Die amerikanische Invasion (1887)

Eine schreckliche Gefahr dräut über den Amerikanern in London. Ihre Zukunft und Reputation hängen in der gegenwärtigen Saison zur Gänze vom Erfolg des Buffalo Bill und demjenigen der Mrs. Brown-Potter ab. Der erstgenannte ist unschwer zu skizzieren, denn die Engländer interessieren sich bei weitem stärker für das amerikanische Barbarentum und nicht so sehr für die amerikanische Kultur. Sobald erst Sandy Hook in Sicht gekommen, fangen sie an, sich um ihre Schießgewehre und um die Munition zu kümmern. Und nachdem sie bei Delmonico gespeist haben, machen sie sich auf nach Colorado oder nach Kalifornien, nach Montana oder zum Yellowstone Park. Die Rocky Mountains üben einen größeren Zauber auf sie als die hemmungslosen Millionäre, und man sagt ihnen nach, in Boston würden sie Büffeln den Vorzug geben. Und warum auch nicht? Die amerikanischen Städte sind von unaussprechlicher Langeweile, die Bostoner nehmen das Studieren allzu ernst, Kultur bedeutet für sie eher Vervollkommnung denn Atmosphäre. Ihre »Hub«, wie sie die Harvard University nennen, ist ein Paradies der Dünkelhaftigkeit. Chicago ist eine Art Monsterladen, voll von Geschäftigkeit und Langeweile, und das politische Leben zu Washington gleicht demjenigen einer vorstädtischen Gemeinderatssitzung. Baltimore kann ja eine Woche lang ganz amüsant sein, aber Philadelphia ist entsetzlich provinziell. Und obschon man in New York ganz passabel zu Mittag speisen kann - an ein Wohnen ist dort nicht zu denken. Da ist noch der Wilde Westen besser, mit seinen Grizzlybären und seinen ungehobelten Cowboys, mit seinem ungebundenen Leben in der freien Natur und den dementsprechenden Sitten, mit seinen grenzenlosen Prärien und seiner bodenlosen Verlogenheit! All das bringt uns nun Buffalo Bill nach London, und wir zweifeln nicht, dass diese Stadt seine Vorführungen höchst beifällig aufnehmen wird.

