Oscar Wildes sexuelle Identität
1. Einleitung
Oscar Wilde wird in erster Linie mit seinen Werken wie The Importance of being Earnest, The Ghost of Canterville und sicherlich auch mit Dorian Gray in Verbindung gebracht. Zahlreiche Verfilmungen seiner Romane, auch wenn sie nicht an die Originalvorlagen herankommen, haben dafür gesorgt, dass sowohl weniger belesene Erwachsene als auch Kinder mit den Geschichten des längst verstorbenen Schriftstellers bekannt werden. Doch die ungewöhnliche Persönlichkeit des Oscar Fingal O´Flahertie Wills Wilde wird nicht nur mit seiner Genialität assoziiert, denn sein homosexuelle Neigung wurde ihm nach Jahren des Erfolgs zum Verhängnis. Was in der Gesellschaft des 21. Jahrhunderts längst selbstverständlich geworden ist oder zumindest auf dem besten Wege ist, dies zu werden, wagte die viktorianische Gesellschaft kaum auszusprechen. Die sexuelle Identität des Dandys Wilde und die damit verbundenen Konflikte sollen an dieser Stelle erörtert werden.
2. Die Rolle von Mann und Frau im 19. Jahrhundert
Im 19. Jahrhundert wurde nicht nur die Funktion von Chromosomen entdeckt. Auch das Zusammenspiel von Chromosomen und die von ihnen bedingten geschlechtsspezifischen Chrakteristika wurde zum ersten Mal in Verbindung gebracht. Doch nicht alle Viktorianer unterstützten diese vom Darwinismus, Empirismus und der Industriellen Revolution geförderten Theorien. Die meisten Schriftsteller haben eine solche strikte Zweiteilung der Geschlechterrollen nicht akzeptiert.
1. Die Frau – ein anabolisches Wesen
Frauen wurde ein anabolisches Wesen zugesprochen. Aufgrund der biologischen Vorbestimmung, die mit Menstruation, Schwangerschaft und dem Sorgen für den Nachwuchs verbunden war, war es die Aufgabe der Frau zu Hause zu bleiben. Es galt Heim und Herd zu hüten, für den Mann da zu sein und Energie zu speichern.2. Der Mann – ein katabolisches Wesen
Während Frauen also für eher passiv gehalten wurden und folglich an das Haus und die Familie gebunden waren, galten Männer als aktive, den Frauen geistig überlegene, katabolische Wesen, die ihre überschüssige Energie in vermehrt körperliche und geistige Tätigkeiten investieren mussten und, die sich in erster Linie auf Fortpflanzung konzentrierten, um so ihrem angeborenen Jagdtrieb nachzugehen.3. Gleichgeschlechtliche Beziehungen vor dem und im 19. Jahrhundert
1. Homoerotik in klassischen Quellen
Gleichgeschlechtliche Beziehungen existierten bereits im alten Griechenland und viele Texte, die aus dieser Zeit stammen handeln von gleichgeschlechtlicher Liebe. Es gibt in etwa sechs kulturelle Szenarios, die von einer solchen Liebe handeln und, die ihren Ursprung in klassischen Quellen haben:1. Heroische Freundschaften zwischen Männern und Knaben in einem pastoralen oder erzieherischen Kontext.
2. Spielerische Androgynität, die zumeist in Romanen oder Festivals auftritt
3. Travestie im satirischen Kontext
4. Beziehungen zwischen einem Diener und seinem Herren
5. Homosexuelle Anspielungen in Shakespeares Sonetten
2. Homoerotik zur Zeit Shakespeares
Männer und Frauen wurden zur Lebzeit William Shakespeares als Wesen angesehen, die sich in biologischer Hinsicht kaum voneinander unterschieden. Frauen galten vielmehr als "unvollständige Männer". Gleichgeschlechtliche Liebe wurde nicht verurteilt so lange sie sich an eine bestimmte soziale Rangordnung hielt. Wurde diese hierarchische Ordnung nicht verletzt, dann wurden homosexuelle Verbindungen bisweilen als heroisch eingestuft.3. Das 17. Jahrhundert
Das heutige Konzept von Homosexualität war im 17. Jahrhundert nicht vorhanden und es gab keine passende Umschreibung für diesen Begriff. Als Ersatz zur Beschreibung von Homosexualität diente meistens das Wort "Sodomie", doch diese Definition erwies sich als unzutreffend und schlichtweg falsch.
