Vissi d’Arte
Gedanken zum Leben Oscar Wilde‘s

Einleitung

Ab Mitte/Ende Dezember 1898 befand sich Oscar Wilde auf Einladung von Frank Harris in Südfrankreich und sah in Cannes zusammen mit einem Bekannten, Harold Mellor, im Theater La Tosca an. Diese wurde von Sarah Bernhardt in der Hauptrolle gespielt. Sie war eine Frau, die zu den größten Schauspielerinnen ihrer Zeit gehörte und deren Name auch heute noch bekannt ist. Gegenüber Oscar Wilde, der sie stets sehr verehrte hat sie sich jedoch, in seinen dunkelsten Stunden, als er in Untersuchungshaft saß, äußerst schäbig benommen, indem sie eine Bitte um finanzielle Unterstützung aus Angst um die eigene Karriere ablehnte. Die besagte Tosca-Aufführung führte zu einem tränenreichen Wiedersehen zwischen der Bernhardt und Oscar, zu dessen liebenswertesten Eigenschaften nun einmal gehörte, dass er nicht nachtragend war und ich hoffe, dass Sarah wenigstens ein richtig schlechtes Gewissen hatte.

Das besagte Stück La Tosca stammt von dem seinerzeit in Europa berühmtesten Dramatiker Victorien Sardou (1831 – 1908), einem Vertreter des melodramatischen Realismus. Von ihm stammt auch das Stück Fedora, das Wilde 1883 zusammen mit Robert Sherard in einem Vaudeville-Theater in Paris ansah, ebenfalls mit Sarah Bernhardt in der Hauptrolle. Wilde hat die Werke von Sardou gut gekannt und es heißt, dass sein erstes Theaterstück Vera oder die Nihilisten (1880) sich an Sardous Werk Fedora anlehnt. Sardou seinerseits weigerte sich 1895, eine Petition zur vorzeitigen Freilassung Wildes zu unterzeichnen mit den Worten: „Dieser Sumpf ist mir zu un­appetitlich, als dass ich mich da hineinziehen lassen möchte.“ 

Giacomo Puccini (1858 – 1924) wollte den Stoff aus Sardous Drama zu einer Oper verarbeiten und benötigte dazu die Zustimmung des Dramatikers, die dieser freudig dem berühmten Komponisten von La Bohème und Manon Lescaut erteilte. Ganz nebenbei erhielt er auch 15% Beteiligung am Gewinn. Ein gewisser Luigi Illica erhielt den Auftrag, das Tosca-Stück zu einem für die Opernbühne brauchbaren Libretto umzuarbeiten. Es wurde eine Lesung im Hause von Sardou vereinbart, an der auch Giuseppe Verdi teilnahm, der tief beeindruckt war vom Manu­skript und das Stück gerne selbst vertont hätte, sich aber dafür schon zu alt fühlte. Eigentlich sollte ein gewisser Franchetti die Oper schreiben, aber mittels eines schändlichen Betruges gab dieser die Rechte ab und Puccini konnte arbeiten. Zum Einstieg sah er noch einmal Sarah Bernhardt in diesem Stück an, das zu der Zeit in Florenz aufgeführt wurde.

Illica hatte das Manuskript gefertigt, ein gewisser Giacosa sollte die Verse in Abstimmung mit den Wünschen des Komponisten schreiben. Es gab viel Zank und Streit, bis das Werk schließlich stand. Die Uraufführung fand dann am 14. Januar 1900 in Rom statt, allerdings ohne die Anwesenheit Oscars, der sich aus Musik nie viel gemacht hat und zu der Zeit in Paris im Hotel d‘ Alsace wohnte.

Die beiden wesentlichen Gestalten in dieser Oper sind Tosca, eine berühmte Sängerin  und Scarpia, seines Zeichens Polizeichef.

