Aphorismen II

Da alles bei uns knapp geworden ist, sind Komplimente das Erfreulichste, was wir noch reichlich übrig haben. Und das einzige, was wir uns noch leisten können.

In allen unbedeutenden Dingen ist Stil, nicht Aufrichtigkeit, das Wesentliche. In allen bedeutenden Dingen ist Stil, nicht Aufrichtigkeit, das Wesentliche.

Körperliche und geistigen Vorzügen haftet ein Unheil an. Es tut nicht gut, sich von seinen Mitmenschen zu unterscheiden. Den Hässlichen und den Dummen geht es auf dieser Welt am besten. Sie wissen nichts von Sieg, dafür bleibt ihnen die Kenntnis der Niederlage erspart. Sie leben so, wie wir alle leben sollten: ungerührt, gleichgültig und sorglos. Sie richten andere nicht zugrunde und werden ihrerseits nicht zugrunde gerichtet.

Selbst im alltäglichen Leben ist der Egoismus nicht ohne Reiz. Wenn die Leute über andere reden, sind sie gewöhnlich langweilig. Wen sie aber von sich selbst erzählen, ist das fast immer interessant, und wenn man sie nur zur rechten Zeit so leicht abstellen könnte, wie man ein Buch zuschlägt, dessen man müde geworden ist, wären sie schlichtweg vollkommen.

Um etwas über sich selbst zu wissen, muss man alles über die anderen wissen. Es darf keine Stimmungen geben, die man nicht nachempfinden kann, keine abgestorbene Lebensform, die man nicht mit neuem Leben zu füllen vermag.

Keiner soll sich in die Angelegenheiten anderer Leute einmischen und sich zum Richter über sie aufschwingen. Die Persönlichkeit ist etwas sehr Geheimnisvolles.

Verwandte sind doch einfaches ein fades Pack, ohne die geringste Ahnung davon, wie man zu leben hat, oder wenigstens das gröbste Gespür dafür, wann es Zeit wird zu sterben.

Immer. Ein schreckliches Wort. Jedes mal, wenn ich es höre, packt mich ein Schauder. Frauen gebrauchen es besonders gern. Sie zerstören jeder Romanze, indem sie versuchen, ihr ewige Dauer zu verleihen.

Das Leben ist eine viel zu bedeutende Angelegenheit, um ernsthaft darüber reden zu dürfen.

Häufig sind Durchschnittsmänner mittlere Alters anzutreffen, die zwar keine Feinde haben, bei ihren Freunden jedoch alles andere als beliebt sind.

Von meinen Freunden verlange ich gutes Aussehen, von meinen Bekannten guten Charakter, von meinen Feinden einen gut funktionierenden Verstand.

Finde einen Ausdruck für deinen Schmerz, und du wirst ihn schätzen lernen. Finde einen Ausdruck für deine Freude, und du steigerst dein Entzücken. Du willst Liebe empfinden? Stimme ihr immegleiches Lied an, und die Worte werden das Sehnen in die wecken, von dem die Welt glaubt, es lasse die Worte erst hervorsprudeln. Nagt ein bitterer Kummer an deinem Herzen? Tauche ein in die Sprache des Kummers, lerne ihren Ausdruck von Prinz Hamlet und Königin Constantia, und du wirst feststellen, dass schon da bloße Aussprechen Trost spendet und die Form, der Beginn aller Leidenschaft, zugleich das Ende des Schmerzes ist.

Wenn auch nur ein einziger Mensch sein Leben voll und ganz ausleben würde, wenn es ihm gelänge, seinen Gefühlen Form zu geben, seinen Gedanken Ausdruck zu verleihen und seine Träume zu verwirklichen – die Welt bekäme einen neuen Antrieb zur Freude.

Nur oberflächliche Menschen brauchen Jahre, um ihre Gefühle loszuwerden. Wer Herr seiner selbst st, wird mit seinem Kummer genauso mühelos fertig, wie er sich ein neues Vergnügen schafft.

Früher haben wir unsere Helden vergöttert. Heute gefällt man sich darin, sie zu Allerweltsmenschen zu machen. Billige Ausgaben großer Bücher mögen eine feine Sache sein, aber billige Ausgaben großer Männer sind einfach abscheulich.

Die Leute in gute und schlechte zu unterteilen ist absurd. Die Leute sind entweder nett der fad. Man sollte jedem nur das Schlimmste zutrauen. Es erfordert einiges an Ermittlungsarbeit, jemanden als guten Menschen zu entlarven.

Der Jugend gehört die Welt. Im mittleren Alter hat man nur noch Verpflichtungen. Im Alter landet man in der Abstellkammer des Lebens.

Reden sie mit jeder Frau, als wären Sie in sie verliebt, und mit jedem Mann, als würde er Sie langweilen, und am Ende der Saison werden Sie in dem Ruf stehen, über ein Höchstmaß an gesellschaftlichem Taktgefühl zu verfügen.

Immer wenn ich ins Museum gehe, sind entweder so viele Leute da, dass ich die Bilder nicht sehe, oder so viele Bilder, dass es mir nicht gelingt, die Leute zu sehen, und das ist noch schlimmer.

Eine Versuchung wird man nur los, indem man ihr nachgibt. Wer ihr wiedersteht, dessen Seele wird krank vor Sehnsucht nach dem, was die Seele sich untersagt, vor Verlangen nach dem, was ihre Gesetze zu etwas Abscheulichem und Gesetzlosem macht.

Die Welt ist eine Bühne. Doch das Stück ist schlecht besetzt.