Verschiedene Bezeichnungen und Namen wie "Ganymede" für den jüngeren passiven Geschlechtspartner, der dem aktiven Partner sozial unterlegen war kamen im Laufe des 17. Jahrhunderts auf. Die zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts war teilweise von den Bezeichnungen " Fops" und "Cuckolds" geprägt.4. Das 18. Jahrhundert
Um 1700 hat sich der Begriff von Homosexualität allmählich geändert. Männer in Frauenkleidung wurden mit "Sodomie" zwischen Männern assoziiert, und das frühe 18. Jahrhundert ging einher mit der Entwicklung einer Subkultur für eine homosexuelle Minderheit. Ferner galt der männliche "Sodomit" nicht mehr länger als bisexuell, sondern als ganz klar dem männlichen Geschlecht zugewandt.5. Mollys
Im frühen 18. Jahrhundert richteten die sogenannten Mollys Clubs für homosexuelle Männer ein und förderten somit die Entwicklung einer Subkultur, die bis zum heutigen Tage besteht. Die Mollies imitierten Frauen, indem sie Frauenkleidung anzogen und sich Frauennamen zulegten. Außerdem liefen sie, sprachen sie und weinten wie Frauen. Sie ahmten Mütter nach, indem sie Babypuppen mit sich herumtrugen und bisweilen spielten sie auch das leben innerhalb einer Ehe nach. Nicht selten wurden sie deswegen auch verhaftet.6. Aristokraten
Im 18. Jahrhundert wurden weibliche Züge und weibliches Benehmen generell Aristokraten zugeordnet, wobei diese meistens sowohl mit Frauen als auch mit Männern intim wurden.
So beschuldigte auch das Pamphlet " Plain Reasons for the Growth of Sodomy in England" von 1749 all die feinen Gentlemen Englands, unnatürliche und weibliche Eigenschaften entwickelt zu haben, sei es durch mädchenhafte Erziehung, durch lächerliche Kleidung, durch den Genuss von Tee und Opernbesuche.7. Public Schools
Die viktorianische Gesellschaft, der die Männlichkeit ihrer englischen Männer sehr am Herzen lag, entwickelte mit der Zeit eine Art Männlichkeitskult, der sich im organisierten und für jeden Schüler verpflichtenden Sportunterricht äußerte. Männlichkeit verbunden mit einem athletischen Körperbau war nicht nur ein Mittel zur Charakterbildung, sondern auch ein Zeichen von Überlegenheit der britischen Rasse und des Empire. Dennoch schien diese Methode kein wirklich geeignetes Mittel zu sein, um jedem Schüler Männlichkeit einzuflößen:
`Yet the very institutions that were supposed to protect men from effeminacy were the ones where same-sex practices flourished.`After all, Greek and Roman texts were at the core of the public school curriculum, and they were the place where one might find some treatment of same-sex passion.4. Oscar Wilde und Frauen
Oscar Wilde schien bis zu seiner Hochzeit mit Constance Lloyd ein völlig normales Sexualleben zu führen. Während er noch Student in Oxford war, war er sichtlich schockiert über eine zu enge Beziehung zwischen einem Studenten und einem jüngeren Chorknaben und bewunderte seine Jugendliebe Florence Balcombe.
In London bewunderte er Frauen wie die drei Schauspielerinnen Ellen Terry, Sarah Bernhardt und Lily Langtry. Aber er hegte auch große Sympathien für Queen Victoria: "Die drei Frauen, die ich am meisten bewundert habe, sind die Königin Victoria, Sarah Bernhardt und Lily Langtry. Ich hätte jede von ihnen mit großem Vergnügen geheiratet."
