Aubrey Beardsley - 1872-1898   Aubrey Beardsley

Englischer Zeichner und Illustrator, dessen mit starken Schwarzweißkontrasten und kunstvoll stilisierter Linienführung arbeitende Zeichnungen den Jugendstil maßgeblich prägten und zugleich die hedonistisch-dekadente, zum Teil antibürgerliche Atmosphäre des Fin de Siècle spiegeln. Während seiner kurzen Schaffensperiode von nur sechs Jahren gelangte er mit über 1 000 veröffentlichten Zeichnungen als einer der produktivsten und kreativsten Illustratoren zu großem Ruhm.

Beardsley wurde am 21. August 1872 in Brighton geboren. Er bildete sich nach einem kurzen Studium an der Westminster School of Art in London als Autodidakt weiter und erhielt bereits frühzeitig Aufträge für Buchillustrationen. Die Kunst japanischer Holzschnitte und die Schule der Präraffaeliten inspirierten ihn zu seinem individuellen, unverwechselbaren Stil, der durch kontrastreich gegeneinander gesetzte Schwarzweißblöcke, eine geschwungene Linienführung, preziöse Details und eine weitgehende Missachtung der perspektivischen Gesetze gekennzeichnet ist. Thematisch sind seine Arbeiten häufig von einer expressiven Erotik geprägt, die sich teilweise auch in vergleichsweise krassen Darstellungen äußert (z. B. in den bekannten Salomé-Szenen).

Beardsley war künstlerischer Herausgeber der berühmten Zeitschriften The Yellow Book (1894/95) und The Savoy (1896), in denen er viele seiner Werke publizierte. Zu seinen bekanntesten Buchillustrationen zählen Le Morte d'Arthur (1893/94) von Sir Thomas Malory, Salomé (1894) von Oscar Wilde, The Works of Edgar Allan Poe (1894/95), Lysistrata (1896) von Aristophanes und Volpone (1898) von Ben Jonson. Darüber hinaus entwarf er Plakate und verfasste mehrere Prosawerke und Gedichte, die 1904 posthum unter dem Titel Under the Hill erschienen. Beardsley starb am 16. März 1898 im Alter von nur 25 Jahren in Menton (Frankreich) an Tuberkulose.

Franz Blei über Aubrey Beardsley

"Seine Schönheit erschreckt mich im Innern und tut wundervoll weh, seine Hässlichkeit verfolgt in Träumen, ich liebe ihn, dass ich ihn fast schon hasse, ich hasse ihn, dass er mich so zu törichter Liebe zwingt" - solchen etwas exaltierten Worten übergab um 1892 eine junge Frau den Eindruck, den ihr das Werk Beardsleys schaffte. Und sie äußerte keine Trauer, als sie von seinem frühen Tode hörte, denn sie meinte, er sei, als er starb, vollendet gewesen, ein längeres Leben hätte nicht mehr aus ihm machen können. Und dass uns ein menschliches Mitleid verführen könnte, uns so ganz an ihn zu verlieren, dass wir keine Wege mehr zu den Künsten anderer fänden. Was wohl nur Beherzigung von La Rochefoucaulds Spruch war, dass man Mitleid wohl vorgeben, aber nicht haben dürfe. Ein junger Mann, der im Jahre 1896 Zeichnungen von Beardsley sah, lachte stark und suchte seine Überlegenheit in einen Witz zu fassen: er rühmte sich, gesunde Instinkte zu haben.

Eine Vignette Beardsleys darf nicht übersehen werden. Da reitet die traurig-ausgelassene Gottheit des Dekadenz gescholtenen Aufganges unserer Künste, Pierrot, Seine Durchlaucht vom Monde, auf dem Flügelroß, das sich anschickt, auf den Parnaß zu galoppieren. Darunter steht: Ne Jupiter quidem omnibus placet. Nach allem, was Freunde von Beardsley erzählen, was wir von seinem Leben wissen, was sein Werk erlebt hat: der Mensch und der Künstler hat seine Kunst und ihr Schicksal in dieses Wort gefasst, dessen Stolz der Reiter des Rosses übermütig übertreibt. Selbst Jupiter gefällt nicht allen: Beardsley war sein eigener größter Bewunderer, uneingeschränkte Bewunderung verlangte er von seinen Zeitgenossen, alle ungünstige Kritik eines Blattes, das er selber gutgeheißen, war ihm eine persönliche Beleidigung. Beardsley konnte, als er, zwanzig Jahre alt, seine Künstlerschaft begann, die Jahre, die ihm noch zu leben waren, an den Fingern einer Hand zählen; er wusste, dass er keine Zeit habe, auf den Ruhm zu warten, den die Welt den Großen spendet, wenn diese anfangen, senil zu werden. So berühmt zu werden war nicht sein Ehrgeiz; dieser war in Ruf zu kommen, in Mode zu kommen wie die Yvette Guilbert oder die Cléo. Er stellte vieles an, um das zu erreichen. Ärgerte sich ein Rezensent über die Kühnheit eines Blattes, so überbot er dieses durch ein noch kühneres; er meinte, sich alles, auch Schlechtes, erlauben zu dürfen. Er mystifizierte seine Feinde, wie er die übelwollenden Kritiker nannte, indem er Dinge zeichnete in einem anderen Stil, mit fingierten Autorennamen, und der Gamin, der er war, freute sich sehr, als die Kritiker darauf hineinfielen und ihm die Blätter als Muster empfahlen, wie es zu machen sei. Wie allen, die so heftig die Aufregungen des Beifalls suchen, war auch ihm eine starke Verachtung des Publikums eigen. Er hatte enthusiastische Bewunderer: sehr wenige, er hatte Gegner, die ihn der Unzucht beschuldigten: alle anderen. Der Streit beider miteinander und um ihn begleitete ihn sein Leben lang und machte ihm das so kurze zu einem fröhlichen, denn er hatte, was er wünschte: Berüchtigkeit.

