Gustav Klimt - 1862-1918

Gustav KlimtAm 14. Juli 1862 wurde Gustav Klimt als ältester Sohn des aus Drabschitz, Kreis Leitmeritz, eingewanderten böhmischen Goldschmiedes und Graveurs Ernst Klimt in Baumgarten bei Wien geboren. Schon früh zeigte sich seine künstlerische Begabung. Mit 14 Jahren erhielt er ein Stipendium für die Kunstgewerbeschule des österreichischen Museums für Kunst und Industrie, die er sieben Jahre lang besuchte. Seine Lehrer waren die Professoren Rieser, Minnigerode, Hrachowina, Berger und Ferdinand Laufberger, der wohl den stärksten Einfluss auf Gustav Klimt ausübte. Noch während der Zeit seiner Ausbildung arbeitete er zusammen mit seinem Bruder Ernst, der gleichfalls die Kunstgewerbeschule besuchte, und einem weiteren Mitschüler, Franz Matsch, an den Ausführungen der Sgrafitti Professor Laufbergers in den Höfen des Kunsthistorischen Museums in Wien und nahm an der Ausgestaltung des von Hans Makart entworfenen Festzuges zu Ehren des Kaiserpaares teil.

Die Brüder Klimt und Franz Matsch malten gemeinsam vier Plafondbilder für das Palais Sturany in Wien und nach der Empfehlung Laufbergers an die Architekten Fellner und Helmer ein Deckenbild für das Kurhaus in Karlsbad. Ein weiterer Auftrag war die dekorative Ausgestaltung der Stadttheater in Reichenberg und Karlsbad. Ein ausgeprägter Einfluss Hans Makarts, eines Malers historischer und allegorischer Gemälde in historisierender Barockkunst, ist in diesen frühen Werken Klimts und seiner Mitschüler deutlich erkennbar.

1883 bezogen die Gebrüder Klimt zusammen mit Franz Matsch ein Atelier. Zu dieser Zeit entstanden eine Reihe weiterer gemeinsamer Arbeiten: Ahnenbilder nach Stichvorlagen für das rumänische Königsschloss in Pelesch, Wandgemälde nach Skizzen Makarts für die Hermesvilla in Lainz bei Wien und dekorative Arbeiten für das Stadttheater in Fiume. Die wichtigste Arbeit der Ateliergemeinschaft war die Ausgestaltung der Treppenhäuser des Wiener Burgtheaters; das Programm bildete die Geschichte des Theaters. Die Arbeiten fanden höchste Anerkennung durch das Kaiserhaus, und den Künstlern wurde das Goldene Verdienstkreuz verliehen. Für ein zur gleichen Zeit entstandenes Bild mit einer Darstellung des Zuschauerraumes im alten Wiener Burgtheater erhielt Gustav Klimt den mit 400 Dukaten dotierten Kaiserpreis.

Durch den Tod des Bruders Ernst im Jahre 1892 kam es allmählich zu einer Auflösung der Ateliergemeinschaft mit Franz Matsch und zu einer längeren Unterbrechung der selbständigen Produktion Gustav Klimts. Die sich vorbereitende Abkehr von seinem bisherigen Stil mag auch dazu beigetragen haben. Mit der Gründung der Secession, der »Vereinigung der bildenden Künstler Österreichs«, im Jahre 1897, an deren Zustandekommen Klimt den wesentlichsten Anteil hatte, verlor seine Kunst den Charakter des Lokalen. Mannigfaltige Einflüsse machten sich geltend. Aus den Bildern, die er in den Jahren um die Jahrhundertwende malte und auf den Secessionsausstellungen zeigte, lässt sich bereits deutlich seine spätere Hinneigung zu einer schmuckhaften Überhöhung und einem dekorativornamentalen, strengen Flächenstil ablesen. Die Maler Toorop und Khnopff und die japanische Malerei bildeten u. a. die Quellen dieses Übergangsstiles, mit dem auch der letzte, große, öffentliche Auftrag zusammenhing: die Gestaltung der Wiener Universitätsaula, für die Gustav Klimt drei große Fakultätsbilder: »Philosophie«, »Medizin« und »Jurisprudenz« malte.

