Der amerikanische Mann (1887)

Eine unserer hübschesten Herzoginnen stellte kürzlich einem bekannten Reisenden die Frage, ob es denn wirklich so etwas gebe wie einen amerikanischen Mann, und begründete dies mit dem Umstand, sie sei, obschon sie viele faszinierende Amerikanerinnen kenne, noch nie auf irgendwelche Väter, Großväter, Onkel, Brüder, Ehemänner, Cousins, kurz, auf männliche Verwandte etwelchen Grades gestoßen.

Die exakte Antwort, welche die Herzogin erhielt, ist hier nicht weiter von Bedeutung, da sie in der tristen Form einer nützlichen und akkuraten Auskunft erfolgte. Es kann indes kein Zweifel daran bestehen, dass ihr Gegenstand überaus interessant ist, da er ja, wie die Dinge liegen, auf das kuriose Faktum hinweist, dass, soweit es die bessere Gesellschaft betrifft, die amerikanische Invasion von durchaus weiblicher Art gewesen ist. Mit Ausnahme des allerorten hochwillkommenen, amerikanischen Geschäftsträgers sowie eines gelegentlichen Salonlöwen aus Boston oder dem fernen Westen nimmt ja in London kein amerikanischer Mann irgendeine gesellschaftliche Position ein. Sein Damenvolk hingegen, in all den wunderhübschen Kleidern und mit dem noch wunderhübscheren Konversationston durchstrahlt unsere Salons und verschont unsere Tischgesellschaften. Unsre rauhgesichtigen Wachtpösten sind überwältigt von solch brillantem Teint, und unsere Schönheiten blicken neidvollen Augs und voll Eifersucht auf all die gewitzte, schlagfertige Klugheit. Der amerikanische Mann hingegen bleibt ständig im Hintergrund und kommt übers Niveau eines Touristen niemals hinaus. Ab und zu kann man ihn in der Reitallee des Hyde Park bemerken, wo er eine etwas sonderbare Figur macht in seinem langen Gehrock von schwarzem Glanztuch und mit dem vernünftigen, weichen Filzhut. Sein bevorzugter Aufenthalt aber ist der >Strand<, sein Inbegriff des Himmels die amerikanische Börse. Lümmelt er nicht gerade im Schaukelstuhl, die Zigarre im Mund, so durchschlendert er, mit einer Reisetasche versehen, die Straßen, macht eine Aufstellung unserer Waren und versucht mithilfe unserer Schaufenster Europa zu verstehen. Er ist M. Renan's l'homme sensuel moyen, Mr. Arnold's Mittelstands-Spießer. Sein Zivilisationspegel ist das Telephon, und seine verwegensten Träume von Utopia reichen nicht über Hochbahnen und elektrische Klingeln hinaus. Sein Hauptvergnügen ist es, den nächstbesten Fremden oder auch gleichgestimmten Landsmann mit Beschlag zu belegen und sich mit ihm dem nationalen Spiel des »Vergleichens« zu ergeben. Mit einer wahrhaft bezaubernden naiveté und Nonchalance wird er St. James Palace in aller Ernsthaftigkeit dem Zentraldepot von Chicago, oder Westminster Abbey den Niagarafällen gegenüberstellen. Messbare Größe ist sein Schönheitskanon, großes Ausmaß sein Vorzüglichkeits-Standard. Für ihn besteht die Größe eines Landes in der Quadratmeilen-Anzahl, und nie wird er müde, im Hotel den Aufwärtern zu versichern, allein der Staat Texas sei größer als Frankreich und Deutschland zusammengenommen.