Doch auch in Amerika galt Wildes Interesse schönen Frauen, vor allem einer Unbekannten namens Hattie, wie Wilde in einem Brief in St. Joseph, Missouri schrieb. Er schien dieser attraktiven Frau verfallen zu sein, obwohl er sie nicht wirklich kannte.
Nicht nur die Schönheit und Anmut einer Frau waren für Wilde von Bedeutung. Je höher der Status einer Frau in der Gesellschaft war und je wohlhabender sie war, desto mehr zog sie das Interesse des Schriftstellers an. Das lässt vermuten, dass Frauen für ihn mehr Mittel zum Zweck waren, um seinen öffentlichen Auftritten beizuwohnen und seine Gier nach neuen Erlebnissen zu befriedigen.
5. Oscar und Constance
1. Liebesheirat
Oscar Wilde und Constance Lloyd, deren angesehene Juristenfamilie Wilde nur wenig Sympathien entgegenbrachte, heirateten in Mai des Jahres 1883. Constance, die später eine nicht geringe Menge Geld erben sollte, war eine stets liebevolle und treue Ehefrau. Der Eindruck, Wilde hätte seine Frau nur wegen seiner finanziellen Absicherung geheiratet, erwies sich später als falsch, denn Constance bemühte sich nach der Hochzeit um Arbeit und auch die konstante Geldknappheit des Ehepaares bis zu den großen Erfolgen Wildes spricht gegen eine solche Vermutung. Wilde scheint seine Frau in der Tat wirklich geliebt zu haben wie auch der folgende Brief von 1883 beweist:
Dear and Beloved,
Here am I, and you at the Antipodes. O exercrable facts, that keep our lips from kissing, though our souls are one. What can I tell you by letter? Alas! Nothing that I would tell you. The messages of the gods to each other travel not by pen and ink and indeed your bodily presence here would not make you more real: for I feel your fingers in my hair, and your cheek brushing mine. The air is full of the music of your voice; my soul and body seem no longer mine, but mingled in some strange exquisite ecstacy with yours. I feel incomplete without you.
Ever and ever yours,
OSCAR.2. Entfremdung
Über die Entfremdung zwischen den Eheleuten ist nur wenig bekannt, da die meisten Briefe, die Wilde an Constance schrieb, vernichtet wurden oder nicht mehr auffindbar sind. Bekannt dagegen ist, dass sich das Paar wohl wegen der zu unterschiedlichen Charaktereigenschaften auseinandergelebt hat. Constance war zwar attraktiv, treu und gewissenhaft, aber dafür wenig geistreich und ohne jeglichen Sinn für Humor. Sie verstand weder die Kunst ihres Mannes, noch glich sie ihm in seinem Temperament. Das monotone Eheleben ohne Abwechslung und intellektueller Anregung vertrug sich nicht mit dem nach ständig neuen Erlebnissen hungernden Charakter des Autors. Und auch wenn Constance nicht ganz so naiv war wie sie immer dargestellt wurde, so war sie ihrem Ehemann ohne Zweifel geistig unterlegen.6. Wilde, der Familienvater
Obwohl Wilde sich immer mehr von seiner Frau entfremdete, war er ein liebevoller Ehemann und Vater, der seine beiden Söhne Cyril und Vyvyan über alles liebte. Wilde erzählte ihnen nicht nur Geschichten, sondern reparierte auch ihr Spielzeug oder ging mit ihnen zum Angeln.
Von seinen beiden Söhnen war Cyril wohl sein Lieblingssohn, auch, wenn Wilde stets betonte, beide Kinder gleichermaßen zu lieben:
My dearest Cyril,
I send you a letter to tell you that I am much better. I go every day and drive in a beautiful forest called the Bois de Boulogne, and in the evening I dine with my friend, and sit out afterwards at little tables and see the carriages drive by. Tonight I go to visit a great poet, who has given me a wonderful book about a Raven. I will bring you and Vyvyan back some chocolates when I return.
