Aphorismen I

Kunst und Wahrheit

Das einzige Bindeglied zwischen Literatur und Theater, das wir heute in England noch haben, ist das Programmheft. (IX, 963)

Es scheint mir, dass die Phantasie Einsamkeit um sich verbreitet oder verbreiten sollte, sie schafft am besten in der Stille und Abgeschiedenheit. (VII, 73)

Worin besteht denn das Wesen der schönen Lüge? Einfach darin, dass sie den Beweis in sich trägt. Ist einer so arm an Phantasie und muss seine Lüge beweisen, sollte er lieber gleich die Wahrheit sprechen. (VII, 11)

Wenn du die Einsamkeit nicht ertragen kannst, dann langweilst du auch andere.

Einbildungskraft: eine Eigenschaft, die den Menschen dafür entschädigt, was er nicht ist.

Wir sind uns niemals so treu wie in den Augenblicken der Inkonsequenz.  (Der Kritiker als Künstler)

Leben und Moralität

Zuerst lieben die Kinder ihre Eltern. Nach einer gewissen Zeit fällen sie ihr Urteil über sie. Und selten, wenn überhaupt je, verzeihen sie ihnen. (III, 116)

Die erste Pflicht im Leben besteht darin, so künstlich wie möglich zu sein. Worin die zweite Pflicht besteht, hat noch niemand herausgefunden. (VII, 253)

Moral ist ganz einfach die Haltung, die wir gegen Leute einnehmen, von denen wir persönlich nicht erbaut sind. (III, 208)

In dieser Welt gibt es nur zwei Tragödien. Die eine ist, nicht zu bekommen, was man möchte, und die andere ist, es zu bekommen. (III, 57/58)

Die Seele kommt alt zur Welt und wird jung. Das ist die Komödie des Lebens. Der Leib ist jung geboren und wird alt. Das ist die Tragödie unseres Daseins. (III, 94)

Gute Menschen reizen die Geduld, böse Menschen reizen die Phantasie. (VIII, 279)

Der einzige Unterschied zwischen dem Heiligen und dem Sünder ist, dass jeder Heilige eine Vergangenheit hat und jeder Sünder eine Zukunft. (III, 123)

Gute Vorsätze (...) sind Schecks, auf eine Bank gezogen, bei der man kein Konto hat. (I, 113)

Lachen ist durchaus kein schlechter Beginn für eine Freundschaft und ihr bei weitem bestes Ende. (I, 18)

Die Seele ist alt geboren und wird jung. Das ist die Komödie des Lebens. Und der Leib ist jung geboren und wird alt. Das ist die Tragödie des Lebens. (III, 94)

Ich reise nie ohne mein Tagebuch. Man sollte im Zug immer etwas Aufregendes zum Lesen haben. (III, 302)

Gesundheit ist die erste Pflicht im Leben.

An einem Manne liebe ich es, wenn er eine Zukunft vor sich, an der Frau, wenn sie eine Vergangenheit hinter sich hat.

Genie und Laster

Die Form ist alles. Sie ist das Geheimnis des Lebens. Gib der Trauer Ausdruck, so ist sie dir teuer. Gib der Freude Ausdruck, und sie vertieft dein Entzücken. (VII, 138)

Jeder von uns trägt Himmel und Hölle in sich. (I, 173)

Das Publikum ist wunderbar nachsichtig. Es verzeiht alles - außer Genie. (VII, 69)

 

Weisheit und Religion

Die Alten glauben alles, die Menschen im mittleren Alter misstrauen allem. Die Jungen wissen alles.  (VII, 255)

Die jungen Männer glauben, Geld sei alles. Wenn sie älter sind, wissen sie es.

Die Popen haben dem Volk den Himmel genommen. (IV, 80)

Ehrgeiz ist die letzte Zuflucht des Versagers. (VII, 254)

 

England und die Gesellschaft

Es gibt drei Arten von Despoten: den Despoten, der den Leib knechtet, den Despoten, der die Seele knechtet und den Despoten, der Leib und Seele gleichzeitig knechtet. Der erste ist der Fürst. Der zweite ist der Papst. Der dritte das Volk. (VII, 243)

Das reine, unverfälschte Landleben. Sie stehen früh auf, weil sie so viel zu tun haben, und gehen früh zu Bett, weil sie so wenig zu denken haben. (I, 193)

Demokratie ist nichts anderes als das Niederknüppeln des Volkes durch das Volk für das Volk. (VII, 225)

Nur wenn man seine Rechnung nicht begleicht, kann man hoffen, im Gedächtnis der Geschäftswelt  weiterzuleben. (VII, 254)

Heutzutage kennen die Leute vor allem den Preis und nicht den Wert. (I, 58)

Wenn man in der Stadt ist, vertreibt man sich die Zeit. Ist man auf dem Land, vertreibt man anderen Leuten die Zeit. Das ist in höchstem Grade langweilig. (III, 258)

Der nationale Hass ist immer dort am stärksten, wo's um die Kultur am schwächsten bestellt ist. (VI, 89)

In früheren Jahren bediente man sich der Folter. Heutzutage bedient man sich der Presse. Das ist gewiss ein Fortschritt. Aber es ist auch ein großes Übel; es schädigt und demoralisiert uns. (VII, 236)

Eine Bekanntschaft, die durch ein Kompliment beginnt, hat alle Aussicht, sich zu einer echten Freundschaft zu entwickeln. Sie beginnt auf richtige Art. (III, 160)

In der Stadt lebt man zu seiner Unterhaltung, auf dem Lande zur Unterhaltung der anderen.

 

Geschlecht und Mode

Frauen sind Gemälde. Männer sind Probleme. Wenn Sie wissen wollen, was eine Frau wirklich meint - was übrigens immer ein gefährliches Unterfangen ist - sehen Sie sie an, und hören Sie ihr nicht zu. (III, 120)

Die Frauen lieben uns wegen unserer Fehler. Wenn wir deren genügend haben, werden sie uns alles verzeihen, selbst unsern gigantischen Intellekt. (III, 125)

Für den Philosophen (...) stellen die Frauen der Triumph der Materie über den Geist dar - so wie Männer den Triumph des Geistes über die Moral darstellen. (III, 120)

Der Mann will immer die erste Liebe der Frau sein, die Frau ist gern der letzte Roman des Mannes.

Es gibt eine so aufreizend große Zahl von Frauen, die mit ihrem eigenen Gemahl flirten. Das macht sich so schlecht. Es sieht so aus, als ob man die eigene Wäsche, um zu zeigen, wie rein sie ist, öffentlich waschen würde. 

Jede Frau ist bereit, mit jedem Menschen auf der Welt zu flirten, solange andere Leute zuschauen!

Keine Frau sollte ihr Alter korrekt angeben, das sieht nach Berechnung aus.

Bei einer bezaubernden Frau ist das Geschlecht eine Herausforderung, keine Verteidigung.

Alle Frauen werden wie ihre Mutter. Das ist ihre Tragödie. Männer werden niemals wie ihre Mutter. Das ist ihre Tragödie.

 

Jugend und Schönheit

Jugend! Jugend! Es gibt einfach nichts auf der Welt als Jugend! (I, 34)

Um seine Jugend zurückzuerhalten, braucht  man nur seine Torheiten zu wiederholen. (I, 52)

 

Liebe und Vernunft

Die Gefühle von Menschen, die man nicht mehr liebt, haben stets etwas Lächerliches. (I, 101)

Nie kann die Wissenschaft das Irrationale bewältigen. Darum hat sie auf dieser Welt keine Zukunft. (III, 161)