Das Gespenst von Canterville
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1. Einleitung:
In meiner Hausarbeit beschäftige ich mich zunächst mit der Definition des Fantastischen wie auch seiner Abgrenzung zu benachbarten Gattungen. Vor allem der Unterschied zwischen fantastischer Geschichte und Märchen soll verdeutlicht werden. Im Anschluss daran zeige ich die fantastischen Elemente in Oscar Wildes „Das Gespenst von Canterville“ auf, wobei ich mich sowohl mit dem Text als auch seiner filmischen Adaption von Syd Macartney auseinandersetze.

2. Definition des Fantastischen 
Wie genau das Fantastische in der Literatur definiert werden muss, ist auch heute noch sehr umstritten. Dabei ist der Ansatz Tzvetan Todorov in der Literaturwissenschaft führend. Seine Definition soll im folgenden kurz wiedergegeben werden:

Wenn in unserer vertrauten Welt ein Ereignis eintritt, das sich mit unseren Naturgesetzen nicht erklären lässt, bleiben dem Beobachter dieses Geschehnisses zwei Möglichkeiten: 

Zum einen könnte er das Ereignis für eine Sinnestäuschung halten und damit an den bestehenden Gesetzen unserer Welt festhalten. Zum anderen könnte er das Geschehene als Teil der Realität ansehen und damit einräumen, dass außer den uns bekannten Naturgesetzen noch weitere bestehen, die vom Menschen noch unerforscht sind. Der Beobachter muss sich also entscheiden, ob er den Vorgang als wahr anerkennt oder nicht. In der Unklarheit und im Zweifel darüber, ob eine Sache bzw. ein Ereignis real ist oder nicht, liegt indessen das Fantastische. Sobald der Beobachter sich dafür entscheidet, das Ereignis als Teil der Realität anzusehen, verlässt er das Gebiet des Fantastischen und überschreitet die Grenze zum Wunderbaren. Beschließt er aber, das Geschehene als eine Sinnestäuschung abzutun, wird das Fantastische zum Unheimlichen. Das Fantastische besteht also nur im kurzen Moment des Zweifels darüber, wie ein Geschehen, das offenkundig nicht mit den Naturgesetzen in Einklang zu bringen ist, eingeordnet werden soll. Mit anderen Worten beschreibt das Fantastische das Verhältnis zwischen Realität und Imagination. Wenn ein Ereignis sowohl eine natürliche als auch eine übernatürliche Ursache haben kann, liegt in der Unschlüssigkeit darüber das Fantastische. 

Nun ergeben sich für einen fantastischen Text folgende Bedingungen:

Zum einen muss der Leser die Welt der handelnden Personen wie eine Welt lebender Personen betrachten. Bei den Geschehnissen, mit denen die Protagonisten konfrontiert werden, muss er unschlüssig sein, ob diese eine natürliche oder eine übernatürliche Ursache haben. Zweitens kann diese Unsicherheit, was die Ursache von Ereignissen angeht, auch von einem der Protagonisten im Text verspürt werden. Dadurch wird die Unschlüssigkeit zu einem Thema des Werkes und hat somit den Effekt, dass der Leser sich mit dem Protagonisten identifiziert. Drittens muss der Leser dem Text gegenüber eine bestimmte Haltung einnehmen. Er darf das Werk weder auf allegorische noch auf poetische Weise interpretieren. Mit anderen Worten darf er weder die Einstellung vertreten, dass alles im Text im übertragenden Sinne verstanden werden muss, noch davon ausgehen, dass dem Text keine tiefere Bedeutung zugrunden liegt. Während die erste und die dritte Bedingung gattungskonsistierend, d.h. unabdingbar für ein fantastisches Stück sind, ist die Einhaltung der zweiten Bedingung dem Autor überlassen und nur eine Variationsmöglichkeit. (Vgl. Todorov, Tzvetan: Einführung in die fantastische Literatur. München: Carl Hanser Verlag, 1972, S. 25-55) 