Soweit es nun Mrs. Brown-Potter anbetrifft, und da ja gekonnte Schauspielerei für einen englischen Bühnenerfolg nicht länger Voraussetzung ist, so besteht wahrhaftig kein Grund, weshalb die hübsche Dame mit den strahlenden Augen, die uns im letzten Sommer allesamt bezaubert hat durch ihr fröhliches Lachen und ihre Unbekümmertheit, uns hier nicht - um eine Wendung aus dem Lande ihrer Herkunft zu gebrauchen - einen Riesenwirbel machen und die ganze Stadt rot anstreichen sollte. Wir hoffen ernstlich, dass sie's tun wird, denn insgesamt hat ja die amerikanische Invasion für die englische Gesellschaft manches Gute mit sich gebracht. Die amerikanischen Frauen sind aufgeweckte, kluge, bezaubernde Weltbürgerinnen. Ihre patriotischen Gefühle beschränken sich auf die Bewunderung des Niagara und auf das Bedauern im Hinblick auf die Hochbahn. Und, anders als die Männer, langweilen sie uns niemals mit Bunkers Hill. Ihre Kleider beziehen sie aus Paris, ihre Manieren vom Piccadilly, und beides steht ihnen ganz zauberhaft zu Gesicht. Sie sind von anziehender Keckheit, köstlicher Einbildung und haben ein angeborenes Selbstbewusstsein, auch insistieren sie auf Komplimenten und haben es um ein Haar fertiggebracht, die englischen Männer gesprächig zu machen. Für unsere Aristokratie hegen sie glühende Bewunderung, vor Titeln liegen sie auf dem Bauch, und doch quellen sie beständig über von republikanischen Prinzipien. In der Kunst, die Männer zu amüsieren, sind sie sowohl von Natur als auch durch ihre Erziehung wohlerfahren, ja verstehen sich tatsächlich darauf, eine Geschichte zu erzählen, ohne die Pointe zu vergessen, welche Eigenschaft bei den Frauen anderer Länder zu den größten Raritäten zählt. Wahr ist freilich, dass sie ein wenig der Ruhe ermangeln und dass beim Anlandgehen in Liverpool ihre Stimmen eher grell und kreischend anmuten. Doch schon nach kurzer Zeit entwickelt man eine gewisse Vorliebe für all die hübschen Wirbelwinde in Unterröcken, die da so unbekümmert durch die Gesellschaft fegen und so erregend auf alle Herzoginnen wirken, die Töchter haben. Ihr lustiges, übertriebenes Gestikulieren und die schmollende Art ihres Köpfeschüttelns haben etwas Einnehmendes, ihre Augen sind ohne jedes Geheimnis sondern blicken bloß herausfordernd in die Welt, und nehmen wir solche Herausforderung an, so haben wir auch schon den Kürzeren gezogen. Ihre Lippen scheinen bloß für das Lachen geschaffen und verziehen sich nie zur Grimasse, und was die Stimme anbetrifft, so wissen sie recht bald, sie gehörig im Zaume zu halten. Manchen von ihnen sagt man nach, sie hätten innerhalb zweier Saisonen eine modisch-affektierte Sprechweise angenommen und würden, erst einmal bei Hofe vorgestellt, ihre R's so energisch rollen wie ein junger Hofstallmeister oder eine ältliche Hofdame. Dennoch, ihren Akzent verlieren sie niemals zur Gänze: immer wieder macht er sich da oder dort bemerkbar, und wenn sie miteinander schwatzen, so klingt das wie ein Käfig voller Pfauen. Nichts ist amüsanter, als zwei amerikanische Mädchen im Zimmer oder auf dem Reitweg im Hyde Park einander begrüßen zu sehen: mit ihrem schrillen, stoßweisen Verwunderungsgekreisch und mit allerlei sonstiger Akustik geben sie sich nicht anders als die Kinder. Ihre Konversation gleicht einer Serienexplosion von Knallkörpern, ist von exquisiter Zusammenhanglosigkeit und wird in primitiver emotioneller Sprache geführt. Schon nach fünf Minuten sind diese Geschöpfe wunderschön außer Atem und sehen einander halb amüsiert, halb hingerissen an. Hat ein schwerfälliger junger Engländer das große Glück, in solchem Kreis eingeführt zu werden, so erfüllen ihn die ungewöhnliche Lebhaftigkeit, die elektrisierende Schlagfertigkeit und ein schier unerschöpflicher Vorrat an Modewörtern mit Staunen. Natürlich versteht er so gut wie gar nichts, denn die Gedanken schwirren nur so durch die Luft in falterhafter, holder Unbekümmertheit. Trotzdem ist er erfreut und amüsiert, kurz, er fühlt sich wie in einem Vogelkäfig. Insgesamt eignet den amerikanischen Mädchen ein wundervoller Charme, dessen Hauptgeheimnis in dem Umstand besteht, dass sie niemals ernsthaft über etwas reden, es handelte sich denn ums Amusement. Einen schweren Fehler allerdings haben sie: ihre Mütter. Und so grämlich jene alten Pilgerväter, die vor mehr als zwei Jahrhunderten von unserer Küste in See gestochen, um jenseits des Ozeans ihr Neu-England zu gründen - so verdrießlich sie auch gewesen sind: die Pilgermütter, die im neunzehnten Jahrhundert zu uns zurückgefunden haben, sind noch viel grämlicher.