Die entscheidende Szene der Oper ist die, in der Scarpia Tosca klar macht, welchen Preis sie zu zahlen hat, um ihrem Geliebten Cavaradossi, der im Kerker schmachtet und gefoltert wird, das Leben zu retten. „Eine Frau, die sich willentlich gibt, ist nicht der Rede wert. Von dieser Sorte hatte ich genug! Doch dich zu demütigen in all deiner Verachtung und Wut, deinen Widerstand zu brechen, dich zu foltern in meinen Armen, bei Gott, darin liegt für mich der Reiz. Es würde mir nur den Geschmack verderben, wenn du nachgäbst.“ Dies die Worte bei Sardou. In der Oper werden diese Worte so zwar nicht ausgesprochen, aber durch die Musik mitgeteilt. Scarpia setzt Tosca mehr und mehr unter Druck, sie weiß nicht ein noch aus, will den Geliebten retten, ekelt sich aber vor Scarpia und dem Preis den er fordert, nämlich eine Nacht mit ihr für die Freiheit des Geliebten. Sie fängt an nachzudenken über ihr Leben, ihre Wünsche, dass sie nie jemandem etwas angetan hat und jetzt einen solchen Preis zahlen soll. Und warum so etwas ausgerechnet ihr passiert. Es ist der Höhepunkt der Oper und gipfelt in der Arie der Tosca: „Vissi d’arte“. Wer diese Szene meisterlich gespielt und gesungen einmal sehen will, beschaffe sich das Video „Maria Callas at Covent Garden 1962 und 1964“ von EMI. Diese Aufzeichnung zeigt zwar überdeutlich die stimmlichen Schwächen der Callas, die zu dieser Zeit leider schon am Ende ihrer in der Operngeschichte herausragenden Karriere stand, gehört aber schauspielerisch zu den packendsten Szenen, die man auf einer Opernbühne je gesehen hat. Es gibt noch eine frühere Aufzeichnung dieser Schlüsselszene mit dem Titel „Maria Callas: Début à Paris 19.12.1958“ ebenfalls von EMI. In dieser Aufnahme ist die Stimme der Callas noch kaum angegriffen, schauspielerisch reicht sie jedoch nicht an die Aufzeichnung von 1964 heran. 

Hier sei eine kleine Zwischenbemerkung erlaubt. Maria Callas und Oscar Wilde waren beide Menschen, die ihr Leben ganz der Kunst gewidmet haben und dabei an ihr Limit gingen. Sie mit ihrem Gesang, er mit seinem Leben. Auch Oscar hat seine außergewöhnlich schöne Stimme eingesetzt und wie ein Instrument benutzt, wenn er seine Geschichten erzählt hat. Beide haben sie so ihr Publikum gefesselt, beider Karriere war nur kurz. Und – jeder von ihnen hat seine große Liebe gefunden und ist daran sowohl menschlich als auch künstlerisch zerbrochen. Beide starben viel zu jung in Paris. Man kann viele Parallelen im Leben der beiden erkennen, aber das ist eine ganz andere Geschichte.

Vergleich und Versuch einer Erläuterung

Ich hatte mich mit dem Leben Oscar Wildes noch nicht lange beschäftigt, und bei mir stand sein Leben im Vordergrund, weniger seine Werke da fielen mir die Parallelen zur Tosca-Arie schon auf. Auch waren da die Berührungspunkte Oscar Wildes mit Sardou, auf die ich hier aber nicht näher eingehen will und dann der Höhepunkt der Oper, die Szene mit Scarpia und der Arie der Tosca, deren Worte das Leben Oscars komprimiert zusammenfassen. Sie beginnen mit:

Vissi d’arte, vissi d’amore oder Ich lebte für die Kunst, für die Liebe

Zunächst müssen wir ausholen. Oscar wuchs in einer Zeit heran, als gerade in England und hier besonders in Oxford, eine von den sog. Präraffaeliten ausgehende Bewegung intensiv ge­pflegt wurde. Da sie den größten Einfluß auf Oscar Wilde hatte, muß hier kurz untersucht werden, um was es dabei ging.

1848 wurde in Oxford durch eine Gruppe junger englischer Maler eine Bewegung ins Leben gerufen, die sich die Pre-Raphaelite-Brotherhood nannte und sich zur Aufgabe gemacht hatte, die Kunst zu reformieren und im weiteren dadurch auch zu einer Art Lebensreform zu kommen. An den Künstler wurde die Forderung gestellt, das Reine und Schöne darzustellen wodurch sich nach und nach ein Schönheitsideal entwickelte, das zum reinen Ästhetizismus führte und im l’art pour l’art als der Kunst um ihrer selbst Willen gipfelte.Oscar war sein Leben lang vom ästhetischen Aspekt zutiefst angesprochen. In Oxford wurde ihm durch seine Lehrmeister Walter Pater und John Ruskin hierzu das nötige Rüstzeug mitgegeben. Ruskin und Pater waren die wesentlichen Vertreter der ästhetischen Bewegung, die die Schönheit in das Leben zurückbringen sollte. Von Ruskin ist Oscar besonders beeindruckt, lehnt aber dessen ästhetische Lehre insoweit ab, als dieser die Ethik als Grundpfeiler des ästhetischen Lebensgebäudes sieht. Schönheit und Ethik sind aber für Wilde unvereinbar, was damit zusammenhängen mag, dass ihn die ethische und moralische Denkweise im England des 19. Jhts. nicht überzeugen konnte. 

