Eine Studie über Pflicht

Kapitel I

Es war Lady Windermeres letzter Empfang vor Ostern, und Bentinck House war noch überfüllter als sonst. Sechs Kabinettsminister waren mit ihren Ordenssternen und -bändern direkt vom Lever des Präsidenten gekommen, all die hübschen Frauen trugen ihre elegantesten Roben, und am Ende der Gemäldegalerie stand die Fürstin Sophia von Karlsruhe, eine gewichtige, tatarisch aussehende Dame mit winzigen schwarzen Augen und wundervollen Smaragden, die mit lautstarker Stimme schlechtes Französisch redete und über alles, was man ihr sagte, unmäßig lachte. Es war ohne Zweifel ein erstaunliches Sammelsurium von Leuten. Prächtige Pairsgattinnen plauderten leutselig mit hitzigen Radikalen, beliebte Prediger streiften die Rockschöße bedeutender Skeptiker, ein ganzes Rudel Bischöfe folgte einer beliebten Primadonna auf Schritt und Tritt von einem Zimmer ins andere, auf der Treppe standen, als Künstler verkleidet, mehrere Mitglieder der Royal Academy, und es hieß, zu einem gewissen Zeitpunkt habe das Speisezimmer geradezu gestrotzt von Genies. Es war in der Tat einer von Lady Windermeres besten Abenden, und die Fürstin blieb fast bis halb zwölf.
Sobald sie gegangen war, kehrte Lady Windermere in die Gemäldegalerie zurück, wo ein berühmter Nationalökonom einem entrüsteten ungarischen Virtuosen mit feierlichem Ernst die wissenschaftliche Theorie der Musik erläuterte, und begann sich mit der Herzogin von Paisley zu unterhalten. Sie sah wunderschön aus mit ihrem edlen Elfenbeinhals, ihren großen blauen Vergissmeinnichtaugen und dem Goldhaar, das in schweren Docken um ihren Kopf gewunden war. Orpur war es - nicht von der fahlen Strohfarbe, die sich heutzutage den liebenswürdigen Namen Gold anmaßt, sondern Gold, wie es in Sonnenstrahlen verwoben oder in seltenem Bernstein verborgen ist; und es gab ihrem Gesicht etwas von der lichten Umrahmung einer Heiligen und nicht wenig von dem Reiz einer Sünderin. Sie war ein nicht alltägliches Studienobjekt für einen Psychologen. Schon früh in ihrem Leben hatte sie die bedeutende Wahrheit entdeckt, dass nichts so nach Unschuld aussieht wie Unbesonnenheit, und durch eine Reihe leichtsinniger Eskapaden, die zur Hälfte völlig harmlos waren, hatte sie sich alle Sonderrechte einer Persönlichkeit erworben. Mehr als einmal hatte sie ihren Gatten gewechselt - tatsächlich schreibt ihr das Pairsverzeichnis drei Ehen zu -, doch da sie niemals ihren Liebhaber gewechselt hatte, war die Welt es seit langem müde geworden, über sie zu lästern. Sie war jetzt vierzig Jahre alt, kinderlos und von jener unbändigen Vergnügungssucht, die das Geheimnis ist, jung zu bleiben.
Plötzlich sah sie sich begierig in dem Raum um und fragte mit ihrer klaren, tiefen Altstimme: »Wo ist mein Chiromant?« »Ihr was, Gladys?« rief die Herzogin in unwillkürlichem Erschrecken.
»Mein Chiromant, Herzogin; ich kann im Augenblick nicht ohne ihn leben.«
»Liebe Gladys! Sie sind immer so originell«, murmelte die Herzogin, während sie sich zu erinnern suchte, was ein Chiromant wohl sei, und hoffte, es sei nicht dasselbe wie ein Chiropodist.
