Marcel Proust - 1871-1922


Marcel ProustFranzösischer Schriftsteller. Sein siebenteiliges Lebenswerk À la recherche du temps perdu (1913-1927; Auf der Suche nach der verlorenen Zeit) gehört mit Ulysses von James Joyce und Der Mann ohne Eigenschaften von Robert Musil zu den größten Romanepen des 20. Jahrhunderts und der Weltliteratur überhaupt.

Proust wurde am 10. Juli 1871 in Paris geboren. Nach einem (abgebrochenen) Studium der Rechts- und Literaturwissenschaft arbeitete er kurzzeitig als Angestellter der Bibliothèque Mazarine im Pariser Palais de l'Institut, bevor er begann, in den mondänen Pariser Salons die Existenz eines Lebemannes zu führen. Nur hin und wieder unternahm er Reisen, so nach Venedig.

Nach dem traumatisch empfundenen Tod seiner Mutter 1905 floh Proust, der zudem seit seiner Kindheit an einer Asthmaerkrankung litt, aus der rauschhaften Salonatmosphäre ins selbst gewählte Exil des Privatlebens. Er verbrachte den Rest seines Lebens in einem schalldichten, mit Korkplatten isolierten Raum am Pariser Boulevard Haussmann. Dort widmete er sich seit 1908 mit manischer Akribie dem Romanzyklus À la recherche du temps perdu. Nebenbei versuchte er sich als Übersetzer John Ruskins und schrieb zwischen 1908 und 1910 die essayistische Polemik Contre Saint-Beuve (Gegen Saint-Beuve), die thematisch direkt mit der Entstehung der Recherche in Verbindung steht.

Proust starb am 18. November 1922, kurz nachdem er seinen Romanzyklus beendet hatte, in Paris. Er konnte die Schlusskorrekturen der Druckfassung zum Teil noch selbst ausführen: Dabei fügte er dem vorhandenen Text immer wieder längere Passagen hinzu. Die letzten drei Bände des Romans jedoch wurden aus dem Nachlass herausgegeben.

Werk

Prousts erste Publikation Les plaisirs et les jours erschien 1896 (unter dem Titel Tage der Freuden 1926 auf Deutsch). Ebenso wenig wie der zwischen 1896 und 1904 entstandene und erst aus dem Nachlass herausgegebene Roman Jean Santeuil lässt diese im Selbstverlag gedruckte Sammlung von Prosaskizzen und Erzählungen die Formvollendung der Recherche erkennen. Doch hat bereits André Gide darauf aufmerksam gemacht, dass in Les plaisirs et les jours das Themenspektrum von Prousts Meisterwerk (Subjektivitätsproblematik, Mutterbindung, Krankheit, Tod, der Snobismus der Pariser Gesellschaft etc.) ansatzweise bereits vorhanden ist. Und auch in Jean Santeuil wird die Grundkonstellation der Recherche (der übersensible Held und seine geliebte Mutter, das großbürgerliche Milieu etc.) bereits deutlich, wenn auch das zentrale Moment der unwillkürlichen Erinnerung (memoire involontaire) noch fehlt.

À la recherche du temps perdu (1913-1927)

Den ersten Teil der Recherche, Du côté de chez Swann (1913; In Swanns Welt, 1926), hatte Proust noch auf eigene Kosten drucken müssen: Er stieß zudem auf keinerlei Resonanz bei Publikum und Literaturkritik. Dies änderte sich schlagartig, als der zweite Teil À l'ombre des jeunes filles en fleurs (1919; Im Schatten junger Mädchenblüte, 1926) kurz nach seinem Erscheinen den renommierten Literaturpreis Prix Goncourt gewann. Die beiden nachfolgenden Teile, Le côté de Guermantes (2 Bde., 1920/21; Die Welt der Guermantes, 1930) und Sodome et Gomorrhe (2 Bde., 1921-1923; Sodom und Gomorra) fanden ebenfalls großen Anklang. Nach Prousts Manuskripten posthum veröffentlicht wurden La prisonnière (1923; Die Gefangene, 1957), Albertine disparue (2 Bde., 1925; Die Entflohene, 1957) und Le temps retrouvé (2 Bde., 1927; Die wiedergefundene Zeit, 1957).