Die schroffe Ablehnung dieser Werke durch die Universität und das Publikum veränderte sein bisher vom schnellen Erfolg getragenes Leben. Er geriet mehr und mehr in Vereinsamung, wozu auch der Bruch mit der Secession im Jahre 1905 entscheidend beitrug. Mit einigen wenigen Getreuen verließ er die Vereinigung, deren Begründer er war. Im Kreise der Wiener Werkstätten, die er stark beeinflusste, und in der Kunstgewerbeschule fand er jedoch verständnisvolle Freunde und Mitarbeiter. Im Sommer 1908 zeigten die aus der Secession ausgeschiedenen Künstler, die man »Stilisten« oder auch »Klimt-Gruppe« nannte, ihre Arbeiten auf der Kunstschau Wien 1908. Klimt war mit 16 Bildern beteiligt, darunter befand sich das Gemälde »Der Kuss«, eines der wichtigsten Werke des »goldenen Stils«. Dieses Bild wurde von der österreichischen Staatsgalerie erworben.

Die Arbeiten dieser reifsten Schaffensperiode Gustav Klimts zeichnen sich durch eine mosaikhaft kleinteilige Flächenornamentik und eine fast klassizistisch modellierende Körperlichkeit der Figuren aus. Die reiche Verwendung von Gold als Hintergrund verleiht den Bildern den Glanz erlesener Kostbarkeiten. Der Schmuckwert der Gemälde wurde noch durch künstlerisch gestaltete Rahmen gesteigert. 1911 erhielt Gustav Klimt auf der Internationalen Kunstausstellung in Rom für sein 1909 entstandenes Bild »Tod und Leben« den ersten Preis.

Im letzten Jahrzehnt seines Lebens erfolgte unter dem Einfluss der jüngeren Generation eine Auflockerung der strengen Stilisierung, die Farbe wird weniger dekorativ, die Form stärker vom Ausdruck geprägt.

1917 wurde Gustav Klimt Ehrenmitglied der Wiener und der Münchener Akademie; den Vorschlag der Wiener Akademie der Bildenden Künste, Klimt zum Professor zu ernennen, lehnte das Unterrichtsministerium ab. Nach der Rückkehr von einer Rumänienreise starb Klimt am 6. Februar 1918 in Wien.

Viele Jahre hindurch wurde der Künstler Gustav Klimt international kaum beachtet, man betrachtete ihn ausschließlich als einen Repräsentanten des österreichischen Jugendstils. Nach der Ausstellung seines zeichnerischen Werkes in der Albertina in Wien 1962 und im Guggenheim-Museum in New York 1963 hat man ihm den ihm zukommenden Platz in der Reihe der Klassiker des Frühexpressionismus eingeräumt.

Rudolf von Alt, Ehrenpräsident der von Gustav Klimt begründeten Wiener Secession, sagte einmal: »Der Wiener Künstler stößt sich zeitlebens die Stirne wund an einer großen, grauen Mauer, auf die ein Herz aus Fließpapier geklebt ist. Die große, graue Mauer ist die Wiener Indolenz, und das Herz aus Fließpapier - das vielgerühmte goldene Wiener Herz. «

Am 14. Juli 1862 wurde Gustav Klimt in Baumgarten, einer Vorstadt Wiens, geboren. Sein Vater, Ernst Klimt, entstammte einer Bauernfamilie aus Drabschitz in Böhmen und hatte sich in Wien als Goldschmied und Graveur niedergelassen, seine Mutter, Anna Finster, war eine gebürtige Wienerin. Gustav Klimt hatte noch sechs Geschwister, von denen sich zwei jüngere Brüder künstlerisch betätigten. Ernst (1867-1892) war Maler und arbeitete mit Gustav in Ateliergemeinschaft, Georg (1867-1931) wurde als Bildhauer und Ziseleur ausgebildet und später Lehrer an der Kunstschule für Frauen und Mädchen in Wien. Von ihm stammen zahlreiche Metallrahmen für die Gemälde Gustav Klimts.

Der Vater wurde schlecht bezahlt, und die finanziellen Schwierigkeiten der Familie waren groß. Die sieben Kinder lernten rasch begreifen, mit den Kostbarkeiten in der Werkstatt des Vaters zu leben und sie aus angemessenem Abstand zu bewundern, ohne sie zu besitzen. In ihrer Freizeit malten die Kinder Porträts nach Fotografien, die sie für sechs Gulden das Stück verkauften. Schon früh zeigte sich die Begabung der Brüder Klimt. Mit 14 Jahren kam Gustav durch ein Stipendium zur Kunstgewerbeschule in Wien. In seinem Lebenslauf schreibt er darüber: »Oktober 1876 wurde ich als ordentlicher Schüler der Kunstgewerbeschule des Österreichischen Museums für Kunst und Industrie aufgenommen und besuchte daselbst durch zwei Jahre die Vorbereitungsschule unter den Professoren Rieser, Minnigerode und Hrachowina und erhielt die weitere Ausbildung in der Fachschule für Malerei von Prof. Ferd. Laufberger, verblieb daselbst bis zu dessen Tode 1881 und setzte meine Studien in derselben Fachschule unter der Leitung des Prof. Berger durch zwei weitere Jahre fort. Das sind im ganzen sieben Jahre. «