Aubrey Vincent Beardsley wurde am 21. Juli 1872 in Brighton geboren. Von seinen Eltern hat man noch nichts aufgeschrieben: England, das sonst jedem Dorfpastor eine zweibändige Biographie aufs frische Grab legt, hat noch keine Zeit und Lust gefunden, das Leben des Künstlers aufzuzeichnen. Beardsley war neun Jahre alt, als man ihn nach Epsom schickte, damit er da von der Schwindsucht geheilt werde. Im März 1883 zog die Familie nach London. Er galt da als ein Wunderkind, doch als ein musikalisches. Er spielte mit seiner Schwester, die immer treu zu ihm hielt, in Konzerten und verblüffte durch die Brillanz seiner Technik und die Stärke seines Ausdruckes. Zur Musik hatte Beardsley zeitlebens ein starkes, vielleicht sein stärkstes Verhältnis; wenn er über sie sprach, tat er es, der sonst zu scherzen neigte, ernst und fast dogmatisch. Die Musik ist, meinte er immer, der einzige Gegenstand, über den er etwas wüsste. 1884 kam das Lesen über ihn; er, verschlang Buch um Buch. Und gleichzeitig mit diesem Aufnehmen regte sich, wie immer bei ihm, die Lust zum Selbstschaffen; er begann eine Geschichte der Arinada zu schreiben und verfasste 1885 als Schüler der Grammar School zu Brighton eine Farce Browne Study, die von ihm und Mitschülern gespielt wurde; wie er sich in dieser Zeit überhaupt sehr mit dem Theaterwesen abgab. Er zeichnete zu den Aufführungen seiner Farce die Einladungskarten: die von der Kate Greenaway illustrierten Bücher reizten ihn, sich auch hierin zu versuchen. Er karikierte seine Lehrer, die es ihm nicht nur nicht übel nahmen, sondern sich darüber freuten und ihm gerne Modell saßen. In dem Magazin der Schule: Past and Present wurden diese ersten Versuche veröffentlicht. Sie sind etwa in der Art der heutigen Punchzeichner und ganz unbedeutend. Im Juli 1888 verließ Beardsley die Schule, um in das Büro eines Londoner Architekten einzutreten. Im nächsten Jahre gab er das auf und erhielt eine Stelle in der Feuer- und Lebensversicherung The Guardian. Im Herbst desselben Jahres meldete sich stärker wieder die Krankheit: ein Blutsturz folgte dem andern. Als ob die Muse darauf gewartet hätte, ihm Hand in Hand mit dem Tode zu nahen: die sechs Jahre seiner Künstlerschaft und seines Sterbens beginnen.

Viele Namen sind es, die den Ruhm beanspruchen, Beardsley entdecke zu haben. Dies tat er wohl selbst, und das andere verhält sich so, dass Herr Vallance - William Morris' Schüler und Biograph - ihn bei den Verlegern Lane und Smithers einführte und dass der Pompier Lighton es war, der Beardsley für die illustrative Ausstattung der Morte d'Arthur vorschlug. Dies war 1892. Im folgenden Jahre erschienen die beiden Quartbände von Ritter Malorys Sagensammlung. 1894 kam die englische Ausgabe der Salome mit Beardsleys Bildern, im April desselben Jahres das Yellow Book, für dessen erste vier Bände der Meister achtzehn Blätter und Zierstücke zeichnete. 1895 erfolgte der Bruch mit dieser Zeitschrift, und Januar 1896 wurde von Beardsley und Arthur Symons The Savoy gegründet, für den sich in L. Smithers der opferwillige Verleger fand. Es bestand nur ein Jahr. 1896 folgten Popes Rape of the Lock und die Lysistrata. Schwerkrank verlässt Beardsley im folgenden Jahre für immer England und wird im März des Jahres katholisch. Er ging zuerst nach Paris, dann nach Dieppe, Ende des Jahres nach Mentone, wo er am 25. März 1898, mit den Tröstungen seines Glaubens versehen, von Mutter und Schwester gewartet, starb. Zeichnungen zu Ben Johnsons Volpone beschäftigten ihn bis zuletzt; er hinterließ sie unvollendet.