Und doch, alles in allem gesehen, ist er in London glücklicher als irgend sonst wo in ganz Europa: hier kann er ja jederzeit etwelche Bekanntschaften machen und, in der Regel, die eigene Sprache sprechen. Im Ausland hingegen kommt er fürchterlich ins Schwimmen. Niemanden kennt er, nichts versteht er, und so wandert er trübselig umher, steht der Alten Welt gegenüber wie einem Broadway-Kaufhaus, ja als wär´ jede Stadt nur Ladenpult und Wühltisch für schundige Gebrauchtware. Ihm ist die Kunst kein Wunder, die Schönheit bedeutet ihm nichts, die Vergangenheit hat ihm nichts zu sagen. Im Glauben, die Kultur habe mit der Nutzung der Dampfkraft begonnen, blickt er voll Verachtung auf all die Jahrhunderte, in deren Häusern es noch keine Heißwasser-Apparaturen gegeben. Dem Trümmerwerk der Zeiten kommt kein Pathos zu in seinen Augen, er wendet sich von Ravenna, weil dort das Gras die Gassen überwuchert, und er kann Verona keine Schönheit abgewinnen, weil dort die Balkongitter verrosten. Sein einzig Begehr ist es, ganz Europa einer Generalrenovierung zu unterziehen. Den Römern von heute verübelt er, dass sie ihr Colosseum nicht mit einem gläsernen Dach versehen, dass sie's nicht zum Lagerhaus für Kurzwaren gemacht haben. Mit einem Wort, er ist der Don Quixote des Hausverstands, denn er ist so sehr aufs Praktische bedacht, dass er vollkommen unpraktisch ist. Als compagnon de voyage ist er nicht zu empfehlen, denn er wirkt stets déplacé und leidet unter Depressionen. Ja in der Tat, er würd´ an Überdruss versterben, stünd´ er nicht in konstanter telegraphischer Verbindung mit der Wall Street. Und das einzige, was ihn über den in einer Gemäldegalerie vergeudeten Tag hinwegtrösten kann, ist ein Exemplar des New York Herald oder der Boston Times. Am Ende, nachdem er alles besichtigt und nichts gesehen hat, fährt er zurück nach dem Land seiner Herkunft.

Dort angelangt, ist er die reine Freude. Das Sonderbare der amerikanischen Zivilisation besteht ja darin, dass die Frauen am meisten im Ausland bezaubern, die Männer hingegen daheim.

Daheim ist der Amerikaner der beste aller Gefährten wie auch der gastfreundlichste aller Gastgeber. Besonders erfreulich sind die jungen Herren mit ihrem hellen, einnehmenden Blick, ihrer unermüdlichen Tatkraft, ihrer amüsant-scharfsinnigen Klugheit. Sie scheinen viel früher fest im Leben zu stehen, als dies bei uns der Fall ist. In einem Alter, da wir noch Etonschüler oder Oxfordstudenten sind, gehen sie schon einem ernsten Beruf nach und machen Geld in allerlei verwickelten Geschäften. Echte Erfahrung erwerben sie sehr viel früher als bei uns, und so sind sie niemals linkisch, nie schüchtern und geben auch kein törichtes Zeug von sich, sie fragten uns denn, wie der Hudsonfluss sich gegen den Rhein ausnehme, oder ob die Brooklyn Bridge nicht doch eindrucksvoller sei als die Kuppel von St. Paul´s. Die amerikanische Erziehung weicht stark von der unseren ab. Die Menschenkenntnis übertrifft bei weitem das Bücherwissen, und man interessiert sich mehr für das Leben und weniger für die Literatur. Zeit hat man nur für das Studium der Effektenbörse, und keine Muße, andres zu lesen als die Zeitungen. So sind es in Amerika tatsächlich nur die Frauen ' die noch irgendwelche Muße haben. Die notgedrungene Folge aus solcher Lage der Dinge ist, das steht außer Zweifel, dass, von jetzt an gerechnet innerhalb eines Jahrhunderts, die gesamte Kultur der Neuen Welt in Unterröcken einher kommen wird. Mögen jedoch immerhin diese gewieften jungen Spekulanten keine in unserem Sinne verstandne Kultur haben, also keine Kenntnis des Besten, was auf der Welt je gedacht und gesagt worden ist, so sind sie doch keineswegs dumm. Es gibt keinen dummen Amerikaner. Zwar sind viele von ihnen entsetzlich, sind vulgär, zudringlich und impertinent, ganz wie viele Engländer auch, doch die Dummheit zählt nicht zu den nationalen Lastern. Wirklich, Amerika ist kein Boden für einen Dummkopf. Sogar von einem Schuhputzer verlangt man dort Verstand, und man kriegt ja auch, was man verlangt.