Ein Jahr später, 1877, wurde Klimt in die Kunstgewerbeschule aufgenommen, später auch Georg Klimt. Zusammen mit ihrem Mitschüler Franz Matsch arbeiteten Gustav und Ernst Klimt 1879 an der Ausführung der Sgrafitti ihres Lehrers Laufberger in den Höfen des Kunsthistorischen Museums in Wien; sie nahmen auch an der Ausführung des Festzuges teil, den der Maler Makart anlässlich der silbernen Hochzeit des Kalserpaares entworfen hatte. 1880 malten die drei gemeinsam mehrere Deckenbilder für das Palais Sturany in Wien. Durch die Empfehlung von Professor Laufberger an die Architekten Fellner und Helmer bekamen sie den Auftrag, ein Deckenbild für das Kurhaus in Karlsbad auszuführen. Nach dem Tode Laufbergers im Jahre 1881 setzte Gustav Klimt seine Studien bei Professor Julius Viktor Berger fort. Im gleichen Jahr erhielt er den Auftrag des Verlegers Martin Gerlach, für die Publikation »Allegorien und Embleme« Illustrationen zu liefern. Das in großem Stil angelegte Werk war dazu gedacht, für alle Zwecke kunstgewerblicher Dekoration Vorlagen zu liefern. Alle Begriffe des damaligen Kulturlebens - Thron und Altar, Wissenschaft, Kunst und Handwerk - sollten durch allegorische Gestalten versinnbildlicht werden. Klimt zeichnete für dieses Werk die vier Tageszeiten.

Im Jahre 1883 bezogen Gustav und Ernst Klimt zusammen mit Franz Matsch ein Atelier in der Sandwirtsgasse im vierten Wiener Bezirk. Noch heute ist im Treppenhaus ein wahrscheinlich gemeinsames Bild der drei zu sehen: ein Trompete blasender Putto. In den jetzt folgenden Jahren entstand eine Reihe weiterer gemeinschaftlicher Arbeiten. Nach Stichvorlagen schufen die Künstler Ahnenbilder für das rumänische Königsschloss in Pelesch, Wandgemälde (nach Skizzen Hans Makarts) für die Hermesvilla in Lainz bei Wien, dekorative Arbeiten für das Stadttheater in Fiume und für die Theater in Karlsbald und Reichenberg. In den Arbeiten Klimts dieser Zeit ist deutlich der starke Einfluss des damals auf der Höhe seines Ruhms stehenden Malers Hans Makart zu sehen, des Schöpfers einer historisierenden Barockkunst, der riesige Gemälde historischen oder allegorischen Inhalts schuf mit rauschendem Farbenprunk, pomphaftem Gepränge und pathetisch posierenden Gestalten.

1886 war das Jahr, in dem das Trio mit seinem wichtigsten gemeinsamen Werk begann: den Decken- und Lünettenbildern für die beiden Treppenhäuser des Wiener Burgtheaters. Erst jetzt löste sich Klimt stärker von den Arbeiten seines Bruders Ernst und denen seines Gefährten Franz Matsch. Schon die Wahl der von ihm übernommenen Themen kann als Bekenntnis verstanden werden. Klimt schuf die Bilder Thespiskarren, Theater Shakespeares und Altar des Dionysos im rechten sowie Theater in Taormina und Apollotheater im linken Treppenhaus des Burgtheaters. Bewusst benutzte er hierbei die stilistischen Elemente vergangener Zeiten, um die abendländische Tradition durchscheinen zu lassen. Die Arbeiten fanden die höchste Anerkennung durch den Hof, besonderen Beifall zollte ihnen Kaiser Franz Joseph. Er verlieh Klimt das Goldene Verdienstkreuz. Für ein zur gleichen Zeit entstandenes Gemälde Zuschauerraum im alten Burgtheater Wien erhielt er den Kaiserpreis, 400 Dukaten.