Es ist ein Dogma der modernen Kritik, dass man der Beurteilung eines Werkes mit einer möglichst genauen Kenntnis der Lebensumstände seines Schöpfers einen reicheren Boden gebe, und dass man nichts versäumen dürfe, was etwa physiologisch für das Urteil von Bedeutung wäre. Natürlich ist dieses Dogma absurd und falsch, und ist das Resultat heutiger Kritik in dieser Befangenheit in sogenannte exakte Wissenschaftlichkeit gleich Null. Was das Werk nicht selbst und allein gibt, wird niemals eine Kenntnis der Lebensumstände ersetzen können, so wertvoll und merkwürdig diese auch für sich sein mögen. Das wenige, was wir von Beardsleys Leben wissen: nichts von seinen Vorfahren, nichts Eigentümliches über das Milieu seiner Kindheit und Jugend, nichts über sein Verhältnis zu Frauen und Männern, die Tatsache seiner Krankheit, seine Musikliebe - alles das wird uns nicht mehr über das Werk sagen, als wir aus ihm selbst erleben. Man kann vielleicht manches in seinen Blättern finden, das man geneigt wäre, auf seine Leidenschaft für die Musik zurückzuführen: vage, traumhafte Inhalte, denen immer ein sinnlicher, eindeutiger präziser Ausdruck in den Linien gegeben ist. Aber es ist mit solcher Zurückführung nicht mehr als ohne sie gesagt. Was Beardsley las, dazu wurde er von seiner künstlerischen Art bestimmt, wie sie sich in seinen Zeichnungen offenbart. In der Knabenzeit waren es Abenteuerromane neben den Leben der Heiligen, dann die alten englischen Dramatiker, später die Engländer und Franzosen des 18. Jahrhunderts. Von neueren: Baudelaire, Mallarmé, Verlaine. Doch war seine Neigung für die älteren Literaturen stärker; die antiken las er, wie jeder wohlerzogene Engländer, in der Originalsprache, den Horaz besonders gerne. Beardsleys Freunde waren erstaunt über seine Belesenheit, die keineswegs eine große Kenntnis von Buchinhalten war; man erstaunt über die feine Ordnung, den schönen Gebrauch seiner Kenntnisse bei solcher Jugend. Nichts las er, nichts erfuhr und erlebte er, was sich nicht seinem Erworbenen organisch eingefügt hätte. Er kannte keine Verblüffung und spottete, wenn andere von inneren Stimmen sprachen. So sehr er auch gelegentlich Gamin war, besaß er eine außerordentliche Haltung.

Beardsleys Genie machte mit den Präraffaeliten ein definitives Ende; man möchte sagen, er hat sie totgezeichnet, wenn man von einem Tode bei dem künstlichen Leben dieser Maler reden kann, die mit Talent sehr vieles waren, nur keine Maler. Beardsley, der in seinen Anfängen nicht nur, sondern in seinem Wesentlichen, zu den Präraffaeliten gehört, hob sie auf, endgültig und selbst ein Ende. Deshalb geht von Beardsley nichts weiter; die ihm folgen wollten, verlieren sich in ihn und ahmen ihn nach. Er war das Brillantfeuerwerk des Schlusses.

