Oscar Wilde - Maske und Wirklichkeit
Dr. Wolfgang Maier, Aachen
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Den Namen Oscar Wilde zu erwähnen, ohne dass Assoziationen wie geistreicher Unterhalter und Dandy geweckt werden, ist so gut wie unmöglich. Die, die ihn kannten, halten ihn für einen der brillantesten und witzigsten Redner, den England je gehabt hat. Die spätviktorianische Gesellschaft des ausgehenden 19. Jahrhunderts, mit dem Außergewöhnlichen und dem Verbotenen kokettierend, schätzt Wilde, ohne ihn zu lieben. Zu sehr hält er ihr den Spiegel vor, in dem ihre eigene verborgene, von einem engen Korsett puritanischer Wertvorstellungen eingeschnürte Welt mit ihren verdrängten Sehnsüchten und Wünschen sich darstellt. Wilde ist es, der mit seiner paradoxen und provokativen Sprachakrobatik ihre beschränkte Wirklichkeit auslotet, das Versteckte hinter ihrer bürgerlichen Maske aufdeckt. Die Kunst des gesprochenen Wortes beherrscht Wilde, "the Lord of Language", wie kaum ein Zweiter. Keiner seiner Zeitgenossen, auch nicht seine schärfsten Kritiker, vermögen sich der Faszination seiner wohlgewählten Worte, der Gaukelei seiner Sprache zu entziehen. Wo immer Wilde die Szenerie betritt, schlägt diese virtuose Redegabe die Zuhörenden in ihren Bann. So weiß sich William Butler Yeats zu erinnern: My first meeting with Oscar Wilde was an astonishment. I never before heard a man talking with perfect sentences, as if he had written them all overnight with labour and yet all spontaneous (1). Aus unzähligen anderen Reminiszenzen ähnlicher Art, die die Unwiderstehlichkeit des Unterhalters Wilde darzustellen versuchen, klingt häufig ein Bedauern, wie wenig doch die Persönlichkeit Wildes für spätere Generationen nachzuempfinden sei, und wie wenig sein literarisches Werk den Glanz seiner Worte wiederzugeben vermag. André Gide spricht an einer Stelle das aus, was wohl die meisten Freunde und Bekannten nach Wildes Tod empfunden und geäußert haben: "The best of his writing is only a pale reflection of his brilliant conversation." (2) Wilde selbst hat ganz offensichtlich diese Ansicht Gides geteilt. Denn bei einem gemeinsamen Treffen in Algier formulierte er einen Satz, der seitdem wie kein anderer mit seiner Person, aber mehr noch mit seinem Kunstverständnis verhaftet ist, bzw. immer wieder damit in Verbindung gebracht wird. Durch Gides Erinnerungen ist er der Nachwelt erhalten: Would you like to know the great drama of my life? it is that I have put my genius into my life - I have put only my talent into my works. (3) Mit diesem Bekenntnis gibt Wilde zweifelsohne all den Stimmen recht, die in ihm zwar gerne einen großen Unterhalter sehen möchten, seine Werke jedoch mit einer deutlichen Zurückhaltung bewertet wissen wollen. Eine unverhohlene Geringschätzung Wildes schöpferischer Arbeit gegenüber ist besonders unter Literaturkritikern weit verbreitet. Bis in die unmittelbare Gegenwart hinein ist zu verfolgen, wie gerne die Forschung jenes Eingeständnis einer gewissen schriftstellerischen Mediokrität wie ein Banner vor sich her trägt. Meist wörtlich genommen wird Wilde im gleichen Atemzug zu einem "second-rate writer" gestempelt (4), dem sein Dandytum wertvoller war als seine Schriften (5). Holbrock Jackson, einer der profiliertesten Kenner des fin-de-siècle meint dann auch: "He always valued life more than art. " (6) Maske und Pose Genügend persönliche Zeugnisse belegen, wie sehr sich Wilde in der Rolle des Dandy und eitlen Nichtstuers wohlfühlt, wie sehr er jede Art von aktiver Arbeit für sich ablehnt. Sie belegen überdies, wie gerne Wilde dies auch die Welt wissen lässt. In einem Brief an den Herausgeber des Scots Observer schreibt Wilde: "I must frankly confess that, by nature and by choice, I am extremely