»Regelmäßig zweimal in der Woche kommt er und sieht sich meine Hand an«, fuhr Lady Windermere fort, »und das macht er überaus interessant.«
>Gütiger Himmel!< dachte die Herzogin. >Also ist er doch eine Art Chiropodist. Wie grässlich! Hoffentlich ist er wenigstens ein Ausländer. Dann wäre es nicht ganz so arg.< »Ich muss Sie unbedingt mit ihm bekannt machen.« »Mit ihm bekannt machen?« rief die Herzogin. »Sie wollen doch nicht etwa sagen, er sei hier?« Und sie hielt Ausschau nach einem kleinen Schildpattfächer und einem sehr zerschlissenen Spitzenschal, um in kürzester Frist zum Aufbruch bereit zu sein.
»Natürlich ist er hier; nicht im Traum würde ich daran denken, ohne ihn eine Gesellschaft zu geben. Er sagt, meine Hand sei ausgesprochen psychisch, und wenn mein Daumen ein ganz klein wenig kürzer wäre, so hätte ich eine eingefleischte Pessimistin abgegeben und mich in ein Kloster zurückgezogen.«
»Oh, ich verstehe!« sagte die Herzogin mit einem Gefühl großer Erleichterung. »Vermutlich ist er einer, der die Geschicke voraussagt?«
»Und die Missgeschicke«, antwortete Lady Windermere, ,>jede Menge davon. Nächstes Jahr befinde ich mich zum Beispiel in großer Gefahr, sowohl zu Land wie zur See; deshalb werde ich in einem Ballon leben und jeden Abend mein Essen in einem Korb heraufziehen. Das steht alles auf meinem kleinen Finger geschrieben oder in meiner Handfläche, ich habe vergessen, wo.«
»Aber das heißt zweifellos die Vorsehung versuchen, Gladys.«
»Meine liebe Herzogin, gewiss kann die Vorsehung bis dahin der Versuchung widerstehen. Ich glaube, jeder sollte sich einmal im Monat aus der Hand lesen lassen, damit er weiß, was er nicht tun darf. Natürlich tut man es dann doch, aber es ist so angenehm, gewarnt zu sein. Wenn jetzt nicht jemand sofort Mister Podgers holt, werde ich wohl selbst gehen müssen.«
»Lassen Sie mich gehen, Lady Windermere«, sagte ein hochgewachsener, hübscher junger Mann, der dabeistand und mit amüsiertem Lächeln der Unterhaltung zuhörte.
»Vielen Dank, Lord Arthur, aber ich fürchte, Sie würden ihn nicht erkennen.«
»Wenn er so wundervoll ist, wie Sie behaupten, Lady Windermere, könnte ich ihn schwerlich verfehlen. Sagen Sie mir, wie er aussieht, und ich bringe ihn sogleich zu Ihnen.«
»Nun, er sieht nicht im geringsten nach einem Chiromanten aus. Ich meine, er sieht weder geheimnisvoll noch esoterisch, noch romantisch aus. Er ist ein kleiner, stämmiger Mann mit einem drolligen Kahlkopf und einer großen goldgeränderten Brille, so etwa auf der Mitte zwischen einem Hausarzt und einem Landadvokaten. Es tut mir wirklich sehr leid, aber es ist nicht meine Schuld. Es ist so ärgerlich mit den Leuten. All meine Pianisten sehen genau wie Poeten aus, und all meine Poeten sehen genau wie Pianisten aus, und ich denke nur noch daran, wie ich in der letzten Saison einen ganz schrecklichen Verschwörer zum Dinner eingeladen hatte, einen Mann, der wer weiß wie viele Leute in die Luft gesprengt hat und stets ein Panzerhemd trug und einen Dolch im Hemdärmel, und als er kam, stellen Sie sich vor, sah er haargenau wie ein netter alter Geistlicher aus und riss den ganzen Abend Witze. Natürlich war er sehr unterhaltsam und all das, aber ich war entsetzlich enttäuscht, und als ich ihn nach dem Panzerhemd fragte, lachte er nur und sagte, es sei viel zu kalt, es in England zu tragen. Ah, da ist ja Mister Podgers! Mister Podgers, ich möchte, dass Sie der Herzogin von Paisley aus der Hand lesen. Herzogin, Sie müssen Ihren Handschuh ausziehen. Nein, nicht den linken, den anderen.«
»Liebe Gladys, ich halte das wirklich nicht für ganz schicklich«, sagte die Herzogin, während sie kraftlos einen recht schmuddligen Glac8handschuh aufknöpfte.