Ab und zu gibt es natürlich auch Ausnahmen, aber als Gattung genommen sind sie eher stumpf und nachlässig, oder aber magenkrank. Und so ist der heranwachsenden Generation gegenüber die Feststellung nur recht und billig, dass sie keinerlei Schuld daran trifft. Tatsächlich scheuen die Kinder ja keine Mühe, ihre Eltern in geziemender Weise aufzuziehen und ihnen eine gehörige, wenn auch etwas verspätete Bildung angedeihen zu lassen. Schon von frühester Jugend an wendet jedes amerikanische Kind einen Großteil seiner Zeit daran, die Fehler von Vater und Mutter zu korrigieren, und niemand, der einmal Gelegenheit hatte, eine amerikanische Familie an Deck eines Atlantikdampfers oder in der vornehmen Abgeschiedenheit einer New Yorker Pension zu beobachten, wird nicht zutiefst beeindruckt gewesen sein von solchem Wesenszug amerikanischer Kultur. In Amerika sind ja die jungen stets bereit, die Alten zu deren Nutz und Frommen an der eigenen Unerfahrenheit im vollsten Maße teilhaben zu lassen. Zum Beispiel wird ein elf- bis zwölfjähriger Junge seinem Vater mit freundlicher Beharrlichkeit all dessen Charakter- oder Verhaltensfehler vor Augen führen, wird niemals müde werden, ihn vor Ausschweifung, Eitelkeit, später Heimkunft, Unpünktlichkeit und all den anderen Versuchungen zu warnen, denen betagte Menschen im besonderen Maße ausgesetzt sind, ja er wird sogar manchmal, wenn er den Eindruck gewinnt, der Vater rede beim Mittagessen zuviel und lasse die anderen nicht zu Worte kommen, ihn über den Tisch hinweg an das neue Kindersprichwort erinnern: »Eltern soll man zwar sehen, aber nicht hören!« Und auch das kleine amerikanische Mädchen wird sich durch keinerlei missverstandenen Zuneigungsbegriff davon abhalten lassen, ihrer Mutter, wann immer es nötig ist, einen Verweis zu erteilen. Und aus dem Gefühl, dass ein in Gegenwart anderer ausgesprochener Tadel bei weitem wirksamer ist als ein im Privatbereich der Kinderstube ins Ohr gewisperter, wird es oftmals die Aufmerksamkeit wildfremder Personen auf die allgemeine Unordentlichkeit der Mutter lenken, auf ihren Mangel an intellektuellem Bostoner Konversations-Ton, auf ihre übermäßige Vorliebe für Eiswasser und grünen Mais, auf ihre Knauserigkeit beim Herausrücken von Naschwerk, auf ihre Unkenntnis der Sitten in den besten Kreisen von Baltimore, auf ihre körperlichen Beschwerden und dergleichen mehr. Und so kann man in der Tat wahrheitsgetreu feststellen, dass es kein amerikanisches Kind gibt, welches jemals blind wäre gegenüber den Unzulänglichkeiten seiner Eltern, wie sehr es diese Eltern auch lieben mag. Allein, irgendwie hat dieses Erziehungssystem nicht den Erfolg gezeitigt, den es verdient hätte. Unzweifelhaft war in vielen Fällen das Material, mit dem die Kinder fertig werden mussten, zu roh und daher jeder echten Weiterentwicklung unzugänglich. So bleibt die Tatsache weiterhin bestehen, dass die amerikanische Mutter eine langweilige Person ist. Mit dem amerikanischen Vater ist es da schon besser, denn der lässt sich in London niemals blicken. Er verbringt sein Leben zur Gänze in der Wall Street und verkehrt mit der Familie nur einmal im Monat per chiffrierter Depesche. Die Mutter hingegen ist immer bei uns und bleibt in Ermangelung des raschen Anpassungsvermögens ihrer Kinder uninteressant und provinziell bis zuletzt. Unerachtet ihrer Gegenwart ist aber das amerikanische Mädchen jederzeit willkommen. Sie bringt so etwas wie Licht in unsere trüben Tischgesellschaften und bewirkt, dass das Leben eine Saison lang vergnüglicher verläuft. Im Wettlauf um die Palme erringt sie oftmals den Preis. Hat sie aber den Sieg erst in der Tasche, so ist sie großmütig und verzeiht den Rivalinnen alles, sogar deren Schönheit.

Das warnende Beispiel der Mutter vor Augen, demzufolge die amerikanischen Frauen nicht auf ansprechende Weise alt werden können, versucht sie erst gar nicht, älter zu werden, und bleibt darin häufig erfolgreich. Sie hat exquisite Hände und Füße, die allzeit bien chausseé et bien ganteé sind und kann sich aufs Brillanteste über jedwedes Thema verbreiten, vorausgesetzt, sie versteht nichts davon.

Ihr humoristischer Sinn bewahrt sie vor jeder Tragödie einer grande passion und da weder Schwärmerei noch Unterwürfigkeit in ihrer Liebe Platz finden, ist sie zum Eheweib wie geschaffen. Welchen endgültigen Einfluss sie auf das englische Leben haben wird, ist gegenwärtig kaum abzuschätzen. Es kann jedoch keinerlei Zweifel bestehen, dass von all den Faktoren, die zu Londons gesellschaftlicher Umwälzung beigetragen haben, nur wenige von größerem Gewicht sind, dass aber kein einziger so erfreulich ist wie die amerikanische Invasion.