Walter Pater war da anders. Er war ganz der Antike, dem hellenischen Gedanken und Ideal und der Renaissance verbunden. Auch er vertrat ein ethisches Weltbild, das sich jedoch – anders als Ruskin mit seiner sozialen Komponente – fast dem Hedonismus, also der Lehre, wonach das höchste ethische Prinzip das Streben nach Sinnenlust ist, annäherte. Er predigte den Ge­nuß, war ein Genießer alles Schönen, ein Ästhet im positiven Sinn, aber auch im negativen, da er alles ausschloß, was mit der täglichen Realität des Lebens zu tun hatte. Oscar stand ganz im Einklang mit dieser Lehre, identifizierte sich damit und richtete sein Leben danach aus.

In manchen Übersetzungen des Librettos zur Oper Tosca beginnt die Arie auch mit den Worten: „Nur der Schönheit weihte ich mein Leben“, und diese Worte treffen auf Oscar Wilde mehr zu als auf irgend einen anderen Vertreter der ästhetischen Bewegung. In Oscar herrschte eine alles andere überwiegende Sehnsucht nach der Schönheit der Form. Sie betete er an wie einen Gott. In der Kunst war sie für ihn das Maß aller Dinge. Form war alles, der Inhalt nichts. Und Moral hatte darin überhaupt nichts zu suchen, schon gar nicht die Moral seiner Zeit. Die Form zu erkennen, dabei die Schönheit der Dinge zu sehen, zu zeigen und einzuhalten führte zum formalen Ästhetizismus, der die Kunst über das Leben und die Natur stellt. So wird aus der Kunst um ihrer selbst willen (l’art pour l’art) ein Leben für die Kunst (also la vie pour l’art), in dem nur die Schönheit zählt aber z.B. nicht die von der Gesellschaft akzeptierte Moral. Für Oscar Wilde zählte unter künstlerischen Aspekten allein die Form. Ihr ordnete er alles andere unter und so geschah es, dass er in seinen Werken um der Schönheit eines Wortes oder Satzes willen den Ablauf der Handlung hemmt und dadurch die Geschichte viel von ihrem Reiz verliert, die sie noch hatte, als er sie zuerst in einer Gesellschaft zum besten gab.

Wichtiger als seine Werke war Oscar jedoch sein Leben. Ziel war für ihn, dieses „schön“ zu gestalten, d.h. schöne, edle (mithin teure) Kleidung zu tragen, ein schönes Heim, eine schöne Frau und schöne Kinder. Außerhalb dieser Umgebung verkehrte er in Kreisen, die sich mit allem Luxus umgeben konnten und aufgrund ihrer Bildung auch in der Lage waren, seinen Theorien betreffend Kunst und Schönheit zu folgen. Oskar gestaltete sich so selbst und wurde ein lebendes Kunstwerk. In diesem Zusammenhang erinnern wir uns an seine berühmten Wort an André Gide: „Ich habe mein Genie auf mein Leben verwendet und auf meine Werke nur mein Talent.“

Hier könnte man es nun als paradox bezeichnen, dass von einem Mann, der sich so der Schönheit verschrieben hatte, rein äußerlich nur drei Dinge bemerkenswert oder als schön geschildert werden: Die Augen, die vollen Haare und besonders die bereits erwähnte Stimme. Der Rest entsprach keineswegs einem Schönheitsideal. Sein Aussehen wird als groß (1,91 m!), die Haut bleich und der Körper schwammig und als korpulent geschildert. Besonders seine engstehenden Zähne, die von schwarz bis grün in einem vorstehenden Gebiss voller Gold­plomben in den vielen Karieslöchern geschildert werden, gaben Wilde Anlaß für lebenslangen Kummer. Er war sich dieses Makels voll bewußt und hat beim Sprechen immer die Hand oder einen Finger vor den Mund gelegt, damit man seine Zähne nicht sehen konnte. Nachdem er der Meister der Konversation und der Sprache in ihrer höchsten Vollendung war, die nie mehr erreicht oder übertroffen wurde, muß dieser Makel für ihn um so grausamer gewesen sein.

So haben wir also einmal die Liebe zu schönen Dingen, schönen Gedanken,  zum Leben, das ganz der Schönheit geweiht war  und dadurch zu einem vollendeten Kunstwerk wurde. 