»Schicklich ist etwas Interessantes niemals«, entgegnete Lady Windermere, »on afait le monde ainsi. Aber ich muss Sie miteinander bekannt machen. Herzogin, das ist Mister Podgers, mein Hauschiromant. Mister Podgers, das ist die Herzogin von Paisley, und wenn Sie behaupten, sie habe einen größeren Mondberg als ich, werde ich Ihnen nie wieder Glauben schenken.« »Ich bin sicher, Gladys, dass sich in meiner Hand nichts Derartiges befindet«, sagte die Herzogin würdevoll.
»Euer Gnaden haben völlig recht«, bemerkte Mr. Podgers und betrachtete die dicke kleine Hand mit den kurzen Quadratfingern, »der Mondberg ist nicht entwickelt. Aber die Lebenslinie ist hervorragend. Beugen Sie gütigst das Handgelenk. Danke sehr. Drei deutliche Linien auf der Rascette! Sie werden ein hohes Alter erreichen, Herzogin, und überaus glücklich sein. Ehrgeiz - sehr bescheiden, Verstandeslinie - nicht übermäßig, Herzlinie ... «
»Seien Sie ungeniert, Mister Podgers«, rief Lady Windermere.
»Nichts würde mir größeres Vergnügen bereiten«, erwiderte Mr. Podgers mit einer Verbeugung, »wenn die Herzogin es je gewesen wäre, aber zu meinem Bedauern muss ich sagen, dass ich eine große Beständigkeit in der Liebe sehe, verbunden mit einem starken Pflichtgefühl.«
»Fahren Sie bitte fort, Mister Podgers«, sagte die Herzogin, die recht zufrieden aussah.
»Sparsamkeit ist nicht die geringste Tugend Euer Gnaden«, fuhr Mr. Podgers fort, und Lady Windermere platzte mit ihrem Gelächter heraus. »Sparsamkeit ist eine sehr gute Sache«, bemerkte die Herzogin selbstgefällig. »Als ich Paisley heiratete, besaß er elf Schlösser und nicht ein einziges zum Wohnen geeignetes Haus.«
»Und jetzt besitzt er zwölf Häuser und kein einziges Schloss«, rief Lady Windermere.
»Nun, meine Teure«, sagte die Herzogin, »ich liebe ... « »Bequemlichkeit«, ergänzte Mr. Podgers, »und die heutigen Errungenschaften und fließend Warmwasser in jedem Schlafzimmer. Euer Gnaden haben völlig recht. Bequemlichkeit ist das einzige, was uns unsere Zivilisation geben kann.«
»Sie haben den Charakter der Herzogin erstaunlich treffend beschrieben, Mister Podgers, und jetzt müssen Sie Lady Floras schildernd, und auf einen Wink der lächelnden Gastgeberin trat ein hochgewachsenes Mädchen mit rotem Schottenhaar und kräftigen Schulterblättern linkisch hinter dem Sofa hervor und streckte eine lange, knochige Hand mit spatelförmigen Fingern aus.
»Ah, eine Pianistin! Ich verstehe«, sagte Mr. Podgers, »eine hervorragende Pianistin, aber vielleicht nicht gerade eine Musikerin. Sehr zurückhaltend, sehr ehrbar und mit einer großen Liebe zu Tieren.«
»Stimmt!« rief die Herzogin, zu Lady Windermere gewandt. »Stimmt genau! Flora hält sich in Macloskie zwei Dutzend Schäferhunde und würde unser Stadthaus in eine Menagerie verwandeln, wenn ihr Vater es zuließe.«
»Nun, das ist genau das, was ich mit meinem Haus jeden Donnerstagabend mache«, lachte Lady Windermere, »nur gefallen mir Löwen besser als Schäferhunde.«
»Ihr einziger Fehler, Lady Windermere«, sagte Mr. Podgers mit einer großartigen Verneigung.