Das Jahr 1890 brachte den Auftrag, die von Makart nicht mehr vollendeten Dekorationen im Treppenhaus des Kunsthistorischen Museums fortzuführen. Sie erregten beträchtliches Aufsehen, so dass 1891 das Ministerium für Kultur und Unterricht erwog, die Ausgestaltung der Wiener Universitätsaula der Ateliergemeinschaft zu übertragen. Der Tod seines Bruders Ernst am 9. Dezember 1892 traf jedoch Gustav Klimt sehr. In den folgenden Jahren befasste er sich lediglich mit der Vollendung zweier von Ernst begonnener Bildentwürfe und einiger weniger eigener Bilder. Von ihnen wurde das Theaterinterieur für den Fürsten Esterhazy auf der Ausstellung des Künstlerhauses, dem Klimt 1891 beigetreten war, mit der Silbernen Staatsmedaille ausgezeichnet. Für dasselbe Bild erhielt Klimt 1895 in Antwerpen den Grand Prix.

Die gleichsam schöpferische Pause führte zur Abkehr Klimts von seinem bisherigen Malstil. Die erstaunliche und fast unwahrscheinliche Wandlung vollzog sich gegen Ende der neunziger Jahre, in denen er zum Begründer der Wiener Secession wurde, der Vereinigung der bildenden Künstler Österreichs. Ziel des Bundes war die Reformierung des Kunstlebens und Ausstellungswesens. Man wollte die unbedeutende österreichische Kunst zu internationaler Anerkennung führen. Am 3. August 1897 teilte Gustav Klimt offiziell dem leitenden Ausschuss der Genossenschaft bildender Künstler Wiens und zugleich der Presse die Gründung der Vereinigung mit. Auf einer tumultuarischen Generalversammlung der Künstlergenossenschaft wurde ein Missbilligungsantrag eingebracht, den Klimt zusammen mit zwölf Gleichgesinnten in einem Brief zurückwies. Immer mehr Künstler schlossen sich der Secession an, die mit ihren Erneuerungsbestrebungen im Gegensatz zu den akademischen Traditionen der Wiener Künstlergenossenschaft stand. Der Stadtrat von Wien bewilligte einen Baugrund von 1200 Quadratmetern, auf dem das von dem Architekten Joseph Olbrich entworfene Secessionsgebäude, der erste funktionell verstandene Ausstellungsbau, 1898 eröffnet wurde.

Über dem Eingangsportal brachte man das Motto an: »Der Zeit ihre Kunst, der Kunst ihre Freiheit«. Gustav Klimt schwebte eine Bruderschaft vor, in der alle anderen Interessen vor dem selbstlosen Dienst an der Kunst zurückzutreten hatten und deren Ziele unermüdliche Arbeit an der eigenen Vervollkommnung sowie unbedingtes Fernhalten vom »Märkte der Alltäglichkeit« sein sollten. Die Secession beschloss die Herausgabe einer Zeitschrift, deren Titel »Ver sacrum« (Heiliger Frühling) bezeugt, wie sehr die Secessionisten ihr Beginnen als Aufbruch in eine neue Zeit verstanden. Klimt war Mitglied des Redaktionsstabes, zu den literarischen Beratern des Blattes gehörten Hermann Bahr und Max Burkhardt.

Die Bilder, die in diesen Jahren entstanden und mit denen Gustav Klimt auf den Ausstellungen der Secession hervortrat, zeigen die Merkmale eines Übergangsstils, in dem seine spätere, deutlich ausgeprägte Neigung zu einer aus dem Zeichnerischen erwachsenen schmuckhaften Überhöhung und die Übertragung des Raumes in die Fläche eindeutig sichtbar werden. Geprägt von diesem Stil, für den die Maler Toorop, Beardsley und Whistler sowie die japanische Kunst nicht ohne Einfluss waren, ist auch der letzte, große, offizielle von Klimt durchgeführte Auftrag. Im Jahre 1896 hatten er und Matsch den Programmentwurf für die Anordnung der Decken- und Zwickelbilder der Universitätsaula vorgelegt. Klimt sollte die Philosophie, Medizin und Jurisprudenz und zehn Zwickelbilder malen, die sich auf diese Fakultäten bezogen, während Matsch für die übrigen Gemälde verantwortlich zeichnete. Die Kritik der Kunstkommission des Unterrichtsministeriums an den Entwürfen für die Fakultätsbilder war sehr scharf. Während für das Bild Philosophie formale Beanstandungen erfolgten, verlangte man für das Bild der Medizin von Klimt, dass er die weibliche Figur, welche die leidende Menschheit charakterisierte, durch eine Jünglingsgestalt ersetze oder ihr eine »dezentere und weniger zu Widerspruch und obszönen Scherzen neigende Haltung« gebe. Klimt überlegte sich, von dem Auftrag zurückzutreten. Doch kam durch Vermittlung noch ein Vertrag zustande, und Klimt erklärte sich bereit, innerhalb der durch die Wahrung der künstlerischen Freiheit gezogenen Grenzen Änderungen an den Entwürfen durchzuführen.