In seinem Romanzyklus À la recherche du temps perdu versuchte Proust in der Isolation seines Zimmers nicht zuletzt die eigene Vergangenheit in der Erinnerung literarisch wieder aufleben zu lassen. Deshalb verlieh er dem Icherzähler, einem durch seine Krankheit sensibilisierten Mitglied der Pariser Oberschicht, deutlich autobiographische Züge. Als Gesellschaftsporträt beleuchtet der Roman die Rituale der Pariser Bourgeoisie und den Verfall der französischen Aristokratie zum Ausklang des 19. Jahrhunderts. Dennoch sollten der Name des Icherzählers (Marcel), die Wahl der Orte (Paris, Venedig, verschiedene Kleinstädte) sowie die Ähnlichkeiten der Handlung mit Erlebnissen Prousts nicht zu dem Fehlschluss einer rein autobiographischen Lesart verführen. Ist doch das Romangeflecht, das sich kaum auf eine stringente Handlung reduzieren lässt, mit seinen verschiedenen zeitlichen und räumlichen Schichten vor allem ein Kunstwerk, dessen Reiz in der erkenntnistheoretischen und ästhetischen Durchdringung seines Themas liegt. Dabei wird die Vorgabe eines realistischen Schreibens zwar genutzt, gleichzeitig aber versucht, eine der Moderne angemessene, vielgestaltige, dabei aber dennoch weitgehend psychologische Erzählposition einzunehmen.

Denn die Recherche beschreibt das genaue Ausloten des Bewusstseins (und Unterbewusstseins) des Icherzählers mit Hilfe seiner Erinnerung. Oftmals wird diese Erinnerung (memoire) vom Protagonisten bewusst herbeigeführt. Hin und wieder aber kommt sie unwillkürlich, ausgelöst durch vertraute Sinneseindrücke, herbei (memoire involontaire). Dieser Aspekt - und seine von Proust beschriebenen Folgen - haben den Romanzyklus berühmt gemacht. Die Erinnerung allein, die die früheren Bewusstseinsstufen heraufbeschwört, gibt dem zerrissenen Subjekt Marcel eine gewisse Einheit wieder. Das berühmteste Beispiel einer solchen unwillkürlichen Erinnerung ist in der so genannten Madelaine-Episode des Romans beschrieben: Hier bringt der Geruch eines in Lindenblütentee getauchten Gebäckstückes dem Erzähler plötzlich und unerwartet die Erlebnisse der Jugend ins Gedächtnis. Vergangenheit und Gegenwart vermischen sich zu einem Ganzen. Bei seiner Auffassung von Zeitlichkeit und Erinnerung ließ sich Proust deutlich von den Theorien des französischen Philosophen Henri Bergson inspirieren, der durch seine Schriften auch andere Darstellungen unwillkürlicher Erinnerung in der modernen Literatur (etwa von Joyce und Musil) prägte.

Nachwirkung

Prousts Romanzyklus übte großen Einfluss auf die Literatur des 20. Jahrhunderts aus, so auf den Nouveau roman und die Prosa Hermann Burgers. Samuel Beckett spielt im absurden Theaterstück En attendant Godot (1953; Warten auf Godot) in der Eingangsszene versteckt auf eine in der Recherche geschilderte Erfahrung unwillkürlicher Erinnerung an. Bei Beckett als einem absurden Autor allerdings läuft sie ins Leere. Das unterscheidet ihn von Proust, der in der einheitsstiftenden Funktion des Kunstwerkes zumindest noch Sinn erkennt. 1931 schrieb Beckett seinen berühmten Essay Marcel Proust, in dem er, ausgehend von Studien zur Zeitauffassung Henri Bergsons, das Modell der "unwillkürlichen Erinnerung" untersuchte und zugleich zentrale Gedanken seines eigenen Schaffens - so z. B. die Idee einer ästhetischen "Verdichtung" von Welt im Kunstwerk - vorwegnahm. Im Einakter Krapp's Last Tape persiflierte Beckett 1958 Prousts "mémoire involuntaire" mit der Erkenntnis der Titelfigur: "Hörte mir soeben den albernen Idioten an, für den ich mich vor dreißig Jahren hielt." 1984 wurden Auszüge aus dem ersten Teil der Recherche unter dem Titel Eine Liebe von Swann von Volker Schlöndorff verfilmt (mit Alain Delon, Jeremy Irons). Unter anderem Walter Benjamin, François Mauriac, Vladimir Nabokov, André Maurois, Maurice Blanchot, Paul de Man und Gilles Deleuze setzten sich theoretisch mit Proust und seinem Werk auseinander.

zurück