indolent. (7) Von André Gide auf seine literarischen Leistungen angesprochen, bekennt Wilde freimütig: ... my plays are not good, I know, and I don't trouble about that ... They are nearly all the result of a bet. So was Dorian Gray - I wrote that in a few days because a friend of mine declared that I could not write a novel. Writing bores me so (8). An anderer Stelle offenbart Wilde, seinen Roman in drei Wochen geschrieben zu haben (9), eine von ihm bereitwillig gegebene Beteuerung (10). Mit einer geradezu liebenswerten Galanterie versucht Wilde, wo immer er es kann, den Eindruck eines den Genüssen des Lebens ergebenen, den Unannehmlichkeiten der Arbeit aus dem Wege gehenden Lebenskünstlers zu vermitteln, dessen Genius sich eben in der Gestaltung dieses Daseins manifestiere, und dessen Talent sich lediglich in seinen Werken widerspiegele. Über diesen Ansatz ist von Beginn an in der Rezeptionsgeschichte die Person und der Künstler Wilde sowie sein Werk definiert und verstanden worden: Das Schreiben sei ihm ein mehr als mühseliges Geschäft gewesen, eine natürliche Nachlässigkeit und Sorglosigkeit in allem, was mit schriftstellerischem Tun zusammenhängt, könne kaum eine ernstzunehmende Auseinandersetzung mit seinem literarischen Werk zulassen. Urteile, wie die G. B. Shaws, der Wilde allerdings nur flüchtig kannte: "Well, Oscar was not sober, not honest, not industrious." und "...his stupendous laziness simplified his life..." (11) überraschen ebenso wenig wie die "persönliche" Einschätzung eines anderen Kritikers: If a personal summing-up of Oscar Wilde may be permitted, it is that he was a mother-spoiled, too precocious, brilliant, witty, charming, vain, indolent, and foolish ass ... (12) Diese Bewertung sagt jedoch weit weniger etwas über Wilde, als vielmehr etwas über den Kritiker aus. Über derartige "wisch-und-weg"-Äußerungen ist ein seriöser Zugang zu Wilde und seinem Werk schwerlich möglich. Sie polieren eher die Oberfläche von Wildes Wesen, so wie er es selbst mit größter Vorliebe tat, als dass sie sich bemühten, das Wesenhafte der Person und des Künstlers in den Griff zu bekommen. Dazu müssten sie die Oberfläche ankratzen und versuchen, einen Blick darunter zu tun. Wirklichkeit und Kunst Denn Wildes Persönlichkeit als Mensch und Künstler weist, bei näherem Hinsehen, weitaus mehr Schattierungen und Strukturen auf, als dies seine eigenen, in der Öffentlichkeit mit Vergnügen propagierten Darstellungen, und als dies die Urteile seiner Kritiker vermuten lassen. Ein erster Hinweis auf tieferliegende und damit recht aufschlussreiche Charakteristika seines Wesens ist einem Brief Wildes an einen Freund zu entnehmen: To the world I seem, by intention on my part, a dilettante and dandy merely - it is not wise to show one's heart to the world - and as seriousness of manner is the diguise of the fool, folly in its exquisite modes of triviality and indifference and lack of care is the robe of the wise man. In so vulgar an age as this we all need masks. (13) Wilde hält es für unbedingt erforderlich, dass Menschen Masken tragen müssen, wollen sie in der Wirklichkeit des Lebens bestehen. Ganz bewusst trage auch er eine Maske, die Maske eines, wie er sagt, "Dilettanten und Dandy". In ihr gefällt sich Wilde, in ihr präsentiert er sich der Welt, in ihr wird er von der Welt gesehen. Viele seiner Freunde kannten diese Maskerade bei Wilde, ohne aber immer die Wirklichkeit dahinter entdecken zu können. André Gide beispielsweise berichtet:". . . Wilde knew how to hide his real personality behind an amusing phantom, with which he humorously deluded the public. " (14) Doch hat er selbst oftmals Wildes Äußerungen allzu wörtlich genommen, wie er später einmal in seinem Tagebuch gesteht. (15) Die Frage bleibt, was sich hinter