Wenn eine Frau ihre Fehler nicht reizvoll machen kann, ist sie nur ein Weibchen«, war die Antwort. »Aber Sie müssen noch mehr Hände für uns lesen. Kommen Sie, Sir Thomas, zeigen Sie Mister Podgers die ihren«; und ein lustiger alter Herr mit weißer Weste kam heran und hielt eine grobe, knorrige Hand mit sehr langem Mittelfinger hin.
»Eine Abenteurernatur, vier lange Seereisen in der Vergangenheit und eine bevorstehende. Dreimal schiffbrüchig geworden. Nein, nur zweimal, aber auf der nächsten Reise in Gefahr, Schiffbruch zu erleiden. Streng konservativ, sehr pünktlich und mit einer Leidenschaft für das Sammeln von Raritäten. Im Alter zwischen sechzehn und achtzehn eine schwere Krankheit durchgemacht. Mit etwa dreißig ein Vermögen geerbt. Große Abneigung gegen Katzen und Radikale.«
»Vorzüglich!« rief Sir Thomas aus. »Sie müssen wahrhaftig auch meiner Frau aus der Hand lesen.«
»Ihrer zweiten Gattin«, bemerkte Mr. Podgers ruhig, während er immer noch Sir Thomas' Hand in der seinen hielt. »Ihrer zweiten Gattin. Ich wäre entzückt«; aber Lady Marvel, eine schwermütig aussehende Frau mit braunem Haar und gefühlvollen Wimpern, lehnte es entschieden ab, ihre Vergangenheit oder ihre Zukunft enthüllen zu lassen, und wie sehr sich Lady Windermere auch bemühen mochte, nichts bewog den russischen Botschafter, Monsieur de Kolow, auch nur die Handschuhe auszuziehen. Tatsächlich schien es, als fürchteten sich viele Leute, dem unheimlichen kleinen Mann mit seinem stereotypen Lächeln, der goldenen Brille und den hellen Knopfaugen gegenüberzutreten, und als er der armen Lady Fermor vor allen rundheraus erklärte, aus Musik machte sie sich nicht das mindeste, sei jedoch Musikern überaus zugetan, hatten alle das Gefühl, dass Chiromantie eine höchst gefährliche Wissenschaft sei, die nicht gefördert werden sollte, ausgenommen bei einem Tête-à-tête.
Lord Savile jedoch, der nichts von Lady Fermors unseliger Geschichte wusste und Mr. Podgers mit großem Interesse beobachtet hatte, war von ungeheurer Neugier gepackt, sich selbst aus der Hand lesen zu lassen, und da ihn eine gewisse Schüchternheit hinderte, sich vorzudrängen, ging er durch den Raum zu Lady Windermeres Platz und fragte sie mit bezauberndem Erröten, ob Mr. Podgers ihrer Meinung nach wohl etwas dagegen haben würde.
