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Fiktives Interview
Das
Männermagazin GQ veröffentlichte in seiner Ausgabe vom Mai 1998 ein
fiktives Interview mit Oscar Wilde. Die Antworten sind den Reden und
Schriften Wildes entnommen.
Oscar
Wilde ist einer der Großen des vergehenden Jahrhunderts. Ein Genie. Eine
unsterbliche Provokation. Er ist so lebendig, dass wir uns entschlossen
haben, ihn um seine Meinung zu fragen. Nach kurzem Zögern war er bereit,
einige unserer brennenden Fragen hintersinnig zu beantworten.
Mr.
Wilde, Sie wohnen jetzt in Paris. Warum haben Sie England verlassen?
Weil der Tee immer schlechter wurde und die Spiegel auf den Bahnhöfen
ungeputzt blieben. Für einen Mann von Stil wird es immer schwieriger, in
England zu leben. Besonders, seit die Upper class das Proletariat
imitiert.
Harrods
hat inzwischen einen arabischen Besitzer, Mohammed Al-Fayed ...
Soll mir recht sein. Ich habe mal einen Araber gekannt, eine wunderbare
Gestalt; leider ist das schon eine Weile her.
...er
sagte kürzlich, die britische Oberklasse sei eine Verschwörung von
Verbrechern, Schwulen und Rassisten.
Das hört sich vielversprechend an. Aber ich fürchte, es ist ein frommer
Wunsch. So originell kann die englische Oberklasse gar nicht sein. Sie ist
zu langweilig, um Sünden zu begehen, und viel zu kraftlos, um die Moral
zu untergraben.
Immerhin
hört man gelegentlich von einem Lord, der in Pumps und Frauenunterwäsche
in einem fragwürdigen Apartment angetroffen wird.
Wundervoll! Haben Sie die Adresse?
Und
Al-Fayed spielte wohl auch viel eher auf ein Ereignis in einem Pariser
Straßentunnel an. Er meint, es war kein Unfall.
Es kann kein Unfall gewesen sein. Für jeden Menschen gibt es nur einen
einzigen Unfall. Und der ereignet sich vor seiner Geburt, zwischen seiner
Mutter und seinem Vater. Alles andere macht oder veranlasst er selbst.
Meinen
Sie, eine Ehepaar Dodi/Diana wäre in der englischen Gesellschaft
akzeptiert worden?
Ehepaare sind grundsätzlich nicht akzeptiert. Wenn man an die Ehepartner
einzeln rankommt, ist es anders.
Sie
waren doch selbst verheiratet ...
Und im übrigen wird immer abgelehnt, wer akzeptiert werden möchte. Nur
wem es egal ist, wird akzeptiert.
Diana
war es am Ende egal. Sie hat gegen das Establishment rebelliert.
Ganz bestimmt nicht. Frauen rebellieren immer nur gegen sich selbst. Es
sieht so aus, als meinten sie einen Mann oder die Fleischesser oder die
Umstände. Aber auch im wildesten Aufruhr kämpfen sie immer nur gegen
sich selbst.
War
Diana für Sie keine besondere Frau?
Was heißt besonders? Mach meinen Erfahrungen gibt es nur zwei Arten von
Frauen: geschminkte und ungeschminkte. Das besondere besteht allenfalls
darin, dass jede von ihnen aufs neue den Triumph der Materie über den
Geist verwirklicht. Das allerdings bewundere ich.
Warum
so zynisch? Als junger Vater von Söhnen und mit Ihrer Frau sollen Sie
sehr glücklich gewesen sein, jedenfalls in den ersten Jahren der Ehe.
Und erst in den letzten! Da hat meine Frau mich unterstützt, ohne dass
ich mit ihr zusammenleben musste.
Vielleicht
aus Dankbarkeit, weil sie Sie nicht mehr ertragen musste? Constance hat
einmal über Sie gesagt, Sie seien eitel und unbelehrbar bis zum
Untergang.
Jede Frau findet ihren Mann unbelehrbar. Aber wenn sie ihn belehren kann,
ist er bald kein Mann mehr. Dann verlässt sie ihn und sucht sich wieder
einen Unbelehrbaren.
Sie
haben selbst mit den Jahren eine gewisse Neigung zu Männern entwickelt.
Sehen Sie? Das zeigt, dass ich doch etwas gelernt habe.