diesem "Phantom", hinter dieser Maske verbirgt, wie Wildes wirkliches Gesicht aussieht. Allein ein kurzer Blick auf die Zahl der Veröffentlichungen in den letzten sechs Jahren vor seiner Verurteilung zu zwei Jahren Haft wegen Verstoß gegen das Criminal Law Amendment Act rücken das Bild von Wilde als einem eitlen Nichtstuer in ein etwas anderes Licht: Nach seiner Zeit als Herausgeber der unter ihm sehr erfolgreichen Zeitschrift Woman's World veröffentlicht Wilde im Juli 1889 "The Portrait of Mr. W.H.". Nachdem das Märchen "The Fisherman and His Soul" abgelehnt wird, schreibt er für die Juli-Ausgabe des Lippincott's Monthly Magazine im Jahr 1890 den Roman "The Picture of Dorian Gray", der im April 1891 in einer erweiterten Buchfassung mit 6 neuen Kapiteln und in überarbeiteter Form herausgebracht wird. Ebenfalls im Juli 1890 erscheint der erste Teil des kunstkritischen Essays "The True Function and Value of Criticism...", dessen zweiter Teil im September folgt. Unter dem Titel Intentions werden sie im Mai 1891 mit weiteren kritischen Aufsätzen neu aufgelegt. Im Februar 1891 erscheint The Soul of Man Under Socialism, gleichzeitig schreibt Wilde an seiner ersten Komödie, Lady Windermere's Fan (mit großem Erfolg wird sie in London von Februar bis Juli 1892 gespielt). Lord Arthur Savile's Crime and Other Stories veröffentlicht Wilde im Juli 1891, seine zweite Märchensammlung A House of Pomegranates im November. In dieser Zeit entsteht auch Salomé, eine Tragödie, die Wilde auf französisch schreibt. Ab August 1892 arbeitet er an seiner zweiten Komödie, A Woman of No Importance (sie steht von April bis August 1893 auf dem Londoner Spielplan). Die nächste Komödie, An Ideal Husband, entsteht zwischen September 1893 und Februar 1894. Im folgenden Sommer schreibt Wilde seine bekannteste Komödie, The Importance of Being Earnest. Am 3. Januar 1895 gelangt An Ideal Husband, am 14. Februar The Importance of Being Earnest zur Aufführung. Beide werden bald nach Wildes Verhaftung am 5. April abgesetzt. Zwei weitere Stücke, A Florentine Tragedy und La Saint Courtisane bleiben unvollendet. Wie fügt sich dieses umfangreiche Werk in das Bild eines Dilettanten und Dandy? Wie kann Wildes Ausspruch zu Gide, Schreiben langweile ihn, mit der Realität seines künstlerischen Schaffens jetzt noch in Einklang gebracht werden. Weitere Indizien unterstreichen, dass Wilde, im Gegensatz zu der landläufigen Ansicht, sehr wohl ein seriöser Autor zahlreicher, oftmals recht unterschiedlicher literarischer Schöpfungen ist, der unermüdlich an jeder seiner Kreationen feilte, bis sie ihm und seinem strengen Kunstverständnis gerecht wurden. Umberto Ecos kürzlich zum Ausdruck gebrachtes Selbstverständnis: "Genie ist zehn Prozent Inspiration und neunzig Prozent Transpiration" (16) beschreibt ziemlich exakt Wildes wirkliche Einstellung zu seiner Kunst. Nicht ein einziges seiner Werke ist in den Druck gegangen, ohne zuvor ausgiebige Korrekturen und Überarbeitungen erfahren zu haben. So existieren von den 1881 erstmals erschienenen Gedichten bis zu vier verschiedene Manuskripte, jedes von ihnen mehr oder weniger stark korrigiert. In nachfolgenden Ausgaben wurden weitere Veränderungen vorgenommen". Wildes Vorlesungen während seiner Vortragsreise durch die Vereinigten Staaten und Kanada (1882) wurden ständig neuen, auf das Publikum zugeschnittenen Überlegungen angepasst (18). Zu The Picture of Dorian Gray existieren für die Lippincott-Fassung zwei vollständige Manuskripte, die in sich zahllose Überarbeitungen aufweisen. Ein drittes Manuskript, welches zeitlich noch vor den beiden erwähnten anzusiedeln wäre, ist mit Sicherheit vorhanden gewesen (19). Zu der Tragödie Salomé sind drei handschriftliche Fassungen bekannt (20). Jede der oben aufgelisteten Komödien