Aber da war auch noch eine andere Liebe, die eher zum „hellenischen“ Gedanken gehörte und deshalb den christlich erzogenen Menschen, der sich dem täglichen Überlebenskampf stellen mußte und weder Sinn noch Zeit für ästhetisches oder hellenistisches Gedankengut hatte, abstieß und mit Ekel erfüllte.

Damit sind wir bei der „größten Liebesgeschichte des 19. Jahrhunderts“ angekommen. Oscar meets Bosie! Bei Oscar muß es eingeschlagen haben wie eine Bombe, denn Lord Alfred Douglas genannt Bosie, vereinte in seiner Person alles, was Oscar verehrte und anbetete:große körperliche Schönheit, ein Dichter und ein Aristokrat aus einer der bedeutendsten Familien des Landes. Jedem einzelnen Faktor hätte Oscar eventuell noch widerstehen können aber alle drei zusammen? Oscar fand seine große Liebe, sein Ideal. In Verbindung mit seiner eigenen Persönlichkeit, die auch sehr viel feminines in sich barg, finden wir hier eine Erklärung, warum Oscar, ein viel älterer, hoch intelligenter und sehr gebildeter Mann einem Menschen wie Bosie, wie man so schön sagt, mit „Haut und Haaren“ verfiel. Das Kunstwerk „schönes Leben“, dem Oscar so viel Zeit und Aufwand gewidmet hatte, verlor an Bedeutung angesichts dieser überwältigenden Person Alfred Douglas. Die Gottheit namens „Ästhetik“ gewinnt Gestalt und heißt nun Lord Alfred Douglas oder einfach nur Bosie. Ihm wurde fürderhin gedient und das bis in die letzte Konsequenz.

Tosca soll sich prostituieren um den Geliebten freizukaufen und ermordet statt dessen Scarpia, um sich zu befreien und wählt anschließend den eigenen Tod, als sie sieht, daß sie auf jeden Fall betrogen worden wäre, da ihr Geliebter dennoch erschossen wird.

Oscar opfert sich dem Willen des Geliebten wenn auch nicht allein, denn die Gründe für seinen Sturz sind vielschichtiger, aber das Ergebnis ist das Gleiche. Er wählt den Tod als er merkt, daß er von der Gesellschaft betrogen worden ist. Die Haft war nicht das Ende der Strafe, die Gott­heit Bosie wandte sich ab und ließ sich nicht mehr verehren von einem abgewirtschafteten, nicht länger berühmten sondern nur noch berüchtigten Mann, mit dem sich in der Öffentlichkeit zu zeigen nichts bringt außer Verachtung.

Die Arie der Tosca geht wie folgt weiter:

Tat nie einem Menschen etwas zuleide

Offen hatte ich die Hände für die Armen

Half ihnen in ihrem Unglück

Diese Zeilen nehme ich ganz wörtlich und übertrage sie auf das Wesen Oscar Wildes, der von allen Zeitgenossen meist als überaus liebenswürdig, charmant und gütig geschildert wird. Seine Großmut kannte keine Grenzen. Hatte er Geld, teilte er es mit jedem, der ihn um Hilfe bat, und wenn er selbst wieder mal pleite war, ging er los und borgte etwas, um helfen zu können. 

Es gibt eine Geschichte von ihm, dass er der einzige war, der eine Petition zur Freilassung eines Inhaftierten unterschrieben hat, und das Makabere an der Situation ist, dass dieser später seinerseits keinen Finger krumm gemacht hat, um Oscar zu helfen, als dieser seinerseits inhaf­tiert war. Allerdings befand sich dieser Mann in allerbester Gesellschaft, denn die meisten der sogenannten Freunde Oscars waren sehr schnell verschwunden, als dieser ins Gefängnis mußte und haben künftig einen Bogen um ihn gemacht, was ihn sehr verletzt hat, denn ein solches Verhalten lag einfach nicht in seiner Natur und so konnte er das auch nicht verstehen.

Er kannte keinen Neid und freute sich mit jedem, der Erfolg hatte. Ging es jemandem schlecht, verstand er es, diesen wieder aufzuheitern und das völlig uneigennützig.

Erst kurz vor dem beginnenden Untergang, also der Klageerhebung gegen Lord Queensberry, wird Oscar von verschiedenen Personen als stark verändert geschildert. Er wurde arrogant, verletzend und uneinsichtig, der Ton wurde härter, er wirkte gehetzt und gereizt. Sein Äußeres, nie sehr ansehnlich oder gar schön, war nun durch übermäßige Genußsucht noch unan­sehnlicher geworden. 