»Natürlich wird er nichts dagegen haben«, sagte Lady Windermere, »dazu ist er ja hier. All meine Löwen, Lord Arthur, sind Löwen, die sich produzieren, und springen durch Reifen, wenn ich es von ihnen verlange. Aber zuvor muss ich Sie warnen, dass ich Sybil alles wiedererzählen werde. Sie ist morgen zum Lunch bei mir, um mit mir über Hüte zu plaudern, und wenn Mister Podgers herausfindet, dass Sie einen schlechten Charakter oder eine Neigung zur Gicht oder eine Frau haben, die in Bayswater wohnt, werde ich sie alles darüber wissen lassen.«
Lord Arthur lächelte und schüttelte den Kopf »Ich habe keine Bange«, antwortete er. »Sybil kennt mich so gut, wie ich sie kenne.«
»Ach! Ein wenig tut es mir leid, Sie so sprechen zu hören. Die rechte Grundlage für eine Ehe ist gegenseitigem Missverstehen. Nein, ich bin durchaus nicht zynisch, ich habe nur meine Erfahrungen, was allerdings ungefähr auf dasselbe herauskommt. Mister Podgers, Lord Arthur Savile stirbt vor Verlangen, sich aus der Hand lesen zu lassen. Erzählen Sie ihm nicht, dass er mit einem der schönsten Mädchen von London verlobt ist, denn das stand vor einem Monat in der >Morning Post<.« »Liebe Lady Windermere«, rief die Marquise von Jedburgh, »lassen Sie Mister Podgers noch ein wenig bei mir bleiben! Er hat mir soeben gesagt, ich ginge zur Bühne, und das interessiert mich so.«
»Wenn er Ihnen das gesagt hat, Lady Jedburgh, werde ich ihn ganz gewiss wegholen. Kommen Sie sofort her, Mister Podgers, und lesen Sie Lord Arthur aus der Hand.«
»Na schön«, sagte Lady Jedburgh und zog einen Schmollmund, als sie vom Sofa aufstand, »wenn es mir nicht gestattet wird, zur Bühne zu gehen, darf ich doch wohl wenigstens zum Publikum gehören.«
»Natürlich, wir werden alle Publikum sein«, entgegnete Lady Windermere, »und jetzt, Mister Podgers, denken Sie daran, uns etwas Hübsches zu erzählen. Lord Arthur gehört zu meinen besonderen Lieblingen.«
Doch als Mr. Podgers in Lord Arthurs Hand schaute, wurde er seltsam bleich und sagte gar nichts. Ein Schauder schien ihn zu durchrieseln, und seine großen buschigen Brauen zuckten krampfhaft auf eine sonderbar aufreizende Weise, die bei ihm Bestürzung ausdrückte. Dann brachen wie giftiger Tau ein paar große Schweißtropfen aus seiner gelben Stirn, und seine dicken Finger wurden kalt und klamm.
Lord Arthur entgingen diese merkwürdigen Anzeichen von Erregung nicht, und zum erstenmal in seinem Leben empfand er selbst Furcht. Es trieb ihn, aus dem Raum zu stürzen, aber er hielt sich zurück. Es war besser, das Schlimmste, einerlei was, zu erfahren, als in dieser grauenhaften Ungewissheit zu bleiben.
»Ich warte, Mister Podgers«, sagte er.
»Wir alle warten«, rief Lady Windermere in ihrer lebhaften, ungeduldigen Art, aber der Chiromant gab keine Antwort.
»Ich glaube, Arthur geht zu Bühne«, bemerkte Lady Jedburgh, »und nachdem Sie vorhin gescholten haben, hat Mister Podgers Angst, es ihm zu sagen.«
Plötzlich ließ Mr. Podgers Lord Arthurs Rechte fallen und ergriff seine Linke, über die er sich, um sie zu prüfen, so tief hinabbeugte, dass die goldenen Ränder seiner Brille fast die Innenfläche zu berühren schienen. Für einen Augenblick wurde sein Gesicht eine weiße Maske des Grauens, doch bald gewann er seine Kaltblütigkeit zurück und sagte, zu Lady Windermere aufschauend, mit gezwungenem Lächeln: »Es ist die Hand eines reizenden jungen Mannes.«
»Natürlich!« erwiderte Lady Windermere. »Aber wird er auch ein reizender Gatte sein? Das ist es, was ich wissen möchte.«
»Alle reizenden jungen Männer werden es«, sagte Mr. Podgers. »Ich glaube, ein Ehemann sollte nicht allzu bezaubernd sein«, murmelte Lady Jedburgh nachdenklich, »es ist so gefährlich.«
»Mein liebes Kind, allzu bezaubernd sind sie nie«, rief Lady Windermere. »Aber ich möchte Details. Details sind das einzig Interessante. Was wird Lord Arthur widerfahren?«
»Nun ja, innerhalb der nächsten Monate wird Lord Arthur eine Seereise antreten ... «
»O ja, natürlich seine Hochzeitsreise!« »Und einen Verwandten verlierend »Hoffentlich nicht seine Schwester?« fragte Lady Jedburgh mit trauriger Stimme.