Was den Ehestand betrifft, so ist er eine der populärsten Institutionen. Der Amerikaner heiratet früh, die Amerikanerin heiratet oft. Und beide kommen außerordentlich gut miteinander aus. Der Gemahl ist von Kind auf an das Apportiersystem gewöhnt worden, seine Verehrung fürs schöne Geschlecht hat etwas von krampfhafter Ritterlichkeit an sich. Die Gattin hingegen schwingt ein despotisches Zepter auf der Basis weiblicher Geltungssucht, die nur gemildert ist durch weiblichen Charme. Insgesamt schreibt solch großer Erfolg des Ehestandes sich zum einen Teil aus der Tatsache her, dass kein Amerikaner jemals müßig geht, und zum andern aus dem Umstand, dass keine amerikanische Hausfrau für die Mahlzeiten ihres Mannes verantwortlich gemacht wird. In Amerika sind ja die Schrecknisse häuslichen Lebens nahezu unbekannt. Da gibt's keine Szenen wegen der Suppe, kein Gequengel wegen der Vorspeisen, und weil überdies und zufolge einer ausdrücklichen Klausel in jedem Ehevertrag der Gemahl sich feierlich verpflichtet, Manschettenknöpfe statt der angenähten zu tragen, ist auch eine der Hauptursachen jedes Zerwürfnisses im Leben des Mittelstands von vornherein aus dem Wege geräumt. Auch macht der Brauch, in Hotels oder Pensionen zu wohnen, die ermüdenden tête-á-têtes überflüssig, wie sie der Traum verlobter Paare und die Verzweiflung der Ehemänner sind. Und wie entwürdigend eine table-d´hôte immer sein mag, so ist sie doch zumindest besser als das ewige Gezänk über Berappen von Rechnungen und Betreuen von Babies, zu welchem sich Benedikt und Beatrice so oft erniedrigen, wenn erst der eine den Verstand und die andre ihre Schönheit verloren hat. Selbst die amerikanische Freizügigkeit im Scheidungswesen, so fragwürdig sie zweifellos und aus vielen Gründen ist, birgt zumindest das Verdienst in sich, dem Ehestand ein neues Element romantischer Ungewissheit zu verleihen. Sind nämlich die Leute auf Lebenszeit aneinandergekettet, so sehen sie gesittete Manieren für überflüssig, Höflichkeit für bedeutungslos an. Wo aber das Band so leicht gelöst werden kann, trägt gerade solche Fragilität zur Festigung bei und gemahnt den Ehegemahl, sich allzeit von seiner besten Seite zu zeigen, die Gattin jedoch, stets auf Liebenswürdigkeit bedacht zu sein.

Als Folge solcher Handlungsfreiheit, oder vielleicht auch trotzdem, sind Skandale in Amerika außerordentlich selten. Sollte sich dennoch einer ereignen, so ist der weibliche Einfluss im Gesellschaftsleben dermaßen groß, dass alle Schuld dem Manne angelastet wird: ihm wird nicht vergeben. Amerika ist das einzige Land auf der Welt, wo Don Juan keinen Beifall findet und wo alle Sympathien dem George Dandin gehören.