Bezogen auf das Äußere Wildes kann man geteilter Ansicht sein, die Geschmäcker sind ja bekanntlich verschieden. Ich persönlich finde nicht, dass er so häßlich war wie es zum Teil geschildert wird. Da braucht man sich nur die Fotos an­zuschauen, die erhalten sind. Auf jeden Fall war er eine imponierende Erscheinung. In diesem Zusammenhang erlaube ich mir, einmal auf mein Lieblingsfoto hinzuweisen: Oscar Wilde unter der Statue von Marc Aurel in Rom 1900. Die zur Schau getragene lässige Eleganz und Unerschütterlichkeit gepaart mit dem ernsten Gesicht, dem kaum noch ein Lachen zu entlocken ist. Aber Haltung wird bewahrt bis zuletzt, doch auch das ist eine andere Geschichte.

Dieser Zustand des veränderten Verhaltens kurz vor seinem Sturz währte jedoch nicht lange. Nach der Haft war Oscar wieder ganz der Alte. Verschwenderisch, obwohl er es sich jetzt eigentlich überhaupt nicht mehr leisten konnte, hilfsbereit gegen seine Zellengenossen, die noch schlechter dran waren als er, über seine eigenen finanziellen Möglichkeiten hinaus, und allzeit bereit anderen eine Freude zu machen z.B. Kindern, denen er eine Superparty spendierte anläßlich des Thronjubiläums von Königin Victoria. Ich glaube allerdings, dass er sich mit am meisten dabei amüsiert hat, konnte er doch ein paar Stunden die schlimmen Zeiten vergessen, der Einsamkeit und Langeweile entfliehen und die Freude dabei empfinden, die er stets verspürte, wenn er diese anderen bereitete. Jedoch nur die wenigsten haben ihm diese Eigenschaften gedankt und sind bis zuletzt an seiner Seite geblieben.

Tosca ist es nicht anders ergangen. Ihre Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit führt sie direkt in eine ausweglose Situation, die in Mord und Selbstmord endet.

Die Arie setzt sich fort mit den Worten:

In tiefem Glauben trat ich immer

Mit meinen Gebeten

An den heiligen Altar,

in tiefem Glauben schmückte ich

ihn immer mit Blumen.

...

Schmuck gab ich 

der Madonna ans Gewand,

schickte meinen Gesang zu den Sternen

am Himmel, auf dass sie heller strahlten.

Eingangs war von der ästhetischen Bewegung die Rede, zu deren Verkünder in der Welt, hier besonders in der englischen Oberschicht, sich Oscar Wilde gemacht hat. Einer der Gründe, warum gerade in Oxford eine solche Bewegung zustande kommen konnte lag auch darin, dass nur der sich mit diesen Dingen beschäftigen konnte, der die nötige Bildung und Muße dazu hatte. Dadurch war die Möglichkeit der Verbreitung solcher Lehren wie die des Ästhetizismus auf eine relativ kleine Gesellschaftsschicht begrenzt, die ihre Söhne nach Oxford zum Studium schickte, nämlich die obere Mittelklasse und den Adel. Diese gesellschaftlichen Kreise sind genau die Umgebung (der Altar), die Oscar suchte, für sich einnahm, in der er sich am liebsten bewegte und der er die Blumen seiner Konversation darbrachte. 

Die Liebe zur Schönheit war ihm Natur, Bedürfnis und Glaube, etwas, mit dem er sich absolut identifizieren konnte. Für Wilde stellte die Ästhetik eine Art Gottheit dar, der er diente, deren Grundsätze er verkündete und die ihn zutiefst ansprach. Mit ihr fühlte er sich wohl, das konnte er verstehen, hier wurden seine Bedürfnisse befriedigt. Es fiel ihm leicht, sich in die griechische Gedankenwelt hinein zu denken und in ihr zu leben. Form und Sprache waren ihm, wie bereits dargestellt, wichtige Elemente, diesen Glauben zu verkünden. Er war der extremste Vertreter dieser Bewegung. Wie hat er das geschafft?