3. Unterschiede zwischen Märchen und fantastischer Geschichte
Zwischen der Gattung der Märchen, wobei hierbei keine Unterscheidung zwischen Volksmärchen und Kunstmärchen von Nöten ist, und der Gattung der fantastischen Literatur bestehen einige grundlegende Unterschiede. Als Gemeinsamkeit kann zunächst angefügt werden, dass es im Märchen als auch der fantastischen Geschichte Ereignisse und Wesen gibt, die fundamental-ontologische Basispostulate verletzen und somit nicht mit unseren Naturgesetzen erklärt werden können. Der Unterschied liegt nun vor allem in der Präsentation dieser Ereignisse und Wesen. Im Märchen löst das Übernatürliche keinerlei Überraschung aus. Die Protagonisten gehen ganz selbstverständlich mit den Zauberwesen bzw. Zauberdingen, mit denen sie konfrontiert werden um, und zögern nicht einen Moment, von diesen Gebrauch zu machen. Ihre Existenz wird keinen Moment angezweifelt. Daher ist sich auch der Leser nicht im Unklaren darüber. Das Übernatürliche wird sowohl von den Protagonisten als auch vom Leser als Teil der Realität anerkannt. Das Märchen präsentiert also mit anderen Worten eine andere Welt mit eigenen Regeln neben der uns bekannten Welt mit denen ihr eigenen Gesetzen. Die Fantastik schafft jedoch eine Welt in unserer Welt. Die übernatürlichen Ereignisse geschehen nicht in einer Welt, die der Leser sogleich als Märchenwelt empfindet, sondern in der uns vertrauten Realität. Gerade dies macht das Fantastische aus: Die Ungewissheit darüber, wie ein Geschehen, das sowohl eine übernatürliche als auch eine natürliche Ursache haben kann, mit der Realität in Verbindung gebracht werden kann.

Des weiteren gibt es in der fantastischen Literatur - und hier weicht die Definition der fantastischen Literatur bei Marianne Wünsch von der Todorovs ab - immer eine „représentation du lecteur“ (1), d.h. mindestens ein Protagonist nimmt in der Geschichte die Rolle des kritisch-rationalen Lesers ein, indem er den übernatürlichen Phänomenen mit Verwunderung gegenübersteht und an ihrem Realitätsanspruch zweifelt. Diese Repräsentation des Lesers kann jedoch auch durch einen bloßen Verweis auf eine Person oder eine Gruppe sein, die ihre Zweifel an den Vorkommnissen geäußert haben. (Vgl. Wünsch, Marianne: Die fantastische Literatur der frühen Moderne: (1890-1930); Definition; Denkgeschichtlicher Kontext; Strukturen. München: Wilhelm Fink Verlag, 1991. S. 25-43)

4. Die fantastischen Elemente in Oscar Wildes „Das Gespenst von Canterville“

4.1 Textuelle Umsetzung
Schon das Setting der Erzählung weist auf eine schaurige Geschichte hin. Der Handlungsort ist Schloss Canterville, ein altes englisches Adelsanwesen, von dem alle Welt zu wissen glaubt, dass es dort spukt. Da jedoch die neuen Besitzer des Gutes, die Otis-Familie, keineswegs an Geister glauben und den Schilderungen Lord Cantervilles stets eine rationale Erklärung entgegenzusetzen haben, kommt der Leser ins Zweifeln. Denn sowohl die Ausführungen des Lords als auch die Pragmatismen des Botschafters scheinen ihre Berechtigung zu haben. Die Existenz des Gespenstes wird um so wahrscheinlicher, als dass es mehr als nur einen Zeugen des Spuks gibt: 

„When Mr. Hiram B. Otis, the American minister, bought Canterville Chase, every one told him he was doing a very foolish thing, as there was no doubt at all that the place was haunted.“ (2)

Die Worte „no doubt“ lassen die Existenz des Geistes als eine erwiesene Tatsache erscheinen. Da sich der Leser jedoch eher mit den modernen, rationalen Ansichten des Botschafters identifiziert als mit denen des Lords,  entsteht durch die Unschlüssigkeit des Lesers darüber, wem er Glauben schenken soll, schon gleich zu Anfang der Geschichte Fantastik. Vor allem der Spott, mit dem sich beide Parteien, überzeugt von ihrer jeweiligen Meinung, begegnen, verunsichert den Leser. Wilde stellt darüber hinaus - um die Wirkung der gegensätzlichen Auffassungen noch zu verstärken - Extremtypen gegenüber: Zum einen den englischen Lord, der auf eine lange Tradition von durch den Spuk verstorbener Adelsverwandten zurückblicken kann, zum anderen die modernen, pragmatischen Amerikaner, die als extrem rational und „extremely sensitive“ (3) geschildert werden. 