Alles in allem genommen, ist also der Amerikaner zuhaus eine sehr würdige Person, und es gibt nur einen einzigen Punkt, in welchem er enttäuscht: den amerikanischen Humor nämlich gibt es nur in Reiseberichten. In Wahrheit existiert er nicht. Tatsächlich ist der Amerikaner so weit davon entfernt, humorvoll zu sein, dass er das abnormal-ernsteste Geschöpf auf Gottes Erdboden darstellt. Zwar bezeichnet er Europa als alt, doch ist es er selber, der niemals jung gewesen ist. Nichts weiß er von der unverantwortlichen Leichtherzigkeit der Jugend, von der anmutigen insouciance überschäumender Lebenskraft. Stets war er bedachtsam, allzeit aufs Praktische aus, und so zahlt er schwer genug für den Fehler, niemals Fehler begangen zu haben. Zugegeben, er kann übertreiben. Allein, noch seine Übertreibungen stehen auf dem Boden der Vernunft. Sie beruhen weder auf Geist noch auf Phantasie, entspringen auch keiner poetischen Imagination. Sie stellen ganz einfach den ernsten Versuch dar, sprachlich Schritt zu halten mit den enormen Ausmaßen seines Landes. Es liegt ja auf der Hand, dass dort, wo man vierundzwanzig Stunden zur Durchquerung eines einzigen Pfarrsprengels und sieben Tage ununterbrochener Eisenbahnfahrt zur Einhaltung einer Essens-Vereinbarung in einem anderen Staat braucht, die gewohnten Hilfsmittel der Sprache nicht mehr ausreichen, so dass man neue linguistische Formen erfinden, zu neuen Beschreibungsmethoden Zuflucht nehmen muss. Doch ist dergleichen nichts andres als der fatale Einfluss der Geographie auf die Adjektive, denn von Natur ist der Amerikaner ganz gewiss nicht humorvoll. Zugegeben, sobald wir ihm in Europa begegnen, verursacht seine Konversation uns wahre Lachkrämpfe. Das kommt aber nur aus der absoluten Inkongruenz seiner Vorstellungen mit der europäischen Umgebung. Stellt man ihn jedoch hinein in seine vertraute Umwelt, mitten hinein in die Zivilisation, die er sich selber geschaffen hat, in das Leben, welches das Werk seiner Hände ist, so werden die genau gleichen Einwürfe nicht einmal ein Lächeln hervorrufen. Sie sind dann aufs Niveau simpelster Gemeinplätze oder vernünftiger Bemerkungen abgesunken. Was paradox schien, als wir's zu London vernommen, wird zur Platitüde, sobald wir's in Milwaukee zu Ohren bekommen.

Amerika hat es uns niemals verziehen, dass Europa ein wenig früher entdeckt worden ist. Und doch, in welch immensem Ausmaß ist es uns verpflichtet! Wie ungeheuer sind seine Schulden! Um in den Ruf des Humors zu gelangen, müssen Amerikas Männer nach London kommen; um sich ihrer Toiletten rühmen zu können, müssen Amerikas Frauen in Paris ihre Einkäufe machen.

Indes, mag der Amerikaner auch humorlos sein, so ist er doch gewisslich human. Er ist sich sehr scharf der Tatsache bewusst, dass im Menschen ein Gutteil humaner Natur wohnt, und er versucht, freundlich zu jedem Fremden zu sein, der an Amerikas Küste anlandet. Auf gesunde Weise ist er frei von antiquierten Vorurteilen, betrachtet alles umständliche Bekanntmachungs-Zeremoniell als ein törichtes Relikt mittelalterlicher Etikette und gibt jedwedem zufälligen Besucher das Gefühl, Vorzugsgast einer großen Nation zu sein. Begegnete ihm das englische Mädchen, sie nähm' ihn auf der Stelle zum Manne, und nähm' sie ihn zum Manne, sie würde glücklich sein. Denn ob er auch rauh von Umgang sein mag und unzulänglich in der pittoresken Unaufrichtigkeit aller Schwärmerei, so ist er doch unwandelbar freundlich und bedachtsam, ja hat es fertiggebracht, sein Land den Frauen zum Paradies zu machen.

Eben dies aber mag auch der Grund dafür sein, dass die Frauen, ganz wie die biblische Eva, so begierig sind, solchem Paradies den Rücken zu kehren.