I hope you are taking great care of dear Mamma. Give her my love and kisses, and also love and kisses to Vyvyan and yourself.
Your loving Papa,
Oscar WildeDoch Wilde lagen nicht nur seine eigenen Kinder am Herzen, denn er liebte Kinder generell und setzte sich vehement für sie ein, wenn sie ungerecht behandelt wurden. Nach der Entlassung aus dem Gefängnis hat Wilde sogleich einen Brief an den Daily Chronicle verfasst und kritisierte den Strafvollzug an Kindern.
7. Doppelleben
1. Erste Anzeichen
Es ist nicht ganz klar, wann sich die Wandlung Wildes von einem heterosexuellen Familienvater zu einem homosexuellen Mann, der begann ein Doppelleben zu führen, vollzog. Mit verantwortlich für diesen Wandel wird mit Sicherheit Wildes vom Ästhetizismus geprägtes Verlangen nach neuen Erlebnissen gewesen sein, um dem inzwischen langweilig gewordenem Eheleben zu entfliehen. Das ist allerdings nur eine von möglicherweise vielen Theorien. Verführt wurde der Autor von Robert Ross, einem jungen Freund der Familie Wilde. Die ersten Intimitäten sollen dabei gegen Ende 1880 stattgefunden haben.2. Alfred Douglas
Die Beziehung zu Lord Alfred Douglas, war nicht nur ausgesprochen intensiv, sondern führte zuletzt zu Wildes tragischem Ende. Er lernte den damaligen Oxfordstudenten auf einer Party im Jahr 1891 kennen und war sofort von dessen Attraktivität fasziniert.
Doch nicht nur Douglas´ Äußeres und seine Jugend hinterließen bei Oscar Wilde einen bleibenden Eindruck, denn der junge Student interessierte sich ebenso für Literatur, aristokratische Sportarten, und war selbst Verfasser einiger Gedichte, später Herausgeber einer Oxforder Studentenzeitschrift, wobei betont werden muss, dass Wilde ihm literarisch eindeutig überlegen war, was bisweilen zu kleinen Konflikten führte.
Die Tatsache, dass der junge Alfred Aristokrat war, war für Wilde ebenfalls sehr wichtig. Wilde bemühte sich, in die oberen gesellschaftlichen Schichten vorzudringen und nutze dafür auch seine Tätigkeit als Redakteur einer Frauenzeitschrift, wobei er zwei seiner Märchen zwei fürstlichen Damen widmete.
Wilde vergötterte Bosie, machte ihm Geschenke, versuchte sich an den aristokratischen Lebensstil anzupassen und lebte folglich über seine Verhältnisse. Die Liebe zu seinem adligen Geliebten war dermaßen intensiv, dass er im Laufe ihrer Beziehung etwa 150 Briefe an Douglas verfasste, die Bosie später fast vollständig vernichtete. Einer dieser Briefe, 1893 von Wilde verfasst, wurde entwendet und später als Beweismittel in der zweiten Gerichtsverhandlung gegen Oscar Wilde verwendet:
My Own Boy,
Your sonnet is quite lovely, and it is a marvel that those red-roseleaf lips of yours should be made no less for the madness of music and song than for the madness of kissing. Your slim gilt soul walks between passion and poetry. I know Hyacinthus, whom Apollo loved so madly, was you in Greek days.
Why are you alone in London, and when do you go to Salisbury? Do go there to cool your hands in the grey twilight of Gothic things, and come here whenever you like. It is a lovely place and lacks only you; but go to Salisbury first.
Always, with undying love,
Yours, OSCAR.
Bosie und Wilde erkundeten zusammen die Londoner Schwulenszene und amüsierten sich in Bordellen mit jungen männlichen Prostituierten. Das Liebespaar schien aber selbst nicht so oft Geschlechtsverkehr zu haben, diesen Eindruck vermittelt zumindest die aktuellste Verfilmung des Lebens von Oscar Wilde. Der Schriftsteller war nur noch selten zu Hause bei seiner Familie, vernachlässigte also Frau und Kinder und führte somit ein Doppelleben. Trotz seiner Eskapaden ließ sich Constance nicht scheiden.