Ihre
Affäre mit Robert Ross hat Furore gemacht, und Ihre Leidenschaft für
Lord Douglas hat Sie ins Gefängnis gebracht. Man hat Ihnen vorgeworfen,
keinerlei Schamgefühl zu besitzen.
Glauben Sie mir, ich wollte, es wäre so. Die Scham hindert uns an den
besten Erfahrungen.
Mr.
Wilde, als Sie geboren worden, blühten die Nationalstaaten auf.
Inzwischen rückt Europa zusammen.
Wenn
ich irgend etwas tun kann, um das zu verhindern, sagen Sie es mir bitte.
Der Drang zusammenzurücken, sich zu umarmen, sich bei jeder Gelegenheit
zu küssen, beim Vornamen zu nennen und dieselbe Suppe aus derselben
Schüssel zu löffeln, ist der Tod aller Elleganz, aller Feinheit, aller
Kultur. Am Ende blüht uns noch die Demokratie.
In
einigen Ländern soll sie sogar bereits eingeführt sein ...
Das scheint nur so. Wenn man es den Leuten einreden kann, sind sie schon
zufrieden. In Wahrheit werden wir nie eine Demokratie zu sehen bekommen.
Es kann weder Gleichheit noch Gerechtigkeit geben, und ich persönlich bin
dafür dankbar. Über Brüderlichkeit würde ich allerdings mit mir reden
lassen.
Warum
meiden Sie Deutschland?
Es hat mich immer nervös gemacht, so viele Kleinbürger auf einem Haufen
zu sehen. Angeblich sind die meisten auch noch Hundebesitzer. Und schon
von fern hatte ich den Eindruck, die Deutschen seien ein Volk mit dicken
Hintern.
Bei
keinem anderen Volk sind Ihre Werke so beliebt wie in Deutschland.
Natürlich bin ich jederzeit bereit, meine Meinung zu ändern.
Im
Osten galten Ihre Werke Jahre lang als dekadent, doch das ist seit der
Vereinigung vorbei.
Vereinigung ist gewöhnlich ein freundliches Wort für Vergewaltigung.
Frauen wollen Vereinigung und Liebe, Männer wollen Vergewaltigung und
Sieg. Damit sie bekommen, was sie wollen, benutzen die Männer die Worte
der Frauen.
In
diesem Fall ging es um ein geteiltes Land.
Man sollte daran nichts ändern. Kleine Länder sind im allgemeinen
bessere Länder. Sie sind für den Rest der Welt leichter verdaulich.
Zu
spät. Sie könnten höchstens noch die Wahl im Herbst beeinflussen. Es
gibt zwei Kandidaten.
Verfügt einer von Ihnen über eine gelungene Knopflochblume?
Allenfalls
Oskar Lafontaine. Aber der ist nicht mehr Kandidat.
Er sollte regieren. Wenn die Dandys die Macht übernehmen, wird die
Politik wieder Spaß machen. Der Charme des Spielerischen wird das Land
überstrahlen. Die Bürger werden wagen, elegant und lässig zu sein und
womöglich das Leben zu genießen. Es wird weniger Platz für Regeln geben
und mehr Platz für Ausnahmen. Und die Moral wird wieder in den
Gebetbüchern verschwinden. Wenn die Dandys regieren.
Davon
sind wir weit entfernt. Die Moral steht heute sogar in den Gesetzbüchern.
Und wenn jemand demnächst die Macht übernimmt, dann die Frauen.
Frauen brauchen nicht die Macht übernehmen, sie haben sie ohnehin schon.
Und eines ihrer Herrschaftsmittel ist die Moral. Weil Männer Spieler
sind, kann eine Frau ihnen mit ein wenig Moral sofort ein schlechtes
Gewissen einreden. Das ist immer so gewesen, und wir können uns darauf
verlassen, dass es so bleibt. Die Herrschaft der Frauen ist die einzige
Tyrannei von Dauer.
Was
sagen Sie denn zu dem Spruch "Gute Mädchen kommen in den Himmel,
böse überall hin"?
Soweit mir bekannt ist, gibt es im Himmel keine Mädchen. Und erst recht
keine Frauen. Wer Spaß haben will, muss entweder in die Hölle fahren
oder sich beizeiten mit Männern anfreunden.
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