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Was ist der Mensch? Am 25. Mai 1895 wurde einer der gefeiertesten Dichter seiner Zeit, Oscar Wilde, im Londoner Schwurgericht Old Bailey zu zwei Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Die Anklage hatte auf "Verletzung der Sittlichkeit" gelautet und der Vorsitzende, Richter Wills, sprach vom widerwärtigsten Fall, den er jemals verhandelt habe und beschuldigte Oscar Wilde, den Verfasser der "Salome" oder des "Dorian Gray" Mittelpunkt eines Kreises ausgedehnter Sittenverderbnis der abscheulichsten Art gewesen zu sein, - womit in der Sprachregelung der damaligen Zeit homosexuelle Kontakte gemeint waren. Und ganz London klatschte Beifall. Dieselbe Oberschicht, deren gefeierter Mittelpunkt Oscar Wilde über Jahre gewesen war, legte auf einmal größten Wert darauf, ihn nie gekannt zu haben, dieselben Damen und Herren, die eben noch allergrößte Bewunderung geäußert hatten für des Dichters geistreiche Sprüche, seine ambitionierte Selbstdarstellung, ja sogar seine Exzesse, übergossen ihn nun mit Spott und Häme. Für den Dichter selbst, der niemals ernsthaft daran geglaubt hatte, verurteilt zu werden, und schon gar nicht zu Zwangsarbeit, - denn damals war der Begriff noch wörtlich zu nehmen und bedeutete unter anderem sechs Stunden Tretmühle pro Tag, buchstäblich, eine riesige Schaufel war in ständigem Auf und Ab der Füße in Bewegung zu halten - für Oscar Wilde war es eine erschütternde, eine geradezu niederschmetternde Erfahrung, von der er sich nie mehr erholte. Am eigenen Leib musste er miterleben, was er hellsichtig einige Jahre zuvor geschrieben hatte: "Studiert man die Geschichte, so empfindet man den tiefsten Ekel nicht vor den Verbrechen, die die Bösen begangen, sondern vor den Strafen, die die Guten verhängt haben." Und die Begegnung mit einem dieser "Guten", dem Gefängnispfarrer, gehört ohne Frage zu den besonders traurigen Erfahrungen: "Haben Sie", fragte der Pfarrer, "haben Sie, Mister Wilde, stets Ihr Morgengebet verrichtet?" "Sorry,", antwortete Wilde, "tut mir leid, ich fürchte nein." "Nun, da sehen Sie, wohin das führt," gab der Geistliche zurück. Es war dieser Oscar Wilde, der im Moment seiner tiefsten Demütigung, als er unmittelbar nach dem Urteilsspruch das Gericht verließ und durch das Spalier johlender und pfeifender Zuschauer geführt wurde, trotz der Schmäh- und Schimpfworte, einen Blick hatte für einen mutigen Unbekannten, der sich vor ihm leicht verneigte und den Hut abnahm. Und der Dichter dankte ihm und sagte: "Mein Herr, Menschen sind für Geringeres ins Paradies gekommen." |