Die Beziehung zwischen dem bekannten Autor und dem selbstherrlichen Adligen verlief aber nicht immer harmonisch. Bosie war sehr oft launisch, hysterisch und machte Wilde Szenen, worunter dieser sehr zu leiden schien: "Bosie, Du darfst mir keine Szenen machen. Sie töten mich, sie ruinieren die Lieblichkeit des Lebens."
Oscar Wilde hatte vor seiner Liebesbeziehung zu Bosie einige andere Affären mit verschiedenen Männern, doch keiner dieser Affären hat sein Leben so geprägt und nachhaltig beeinflusst wie die mit Lord Alfred Douglas, was im nächsten Punkt näher erläutert wird.8. Das Ende
1. Queensberry
Die Beziehung zwischen Lord Alfred Douglas und seinem Vater, dem Marquess of Queensberry, war ständig angespannt, was wohl in erster Linie an den verschiedenen Charakteren der beiden lag. Bosie war ein junger und verwöhnter Aristokrat mit einem unberechenbaren Temperament und Queensberry ein Mann, dessen Charakterzüge an die eines Tyrannen erinnerten. Schließlich wurde auch Wilde in die Streitigkeiten zwischen John Sholto Douglas und dessen Sohn Alfred einbezogen.2. Erste Gerichtsverhandlung
Die innige Freundschaft zwischen Bosie und Wilde war für Queensberry untragbar und nicht tolerierbar wie es auch ein kurzer Brief von 1894 an Douglas beweist:Alfred,
Your intimacy with this man Wilde....it must either cease or I will disown you and stop all money supplies. I am not going to try and analyse this intimacy, and I make no charge; But to my mind to pose as a thing is as bad as to be it......
Your disgusted, so-called father, QueensberryDie erste Gerichtsverhandlung folgte bald und es war der inzwischen verschuldete Oscar Wilde, der den Stein ins Rollen brachte. Er verklagte Queensberry, der in einem renommierten Klub ein Kärtchen hinterließ, auf dem er Wilde als Sodomiten bezeichnete, wobei das Substantiv ´somdomite` einen Orthographiefehler aufwies, wegen Verleumdung.
Wildes Anwalt Sir Edward Clarke verteidigte ihn erfolgreich und stellte Wildes Briefe an Bosie als Kunst, die sich an dem griechischen Ideal orientierte, hin. Dorian Gray wurde ebenfalls als Kunst präsentiert, die keine moralischen Zwecke verfolgt. Die Geschworenen konnten sich nicht einigen und Wildes Anwalt riet ihm, die Klage fallen zu lassen. Queensberry wurde schließlich entlassen.3. Zweite Verhandlung
Die zweite Verhandlung vom April 1895, diesmal war Oscar Wilde der Angeklagte, folgte nur drei Wochen später. Einige Zimmermädchen und Hotelangestellte sagten gegen Wilde aus. Aber auch bei dieser Verhandlung kam die Jury zu keinem einstimmigen Ergebnis. Wilde nutze die Gelegenheit zur Flucht ins Exil nicht, und am 20 Mai wurde ihm wiederum der Prozess gemacht, diesmal verteidigte er sich selbst.4. Dritte Verhandlung
Bei der letzten Gerichtsverhandlung wurde Wilde zusammen mit Alfred Taylor für schuldig erklärt. Das Gericht zog noch einmal die Beweise aus der zweiten Verhandlung heran und verurteilte Wilde zu zwei Jahren harter Arbeit in einem Zuchthaus in Reading . Richter Wills verkündete folgenden Urteilsspruch:
It is no use for me to address you. People who can do these things must be dead to all sense of shame, and one cannot hope to produce any effect upon them. It is the worst case that I have ever tried...That you, Wilde, have been the centre of a circle of extensive corruption of the most hideous kind among young men, it is equally impossible to doubt. I shall, under such circumstances, be expected to pass the severest sentence that the law allows. In my judgement it is totaly inadequate for such a case as this. The sentence of the court is, that you be imprisioned and kept to hard labor for two years.5. Reaktionen
Die Öffentlichkeit nahm regen Anteil an Wildes Prozessen und reagierte mit Empörung und Entrüstung. Für die viktorianische Gesellschaft war Wilde wahrscheinlich mehr Anlass als Ursache für ihre Verfolgung. Die Gesellschaft hasste Wilde und er schien sie gleichermaßen zu verachten. Dokumentiert wird das gespannte Verhältnis durch zahlreiche Zeitungsartikel, die nach der Verurteilung erschienen:
[...]Judge and jury alike are to be congratulated upon the unflinching discharge of a grave responsibility. Our second comment is that the lesson of the trial ought not to be lost upon the headmasters, and all others who are responsible for the morals, of public schools. It rests with them, more probably than with anybody else, to exorcise this pestilence.