Wer die beiden dicken Bände der Morte d´Arthur durchblättert wird erstaunt sein über die Fülle von Schmuck, den der zwanzigjährige Beardsley hier gegeben hat: als der letzte Erbe der Präraffaelten verschwendet er sorglos, bewusst möchte man fast sagen, da sich bereits etwas wie Teilnahmslosigkeit an diesen Schätzen der Älteren merklich machte, die Überdruß im zweiten Bande wird, der fast nur Wiederholungen aus dem ersten enthält. Was Beardsley von dieser Überwältigung des Präraffaelitismus zurückblieb, kam unter fremde Einflüsse. Denn darin bestand die Originalität dieses in seinen Elementen ganz unoriginellen, immer beeinflussten Künstlers, dass er, von Stil zu Stil gehend, vom Älteren behaltend, dies mit neuer Entlehnung verbindend, das Ganze immer wieder bis auf einen Rest aufgibt um mit diesem wieder eine neue Mischung mit einer neuen Entlehnung zu bereiten. Er ahmt immer nach und ist vielleicht gerade deshalb unnachahmlich. Und er gibt der Mischung aus fremden Stücken eine persönliche Essenz bei, deren künstlerischer Charakter kaum zu definieren, vielleicht im letzten gar nicht vorhanden ist Und auch deshalb ist alle seine Gefolgschaft steril geblieben, denn sie müsste die Essenz fälschen oder nicht merken, äußerlich oder innerlich unwahr werden. Neben Mantegna, von dem Beardsley auch später immer noch Geheimnisse lernt, sind es nach den Morte-d´Arthur-Zeichnungen die Japaner, die ihn gefangen nehmen, ihn lehren, die früher fliegenden und schwingenden, etwas leeren Linien zu höherem Ausdruck, bis zur Groteske zu bringen, und in ihm eine Liebe zum Detail erwecken, die ihn nie verlassen hat. Aus dieser Zeit des japanischen Einflusses sind etwa Blätter wie La Comédie aux Enfer und The birthday of Mrs. Cigale. Kaum dass diese Einflüsse festgehalten und in Beziehung zu dem früher Vorhandenen gebracht sind, werden sie auch schon wieder von anderen abgelöst. Dies sind aber nicht zufällige Einflüsse oder Änderungen - das wäre dilettantisch. Alle Einflüsse, die auf Beardsley wirken, sind in seiner mitgebrachten Art vorbedingt: sie deroutieren ihn nie. Es ist wie ein schrittweises Annähern an sein Ideal, das zu erreichen er die zuerst befreiende, dann drückende, da aber auch schon verlassene Hilfe anderer braucht. Sein Ideal ist ein Schwarzweißblatt, das nicht nur frei von allem Malerischen und Zufälligen ist, sondern den Gegenstand in seiner stärksten Intensität gibt, in seiner psychologischen Pointe. Deshalb verzichtet er auch in seinen letzten Blättern, wie denen zur Lysistrata, auf allen Hintergrund.

Was ihn von den Japanern weiterführte, waren Whistler und die antiken Vasenbilder. Man bemerke, dass bei Beardsley nie ein Anlass ist, von dem zu reden, was man Naturstudium nennt; wohl aber könnte man von einem Kunststudium sprechen. Eines der vielen Porträte der Réjane gibt Whistler Beardsley. Die Bilder zum Lockenraub zeigen ihn in einer neuen Wandlung; die Dekorateure und Kostümzeichner Louis XIV. und des Regenten halten das so oft getaufte Kind über das Becken. Debucourt tritt in den Kreis und die famosen englischen Modezeichner des Empire, um die Bilder zur Mlle de Maupin zu befruchten. Dies ist so eigentümlich bei diesem Künstler: er ändert sich, und man erkennt ihn doch sofort wieder, in jedem Strich, in jeder Anordnung von Punkten. Das ist: er ahmt nie nach, sondern lernt sein Wesen an dem anderer entdecken. Ein so subtiler Künstler wie Beardsley legt Wert auf die Art seiner Signierung. Zuerst unterschreibt er, diese wundervollen frühen Zeichnungen zur Manon Lescaut etwa, mit seiner Handschrift Aubrey V. Beardsley, dann fällt das V. weg, Japan und Whistler bringen die stilisierten Samenballen der Tussilago, ein Zeichen, das in einfacher oder reicher Ausführung lange wegen seines ornamentalen Reizes gebraucht wird. Auf einigen Blättern, die in der Manier des Holzschnittes gezeichnet sind, finden sich A und B ähnlich der Dürerschen Marke; schließlich nur mehr in Versalien AUBREY BEARDSLEY.