Um das Hohe Lied der Ästhetik zu verkünden, bediente sich Wilde – unabhängig von dem äußeren Erscheinungsbild eines eleganten, ästhetischen Dandys - zunächst der Poesie, veröf­fentlichte seinen Gedichtband Poems und wurde prompt als Plagiator beschimpft. Das jedoch trifft es nicht ganz. In seinen Gedichten lernte er die Sprache zu meistern, die er dabei so voll­endete, dass er schließlich über einen riesigen Fundus an Ausdrucksmöglichkeiten verfügte, den er jederzeit abrufen und einsetzen konnte. Darüber hinaus war er ein Mann von herausra­gender Bildung und mit einem enormen Gedächtnis gesegnet. Henry de Regnier hat von ihm einmal gesagt: „Il savait tout“, was heißt, er wußte alles. 

Eine große Hilfe war ihm auch seine Stimme, deren Modulation sich der Überlieferung nach irgendwo zwischen dem Ton eines Cellos und dem eines Tenors bewegte und als überwälti­gend schön geschildert wird, so dass es ein Jammer ist, dass sie nicht überliefert wurde. Von Camille Saint-Saens, einem Zeitgenossen Oscars, gibt es das Stück aus dem Karneval der Tiere, das „Der Schwan“ heißt und für Cello bestimmt ist. Wenn man das hört, kann man viel­leicht einen ganz kleinen Eindruck bekommen, wie die Stimme Oscars vielleicht wohl gewesen sein könnte, wenn er auf einer Gesellschaft eine seiner Geschichten zum besten gab. 

Mit diesem Rüstzeug entwickelte sich schließlich der Meister der Konversation und Herr einer jeden, vor­zugsweise adeligen Gesellschaft. Man hat sich um ihn gerissen. Eine Einladung zu einer Gesellschaft, auf der der Vermerk „Oscar Wilde wird anwesend sein“ stand, garantierte den Erfolg. Man hat ihn verwöhnt und verhätschelt, man hing an seinen Lippen, wenn er seine Geschichten erzählte, Konversation machte, darüber aber niemals in das Monologisieren geriet, sondern immer darauf achtete, alle mit einzubeziehen. Solche Gesellschaften waren daher auch nie langweilig. Die englische Gesellschaft, besonders in der Oberschicht, ist wohl auch heute noch eine ziemlich steife Angelegenheit, zumindest war sie es damals. Trat Oscar Wilde auf, und schickte „seinen Gesang zu den Sternen am Himmel , hat mit Sicherheit die gesamte Gesellschaft „heller gestrahlt“ und er wohl auch, wenn die Vorstellung meisterlich ausgefallen war und er mit sich zufrieden sein konnte. Denn man darf nicht vergessen, er war auch ein großer Schauspieler. 

Irgendwann war Oscar so beliebt und erfolgreich, dass er gar nicht mehr auf den Gedanken kam, dass er vielleicht doch nur geduldet wurde als Unterhalter, aber nicht als Mitglied dieser Schicht. Manchmal kommt es mir so vor, als ob er die Rolle des Hofnarren geben mußte, wenn auch eines sehr gebildeten und kultivierten Hofnarren. War die Veranstaltung beendet, die manchmal das ganze Wochenende dauerte und dann vorzugsweise auf dem Land in den großen Schlössern und Herrenhäusern stattfand, muß er ziemlich erschöpft gewesen sein vom Reden, vom fetten Essen, Trinken edler Weine und der mangelnden Bewegung, denn fanden sportliche Betätigungen statt, verschwand er in der Bibliothek und tauchte erst zum Essen wieder auf.

Nachdem Tosca geschildert hat, dass sie doch immer nur das Beste und Schöne gewollt hat, klagt sie nun:

Warum, mein Gott, warum,

entlohnst du es mir so

in dieser Stunde des Schmerzes?

(Sie kniet vor Scarpia)

Sieh, wie ich hier vor dir stehe,

bescheiden dich bitte. Nur ein Wort 

der Gnade erwarte ich von dir...

Für Tosca gibt es keine Gnade, weil sie sich aus Liebe in eine ausweglose Situation gebracht hat, die von Scarpia skrupellos ausgenutzt wird. Sie weiß nicht, auf wen sie sich da eingelassen hat. Ein Zurück gibt es nicht, denn das würde den Tod des Geliebten bedeuten, als gläubiger Mensch ist ihr die verlangte „Prostitution“ aber ebenfalls nicht möglich. In dieser ausweglosen Lage, in die Ecke gedrängt wie ein Tier, greift sie zu einer zufällig in der Nähe liegenden Schere und stößt sie Scarpia in die Brust. Hier sei noch einmal auf die Videoaufnahme von 1964 mit der Callas verwiesen, wo gerade diese Szene ein Highlight ist. Man kann den Denkprozeß der Tosca richtig sehen! Als Tosca merkt, dass sie betrogen worden ist, weil ihr Geliebter tatsächlich erschossen wird, springt sie in den Tod. Sozusagen kurz und schmerzlos. Bei Oscar hat das Ende um einiges länger gedauert.