The Wilde case is over, and at last the curtain has fallen on the most horrible scandal which has disturbed social life in London for many years. The cries of "Shame!" with which the sentence pronounced by Mr. Justice Wills was received, indicate that a certain section of the public in court regarded the verdict with disfavour, and that feeling will very possibly be shared by a section of the public outside [...] It is at a terrible cost that society has purged itself of these loathsome importers of exotic vice, but the gain is worth the price, and it is refreshing to feel that for once, at least, justice has been done.6. Ein gebrochener Mann
Die Haftbedingungen in Reading waren unzumutbar und die Zwangsarbeit, die Wilde verrichten musste; ebenso. Der an Luxus gewöhnte Autor wurde von ständigem Hunger, Schlaflosigkeit und Krankheit gepeinigt. Der Entzug seiner beiden Kinder tat sein Übriges. Für den sensiblen und kultivierten Schriftsteller erwiesen sich diese zwei Jahre als absolute Hölle. Nach seiner Entlassung hat er sich vehement für die Verbesserung der Haftbedingungen an britischen Zuchthäusern eingesetzt, da ihn sein Gefängnisaufenthalt gesundheitlich zusetzte.
Wilde war ein gebrochener und finanziell ruinierter Mann, der die letzten drei Jahre seines Lebens in Frankreich verbrachte. Er hielt sich nicht an das Versprechen, das er Constance gegeben hatte, und traf Bosie noch einige Male, wobei die einst so flammende Leidenschaft nicht mehr vorhanden war. Er starb am 30 November im Hôtel d´Alsace in Paris.9. Anspielungen in Wildes Werken
Bei einer gezielten Suche nach homoerotischen Anspielungen in Wildes Werken wird der Leser sicherlich fündig werden, denn an solchen Anspielungen mangelt es nicht. Doch nicht hinter jedem Symbol steckt auch tatsächlich eine eindeutige Anspielung. Wildes spielt mit Zweideutigkeiten, doch keine von diesen ist wirklich hundertprozentig interpretierbar. Während einige Stellen in den Werken des viktorianischen Schriftstellers mehr oder weniger eindeutig interpretiert werden können, erscheinen andere Interpretationen von Fachleuten absurd.
1. The Fisherman and his Soul
Die Liebe zwischen dem Fischer und der Jungfrau ist ungewöhnlich und stößt daher auf Ablehnung. Auch homosexuelle Liebe wurde von der viktorianischen Gesellschaft zutiefst abgelehnt. Zum Schluss müssen sowohl der Priester als auch die Gemeinde einsehen, dass die Liebe des Fischers zu seiner Meerjungfrau ein Recht hat, von der Gesellschaft akzeptiert zu werden wie jede gewöhnliche Beziehung auch. Am Ende plagt den Priester das schlecht Gewissen, und er erkennt, dass er falsch gehandelt hat:[...] And in the morning, while it was still dawn, he went forth with the monks and the musicians, and the candle-bearers and the swingers of censers, and a great company, and came to the shore of the sea, and blessed the sea, and all the wild things that are in it. [...]