Der Natur wird im Verlauf der Geschichte eine große Bedeutung zugesprochen. Die Umgebung des Schlosses wird zu Anfang noch als sehr romantisch und idyllisch geschildert: 

„It was a lovely July evening, and the air was delicate with the scent of the pinewoods. Now and then they heard a wood pigeon brooding over its own sweet voice, or saw, deep in the rustling fern, the burnished breast of the pheasant. Little squirrels peered at them from the beech-trees as they went by, and the rabbits scudded away through the brushwood and over the mossy knolls, with their white tails in the air.“ (4)

Die Atmosphäre verändert sich jedoch schlagartig, als die neuen Besitzer das Schloss erreichen: 

„As they entered the avenue of Canterville Chase, however, the sky became suddenly overcast with clouds, a curious stillness seemed to hold the atmosphere, a great flight of rooks passed silently over their heads, and, before they reached the house, some big drops of rain had fallen.“ (5)

Die Natur und das Wetter werden im folgenden immer wieder drohendes Unheil ankündigen und die Wirkung des Fantastischen auf den Leser dadurch unterstreichen. 

Ein weiteres Beispiel für die Irreführung des Lesers ist der Blutfleck in der Bibliothek, der nach Aussage der Haushälterin von der ermordeten Lady Canterville stammen soll und nicht entfernt werden kann. Diesem Spuk haben die modernen Amerikaner sofort den Fleckweg-Stift entgegenzusetzen und zunächst weicht das Übernatürliche dem Rationalismus. Doch der rational-kritische Ansatz wird durch die Rückkehr des Flecks in Frage gestellt. Der Leser gerät, wie die Protagonisten, in Zweifel, ob die vertrauten Naturgesetze hier noch greifen können. Ein Moment des Fantastischen. Er bleibt so lange bestehen, bis gegen Ende der Erzählung Virginia das Geheimnis des Blutflecks als einen Schwindel auffliegen lässt. Die Fantastik findet an dieser Stelle jedoch auf zwei Ebenen statt: Zum einen verwendet Wilde hier die von Todorov geprägte representation du lecteur, d.h. das rationale Weltbild der Protagonisten, mit denen sich der Leser identifiziert, gerät ins Wanken,  zum anderen wird dadurch auch der Leser in Unsicherheit versetzt. 

Andererseits wird der Zweifel der Protagonisten jedoch auch dahingehend abgeschwächt, als dass die Familie nach ein paar Tagen beginnt, Wetten auf die Farbveränderung des Flecks abzuschließen. Das Übernatürliche wird also auch weiterhin keineswegs ernst genommen, sondern sorgt eher für Erheiterung und Spott. 

Auch durch die unerwarteten Reaktionen der Amerikaner auf das Gespenst wird der Leser verunsichert. Obwohl Wilde sich vieler Elemente und Motive des Schauerromans bedient, reagieren die Protagonisten keineswegs eingeschüchtert und verängstigt, sondern wirken rationaler denn je. Ein Beispiel hierfür ist das erste Erscheinen des Gespenstes auf dem Flur: Der Auftritt des alten Cantervilles könnte gruseliger und unheimlicher nicht inszeniert sein. Und doch macht der Botschafter ganz und gar nicht den Eindruck, als stünde er gerade einem furchtbar anzusehenden Untoten gegenüber. Die Erscheinung scheint keinerlei Eindruck auf ihn zu machen und im gewohnten Pragmatismus stellt er die Identität des Übernatürlichen in Frage. Durch den anschließenden Angriff der Zwillinge, die zunächst auch einen unheimlichen Eindruck auf den Leser machen („two little white-robed figures appeared“ (6)), wird das Übernatürliche erneut lächerlich gemacht. 