Neben der Arbeit an den Fakultätsbildern entstanden Dekorationen für das Musikzimmer im Palais Nikolaus Dumba. In den Sommermonaten, die Gustav Klimt in Kammer, Weißenbach und anderen Orten am Atter- und Wolfgangsee verbrachte, malte er seine ersten Landschaftsbilder, zumeist Obstgärten, Buchenwälder, stille Weiher - traumhafte Spiegelungen eines lyrischen Naturgefühls in einer pointillistischen Technik. Während diese Landschaftsbilder und die für das Palais Dumba gemalte Supraporte mit der Darstellung Schuberts auf der Secessionsausstellung im Mai 1899 den ungeteilten Beifall des Publikums erhielten, führte das noch unfertige Gemälde Philosophie auf der japanischen Ausstellung in der Secession im Januar des folgenden Jahres zu einem Skandal. Im März 1900 erschienen in den Wiener Zeitungen die ersten polemischen Artikel. Am 24. März erging ein Protestaufruf von elf Professoren der Wiener Universität gegen die Anbringung des Bildes in der Aula, der allerdings von der Kunstkommission des Unterrichtsministeriums zurückgewiesen wurde. Im selben Jahr wurde das Bild auf der Weltausstellung in Paris, an der die Secession mit 42 Arbeiten teilnahm, mit der Goldenen Medaille für Ausländer ausgezeichnet.

Noch schärfer wurde 1901 das in der X. Secessionsausstellung gezeigte Fakultätsbild Medizin abgelehnt. »Obszöne Kunst« und »gemalte Pornographie« lauteten die kritischen Urteile. Durch die heftige Kritik in der Presse aufmerksam geworden, beantragte die Staatsanwaltschaft die Beschlagnahme der Zeitschrift »Ver sacrum« und die Vernichtung der vorgefundenen Exemplare wegen der darin abgebildeten Studien zur Medizin. Das k.k.-Landgericht in Wien lehnte den Antrag allerdings ab mit der Begründung, es handele sich im vorliegenden Fall um Skizzen zu einem öffentlich ausgestellten Gemälde, die in einer Zeitschrift abgebildet wären, welche in erster Linie für Künstler und künstlerisch interessierte Laien (Fachzeitschrift!) bestimmt sei. Am 22. Mai 1901 nahm Gustav Klimt in der Wiener Morgenzeitung Stellung: »Ich habe keine Zeit, mich persönlich in dieses Gezänke einzumengen. Es ist mir auch schon zu dumm, immer und immer wieder gegen dieselben starrköpfigen Leute aufzutreten. Wenn ich ein Bild fertig hab', so will ich nicht noch Monate verlieren, es vor der ganzen Menge zu rechtfertigen. Für mich entscheidet nicht, wie vielen es gefällt, sondern wem es gefällt. Nun und - ich bin zufrieden ... «

Auf der 14. Ausstellung der Secession im April des Jahres 1902 war Gustav Klimt mit einem Beethoven-Fries vertreten. In dieser Ausstellung gruppierte man Wandgemälde und Reliefs der verschiedensten Künstler um die von Max Klinger geschaffene Beethoven-Statue und unternahm damit den wichtigen Versuch, ein symbolistisches Gesamtkunstwerk zu schaffen. Klimts Fries, eine vorwiegend aus der Darstellung nackter Leiber gebaute Komposition, wurde in der Presse als »Orgie in der Nacktkultur« und »sensationshungrige Verrücktheit« bezeichnet. Auch die im Dezember des folgenden Jahres veranstaltete Kollektivausstellung Klimts in den Räumen der Secession trug ihm zahlreiche negative Urteile ein. Man verbreitete sogar, er sei in eine Irrenanstalt eingeliefert worden. Die Bilder wurden mit Titeln wie »gemalter Wahnsinn« und ähnlichem belegt. In diesem Jahr vollendet Klimt die Jurisprudenz, das dritte seiner Fakultätsbilder. Nur zwei Jahre lagen zwischen der Medizin und der Jurisprudenz. In diesem Zeitraum vollzog sich der wichtigste Wandel seines Stils. Das Körperliche wird zum Flächenhaften umstilisiert, losgelöst von aller Erdenschwere verschmilzt es mit dem Dekor. Mit der ornamentalen Tendenz der Linie, die sich zunächst noch im verzweigten Gewebe der Hintergründe in Silhouetten und Arabesken erging, verbindet sich nunmehr allmählich die Neigung zu mosaikhafter Flächenornamentik.