Möglicherweise übt Wilde mit The Fisherman and his Soul Kritik an den starren Regeln und Normen der viktorianischen Gesellschaft und will andeuten, dass auch homosexuelle Liebe eine Existenzberechtigung hat.
2. Dorian Gray
The Picture of Dorian Gray ist voller Situationen und Phrasen, die als "eindeutig zweideutig" interpretiert werden können, was ihm auch in seiner letzten Gerichtsverhandlung zum Verhängnis wurde. Das Argument vom griechischen Ideal der Liebe konnte das Gericht nicht mehr überzeugen.Dennoch wird der Leser keine absolut eindeutigen Anspielungen auf Homosexualität finden: "The Picture of Dorian Gray invokes the queer image, to some readers at least, despite at no point representing it." Viel interessanter ist also die Tatsache, dass sich der ganze Roman um Homosexualität zu drehen scheint, dass Homosexualität aber nicht explizit dargestellt wird. Das Umgehen der Homosexualität in Wildes Roman ist das, was den Reiz ausmacht. Einige Leser interpretieren in eine bestimmte Textstelle etwas hinein, was anderen Lesern verborgen bleibt. Insbesondere die Bewunderung Basil Hallwards für Dorian Gray mag den Eindruck entstehen lassen, dass hinter dieser Bewunderung mehr als nur Freundschaft steckt:
[...] I turned half-way round, and saw Dorian Gray for the first time. When our eyes met, I felt that I was growing pale. A curious sensation of terror came over me. I knew that I had come face to face with some one whose mere personality was so fascinating that, if I allowed it to do so, it would absorb my whole nature. [...]
Hallward ist sehr fasziniert von Dorian, aber ahnt zugleich etwas Schlimmes. Es scheint fast, als hätte Oscar Wilde seine Beziehung zu Bosie und die daraus resultierenden Konsequenzen vorausgesehen, denn auch er war sehr angetan von Douglas´Schönheit und Jugend. Außerdem ist Wildes Ende ähnlich tragisch verlaufen wie das des Protagonisten. Im Verlauf des Romans lassen sich aber noch viel eindeutigere Stellen finden: " [...] Every day. I couldn´t be happy if I didn´t see him every day. He is absolutely necessary to me." oder die Szene, als Basil wegen der bevorstehenden Hochzeit von Dorian und Sibyl mit seiner Eifersucht konfrontiert wird:
" [...] A strange sense of loss came over him. He felt that Dorian Gray would never again be to him all that he had been in the past [...]."
3. Salomé
In Salomé kommt es zum Vertauschen der Rollen. Salomé spielt die aktive Rolle der Femme Fatale und das ganze Geschehen dreht sich um ihr Verlangen. Jokanaan nimmt eine passive Stellung ein und lehnt Salomé ab. Normalerweise verhält es sich aber genau anders herum, denn Frauen werden allgemein als (sexuell) passive Wesen angesehen, während Männer die aktive Rolle übernehmen. Das erinnert auch an das Ganymede–Modell, denn auch hier gibt es den passiven und den aktiven Sexualpartner. Salomé ist nicht nur ausgesprochen aktiv, sondern auch sehr aggressiv: "I will kiss thy mouth, Jokanaan". Jokanaan möchte nicht, dass ihm Salomé nahe kommt: " I do not look at thee. I will not look at thee, thou art accursed, Salomé, thou art accursed." Edward Carpenter sieht in Salomé überdies eine Figur, die in ihrem Temperament das Männliche und das Weibliche zugleich vereinigt.10. Interpretationsansätze: Fazit
Für Wildes Werke gibt es keine einzige wirklich eindeutige Interpretation. Jeder Leser interpretiert anders und jede Interpretation wird vom Kenntnisstand des jeweiligen Lesers beeinflusst. Bisweilen erscheint die eine Interpretation als nachvollziehbar, während die andere fast lächerlich klingt. Nicht selten entsteht auch der Eindruck, dass gerade bei Oscar Wilde krampfhaft versucht wird, homosexuelle Anspielungen in Sätzen, Worten und Symbolen zu finden.