Ein weiterer Faktor, welcher den Zuschauer verunsichert, ist die Charakterisierung des Gespenstes selbst. Auf der einen Seite werden seine vielen Taten geschildert und die vielen Todesfälle, die in der Übertriebenheit ihres Eintretens auf den Leser einen fast lächerlichen Eindruck machen. Der Geist bildet sich durchaus etwas auf diese Taten ein und muss demzufolge einmal sehr schreckenseinflößend gewesen sein. Daher ist seine Beschreibung in der Gegenwart mehr als überraschend. Sie steht im totalen Gegensatz zu den unheimlichen Schreckenstaten der Vergangenheit. Nach dem Einzug der Otis-Familie auf Schloss Canterville hat das Gespenst all seine Macht verloren. Es kämpft permanent um seine Identität als Geist, wird in seinem Streben nach Anerkennung jedoch sogar Opfer zweier kleiner Kinder. Immer wider ordnet Wilde dem Gespenst menschliche Züge zu: Es verfällt heftigen Gemütsbewegungen, gerät außer Atem, schürft sich die Knie auf und bricht sich sogar einen Finger. Durch die mitleidserregende Darstellung des Geistes empfindet der Leser Sympathie für ihn und beginnt, sich ein Stück weit mit ihm zu identifizieren. Da er sich jedoch zugleich mit der rationalen Gegenseite, der Otis-Familie, identifiziert, die als moderne Menschen den Spuk nicht ernst nehmen, gerät der Leser immer wieder in Verunsicherung und Zweifel, wie er das Gespenst in seine Realitätsvorstellung einordnen soll. 

Ein weiterer unheimlicher Moment ist die Entdeckung des vermeintlichen zweiten Gespenstes in Washingtons Zimmer. Durch die genaue Beschreibung des Wesens wird der Leser dazu verleitet, auch dieses Gespenst als real anzusehen. Dass sogar der Canterville-Geist bei seinem Anblick in Panik gerät, zeugt von seiner Wirklichkeit. Auf der anderen Seite kennt der Leser die Einstellung der Protagonisten dem Gespenst gegenüber und weiß, dass sie ihm mehr als einmal einen bösen Streich gespielt haben. Er ist sich also im Unklaren darüber, ob das, was das Gespenst in Washingtons Zimmer erblickt hat, real ist oder nicht. Dieser Zweifel wird jedoch bald darauf durch den zweiten Besuch des Geistes im Zimmer des jungen Mannes beiseite geräumt. Die Tafel, die er angebracht hat, zieht das Übernatürliche mal wieder ins Lächerliche, was seinen Teil dazu beiträgt, dass der Leser an dessen Realitätsanspruch einmal mehr zu zweifeln beginnt.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass das Übernatürliche gegen Ende der Geschichte teilweise als blanker Betrug dargestellt wird. Die Farbänderung des Blutflecks auf dem Boden der Bibliothek hat keineswegs eine übernatürliche Ursache, sondern ist nur darauf zurückzuführen, dass der Geist die Farben aus Virginias Malkasten entwendet hat. Das Bild, das der Canterville-Geist von sich selbst hat und das er stets bemüht ist aufrecht zu erhalten, nämlich das des mächtigen, furchteinflößenden Gespenstes, das so viele Menschen auf dem Gewissen hat, wird immer wieder durch die Realität zum Einsturz gebracht. Auch dies trägt letzten Endes zur Unsicherheit des Lesers bei. 

Auch der christliche Schluss der Erzählung ist ein fantastischer Moment. Durch eine Prophezeiung auf einem Fenster der Bibliothek wird die Erlösung des Gespenstes und das damit einhergehende Ende des Spuks auf Schloss Canterville vorausgesagt. Der Autor klärt den Leser jedoch nicht auf, ob das Gespenst wirklich dadurch verschwindet, dass Virginia es in den Garten des Todes begleitet, oder ob es eine rationale Erklärung gibt. Dass genau jene Ereignisse eintreffen, die in der Prophezeiung geschrieben stehen, verunsichern den Leser. Des weiteren wird nicht geklärt, ob Virginia sich die Ereignisse im Kaminzimmer nur einbildet („On the faded green tapestry were broidered little huntsmen. They blew their tasselled horns and with their tiny hands waved to her to go back. “Go back! Little Virginia,“ they cried, „go back!” [...] Horrible animals with lizard tails, and goggle eyes, blinked at her from the carven chimney-piece, and murmered „Beware! Little virginia, beware! We may never see you again.““ (7)) oder ob sie - entgegen aller rationalen Wahrscheinlichkeit - Realität sind. Auch wird der Verbleib Virginias, während Vater und Verlobter die Umgebung nach ihr absuchen, nie geklärt, da sie sich weigert, darüber Auskunft zu geben. Die zunächst als wahrscheinlich anzusehende, rationale Erklärung für ihr Verschwinden stellt sich sehr schnell als Fehlschluss heraus, nachdem die Zigeuner als Entführer ausgeschlossen werden können. Ihre plötzliche Rückkehr ist ebenfalls von gruseligen Umständen begleitet: 