verfügt über einen vergleichbaren Manuskript-Hintergrund. Während der Proben zu diesen Stücken nahm Wilde nochmals Korrekturen vor, um so der realen Bühnensituation gerecht zu werden. Vor der Drucklegung wurden sie schließlich erneut von Wilde durchgesehen und überarbeitet. Wie unterschiedliche Versteigerungskataloge zu Wildeana beweisen, kann davon ausgegangen werden, dass sämtliche Werke Wildes gewissenhaft und unter strengen künstlerischen Vorstellungen entstanden sind. Hinter der Maske des eitlen Nichtstuers, den Arbeit in welcher Form auch immer anödet, wird langsam ein Gesicht erkennbar, das durch die harte Wirklichkeit und den mühseligen Alltag literarischer Schaffenstätigkeit geprägt ist. Schon aus seiner Zeit als Student in Oxford ist bekannt, obwohl immer schon um ein anderes Bild bemüht, wie unermüdlich Wilde arbeiten konnte. Sein Freund Hunter-Blair schreibt dazu: He liked to pose as a dilettante trifling with his books; but I knew of his hours of assiduous and laborious reading, often into the small hours of the morning ... (21) Ein anderer Freund, Max Beerbohm, skizziert Wilde in ähnlicher Weise: jeden Morgen stehe Wilde um halb fünf auf, um sogleich mit seiner Arbeit zu beginnen (22). Interessant ist in diesem Zusammenhang auch ein Brief Wildes an den Intendanten und Regisseur des St. James's Theatre, George Alexander, während seiner Arbeit an Lady Windermere's Fan, welcher ein wenig Einblick in Wildes Selbstverständnis als Künstler erlaubt: My dear Aleck, I am not satisfied with myself or my work. I can't get a grip of the play yet: I can't get my people real. The fact is I worked at it when I was not in the mood for work, and must first forget it, and then go back quite fresh to it. I am very sorry, but artistic work can't be done unless one is in the mood; certainly my work can't. Sometimes I spend a months over a thing, and don't do any good; at other times I write a thing in a fortnight. (23) Aus diesen Zeilen sprechen die ehrlichen Worte eines ernsthaften, in den Problemen literarischer Schöpfung verstrickten Schriftstellers, der die Maske seines Dandytums, die Pose des niemals arbeitenden Lebenskünstlers abgelegt hat und Realitäten seiner Schaffenswelt erfährt. Das öffentliche Gesicht Einmal mehr manifestiert sich der Widerspruch zwischen Maske und Wirklichkeit in Wildes Reaktionen auf die Kritik der viktorianischen Gesellschaft, in der Gestalt der bürgerlichen Presse, seinen Werken gegenüber. Auch hier vermittelt Wilde nach außen ein dem Inneren entgegengesetztes Bild. Am Beispiel The Picture of Dorian Gray und Salomé, den in der Öffentlichkeit umstrittensten Werken, zeigt sich eindrucksvoll, wie sehr das Profil seines für jeden sichtbaren, von ihm so oft geschminkten Gesichtes von dem der Wirklichkeit seiner Seele abweicht. Der Mensch Wilde, in seinem Wesen hinter der Maske kaum sichtbar, zeigt sich, sobald diese bei außergewöhnlichen Gelegenheiten gelüftet wird. Als Dorian Gray im Juli 1890 erstmalig erscheint, löst dies einen Sturm der Entrüstung in der Presse aus. Der Person des Autors von vorneherein distanziert gegenüber stehend, wirkt der Roman mit seiner homo-erotischen Ausstrahlung auf sie wie eine bewusste Provokation. Ihre Ordnung scheint angegriffen, ihre Gesetze außer Kraft gesetzt, der öffentliche Geschmack verletzt. Entsprechend aggressiv reagieren die Pressestimmen, allen voran die St. James's Gazette. Ihr Redakteur Jeyes geht mit Wilde und Dorian Gray rücksichtslos ins Gericht. Seine Abrechnung reicht von "esoteric prurience" und "so stupid and vulgar a piece of work" über "cheap research among the garbage of the French Décadents" zu "ought to be chucked into the fire" (24). - Von solcherlei Angriffen scheint Wilde unbeeindruckt. Aus einer nahezu uneinnehmbaren