Die Anfänge der historischen Kritik (1878/79)

Kapitel I

Historische Kritik tritt in der Zivilisation oder der Literatur eines Volkes nirgends als alleinstehende Erscheinung auf Sie bildet einen Bestandteil jenes auf Befreiung hinwirkenden Komplexes, den man als die Auflehnung gegen die Autorität bezeichnen kann.  Sie ist lediglich eine Facette jenes Neuerungsgeistes, der, in Handlung umgesetzt, zur Demokratie und zur Revolution führt und im Bereich des Denkens der Vater der Philosophie und der Naturwissenschaft ist; und ihre Bedeutung als Faktor des Fortschritts beruht nicht so sehr auf den Ergebnissen, zu denen sie gelangt, wie auf der Denkweise, die sie darstellt, und der Methode, mit der sie arbeitet.

Da sie also die Resultante von im wesentlichen revolutionären Kräften ist, findet man sie nicht in der alten Welt bei den despotischen Staaten Asiens oder in der stagnierenden Kultur Ägyptens. Die Tonzylinder Assyriens und Babyloniens, die Hieroglyphen der Pyramiden sind nicht Geschichte, sondern Geschichtsmaterial.

Die chinesischen Chroniken, die bis zu dem barbarischen Waldleben der Nation hinaufreichen, zeichnen sich durch eine Nüchternheit des Urteils, einen Mangel an Erfindung aus, wie sie im Schrifttum kaum eines Volkes noch einmal begegnen; aber der konservative Geist, der für dies Volk charakteristisch ist, erwies sich ihrer Literatur ebenso verhängnisvoll wie ihrem Geschäftsleben. Freie Kritik ist so unbekannt wie Freihandel, während bei den Hindus der scharfe, analytische, logische Verstand mehr auf Sprachkritik und Philosophie als auf Geschichte oder Chronologie gerichtet ist - ja, in der Geschichte scheint ihre Phantasie außer Rand und Band gewesen zu sein: Legende und Tatsache sind so unlöslich miteinander vermischt, dass jeder Versuch, sie zu trennen, vergeblich scheint; wenn wir von der Identifizierung des griechischen Sandracottus mit dem indischen Chandragupta absehen, haben wir tatsächlich keinen Anhaltspunkt, die Wahrheit ihrer Schriften zu erweisen oder ihre Forschungsmethode nachzuprüfen.

Bei dem hellenischen Zweig der indogermanischen Rasse findet sich Geschichte im eigentlichen Sinne sowie der Geist der historischen Kritik; bei jenem wundervollen Schössling der urzeitlichen Arier, den wir mit dem Namen Griechen bezeichnen, und dem wir, wie gut bemerkt worden ist, alle Bewegung in der Welt verdanken, mit Ausnahme der blinden Naturkräfte.

Denn von dem Tag an, da sie die frostige Hochebene Tibets verließen und als ein Nomadenvolk an die Gestade des Ägäischen Meeres zogen, war das Streben nach Licht das Merkmal ihres Wesens, und der Geist der historischen Kritik gehört zu jener wunderbaren »Aufklärung«, die wie eine große Lichtflut über die griechische Rasse ungefähr im sechsten Jahrhundert vor Christi Geburt hereingebrochen ist.

L'esprit d' un siècle ne naît pas ei ne meurt pas à jour fixé, und der erste Kritiker ist vielleicht so schwer zu entdecken wie der erste Mensch. Von der Demokratie borgt der Geist der Kritik seine Unduldsamkeit gegenüber dem Autoritätsdogma, von der Naturwissenschaft die bestechenden Übereinstimmungen von Gesetzmäßigkeit und Ordnung, von der Philosophie den Begriff einer Wesenseinheit, die den zusammengesetzten Erscheinungsformen zugrunde liegt, und er taucht zuerst mehr als eine veränderte Geistesrichtung auf denn als ein Forschungsprinzip, und sein frühster Einfluss findet sich in den heiligen Schriften.

Denn die Menschen fangen zuerst in Fragen der Religion an zu zweifeln, erst nachher in Angelegenheiten von weltlicherem Interesse; und was das Wesen des Geistes der historischen Kritik selbst anlangt in seiner letzten Entwicklung, so beschränkt er sich nicht bloß auf die empirische Methode der Bestimmung, ob ein Ereignis stattgefunden hat oder nicht, sondern befasst sich auch damit, die Gründe der Ereignisse aufzuspüren, mit den allgemeinen Beziehungen, die unter den Erscheinungen des Lebens bestehen, und läuft letzten Endes in die umfassendere Frage nach der Philosophie der Geschichte aus.

Während also die Wirkungen der historischen Kritik auf diesen beiden Gebieten der heiligen und der profanen Geschichte in der Hauptsache Kundgebungen desselben Geistes sind, gehen trotzdem ihre Methoden so weit auseinander, sind die Grundsätze der Beweismittel so völlig verschieden und die Motive in jedem Falle so wenig verwandt, dass es zum Zwecke einer klaren Würdigung des Fortschritts, den das griechische Denken zeigt, nötig sein wird, diese beiden Fragen gänzlich voneinander gesondert zu betrachten. Ich werde also in beiden Fällen die Schriftsteller in chronologischer Ordnung folgen lassen, da sie die vernunftgemäße Ordnung darstellt - womit nicht gesagt sein soll, dass die zeitliche Folge immer die Folge der Ideen ist, oder dass sich die Dialektik stets in so gerader Linie bewegt, wie Hegel ihr Fortschreiten auffasst.

Zum griechischen Denken, wie anderwärts, gibt es Perioden des Stillstands und offenkundigen Rückschritts, doch ihre geistige Entwicklung, nicht nur auf dem Boden historischer Kritik, sondern in ihrer Kunst, ihrer Poesie und Philosophie scheint so hervorragend normal, so frei von allen störenden äußeren Einflüssen, so ausgesprochen vernunftgemäß, dass, wenn wir den Spuren der Zeit folgen, wir tatsächlich in der von der Vernunft geheiligten Ordnung vorgehen werden.

Kapitel II