„Just as they were passing out of the dining room, midnight began to boom from the clock tower, and when the last stroke sounded they heard a crash and a sudden shrill cry; a dreadful peal of thunder shook the house, a strain of unearthly music floated through the air, a panel at the top of the staircase flew back with a loud nose, and out on the landing, looking very pale and white, with a little casket in her hand, stepped Virginia.“ (8)

Doch auch diese unheimliche Szene macht keinen wirklichen Eindruck auf die rationalen Amerikaner. Der besorgte Vater rät ihr nur, in Zukunft dergleichen durchtriebene Späße zu unterlassen. Auch diese unerwartete Reaktion des Botschafters stürzt den Leser in Verwirrung. 

Der Realitätsanspruch der Geschichte bleibt indessen ungeklärt. Es werden keine Erklärungen gegeben. Virginia, die einzige, die zur Aufklärung der Ereignisse beitragen könnte, hüllt sich in Schweigen. 

4.2 Filmische Umsetzung
Die Verfilmung des Textes von Syd Macartney verzichtet größtenteils auf fantastische Elemente und setzt einen größeren Schwerpunkt auf die Liebesgeschichte zwischen Virginia und Francis. Der Film richtet sich kaum nach der Textvorgabe und entwickelt eigene Handlungen und Motive. Einige fantastische Momente blieben indessen erhalten:

Einen guten Ausgangspunkt für eine fantastische Geschichte liefert der schon zu Beginn aufgezeigte scharfe Kontrast zwischen den modernen Amerikanern und dem noch in seinen Traditionen verankerten, ländlichen England, das im Gegensatz zu den mit dem Flugzeug angereisten Amerikanern noch auf dem Stand der 30er Jahre stehen geblieben zu sein scheint. Beispiele dafür sind der Wagen, mit denen Hiram Otis seine Familie vom Bahnhof abholt, die Mode der Canterviller, das heute nicht mehr übliche Dienstpersonal und der Pub, in dem der Wirt alle nur denkbaren, wichtigen Funktionen des Ortes einnimmt, vom Polizisten bis zum Tierarzt. 

Die gruseligen Ereignisse auf Schloss Canterville werden von zwei Instanzen vorausgesagt: Zum einen sind da die Menschen, welche die Otis-Familie komisch anschauen. Dies lässt beim Leser die Vermutung zu, dass mit der neuen Behausung vielleicht irgendetwas nicht stimmt. Dazu kommen die Andeutungen, welche die Umneys gegenüber den neuen Mietern machen. Dass diese nicht wirklich mit der Wahrheit rausrücken, sondern nur mit Wortfetzen Vorausdeutungen machen, hebt die Spannung auf das, was kommen mag. 

Der erste fantastische Moment im Film ist die Szene, in denen die Kinder zum ersten Mal gruselige, jedoch auch zugleich an heulenden Wind erinnernde Stimmen hören. Die Kinder denken sofort an Spuk, die Umney und die Otis-Eltern streiten dies jedoch sofort ab. Die Unsicherheit der Kinder, ob das, was sie gehört haben, tatsächlich nur der Wind war, oder vielleicht doch ein Gespenst, macht das Fantastische aus. 

Im folgenden stehen sich zwei Parteien gegenüber: Die Kinder, das heißt die beiden Jungen und Virginia, sind von der Existenz des Gespenstes überzeugt, der Vater jedoch, der - wie auch häufig im Film erwähnt - „der große Wissenschaftler“ ist, gibt immer wieder rationale Erklärungen und lehnt die Realität des Übernatürlichen konsequent ab. Zum Teil wird, wenn etwas Übernatürliches passiert, von den Protagonisten immer wieder versucht, alles als einen Dummen-Jungen-Streich abzutun. Die rationale Erklärungsversuche greifen jedoch nur so lange, bis die Kinder das Gespenst mit eigenen Augen sehen. Sie zweifeln infolgedessen nicht länger und betreten den Bereich des Wunderbaren. Der Vater bleibt jedoch bis kurz vor Ende des Films bei seiner extrem-rationalen Einstellung, verdächtig sogar seine Tochter, den Spuk inszeniert zu haben. Die Mutter bleibt hingegen fast die ganze Handlung hindurch im Bereich des Fantastischen, da sie sich hin und hergerissen fühlt zwischen ihren Kindern, die den Geist längst als real anerkannt haben, und ihrem Mann, der ihn vehement ablehnt. Sie drückt sowohl den Kindern als auch ihrem Mann gegenüber immer wieder ihre Zweifel aus. 