Wie immer auch die Meinungen über diesen Künstler sich teilen, darin einen sie sich: dass Beardsley ein Zeichner war, der sein Mittel, die Linie, beherrschte wie keiner. Kritiker, deren Urteil darin kuliminiert, ob etwas richtig, das heißt von außen her wahr ist, fanden diese Hand zu groß, diesen Fuß zu klein - aber sie messen überhaupt, und hier noch ganz besonders, mit einem falschen Maß, weil sie am unrechten Ort damit messen. Wo es die bescheidene Absicht eines Mannes ist (oder seine Einbildung, was auf dasselbe herauskommt), nichts als die natürliche Natur wiederzugeben, sie gewissermaßen noch einmal mit einem anderen Mittel zu machen, da wird vielleicht die Kritik am Platze sein, die an ihrer Erinnerung an dieses Stück Natur und an dieser Wiedergabe den Abstand misst. Aber Beardsleys Kunst erhebt gar nicht den Anspruch, so äußere Natur zu sein. Beardsleys Artung war, einen seelischen Zustand, einen Charakter, eine Leidenschaft in den Linien des menschlichen Körpers und seiner Bewegungen so darzustellen, dass das Ganze ein wesentlich Neues ist, das man das Dekorative nennen mag in Mangel eines besseren Wortes. Es genügt ihm dazu nicht, etwa bloß den Blick der Augen zu ändern, um einen Affekt auszudrücken - er ändert den ganzen Körper: Hände, Füße, Haar, Kleidung und auch die Umgebung erfahren Änderungen, doch nicht etwa sogenannte symbolischer Art. Beardsley zeichnete niemals Übersinnlichkeiten, Philosophien, Ideen und solchen Tiefsinn. Incipit vita nuova (Das neue Leben beginnt) lautet die Devise einer Groteske, die er ans Ende seiner Morted´Arthur-Zeichnungen setzt die noch solchen allegorischen Sinn haben und aus Text und Schule haben mussten. Von nun ab ist die moralische Qualität des Individuums, wie sie sich in dessen Körperlichkeit ausdrückt, sein Gegenstand. Zu den Dingen, welche Beardsley liebte und häufig zeichnete, gehören die Bewegungen eines barocken Tanzens und Schreitens; Frauen bei der Toilette; eigenartige, aus vielerlei Moden und Stilen gefertigte Kostüme; ein Schmücken der Räume mit merkwürdigen Tischen und Stühlen; Geschmeide, schlanke Kandelaber mit dünnen Kerzen und reichgerahmte Spiegel; Leiber mit verwischter, hermaphroditischer oder stark betonter Sexualität; kleine Stirnen, hinter denen nichts denkt, kleine Augen, die verraten; volle Münde wie lüsterne Wunden. "Was die übrige Gesellschaft betrifft, so konnte sie sich einiger bemerkenswerter Toiletten und ganzer Tische voll der herrlichsten Frisuren rühmen. Man sah da Schleier, die gefärbt waren und Muster auf die Haut zeichneten, Fächer mit Schlitzen, um ihre Träger hindurchblinzeln und -blicken zu lassen, Fächer mit Gesichtern bemalt, mit Sonetten Sporions oder den kurzen Geschichten Scara-mouches (Gestalt der Commedia de´arte) beschrieben, und Fächer aus großen lebenden Nachtfaltern auf Bergen von Silbernadeln. Und Masken aus grünem Samt, die das Gesicht dreifach bepudert erscheinen lassen; Masken aus Vogelköpfen und Gesichtern von Affen, Schlangen, Delphinen, Männern und Frauen, kleinen Embryonen und Katzen; Masken aus dünn aufgelegtem Talk und Gummielastikum. Perücken trug man aus schwarzer und scharlachner Wolle, aus Pfauenfedern, aus Gold- und Silberfäden, aus Schwanendaunen, aus Weinsprossen und aus menschlichem Haar; ungeheure Halskrausen aus weißem Musselin, die hoch über den Kopf wegstanden, ganze Kleider aus einwärts gebogenen Straußenfedern, Tuniken aus Pantherfellen, die wundervoll über rosa Trikots aussahen, Kapots aus rosa Atlas mit Eulenflügeln, Ärmel in Gestalt apokalyptischer Tiere, Strümpfe, in deren Zwickel sich Darstellungen von Fetes galantes und sonderbare Zeichnungen befanden, und Jupons, die wie künstliche Blumen gearbeitet waren. Einige Herren trugen reizende purpurfarbene oder grüne Schnurrbärte, die mit vollendeter Kunst gedreht und gewichst waren, andere trugen große weiße Bärte nach Art des Heiligen Wilgeforte. Dann hatte Dorat ihnen außerordentliche Vignetten und Grotesken auf den Leib gemalt an mancherlei Stellen: auf eine Stirne eine alte Frau, die von einem unverschämten Amor verfolgt wird, auf eine Schulter eine verliebte Affenszene, rund um eine Brust einen Kreis von Satyrn, um ein Handgelenk einen Kranz blasser, unschuldiger Kinder, auf einen Ellbogen ein Bukett Frühlingsblumen, quer über einen Rücken ein paar überraschende Mordgeschichten, in die Winkel eines Mundes kleine rote Flecke, auf einen Nacken eine Flucht Vögel, einen Papagei im Käfig, einen Zweig mit Früchten, einen Schmetterling, eine Spinne, einen betrunkenen Zwerg, oder einfach ein paar Initialen." Man kann Beardsleys Zeichnungen nicht besser in ihrem Gegenständlichen beschreiben, als er es selber getan hat in seinem Kostümkapriccio Venus und Tannhäuser.