Prostitution war also schlimmer als Mord. Homosexualität war schlimmer als Mord. So kommt es einem jedenfalls vor, wenn man die Reaktion der Menschen des viktorianischen Englands auf den Prozeß und die Verurteilung Oscars betrachtet.

Oscars Sturz war ebenso plötzlich wie tief. Warum er es so weit kommen ließ, zu keiner Gegenwehr fähig war und alles, was man ihm antat fast klaglos hinnahm, ist eine eigene Geschichte und gehört nicht hierher.

Er kannte die Strafe für seine (vermeintlichen) Vergehen. Als sie über ihn hereinbrach, nahm er sie hin. In den ersten Monaten der Haft zerbrach er faßt daran. Aber er hat es durchgestanden. De Profundis, sein vorletztes Werk, wurde Mittel und Zweck, über ein einst schönes, dann gescheitertes Leben nachzudenken und sich selbst Hoffnung zu machen, wie es nach Ende der Haft weitergehen sollte und welches neue Leben er sich dann aufbauen wollte. Indem er sein altes Leben noch einmal beschwört, schließt er es auch gleichzeitig ab. Nie wieder wird er ein schönes Kunstwerk darstellen und leben. Der Zukunft gehört die Demut und der Fleiß.

Was mich beim Lesen von De Profundis am meisten erschüttert, sind diese Hoffnungen, die sich Oscar machte, die Gedanken, welches Leben er in Zukunft führen wollte und die Tatsache, dass nichts – aber auch rein gar nichts, davon eingetroffen ist.

Nur wenige Wochen nach Ende der Haft hat es gedauert, bis auch Oscar das wußte. Die Haft war nicht zu Ende, im Gegenteil. Alles lief auf eine jahrelange, im Endeffekt dreieinhalb Jahre währende Hinrichtung hinaus. Es gab keine Gnade für ihn. Die Demütigungen und Zurückweisungen nahmen kein Ende und waren eine Quelle ständigen seelischen Schmerzes, der sich schließlich als „Neurasthenie“ auch äußerlich bemerkbar machte. Was Oscar für eine Muschelvergiftung hielt, die Ärzte einem Vitaminmangel aufgrund exzessiven Alkohol- und Tabakgenusses zuschrieben, der sich in einem juckenden Hautausschlag im Gesicht und am Oberkörper zeigte, ist für mich nicht Nervenschwäche (was das Wort Neurasthenie eigentlich bedeutet) sondern Seelenschwäche (und müßte daher eigentlich Psychasthenie heißen). Der Mann, der auf sein Äußeres bis zuletzt so großen Wert gelegt hat, nie schäbig herumgelaufen ist und immer Haltung bewahrt hat, bekommt zu allen Demütigungen auch noch einen Hautausschlag, das muß man sich mal vorstellen! Ihm ist wirklich nichts erspart geblieben. Seine Familie war ihm genommen und Bosie, nach einem kurzen, wenig erfreulichen Zwischenspiel, auch bald wieder verschwunden. Seine schlimmsten Feinde, die Langeweile, notorischer Geldmangel und Einsamkeit, wurden ständige Begleiter. Um ihnen zu entkommen, lernte er einen neuen Freund kennen, den Absinth. Um wenigstens einige Stunden nicht einsam zu sein, kaufte er Knaben, von selbst und umsonst kamen sie nicht. Freunde waren rar, die wenigen, die er noch hatte, konnten sich auch nicht ständig um ihn kümmern, denn er war trotz allem immer anspruchsvoll und verschwen­dungssüchtig.

The Ballad of Reading Goal wurde sein letztes Werk, von dem er sich erhoffte, doch noch ein wenig Anerkennung und letztlich auch finanzielle Erleichterung zu erhalten. Auch das hat nicht geklappt. Gnade war weiterhin nicht in Sicht.

Als Oscar merkte, dass er auch mit der Ballade keinen Erfolg hatte, ansonsten anonym publi­zieren mußte um überhaupt etwas Geld in die Tasche zu bekommen, der Name Wilde wohl für immer verpönt sein würde, gab er innerlich auf. Ja, ich glaube, er hat einfach aufgegeben, ließ sich treiben und hoffte selbst auf ein baldiges Ende, auch wenn dieser Vorgang schleichend und unbewußt stattgefunden haben könnte.