Für die Darstellung des Übernatürlichen greift der Regisseur weitestgehend Wildes Mittel auf: Das Wetter spielt auch hier eine wichtige Rolle. Sturm und Regen kündigen die unheimlichen Ereignisse an und untermalen ihre Schreckenswirkung. Düstere Flure, Geheimgänge, Spinnenweben, geheimnisvolle Bücher und unerklärliche Geräusche, wie beispielsweise der Knall beim Entfernen des Blutflecks in der Bibliothek, sind Motive des Schauerromans und unterstützen die Wirkung des Fantastischen. 

Der Spuk findet, ähnlich wie bei Wilde, in der Nacht statt. Eine Nahaufnahme der Standuhr in der Bibliothek, die Mitternacht schlägt, kündigt dem Zuschauer jedes Mal die Geisterstunde an und lässt ihn auf die nächste Geistererscheinung gespannt warten. 

Obwohl die fantastischen Motive im Film rar sind, bleiben die wenigen verwendeten durch die erwähnte Personenkonstellation bis zum Ende erhalten und ziehen sich wie ein roter Fade durch den Film.

5. Fazit:
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Wilde in seinem Text eine Vielzahl von fantastischen Momenten verwendet, obwohl der Schwerpunkt - wie im Film - dennoch ein anderer ist. Wilde benutzt die Fantastik um durch ihre ironische Darstellung den Kampf des Gespenstes um Identität und Anerkennung zu unterstreichen. Im „Gespenst von Canterville“ wird das Übernatürliche zu keinem Zeitpunkt wirklich ernst genommen. Wann immer das Gespenst einen Plan gefasst hat, mit dem es seine Existenz beweisen könnte und sich Respekt von der Otis-Familie verdienen könnte, wird er auf groteske Weise vereitelt und das Übernatürliche bloßgestellt. Das Fantastische kann bei Wilde daher nur als Mittel zum Zweck verstanden werden, denn die Geschichte handelt nicht von einem spukenden Schloss, sondern dem vergeblichen Kampf um Identität. 

Auch im Film werden die fantastischen Momente dazu eingesetzt, die eigentliche Handlung voranzutreiben. Der Spuk führt, wie Virginia am Ende selbst sagt, die beiden Liebenden zu einander, auf die der Regisseur augenscheinlich den Schwerpunkt gesetzt hat. Der Film kann nicht den Anspruch erheben, eine Wilde-Verfilmung zu sein, da die Handlung fast gänzlich neu erfunden wurde und kaum etwas vom Original in den Plot eingearbeitet wurde, sondern muss sich mit dem Status einer Teenager-Liebesgeschichte zufrieden geben. Auch hier ist die Rolle des Fantastischen nur untergeordnet zu sehen, wobei sie im Gegensatz zum Text nicht mit Ironie belegt ist.  

1)       Todorov, Tzvetan: Einführung in die fantastische Literatur. München: Carl Hanser Verlag, 1972. S. 38

2)       Wilde, Oscar: The Canterville Ghost. Milano: La Spiga, 1991. S. 2

3)       Wilde, Oscar: The Canterville Ghost. Milano: La Spiga, 1991. S. 6

4)       Wilde, Oscar: The Canterville Ghost. Milano: La Spiga, 1991. S. 8

5)       Wilde, Oscar: The Canterville Ghost. Milano: La Spiga, 1991. S. 8

6)       Wilde, Oscar: The Canterville Ghost. Milano: La Spiga, 1991. S. 16

7)       Wilde, Oscar: The Canterville Ghost. Milano: La Spiga, 1991. S. 58

8)       Wilde, Oscar: The Canterville Ghost. Milano: La Spiga, 1991. S. 65-66

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