief ich aus. »Ich werde die Theorie da wieder aufgreifen, wo Cyril Graham sie im Stich ließ, und ich werde der Welt beweisen, dass er recht hatte.« »Närrischer Querkopf!« sagte Erskine. »Gehen Sie heim, es ist nach zwei, und denken Sie nicht mehr an Willie Hughes. Es tut mir leid, dass ich Ihnen davon erzählt habe, und es würde mir sehr leid tun, wenn ich Sie zu etwas bekehrt haben sollte, woran ich nicht glaube.«
»Sie haben mir den Schlüssel zu dem größten Geheimnis der heutigen Literatur gegebener, antwortete ich, »und ich werde nicht rasten, ehe ich nicht Ihnen, ehe ich nicht aller Welt die Anerkennung abgenötigt habe, dass Cyril Graham der scharfsinnigste Shakespearekritiker unserer Zeit gewesen ist.«
Als ich durch den St.-James-Park heim wanderte, begann über London der Tag zu dämmern. Die weißen Schwäne ruhten schlafend auf dem blinkenden See, und der düstere Palast stand purpurrot gegen den fahlgrünen Himmel.
Ich dachte an Cyril Graham, und meine Augen füllten sich mit Tränen.

 Kapitel II