Im Mal 1903 erfolgte die Gründung der Wiener Werkstätten durch Hoffmann, Moser und Wärndorfer, auf die Klimt sehr starken Einfluss ausübte. Einige seiner Gemälde sollten hier später dauernd ausgestellt werden. Hoffmann und Moser übernahmen auch die Ausgestaltung der Ausstellungsräume, deren weiße Wände mit grauen und goldenen Zierleisten versehen wurden. Klimt reiste noch im gleichen Jahr nach Ravenna, malte ferner das Bildnis seiner Lebensgefährtin Emilie Flöge und entwarf Kleider für deren Modesalon. Im Sommer arbeitete er an seinem Bild Hoffnung, einer Variante des Fakultätsbildes Medizin. Auch nahm er Änderungen an den ersten Fakultätsbildern vor und versuchte, zu einer strengeren Flächenform zu gelangen.

Am 11. November 1903 fand die Besichtigung der für die Wiener Universitätsaula bestimmten Bilder durch die Kunstkommission des Unterrichtsministeriums statt. Die Reaktion war für Klimt positiv, während die Bilder Makarts kritisiert wurden. Zu Beginn des Jahres 1904 schlug die Secession vor, Klimt als einzigen Vertreter Österreichs auf die Weltausstellung nach St. Louis zu schicken. Doch das Ministerium lehnte ab. Innerhalb der Secession begannen sich jetzt Spannungen abzuzeichnen; Klimt stellte in diesem Jahr zum letzten Mal in ihr aus.

1905 kam es zu einem Streit zwischen Klimt und dem Unterrichtsministerium wegen der Fakultätsbilder. Klimt verzichtete. In einem Brief vom 3. April schrieb er an das Ministerium: »Soll meine Jahre verschlingende Arbeit überhaupt vollendet werden, muss ich mir zuerst wieder Freude dazu verschaffen, und diese fehlt mir vollständig, solange ich sie unter den jetzigen Verhältnissen als Staatsauftrag betrachten muss. Ich stehe daher vor der Unmöglichkeit, den schon so weit gediehenen Auftrag zu vollenden. Auf einen Teil desselben die Zwickelbilder - habe ich bereits verzichtet, was das Ministerium genehmigend zur Kenntnis genommen hat. Ich lasse nunmehr den Verzicht auf den ganzen Auftrag folgen und stelle unter einem die ganzen im Laufe der Jahre bezogenen Vorschüsse zurück.« Das Unterrichtsministerium wies dagegen darauf hin, dass die Gemälde bereits Staatseigentum wären. Erst in einem Prozess musste sich Klimt das Verfügungsrecht über seine eigenen Bilder erstreiten.

In einem Zeitungsinterview vom 12. April 1905 gab Klimt der Kunstkritikerin Bertha Zuckerkandl eine eingehende Schilderung der Geschichte der Fakultätsbilder. In diesem Interview formulierte er auch seinen grundsätzlichen Protest gegen die staatliche Kunstpolitik: »Ich werde auch niemals, unter diesem Ministerium gewiss nicht, bei einer offiziellen Ausstellung mittun, es sei denn meine Freunde zwängen mich dazu. Genug der Zensur. Ich greife zur Selbsthilfe. Ich will loskommen. Ich will aus allen diesen unerquicklichen, meine Arbeit aufhaltenden Lächerlichkeiten zur Freiheit zurück. Ich lehne jede staatliche Hilfe ab, ich verzichte auf alles. Die Hauptsache ist, ich will Front machen gegen die Art, wie im österreichischen Staat, wie im Unterrichtsministerium Kunstangelegenheiten behandelt und erledigt werden. Es geht bei jeder Gelegenheit gegen die echte Kunst und gegen echte Künstler los. Protegiert wird immer nur das Schwache, das Falsche. Es sind viele Dinge vorgefallen gegen ernste Künstler, die ich hier nicht aufzählen will, aber es einmal tun werde. Für diese will ich einmal eine Lanze brechen, Klarheit einmal schaffen. Eine reinliche Scheidung soll sein. Es soll nicht der Staat den Kunstmäzen spielen dort, wo er höchstens Almosen gibt. Es soll der Staat sich nicht die Diktatur des Ausstellungswesens und der Künstleransprachen arrogieren dort, wo es seine Pflicht wäre, nur als Vermittler und als kommerzieller Faktor aufzutreten und Künstlern vollkommen die künstlerische Initiative überlassen. Es soll nicht der Beamte in die Kunstschulen eindringen und die Künstler verdrängen, wie es jetzt in der präpotentesten Weise geschieht, ohne dass wenigstens gegen eine solche Kunstpolitik in der schärfsten Weise Stellung genommen wird. Wenn, wie dies in der letzten Budgetausschusssitzung geschehen, von einem Redner die Secession in der erniedrigendsten und ehrenverletzendsten Art angegriffen wurde und der Minister sich nicht bewogen fühlte, auch nur ein Wort dagegen zu erwidern, so soll wenigstens ein Künstler sich finden, der durch seine Tat beweist, dass die echte Kunst mit solchen Behörden, mit solchen Faktoren nichts mehr zu schaffen haben will. Der Geist der Gemeinschaft hat dies nicht zustande gebracht, denn die geplante Kundgebung der Künstlervereine ist unterblieben. Nun wohl, so soll es der einzelne tun.«