l'art pour l'art-Position heraus lässt Wilde jene Vorwürfe souverän abprallen: ... I am quite incapable of understanding how any work of art can be criticised from a moral standpoint. The sphere of art and the sphere of ethics are absolutely distinct and separate... (25) Gegenüber den für ihn als Künstler unhaltbaren Wertmaßstäben der bürgerlichen Klasse abgesichert, geht Wilde noch weiter und kontert in der Maske des über die gesellschaftliche Wirklichkeit erhabenen Dandy: I wrote this book entirely for my own pleasure, and it gave me very great pleasure to write it. Whether it becomes popular or not is a matter of absolute indifference to me. (26) Mit diesen und ähnlichen Erwiderungen auf die niederschmetternden Urteile der Öffentlichkeit versucht Wilde, einmal mehr deutlich werden zu lassen, dass der Elfenbeinturm des Künstlers unangreifbar ist, dass die Realitäten der Außenwelt den Künstler nicht berühren und nicht treffen können. Allein sich und seiner Kunst verpflichtet, lebt der Künstler in einer von den Wirklichkeiten der Gesellschaft entrückten Idylle. Das private Gesicht Diese Form des Rückzugs hinter eine Art kunsttheoretischen Schutzschild verbirgt jedoch, wie so oft, das wahre Gesicht des Künstlers Wilde, die tieferen Empfindungen seiner Seele. Denn Wilde ist nicht nur Künstler. Die massiven Angriffe von außen hinterlassen auch bei ihm Spuren, die man seinen selbstbewussten Worten an die Presse zufolge nicht vermuten würde. Bereits die Tatsache, dass Wilde überhaupt reagiert, dass er sich herablässt, als Künstler einer ignoranten Kritikerschar seinen Standpunkt darzulegen, kann als ein Indiz dafür angesehen werden, dass Wilde sehr wohl an einer Klarstellung und damit an einer Verständigung zwischen den beiden Welten gelegen ist. Er will Missverständnisse aus dem Weg räumen. Ein sehr persönlicher Brief an Coulson Kernahan illustriert, wie sehr sich Wilde missverstanden fühlt. Er spiegelt gleichzeitig die ganze emotionale Betroffenheit des Menschen Wilde über die breite, in seinen Augen aber ungerechtfertigte Kritik in einer nicht gekannten Weise: I am terribly ill - almost too ill to write. But I must say to you what is imputed to the book is not there. All I wished to do was to convey an atmosphere of moral corruption ... I showed Dorian Gray as sinning, but what his sin was, I did not say, nor do I know. Those who find it - bring it. (27) Verständnislos steht Wilde vor der vernichtenden Kritik an seinem Roman. Aus diesen Worten spricht der tief verletzte Mensch Wilde, nicht der souveräne Künstler. Ähnliche Gefühle bestimmen Wildes Fernbleiben von einer Party kurz nach der Veröffentlichung von Dorian Gray, die von einem Mitarbeiter der Zeitschrift Punch gegeben wird. Die Zeitschrift hatte im Chor mit so vielen anderen Zeitungen den Roman scharf attackiert. In einem Brief wenige Tage nach jenem Fest entschuldigt sich Wilde bei dem Gastgeber. Well, I ask you to accept my apology, my really sincere and full apology, for that breach of etiquette. The fact is that I only saw Punch on Saturday night ... and I confess I was so annoyed at its offensive tone and horridness that I felt that I could not possibly meet Burnand [der Herausgeber], and was afraid he might be one of your party. (28) Gekränkt von der Kritik ist Wilde unfähig, den möglicherweise zugegen seienden Herausgeber der Zeitschrift in Gesellschaft zu treffen. Wie in dem Brief an Coulson Kernahan zeigen auch diese Sätze der Entschuldigung, wie sehr sich Wilde doch in seinem Innersten durch negative Kritik getroffen fühlt. Diese Verletzlichkeit seiner Seele (der Wunsch akzeptiert zu werden, ist damit aufs engste verbunden) ist es schließlich, die Wilde dazu veranlasst, als trotz aller künstlerischer Rechtfertigungs- und Aufklärungsversuche