Mr. Whistler's Abendvortrag (1885)

Vergangenen Abend hatte in Prince's Hall Mr. Whistler seinen ersten öffentlichen Auftritt als Vortragender in Sachen der Kunst und redete über eine Stunde lang mit wunderbarer Eloquenz über das absolut Sinnlose aller Vorträge dieses Genres. Mr. Whistler leitete seinen Vortrag ein mit einem sehr hübschen Aufgesang zum Thema Vorgeschichte, worin er schilderte, wie in der Frühzeit Jäger und Krieger auszogen zu Jagd und Plünderung, während der Künstler daheim saß und für sie Becher und Schüsseln anfertigte. Das wären zunächst rohe Natur-Imitationen gewesen wie etwa die Kürbisflasche, bis dann der Sinn für Schönheit und Form zur Entwicklung gelangt sei, und die erste Vase in all ihren exquisiten Proportionen angefertigt war. Danach sei eine höhere Kulturstufe gekommen, mit Architektur und Armstuhl, in der man mittels schöner Entwürfe und eleganter Bandornamentik die Gebrauchsdinge verziert habe. Und Jäger wie Krieger seien auf ihren Ruhebetten gelegen, sobald sie müde waren, und hätten aus der Trinkschale getrunken und achtgegeben, nimmermehr der exquisiten Proportionen des Bettes und der köstlichen Zier der Schalen verlustig zu gehen. Und solche Attitüde des primitiven kannibalischen Spießers bildete den Text des gesamten Vortrags, ja war auch die nämliche, welche der Kunst gegenüber einzunehmen Mr. Whistler seine Zuhörerschaft ermahnte. Eingedenk der vielen wundervollen Privatbesichtigungen schien diese elegante Assemblé irgendwie bestürzt und gar nicht amüsiert, als ihr bedeutet wurde, dass unter Kulturmenschen schon das geringste Anzeichen irgendwelchen Freude am Schönen einer groben Ungehörigkeit gegenüber den Malern gleichkäme. Mr. Whistler jedoch kannte kein Erbarmen und legte seiner Zuhörerschaft mit zaubrischer Leichtigkeit und in der anmutigsten Weise dar, das einzige, was man zu kultivieren habe, sei die Hässlichkeit, und wie auf solch permanentem Stumpfsinn alle Zukunftshoffnungen der Kunst sich gründeten.

Die Szene war kostbar in jeder Beziehung: da stand er, ein Mephistopheles en miniature, und machte sich lustig über die Mehrheit der anderen! Er glich einem brillanten Chirurgen, der einer Klasse von Subjekten, die letztlich ja doch nur für die Prosektur bestimmt sind, eine Vorlesung hält und ihnen dabei in allem Ernste versichert, von welch großem Wert ihre Leiden für die Wissenschaft und wie uninteressant daher auch die leichtesten Anzeichen von Besserung wären. Um den Zuhörern gerecht zu werden, muss ich hier einflechten, dass sie außerordentlich erfreut schienen, sich der schrecklichen Verantwortung entbunden zu sehen, etwas bewundern zu sollen. Und nichts hätte ihre Begeisterung noch übertreffen können, als Mr. Whistler ihnen eröffnete, wie ungeachtet aller Vulgarität ihrer Kleidung und der Hässlichkeit ihrer häuslichen Umgebung dennoch die Möglichkeit bestehe, dass ein großer Maler, falls es so etwas gebe, sie bei Dämmerlicht und halbgeschlossnen Lidern unter wahrhaft malerischen Bedingungen sehen und ein Bild anfertigen könne, das zu verstehen oder gar schön zu finden ihnen natürlich nicht anstünde. Dann gab's da noch etwelche glänzende, mit Widerhaken versehene Pfeile, abgeschossen mit der Schnelligkeit und Brillanz eines Feuerwerks: zunächst auf die Archäologen, die ihr Leben damit vertun, den Wert eines Kunstwerks nach seinem Entstehungsdatum oder nach dem Grad seines Zerfalls zu bestimmen; hernach auf die Kunstkritiker, die ein Gemälde stets beurteilen, als wär' es ein Roman, dessen Fabel man bloßlegen müsse; ferner auf die Dilettanten im allgemeinen und auf die Amateure im besonderen; und schließlich (O mea culpa!), und im stärksten Maße, auf die Bekleidungsreformer. »Hat nicht sogar Velasquez Krinolinen gemalt? Also was wollen Sie dann?«

Nachdem er die Menschheit auf solche Weise abgetan, wandte Mr. Whistler sich der Natur zu und überführte sie binnen kürzestem der Schuld an: Kristallpalast, Bankfeiertagen, genereller Detail-Überfülle in Omnibus wie Landschaft, um hernach in einer Passage von einzigartiger Schönheit, nicht unähnlich einer Stelle aus Corots Briefen, auf den künstlerischen Wert von Morgen- und Abenddämmerung zu kommen, wenn die hässlichen Fakten des Lebens verschlimmern in exquisit hinschwindendem Effekt, wenn die gemeinen Dinge des Alltags geheimnisvoll zu Schönheit verklärt sind, wenn Speicher und Lagerhäuser zu Palästen und die hohen Fabrikschlote jeder für sich zum Campanile werden vor silbrig schimmerndem Himmel.

