André Gide - 1869-1951


André Gide Französischer Schriftsteller, geboren und gestorben in Paris. Bekannt wurde er durch Romane, Theaterstücke und autobiographische Werke, die durch ihre gründliche Analyse individueller Selbstbestimmung und das für Gide typische bedingungslose Eintreten für Freiheit und Würde des Menschen bestechen. Zusammen mit seinen kritischen Werken hatten sie einen tief greifenden Einfluss auf die französische Literatur und Philosophie der Moderne.

Gide wurde am 22. November 1869 in Paris in eine streng protestantische Familie geboren und studierte an der École Alsacienne und am Lycée Henri IV. In seinem ersten Buch Les Cahiers d'André Walter (1891, Die Aufzeichnungen und Gedichte des André Walter) beschrieb er den religiösen und romantischen Idealismus eines unglücklichen jungen Mannes. Gides frühe Werke zeugen von seiner Nähe zu den Symbolisten, doch bereits 1894 entwickelte er eine eigene individualistische Sichtweise, die sich auch in seinem Stil ausdrückte. Beeinflusst u. a. von Pascal und Nietzsche predigte er in dem Roman Les nourritures terrestres (1897, Uns nährt die Erde) die Lehre des aktiven Hedonismus. Später widmete er sich in seinen Werken der Untersuchung der persönlichen Freiheit und Selbstverantwortung, die er aus verschiedenen Blickwinkeln darstellte. L'immoraliste (1902, Der Immoralist) und La Porte étroite (1907, Die enge Pforte) enthalten Studien zu individuellen Moralbegriffen, die im Widerspruch zur üblichen Moral stehen und für Gides Abneigung jeglicher Konventionen sprechen. Das macht ihn mit Gabriele D'Annunzio vergleichbar. Auch der Roman Les Caves du Vatican (1914, Die Verliese des Vatikan), der für Gides antiklerikale Haltung kritisiert wurde, diskutiert die Möglichkeiten vollkommen autonomer Selbstbestimmung. Die Erzählung La Symphonie pastorale (1919, Die Pastoralsymphonie, verfilmt 1947) befasst sich mit Liebe und Verantwortung und spiegelt damit das moralische Dilemma wider, dem sich Gide selbst zeit seines Lebens ausgesetzt sah. Probleme von Mittelschichtfamilien und die Schwierigkeiten des Erwachsenwerdens thematisierte Gide in seinen autobiographischen Notizen Si le grain ne meurt (1923, Stirb und Werde). Zu seinen bedeutendsten Arbeiten gehört der experimentelle Roman Les faux-monnayeurs (1925, Die Falschmünzer), in dem der Autor selbst als handelnde Figur auftritt und der auf verschiedenen Handlungs- und Reflexionsebenen einen eigenen Kosmos einer "gefälschten" Wirklichkeit entwirft. Dadurch spiegelt die Struktur des Romans jene von Gide beklagte Diskrepanz "zwischen den Tatsachen, die von der Realität vorgeschlagen werden, und der idealen Realität".

Gides Beschäftigung mit der individuellen moralischen Verantwortung des Individuum ließen ihn die Öffentlichkeit suchen. Nachdem er in der Normandie politische Stadtämter innehatte, wurde er von 1925 bis 1926 Sonderbeauftragter des Kolonialministeriums und verfasste zwei Bücher, in denen er die Verhältnisse in den afrikanischen Kolonien Frankreichs beschrieb. Diese Berichte, Voyage au Congo (1927) und Le Retour du Tchad (1927), trugen maßgeblich zur Durchführung von Reformen im französischen Kolonialrecht bei. Die deutsche Ausgabe fasst beide unter dem Titel Kongo und Tschad (1930) zusammen. In den frühen dreißiger Jahren hatte Gide seine Bewunderung und Hoffnung für das kommunistische "Experiment" in der UdSSR ausgedrückt, nach einer Reise in die Sowjetunion jedoch schilderte er seine Enttäuschung in Retour de l'U.R.S.S. (1936, Zurück aus Sowjet-Rußland). Ein Großteil von Gides kritischen Studien erschien in der La Nouvelle Revue Française, einer literarischen Zeitschrift, die er 1909 mitbegründet hatte und die einen beträchtlichen Einfluss auf die intellektuellen Kreise Frankreichs ausübte. Auch in Deutschland wurden seine dort erschienenen Aufsätze rezipiert, namentlich u. a. von Thomas Mann. In seinen Aufsätzen befasste sich Gide vor allem mit dem Seelenleben kreativer Künstler.

Zu Gides dramatischen Werken gehören die Versdramen Le Roi Candaule (1901, Der König Candaules) und Saül (1902, Saul) sowie seine Übersetzungen von Shakespeares Antonius und Cleopatra und Hamlet ins Französische. Darüber hinaus übersetzte er Marriage of Heaven and Hell (Die Vermählung von Himmel und Hölle) von William Blake aus dem frühen 19. Jahrhundert und Auszüge der Werke Walt Whitmans aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Die Veröffentlichung von Gides Journal (4 Bände, 1939-1951), einer Reihe literarischer Tagebücher, erregten weltweit kritisches Interesse. 1947 erhielt Gide den Nobelpreis für Literatur. Er starb am 19. Februar 1951 in Paris.

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