Nach seiner Haftentlassung sagte Oscar zu André Gide: „Mein Leben gleicht einem Kunstwerk. Niemals beginnt ein Künstler das gleiche Werk zweimal.“ Diese Worte sollten seine Erklärung dafür sein, warum er sein altes Leben nicht wieder aufnehmen konnte. Die tatsächlichen Gründe waren für jeden offensichtlich, auch für Oscar. Aber für ihn war das wohl zu schmerzlich, um offen darüber zu reden.

Warum ist es ihm so entlohnt worden? Mit seiner Lebensweise hat Oscar, wie schon erwähnt, nur eine sehr begrenzte Schicht, nämlich die adeligen Kreise und eine kleine gebildete obere Mittelklasse, angesprochen. Die breite Masse der Bürgerlichen in England ist es aber gewesen, die das Urteil über ihn fällte, nämlich gerade die, die mit seiner Lebens- und Denk­weise nicht das geringste anfangen konnten und wollten, widersprach es doch gänzlich der christlichen Lehre, der man  nach außen hin anhing. Was hinter veschlossenen Türen geschah, darüber sprach man nicht. So etwas nennt man Heuchelei, und die war in England im 19. Jht. ganz besonders in bürgerlichen Kreisen sehr ausgeprägt.. Oscar war Opfer dieser Heuchelei, eine Wesensart, die ihm zutiefst fremd war, die er nicht verstand und deshalb auch nicht akzeptieren konnte. Aus diesem Grund konnte er auch keine Konzessionen an sie machen. Man könnte es auch so aus­drücken: Er hat das 11. Gebot außer acht gelassen: Du darfst dich nicht erwischen lassen. Darum hat man es ihm so entlohnt.

Man kann vielfach nachlesen, dass Oscar sich immer treu geblieben sei und seine Individualität bewahrt hat. Dies sei beispielhaft. Doch was heißt das?

Es heißt dass er sein Leben lang, auch nach der Haft, niemals irgendeine Form von Reglementierung geduldet hat. Jegliche Beschränkung oder Zwänge in seinem Leben, seien sie nun materieller Art gewesen oder aber betrafen sie die Wahl seines Umgangs, hat er strikt abgelehnt. Er war kompromißlos in jeder Hinsicht und hat sich so verhalten, wie er es wollte. Dass es dabei zu Kontroversen mit dem gesellschaftlichen Umfeld kommen mußte, ist leicht verständlich. Er hat versucht herauszufinden, wie weit er gehen konnte und hat es herausgefunden!

Schlußbemerkung

In diesem Zusammenhang sei einmal erwähnt, dass Oscar nur drei Jahre länger hätte durch­halten müssen - für ihn in seiner Situation allerdings ein unermeßlich langer Zeitraum dann wäre er weitgehend saniert gewesen. Und zwar durch uns, die Deutschen. Ausgerechnet die, die er nicht besonders mochte. Auch die Sprache mochte er nicht. Er hatte sie wohl gelernt, dann aber weitgehend vergessen und im Gefängnis wieder damit angefangen: „Der einzige Ort, wo man diese Sprache lernen kann“, waren seine Worte dazu. 

Saniert worden wäre er durch die Musik, nämlich durch Richard Strauss‘ Oper „Salome“, auch ein Hohn des Schicksals, denn er mochte und verstand Musik nicht. Sein literarisches Werk wurde durch Max Meyerfeldt, der sich um Oscars Werk in Deutschland so sehr verdient gemacht hat, schon früh verlegt. So kam es, dass die Schulden bald getilgt werden konnten.

Diese Ausarbeitung ist ein Versuch. Ich wollte damit deutlich machen, wie ich auf den Gedanken gekommen bin, die Tosca mit Oscar (welch ein Wortspiel!) zu vergleichen. Ich hoffe, dass ein wenig verständlich geworden ist, warum Tosca mit ihrer Arie „Vissi d’arte“ mich an Oscar Wilde erinnert. Wenn ich sie nun höre, werde ich immer an ihn denken, genau so, wie bei „Der Schwan“ von Saint-Saens, und ich hoffe, ich habe einige neugierig gemacht, die Tosca einmal ganz zu hören oder zu sehen und sich mit Oscar zu beschäftigen und die in diesem Text noch bestehenden Lücken durch eigene Forschung zu füllen.

Gabrielle de La Triolet, 5. April 2002

 

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