Schließlich, nachdem er sich noch vehement dagegen ausgesprochen, dass ein Nichtmaler über Malerei urteile, und nachdem er seine Zuhörer voll Pathos aufgerufen, sie mögen sich von der Ästhetischen Bewegung nur ja nicht verlocken lassen, schöne Dinge um sich zu versammeln, rundete Mr. Whistler seinen Vortrag ab mit einer hübschen Passage über den Fudjiyama auf einem Fächer, und verneigte sich dann vor einem Auditorium, das er bestrickt hatte durch seinen Geist, seine brillanten Paradoxa und manchmal auch durch echte Eloquenz. Natürlich bin ich in Anbetracht des Wertes einer schönen Umgebung gänzlich anderer Meinung als Mr. Whistler. Ein Künstler ist ganz einfach kein isoliertes Faktum: vielmehr ist er das Resultat aus einem ganz bestimmten Milieu und einer ganz bestimmten entourage und könnte aus keinem Volke geboren werden, das jeglichen Sinnes für Schönheit entriete, so wenig wie ein Dornbusch Feigen trägt oder die Distel Rosen. Dass ein Künstler das Schöne im Hässlichen finden kann, le beau dans l'horrible, das pfeifen an den Schulen schon die Spatzen von den Dächern, das ist abgedroschenster Atelierjargon. Trotzdem leugne ich mit allem Nachdruck, dass nette Leute dazu verurteilt sein sollen, ihr Leben im beständigen Anblick von magentaroten Ottomanen und preußischblauen Vorhängen hinzubringen, nur weil da ein Maler das Streiflicht auf den einen und die Farbvaleurs auf den anderen zu studieren wünscht. Auch akzeptiere ich unter gar keinen Umständen die Behauptung, nur ein Maler könne ein Urteil über Malerei abgeben. Richter in Sachen der Kunst ist einzig der Künstler, so lautet meine sehr unterschiedliche Version! Solange ein Maler nur Maler ist und sonst nichts, sollte er bloß über Farben und Malmittel, über Leinöl und Terpentin reden dürfen, in bezug auf alles andere jedoch zum Schweigen verhalten sein. Erst wenn er zum Künstler geworden ist, enthüllen sich ihm auch die verborgenen Gesetze künstlerischen Schaffens. Denn es gibt keine Vielzahl von Künsten, sondern bloß eine einzige Kunst: ob Gedicht, Gemälde oder griechischer Tempel, ob Sonett oder Skulptur - im innersten Wesen sind sie ein und dasselbe, und kennt man das eine, so kennt man auch alles andere. Der Dichter aber steht als Künstler am höchsten, denn er ist Meister der Farbe wie der Form und überdies auch noch der wahrhafte Musiker - er ist Herr über alles Leben und alle Kunst. So sind auch dem Dichter vor allen anderen Künstlern die Mysterien vertraut: einem Edgar Allan Poe, einem Baudelaire, nicht aber einem Benjamin West oder Paul Delaroehe!

Und dennoch: ich könnte niemandes Vortrag wirklich schätzen, wär' ich in einigen Punkten nicht anderer Meinung als der Redner, und Mr. Whistler's Vortrag vom gestrigen Abend war, wie alles, was er unternimmt, ein Meisterstück. Nicht nur des klugen Spottes und der amüsanten Späße wegen wird man noch lange Zeit darüber sprechen, sondern auch wegen der reinen und vollkommenen Schönheit vieler Passagen - von Passagen, vorgetragen mit einem Ernste, der all jene zu überraschen schien, die in Mr. Whistler bisher nur einen Meister der Persiflage zu erkennen geglaubt, ihn aber nicht gekannt hatten, wie wir ihn kennen: als einen Meister der Malkunst. Denn dass er tatsächlich einer der allergrößten Meister der Malkunst ist, dessen bin ich gewiss. Und ich darf noch hinzufügen, dass Mr. Whistler solche Gewissheit ganz gewiss und rückhaltlos mit mir teilt.