die St. James's Gazette unvermindert ihn und seinen Roman angreift, in einem letzten Schritt das Unmögliche zu versuchen und in einem persönlichen Gespräch Jeyes, den unbarmherzigsten seiner Kritiker, von der Ehrlichkeit und Ernsthaftigkeit seines Kunstschaffens zu überzeugen. Dazu sucht er, einem Bittsteller gleich, den Redakteur bei einer Zeitung auf. Zurückblickend schreibt der Herausgeber der St. James's Gazette: I brought in Jeyes: and Wilde argued at considerable length, and employed all the resources of his persuasive manner and abounding wit to bring over this formidable critic. Jeyes, however, refused to be mollified. (29) Vergeblich bemüht sich Wilde erneut um die gebührende Anerkennung. jene Anerkennung ist es nämlich, die Wilde, entgegen aller Dementis, selbst von der von ihm gehassten bürgerlichen Presse und damit von der Gesellschaft gerne bekäme. Der Zwiespalt zwischen Kunst und Künstler auf der einen und Menschsein und Wirklichkeit auf der anderen Seite offenbart sich in einer ganz ähnlichen Weise am Beispiel der Tragödie Salomé. Als während der Proben das Stück durch die Behörden nicht zur Aufführung freigegeben wird, hofft Wilde, trotz seiner unguten Erfahrungen mit den Zeitungen, insgeheim auf eine scharfe Verurteilung dieser Zensurmaßnahme durch die Presse. Wenn ihm schon die Würdigung und der Beifall durch ein Publikum versagt wird, so erwartet er doch zumindest einen gewissen Ersatz durch eine mehr oder minder einhellige Ablehnung dieses einmaligen Vorgangs. Die Reaktion der Presse fällt allerdings völlig anders aus. Sie bezieht nicht gegen die Zensur sondern gegen Wilde und Salomé Stellung. Die Times etwa bewertet das Stück: "lt is an arrangement in blood and ferocity, morbid, bizarre, repulsive, and very offensive." (30) Statt Verurteilung liefert die Zeitung quasi eine Urteilsbegründung. Nach außen hin lässt sich Wilde durch diese bittere Stellungnahme nicht sonderlich beeindrucken. In einem Brief an den Herausgeber der Times antwortet er, selbstbewusst, wie immer, wenn er sich als Künstler an die Öffentlichkeit wendet: The opinions of English critics on a French work of mine have, of course, little, if any, interest for me. (31) Dennoch ist Wilde, wie auch im Falle Dorian Grays, von der für ihn vollkommen überraschenden Reaktion zutiefst getroffen. Seinem Freund Arthur Fish gegenüber bekennt er: I am very much hurt not merely at the action of the Licenser of Plays, but at the pleasure expressed by the entire Press of England at the suppression of my work. (32) Einmal mehr fühlt sich Wilde verletzt, einmal mehr wird ihm und seiner Kunst die gesellschaftliche Anerkennung verweigert. Maske und Mensch Um sein Leben zu leben, um zu überleben, versteckt Wilde die Zerbrechlichkeit seiner Seele hinter der Maske des über die Wirklichkeit erhabenen Künstlers. Diese Maske eines gleichgültigen Künstlers und Dandy verhüllt ganz entscheidende Züge seines wahren Gesichts, eines Gesichts, das zu kennen uns sein Werk und seine Person zugänglicher macht. Nach den hier vorgestellten Wesensmerkmalen seiner tieferen Persönlichkeit muss man von dem nicht zuletzt auch von Wilde gepflegten Bild Abschied nehmen, in ihm lediglich die Verkörperung des arbeitsscheuen und eitlen Nichtstuers zu sehen, dem sein Leben wichtiger als seine Kunst ist, dessen Werke lediglich das Abfallprodukt eines genialen Geistes sind. Wir müssen aber auch Abschied nehmen, allzu sehr den Worten Wildes zu vertrauen, zu leicht seinen Äußerungen selbst Bekannten gegenüber Glauben zu schenken. Gerade bei Wilde ist nichts, was es scheint. Ein tieferes Verständnis seines Wesens tut not. Der Mensch Wilde ist ein anderer als der Künstler oder der Dandy Wilde. Die zahlreichen Masken verbergen einen Menschen, der von der