Ich sagte, daß Beardsley es liebte, das Geschlecht seiner menschlichen Figuren manchmal übermäßig zu betonen, oft wieder hermaphroditisch zu verwischen. Ein Selbstporträt in den Posters in Miniature gleicht etwa dein Bilde jener Mädchen mit kurzgeschnittenem Haar und steifer Hemdbrust, wie sie die Pariser Karikaturisten gerne verlachen. Doch an Karikatur darf man bei Beardsley nicht denken, denn er übertreibt nie äußerliche körperliche Eigentümlichkeiten zu einem lächerlichen, sondern psychische, wenn man will moralische, zu einem manchmal grotesken Effekt: es ist, wenn auch Geist, so doch nicht Witz und Komik in seiner Übertreibung, die zum Lachen reizte. Seine Typen sind in ihrer monumentalen Hässlichkeit oder Schönheit Erfindungen, Visionen des Wesentlichen, aber sie haben kein Modell in der kleinen deutlichen Wirklichkeit. Man könnte sie mit den Grotesken vergleichen, die Lionardo zeichnete. Beardsley mag manchmal satirisch sein, aber er ist es gewissermaßen auf eigene Faust; er trifft sich nicht mit Gemeingefühlen; er ist gar nicht sozial. Ja, er pointiert nicht einmal seine eigene Art denn er besaß eine zu gute Haltung. Man kann so auch nicht von Absichten sprechen, die ihn veranlassen, der Eigentümlichkeit seiner Natur entsprechend sich das Gegenständliche seiner Zeichnungen zu wählen, so sehr ist dieses untrennbar von seiner Form. Absicht, Überlegung, Ordnung sind ihm nur bewusst in Hinsicht auf das Formale. Deshalb und noch einmal: welcher Art immer die technischen Einflüsse sind, denen er sich hingibt - seine Originalität, was das Unbewusste, sein psychisches Verhalten angeht, bleibt davon ganz unberührt und bleibt sich gleich vom Anfang bis zum Ende seiner Kunst.

Man hat sie pervers genannt, weil man ja geneigt ist, alles mit diesem diffamierenden Beiwort auszuzeichnen, was die Sinnlichkeit nicht mit dem Gemüte genießt. Beardsley sieht, ganz unnaturalistisch, Zustände und Menschen von innen heraus; das nimmt alles das Gewand der intensiv erkannten Seelen an, die den Körper deformieren. Da wird die Sünde schön und eine Tugend, weil sie groß und herrschend ist, da wird die kleine Sünde, die sich mit der keinen Tugend um den Vorrang in einem Individuum streitet zur widerlichen Hässlichkeit. Die Gottheit bestätigt sich irdisch in der Kraft, mag diese zum Bösen oder Guten treiben. Satan ist fromm, und der Heilige ist fromm. Möglich, dass sich Beardsley mehr jene Frömmigkeit verdeutlicht hat, die sich ihren Glauben aus der Sünde bestätigt, wie es nicht nur einmal gnostische Sekten taten, sondern wie es immer wieder geschieht und geschehen muss. Lorenzetti malte in den Fresken des Campo Santo zu Pisa die Sünderinnen der Hölle im blühendsten Fleische, Akte von fast Renoirscher Art.

Beardsley ist katholischer: er zeichnet in der Messalina ein Weib von fünfzig Jahren, deren Formen in Fett verloren, deren Augen klein und hektisch, deren dicke Lippen fast das einzig Sichtbare in dem Gesicht - fest geschlossen und deren Beine sicher voll der blauvioletten Flecken von gesprungenen Venen sind. Er steigerte so das Fleischliche zum Intellektuellen, und dieses allein ist die Sünde. In dem Zeichner dieser Blätter suchte eine Kritik, die ohne Verhältnis zur Kunst, diese nur nützt, um sie auf eine vulgäre Moral zu prüfen, ein schamloses Leben. Beardsleys Freunde haben über sein Menschentum nicht geschwiegen, ich glaube auch, nichts verschwiegen, wohl weil sie keinen Anlass dazu hatten. Er wird beschrieben als stolz und von sich selbst überzeugt, was ihn nicht hinderte, mit großer Verehrung von dem zu sprechen, was er liebte. Er war trotz seiner Sozialilität menschenscheu; es fehlte ihm das Bedürfnis nach Mitteilung, was man oft bei Menschen findet, deren Intellekt starke Neigung zur Abstraktion zeigt. Doch verschloss er sich nie dem Leben, an das er mit vielen Interessen verknüpft war. Er kleidete sich wie ein Elegant und fand die sichtbaren äußeren Zeichen des Künstlertums, deren Pose, lächerlich; für Worte wie Inspiration hatte er nur Verachtung. Als einer ihn fragte, ob er Visionen habe, gab er die Antwort: Ich gestatte mir so etwas nur auf dem Papier. Keiner hat ihn je bei der Arbeit gesehen, die er am liebsten des Abends bei Kerzenlicht tat. Kam ein Besuch, so legte er alles beiseite, und nie hörte man ihn mit der Miene eines Geschäftigen sagen, dass er keine Zeit habe. Seine Krankheit ertrug er heldenhaft; in seinen Briefen treibt er beinahe Scherz mit ihr. Von seinen drei Gedichten und seinem Prosacapriccio hielt er viel, wie er es überhaupt liebte, sich als Homme de lettres vorzustellen. Er hatte viele Pläne dieser Art, wie einen Aufsatz über Rousseau, einen anderen über die Liaisons dangereuses zu schreiben. Den Sinn für die lebende Natur, für die Landschaft hat man Beardsley abgesprochen. Ihm eigentümlich verwendet er sie nur im Ornament aus Blumen- und Fruchtmotiven. Zum Landschaftlichen benutzte er einfach Claude Lorrain und Watteau, in einer Zeichnungsart, die an Gobeline erinnert. Keine Spur einer grotesken Behandlung der Landschaft zu finden.