»Bestimmt nicht seine Schwester«, antwortete Mr. Podgers mit einer wegwerfenden Handbewegung, »nur einen entfernten Verwandten.«
»Ich bin schrecklich enttäuschte, bemerkte Lady Windermere. »Da habe ich Sybil morgen absolut nichts zu erzählen. Niemand schert sich heutzutage um entfernte Verwandte. Sie sind schon vor Jahren aus der Mode gekommen. Immerhin meine ich, sie sollte ein Schwarzseidenes im Schrank haben, für die Kirche ist so etwas immer passend. Und jetzt wollen wir zum Abendessen gehen. Sicherlich haben sie alles aufgegessen, aber vielleicht finden wir etwas heiße Suppe. François kochte früher vorzügliche Suppen, aber im Augenblick regt er sich so über die Politik auf, dass ich seiner nicht mehr ganz sicher bin. Ich wünschte wahrhaftig, General Boulanger wollte sich ruhig verhalten. Herzogin, Sie sind gewiss müde?«
»Überhaupt nicht, liebe Gladys«, entgegnete die Herzogin, während sie zur Tür watschelte. »Ich habe mich ganz famos unterhalten, und der Chiropodist, ich meine der Chiromant, ist höchst interessant. Flora, wo kann nur mein Schildpattfächer sein? Oh, vielen Dank, Sir Thomas. Und mein Spitzenschal, Flora? Oh, danke, Sir Thomas, sehr freundlich von Ihnen«, und am Ende brachte es die würdige Dame zuwege, die Treppe hinunterzugehen, ohne ihr Riechfläschchen mehr als zweimal fallen zu lassen.
Die ganze Zeit war Lord Arthur Savile am Kamin stehen geblieben, mit dem gleichen bedrückenden Gefühl der Furcht, der ekelhaften Empfindung kommenden Unheils. Traurig lächelte er seiner Schwester zu, als sie an Lord Plymdales Arm an ihm vorüberstreifte, liebreizend anzusehen in ihrem rosa Brokat und den Perlen, und kaum vernahm er Lady Windermere, als sie ihn aufforderte, ihr zu folgen. Er dachte an Sybil Merton, und der Gedanke, dass etwas zwischen sie treten könnte, trübte seine Augen mit Tränen.
Wer ihn sah, hätte meinen können, Nemesis habe Pallas' Schild gestohlen und ihm das Gorgonenhaupt gezeigt. Er schien zu Stein verwandelt, und sein Gesicht war in seiner Schwermut wie Marmor. Er hatte das wählerische und verschwenderische Leben eines jungen Mannes von Geburt und Vermögen geführt, ein in seiner Freiheit von niedriger Sorge, in seiner schönen, knabenhaften Unbekümmertheit köstliches Leben, und nun wurde ihm zum erstenmal das schreckliche Geheimnis des Schicksals, die furchtbare Bedeutung des Verhängnisses bewusst.
Wie wahnsinnig und ungeheuerlich schien das alles! Konnte es angehen, dass in Schriftzeichen, die er nicht zu lesen, aber ein anderer zu entziffern vermochte, ein entsetzliches Geheimnis der Sünde, ein blutrotes Mal des Frevels in seine Hand geschrieben war? War da kein Entrinnen möglich? Waren wir nichts Besseres als Schachfiguren, von einer unsichtbaren Macht bewegt, Gefäße, die der Töpfer nach seiner Laune zur Ehre oder zur Schande formt? Seine Vernunft lehnte sich dagegen auf, und dennoch hatte er das Gefühl, als hinge eine Tragödie über ihm und als sei er plötzlich berufen worden, eine unerträgliche Bürde zu tragen. Schauspieler sind so glücklich dran. Sie können sich aussuchen, ob sie in einer Tragödie oder in einer Komödie auftreten wollen, ob sie leiden oder vergnügt sein, lachen oder Tränen vergießen wollen. Aber im wirklichen Leben ist das anders. Die meisten Männer und Frauen sind gezwungen, Rollen zu spielen, für die sie nicht geeignet sind. Unsere Güldensterns spielen für uns den Hamlet, und unsere Hamlets müssen herumspaßen wie Prinz Heinz. Die Welt ist eine Bühne, aber das Stück ist schlecht besetzt.