1. The Importance of Being Earnest
Gurkensandwichs wie sie in der Komödie The Importance of Being Earnest auftauchen, mit Homosexualität in Verbindung zu bringen ist aus meiner Sicht absurd, auch wenn die Farbe grün in Wildes Werken für Homosexualität stehen mag. Natürlich wird der gebildete Leser sofort an die grün gefärbte Blume im Knopfloch des stets auf sein äußeres Erscheinungsbild bedachten Dandys Wilde denken und auch die Assoziation mit The Green Carnation ist durchaus plausibel, aber dennoch sollte in Betracht gezogen werden, dass Gurkensandwichs bis heute in gut geführten Londoner Hotels zum Tee serviert werden.Ebenso fraglich erscheint mir die Auslegung des Namens Bunbury aus Wildes The Importance of Being Earnest, da Uranian zwar eine akzeptable Interpretation darstellt, aber meiner Ansicht nach dann doch zu weit geht.
2. Mr. W.H.
Wildes The Portrait of Mr. W.H. erweckt vielleicht den Eindruck, dass Wilde sich mit diesem Thema auseinandergesetzt hat, da er selbst homosexuell war. Berücksichtigt man seine Aussage vor Gericht, so wird diese Erwartungshaltung auch bestätigt: "I believe you have written an article to show that Shakespeare´s sonnets were suggestive of unnatural vice? -On the contrary, I have written an article to show that they are not."
Allerdings werden weder die Existenz des Mr. W.H., noch die Tatsache, dass Shakespeare seine Sonette einem jungen Mann, vielleicht auch gerade diesem Schauspieler gewidmet hat, bestätigt.
Wilde zielte mit Mr. W.H. wohl eher auf die Theorie ab, dass Geschichte oder geschichtliche Fakten mit Hilfe unserer Fantasie ergründet werden und, dass es keinen festen Begriff für etwas, in diesem Fall für Homosexualität, geben kann, da solche Definitionen immer mit historischen Fakten, mit etwas, das uns schon bekannt ist, in Verbindung gebracht werden. Weder Shakespeare, noch Wilde sind "Prototypen" oder "Urväter" der Homosexualität, aber für uns dienen sie heute als "Muster", die wir mit diesem bestimmten Begriff assoziieren. Es gibt also weder die Definition, noch die Interpretation.
Bibliographie
Literaturquellen
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Harper, Collins, Hg. Collins Complete Works of Oscar Wilde. Glasgow: Harper-Collins
Hart-Davis, Rupert, Hg. The Letters of Oscar Wilde. London: ohne Verlagsangabe, 1962/63
Hyde, Montgomery. The Trials of Oscar Wilde. London: William Hodge, 1948.
Raby, Peter, Hg. The Cambridge Companion to Oscar Wilde.Cambridge: Cambridge University Press, 1997.
Roditi, Edouard. Fiction as allegory: The Picture of Dorian Gray, in Richard Ellman, Hg. Oscar Wilde, Twentieth Century Views. New Jersey: Prentice Hall, 1986.
Sinfield, Alan. The Wilde Century. Effeminacy, Oscar Wilde and The Queer Moment. London: Cassell, 1994.
Referate
Hagen, Christian. Oscar Wilde´s Trials. Referat vom 28.01.2002
Internetquellen
http://www.thecore.nus.edu.sg/landow/victorian/gender/sextheory.html
http://www.oscarwilde.com
http:/7www.oscariana.net/oscariana2.html
http://www.oscariana.net/oscariana21.html
http://www.oscariana.net/oscariana25.html
http://www.oscariana.net/oscariana27.html
http://www.oscariana.net/oscariana125.html
http://www.oscariana.net/oscariana126.html