Auf einer Stufe der etwas engen Treppe des Hotel Quai Voltaire saß oder lag mehr ein junger Mann, der mir die Passage versperrte. Als er das merkte, zeigte dieser schmale Pferdekopf in einem kleinen Lächeln die Zähne und sagte: "Excuse, me." Raffte einige ihm entfallene Photographien in eine Mappe, sagte etwa, sie seien seiner Hand entglitten, und sah mich an, als ich ihn fragte, ob ich ihm helfen könne, und ihn dabei mit seinem Namen ansprach. Wir saßen nun beide auf der Treppenstufe, legten die Bilder in die Mappe, und ich antwortete auf seine Frage, woher ich ihn kenne, dass er gestern und ich heute angekommen sei und ich seinen Namen im Hotelbuch gelesen habe, und wen er bedeute, das wüsste ich seit zwei Jahren aus dem Yellowbook und dem Savoy und seinen Büchern. Das höfliche vraiment? klang so zweifelnd, dass ich die Titel nannte. Er lachte auf wie ein Junge, dem ein Streich geglückt ist. Aber all diese Gaminerie war ein Versuch gewesen, nicht merken zu lassen, dass er vor Erschöpfung auf der Treppe niedergesunken war, dieser vom Tode gezeichnete Aubrey Beardsley, unterwegs nach Mentone, wo er einige Monate später starb. Er lud mich ein, den Tee beim ihm zu trinken, und warf sich in seinem Zimmer gleich in einen Stuhl. Es ist das abscheuliche Wetter, sagte er. Ob ich etwas für ihn tun könne? Nach dem Tee klingeln, sagte er und lächelte. Da trat seine Schwester aus dem andern Raum, er stand auf und stellte mich vor. Zu ähnlich ihrem Bruder, um hübsch zu sein, hatte sie herrliches Haar. Davon sagte der Bruder eine Weile später: "Das Gold ihrer Haare ist das einzige Echte in dieser Welt."

Der Wille dieses sterbenden Menschen, gesund zu sein oder zu scheinen, muss außerordentlich stark gewesen sein. Wie die Liebe zu dieser Schwester, vor der seinem Willen gelang, was er mir, dem Fremden gegenüber versucht hatte: den Gesunden zu spielen. Er schien sehr vergnügt, mich als willkommenen Anlass zu seinem Theater im Zimmer zu haben. Das Gespräch kam auf Wilde, der im Frühjahr dieses Jahres 1897 aus dem Gefängnis entlassen worden war. "Er hat für unsere ganze Bande büßen müssen. Wir haben ja auch die Dombys und Grundys nicht wenig gereizt, so am Englischen gemessen, aber sie uns noch weit mehr. Sie kennen meine Landsleute nicht und diese Pest, die englische respectability. Sie und das Klima treiben uns immer wieder aus diesem Lande. The Savoy ist in Dieppe gegründet worden. Aber in London erschienen und da gestorben. Im ehrwürdigen Alter eines Jahres. Man hat bei uns alle Arten von Fachzeitschriften, nur eine solche für die Literatur duldet man nicht. Man hält das für lasterhaft, wenn sich die Literatur um sich selbst kümmert, denn sie ist für jeden Engländer, der etwas auf sich hält, nur ein Mittel, die Moral von Seiten des Schönen her zu stützen. Kennen Sie die Geschichte des Yellowbook? Eine ganz harmlose Zeitschrift für Literatur, aber dass sie nichts als das war und nicht ein betont kommerzielles Unternehmen mit einem Börsenteil als ernstem Rückgrat, ärgerte den englischen Leser und seinen Dichter, den Herrn W. Watson, der von der vierten Nummer ab erklärte, nicht mehr mitzutun, wenn mein Unfug darin nicht aufhöre. Und dabei waren sie gar nicht so schlimm, diese ersten Yellowbookbände, wo dieser Schwätzer E. Gosse darin schrieb und Bilder von dem Pompier Lord Lighton reproduziert wurden. Nicht eine Zeile von Oscar. Auch im Savoy übrigens nicht. Er hatte aus dem Schockieren schon so eine Art komischer Spezialität gemacht, nicht im Schreiben, aber in sonst allerlei Dummheiten. Er hielt das für eine Art griechischen Satanismus. Diesen Abfall aus der höllischen Blumenbinderei. Schade. Er hat unsere beste Komödie geschrieben, The Importance of being earnest - wir hätten mit drei, vier solchen Komödien gewonnen. Aber er ging lieber und tat wie ein Tenor. Jetzt wird sich Herr Shaw, ein irischer Journalist, auf die flinken Beine machen und seine Zeitungsartikel für verteilte Rollen schreiben. Wissen Sie, wenn in England einer einen Gemeinplatz äußert, dann gilt er schon für einen paradoxen Geist.... Unsere Bande" - er sagte notre bande -"war zu frech, nicht vom Kontinent her gesehen, sondern vom Englischen aus. Denken Sie doch, Dowson schreibt subtile und nicht subtle und an vor einer Aspirata! Und ein Trunkenbold ist er zudem noch! Wie Francis Thompson ein Bettler und Opiomane! Und Lionel Johnson macht Kommas und Semikolons dort, wo ein Engländer sie nie macht! C´est trop, n´est-ce-pas?"