Plötzlich trat Mr. Podgers in den Raum. Er erschrak, als er Lord Arthur erblickte, und sein derbes, dickes Gesicht verfärbte sich grünlichgelb. Die Augen der beiden Männer trafen sich, und eine Sekunde herrschte Schweigen.
»Die Herzogin hat einen ihrer Handschuhe hier liegen lassen, Lord Arthur, und mich gebeten, ihn zu holen«, sagte Mr. Podgers schließlich. »Ah, ich sehe ihn auf dem Sofa! Guten Abend.« »Mister Podgers, ich muss darauf bestehen, dass Sie mir eine ehrliche Antwort auf eine Frage geben, die ich Ihnen stellen werde.«
»Ein andermal, Lord Arthur, die Herzogin ist besorgt. Ich fürchte ich muss gehen.«
»Sie werden nicht gehen. Die Herzogin hat keine Eile.« »Man sollte Damen nicht warten lassen, Lord Arthur«, entgegnete Mr. Podgers mit seinem ekelhaften Lächeln. »Das schöne Geschlecht kann leicht ungeduldig werden.«
Lord Arthurs feingeschnittene Lippen warfen sich in ärgerlicher Verachtung auf Die arme Herzogin schien ihm in diesem Augenblick von sehr geringer Bedeutung. Er ging durch den Raum zu Mr. Podgers und hielt ihm die Hand hin.
»Erzählen Sie mir, was Sie darin gesehen haben«, befahl er. »Sagen Sie mir die Wahrheit. Ich muss sie wissen. Ich bin kein Kind.«
Mr. Podgers' Augen blinzelten hinter den goldgeränderten Brillengläsern, und unbehaglich trat er von einem Fuß auf den anderen, während seine Finger nervös mit einer auffälligen Uhrkette spielten.
»Wie kommen Sie auf den Gedanken, dass ich mehr in Ihrer Hand gesehen habe, als ich Ihnen sagte, Lord Arthur?«
»Ich weiß es, und ich bestehe darauf, dass Sie mir erzählen, was es war. Ich werde Sie bezahlen. Ich werde Ihnen einen Scheck über hundert Pfund geben.«
Die grünen Augen blitzten sekundenlang auf und wurden dann wieder trübe.
»Guineen?« fragte Mr. Podgers schließlich mit leiser Stimme. »Gewiss. Ich werde Ihnen morgen den Scheck zusenden. In welchem Klub sind Sie Mitglied?«
»In keinem. Das heißt, im Augenblick nicht. Meine Adresse ist - aber gestatten Sie mir, dass ich Ihnen meine Karte gebe«; und nachdem Mr. Podgers aus der Westentasche eine Visitenkarte mit Goldschnitt gezogen hatte, überreichte er sie mit einer tiefen Verneigung Lord Arthur, der darauf las:

Mr. Septimus R. Podgers
Berufschiromant
1030 West Moon Street

»Meine Sprechstunden sind von zehn bis vier«, murmelte Mr. Podgers geschäftsmäßig, »für Familien herabgesetzte Preise.«
»Beeilen Sie sich«, rief Lord Arthur, der sehr blass aussah und die Hand ausgestreckt hielt.
Mr. Podgers blickte nervös um sich und zog die schwere Portiere vor die Tür.
»Es wird eine Weile dauern, Lord Arthur, Sie sollten sich lieber setzen.«
»Beeilen Sie sich, Sir«, rief Lord Arthur abermals und stampfte ärgerlich mit dem Fuß auf den polierten Boden.
Mr. Podgers lächelte, zog aus der Brusttasche ein kleines Vergrößerungsglas und putzte es sorgfältig mit seinem Taschentuch. »Ich bin bereit«, sagte er.


Kapitel II