Nach erneutem Briefwechsel mit dem Ministerium wurden ihm die Bilder am 27. April überlassen. Am 25. Mal zahlte Klimt das bisher erhaltene Honorar zurück.

Die Spannungen innerhalb der Secession nahmen zu. Klimt trat zusammen mit einigen anderen Künstlern aus. Seine von der Akademie der Bildenden Künste in Wien vorgeschlagene Ernennung zum Professor wurde vom Unterrichtsministerium abgelehnt. Die bis dahin vom schnellen Erfolg getragene Stellung Klimts änderte sich. Er geriet mehr und mehr in Vereinsamung. Gustav Klimt, der ungesellig war und einsiedlerisch bis zur Menschenscheu, zog sich nun vollends zurück. Zu dieser Zeit entwickelte er seinen unverwechselbaren »goldenen Stil«. Er gab die Tonigkeit als Mittel koloristischer Bindung nach und nach auf und schuf in einem raffinierten Kontrast von Mattgold und funkelndem Gold - vom Gold kleiner silbrig schimmernder Flächenstücke durchwirkt - Hintergründe für seine Porträts, deren arabeskenhafte Umrisse mit den dekorativen Linien der Flächenornamentik zusammenschwingen.

1906 entstand das erste quadratische Porträt der goldenen Epoche, das Bildnis der Frau Fritz Riedler. In diesem Jahr reiste er auch nach Brüssel. Dort hatte Josef Hoffmann dem Kunstfreund Adolphe Stoclet ein Haus gebaut und eingerichtet, für dessen Speisesaal Gustav Klimt einen Fries schuf: eine Tänzerin und ein Liebespaar unter einem Baum auf einer Blumenwiese. Für die Ausführung verwandte der Künstler auf weißem Marmor eingelegte Mosaiken und Majolika, in getriebenem Metall eingefasste Emailmalerei, Opale, Korallen und andere Halbedelsteine. Die in diesem Fries vom Material diktierten Formen, aber auch die durch das Material bedingte Steigerung der dekorativen Wirkung gaben eine Erklärung für seine Behandlung der Ölgemälde im Sinne der Materialkunst. Hatte man bis dahin die dekorativen Elemente in seinen Bildern als Hereintragen einer kunstgewerblichen Note in einen rein malerischen Organismus empfunden, so ließ sich nun deutlich verfolgen, wie aus dem Bildraum folgerichtig die Bildfläche wurde. Waren die frühen Frauenbildnisse mehr Porträts im Sinne vollendeter Ähnlichkeit, so bemächtigte sich jetzt der ornamentale Zug der Figur. Einzig in der Zeichnung von Kopf und Händen blieb die Formtreue bestehen.