Gesellschaft, trotz seiner fortwährenden Distanz zu ihr, verstanden und akzeptiert sein möchte. Lob und Zuneigung braucht Wilde wie jeder Mensch. Versagung und Ablehnung, auch aus den Reihen des von ihm so verachteten Journalismus, treffen ihn härter, als er zugibt. Um Anerkennung zu erhalten, arbeitet Wilde unermüdlich. An jedem seiner Werke feilt und poliert er solange, bis es ihn als Künstler zufrieden stellt. Wilde und sein Werk, seine Persönlichkeit als Mensch und Künstler und das Wesen seiner Kunst über die Attribute "Dilettant und Dandy" ergründen und begreifen zu wollen, wird fehlschlagen müssen. Dieser Weg wird nicht mehr als die glänzende Oberfläche zeigen können, unter der sich eine Welt öffnet, die mit jener Oberfläche nichts gemein hat. Außen- und Innenwelt sind bei Wilde grundverschieden. Anmerkungen 1) Zitiert nach: Ellmann, Richard (Hrsg.): Oscar Wilde: A Collection of Critical Essays. Englewood Cliffs, N.J., 1969. S. 9 2) Gide, André: Oscar Wilde. London 1951. S. 29n 3) Gide, André: Oscar Wilde: A Study from the French ... (translated and introduced by Stuart Mason), Oxford 1905. S. 49 4) cf. Woodward, A. G.: Oscar Wilde. In: English Studies in Africa, 11, Sept. 1959. S. 218 5) cf. Bock, Eduard: J. Walter Parer's Einfluss auf Oscar Wilde, Bonn 1913. S. 1 6) Jackson, Holbrook: The Eighteen Nineties. London 1913. new ed. 1927. rptd. 1976. S. 86 7) Hart-Davis, Rupert (Hrsg.): The Letters of Oscar Wilde. New York & c. 1962. S. 269 (hiernach zitiert als Letters) 8) Gide, André: Oscar Wilde: A Study... op. cit. S. 48 f 9) cf. Chesson, W. H.: A Reminiscence of 1898. In: The Bookman, XXXIV, Dec. 1911. S. 393 10) cf. "New Notes". In: The Bookman, I, no. 3, Dec. 1891. S. 88 11) zitiert nach: Ellmann, Richard (Hrsg.): Oscar Wilde... op. cit. S. 104f. und S. 92 12) Hardwick, Michael: The Osprey Guide to Oscar Wilde. Reading. 1973. S. 8 13) Letters. S. 353 14) Gide, Andre: Oscar Wilde: A Study... op. cit. S. 23 15) Gide , André: Journals: 1889-1949. Harmondsworth 1967. rpd. 1978. S. 189 f 16) Eco, Umberto: Nachschrift zum "Namen der Rose". München & Wien 1984. S. 18 17) cf. Fong, Bobby: The Poetry of Oscar Wilde: A Critical Edition. Los Angeles 1978 18) cf. O'Brien, Kevin H. F. 'The House Beautiful': A Reconstruction of Oscar Wilde's American Lecture. In: Victorian Studies, XVII, June 1974. S. 395-418 19) cf. Lawler, Donald L.. Oscar Wilde's First Manuscript of The Picture of Dorian Gray. In: Studies in Bibliography, XXV, 1972. S. 125-135 20) cf. Letters. S. 305n 21) Hunter-Blair, D. O.: Oscar Wilde As I Knew Him. In: Dublin Review, CCIII, July 1938. S. 94 22) cf. Beerbohm, Max: A Peep Into the Past. privately printed, 1923. S. 10 f 23) Letters. S. 282 24) cf. Mason Stuart Art and Morality. London 1908, 1912, rptd. New York, N.Y., 1971. S. 28, 34 25) Letters. S. 257 26) ibid 27) Manuskript "Coulson Kernahan". In: William Andrews Clark Memorial Library, Los Angeles, Ca. 28) Letters. S. 267 29) Low, Sidney: Samuel Henry Jeyes: A Sketch of His Personality and Work. London 1915. S. 42 30) zitiert nach: Mason Stuart Art and Morality op. cit. S. 19 31) Letters. S. 335 f 32) ibid. S. 318. - Der vorliegende Beitrag geht in Teilen auf wissenschaftliche Untersuchungen zurück, die der Autor in: Oscar Wilde: The Picture of Dorian Gray - eine kritische Analyse der anglistischen Forschung 1962-1982. (J. Klein, Hrsg.: Aspekte der englischen Geistes- und Kulturgeschichte. Peter Lang Verlag. Frankfurt/Bern/New York/Nancy 1984) vorgestellt hat. Zum Autor Dr. Wolfgang Maier studierte Anglistik, Sportwissenschaft und Kunstgeschichte an der RWTH Aachen. Staatsexamen 1979. 1984 Promotion. Einjähriger Studienaufenthalt in London, weitere Studien in Oxford und Los Angeles. Z.Zt. Studienreferendar für das Lehramt am Gymnasium. |