1907 nahm Klimt letzte Änderungen an den Fakultätsbildern vor. In ihrer endgültigen Fassung wurden sie in Wien in der Galerie Miethke und in Berlin in der Galerie Keller und Reiner gezeigt. Neben den Gemälden entstand eine Fülle von Zeichnungen, fast ausnahmslos weibliche Akte. Nahezu zweitausend solcher Zeichnungen hat Klimt hinterlassen; über sie schrieb Hermann Bahr: »Das letzte Geheimnis erschloss sich ihm: die Kunst des Weglassens jeder Entbehrlichkeit. Da war seine Hand zur Wünschelrute geworden, er ließ sie leis den Schein der Welt entlangleiten, bis sie, wo darunter ein Wesen verborgen lag, es ihm aufzuckend verriet: Stenogramme solcher Rutengänge nach dem Brunnen der Entscheidung sind diese Zeichnungen seiner Meisterschaft. Sein Auge hat sich am Flammenbad der Empfängnis des Erscheinens fast blind geschaut, so horchte seine Hand jetzt zum Urgrund hinab: dazwischen liegt die gemeine Deutlichkeit des Tages, die hatte er nie bemerkt. «

Im Sommer 1908 fand die Eröffnung der Kunstschau Wien statt. Es war die erste öffentliche Manifestation der 1905 aus der Secession ausgeschiedenen Künstlergruppe, der »Stilisten«, die auch »Klimt-Gruppe« genannt wurde. Gustav Klimt selbst stellte 16 Arbeiten aus, darunter die wichtigsten Bilder neueren Datums. In der Eröffnungsrede betonte er, dass »jedes Ding, wenn es vollkommen ausgeführt wird, die Schönheit dieser Erde vermehren hilft, und dass einzig in der immer weiter fortschreitenden Durchdringung des ganzen Lebens mit künstlerischen Absichten der Fortschritt der Kultur gegründet ist«. Die Österreichische Staatsgalerie erwarb das Hauptwerk der Ausstellung, das Gemälde Der Kuss, in dem sich die Form der reifsten Schaffensperiode Klimts in aller Deutlichkeit ausprägt.

Im Jahre 1909 begann Klimt mit der Arbeit an seinem Bild Tod und Leben, mit dem er 1911 auf der Internationalen Kunstausstellung in Rom den ersten Preis erwarb. Auf der Kunstschau desselben Jahres in Wien zeigte er die Bilder Judith und Alte Frau, in denen er den goldenen Stil aufgibt. Später änderte er auch den Goldgrund des Bildes Tod und Leben und ersetzte ihn durch Blau.

Es folgten in den kommenden Jahren Reisen nach Brüssel, London, Paris. Um 1912 begann sich in seinem Schaffen noch einmal ein Stilwandel abzuzeichnen. Es entstand das Bildnis der Adele Bloch-Bauer, das erste stark dekorative frontale Frauenbildnis mit einer neuen, von Matisse angeregten Farbigkeit. Unter dem Einfluss des Expressionismus begann in Deutschland die Kritik an Klimt. In seinem Buch »Die bildende Kunst der Gegenwart« spricht Wilhelm Hausenstein von der »quälenden Hysterie« Klimts. Hausenstein weiter: »Sein Talent ist äußerst fein, äußerst verwöhnt und sehr hysterisch. Man sollte ihn in erotischen Zeichnungen studieren. Er hat eine Durchbildung der sexuellen Lyrik, die zwar an die fabelhafte Objektivität der Japaner nicht heranreicht, aber doch ein Höchstes an Pflege und Inbrunst bedeutet. Im äußersten Maße fatal sind seine großen dekorativen Versuche, zum Beispiel die Gemälde, die für die Wiener Universität gemacht waren. Man geht nicht mit den Bürgern, die über ihre stumpfsinnigen Hemmungen nicht hinwegkamen, als diese Bilder erschienen. Aber es ist trotzdem objektiv ein Glück, dass sie nicht an den gedachten Platz gelangten. In zehn Jahren würden sie aller Welt, auch ihren Liebhabern, unerträglich geworden sein: und zwar deswegen, weil sie nichts sind als eine subtilisierende kunstgewerbliche Hysterie.«

Im Frühjahr 1917 unternahm Klimt eine Reise nach Nordmähren, im Winter - nach Weihnachten - begab er sich nach Rumänien. Zurückgekehrt, ereilte ihn am 6. Februar 1918 in Wien der Tod. Zahlreiche unvollendete Bilder und Zeichnungen blieben in seinem Atelier zurück.

Heute, mehr als vier Jahrzehnte nach dem vernichtenden Urteil Hausensteins, zählt Gustav Klimt zu den Klassikern des Frühexpressionismus. Seine revolutionären, völlig konzessionslosen Werke, vor allem aber seine Zeichnungen, geben ihm einen Platz in der ersten Reihe der Maler seiner Zeit. In seinen expressiven und genialen Skizzen erreicht er eine Meisterschaft, die ihn Toulouse-Lautrec oder Matisse gleichwertig macht.