Ich meinte, dass mir diese Bande der Neuerer, die ich nur aus den gelben Bänden und dem Savoy kennte, nicht das Verdienst beanspruchen dürfte, den konservativen englischen Leser so überaus stark zu reizen, sondern dass ich das eher für ein Verdienst des Zeichners A. B. hielte. So sehr ich auch die sachliche Kritik Symons von dem Drumherumgerede Gosses unterschiede, so hübsch erfunden auch die Geschichten von Crakenthrope seien und so schön nach elisabethanischen Mustern die Gedichte von Johnson, so schienen mir doch seine Grotesken in Schwarz-Weiß - ich erinnere mich nicht mehr wörtlich, was ich an tauglichsten und kundigsten Begründungen meiner Bewunderung improvisierte. Beardsley machte ein Gesicht dazu, das Belustigung hinter so was wie Würde zu verstecken suchte, lachte manchmal auf kramte wie verlegen in den Photos nach Mantegna, die auf dem Tisch herumlagen, und drückte in den zuweilen eingeworfnen c´est curieux mehr eine Genugtuung über das Allgemeine aus, dass ein Unbekannter aus Mitteleuropa sein Werk kenne und schätze, als über das Besondere der Begründungen, die dieser Fremde da zu geben versuchte.

"Als wir geboren wurden, verschwand gerade die Krinoline und kamen die vielen Monumente in London auf, die man von Steinmetzen herstellen ließ. Da stand nun der steinerne Politiker Mr. Smith, und man konnte die aufdringliche Abscheulichkeit dieses Zeitgenossen so recht innewerden. Sie werden staunen, über die vielen steinernen oder bronzenen Smithe teils in Uniform, teils im Bratenrock, wenn Sie nach London kommen. Die von den Smithen gereizte Intelligenz beteiligte sich am Imaginativen, indem sie es kritisierte, wenn Sie wollen. Eine vorgefasste Absicht zur Groteske hatte ich gar nicht. Sie kennen ja den Gautier und auch die schönen Sätze Baudelaires über die Kunst, die er dem Poe nachgedacht hat. Komisch, dass die Bürger die Kunst immer domestizieren wollen. Die vollendete Form ist Tugend, sagt Gautier. Bei allen seinen Gegenständen, seinen Nähmaschinen und Dreschmaschinen sagt das der Bürger auch. Nur für die Kunstwerke will er es nicht gelten lassen. Eine Maschine, ein Arbeitsvertrag, eine Bilanz, davon verlangt er die Vollkommenheit der Form. Aber von den Künsten, dass sie ihm das bequemste, unverbindlichste, also formloseste Vehikel seiner Gedanken und Gefühle seien, er, der Bürger, muss sein Vergnügen dabei finden, nicht der Künstler, seine Lust zu leben. Vielleicht haben wir etwas übertrieben. Wir haben Mayfair auf Bohemia setzend versucht, die heiligen Götter des Bürgertums zu ästhetisieren, wie man das nannte. Eine Geste der Notwehr vielleicht. Sie müssten unsere insularen Tabus, kennen, um das ganz zu verstehen. Wir wollten eben unsere Revanche haben. Tugend und Sünde sind identisch, wie Blake festgestellt hat. Allzu inkommodiert von der Tugend kam der Gegenschlag, die Sünde als Sport wie bei Oscar. Die victorianische Verschwörung gegen die Instinkte, diese einzige Quelle menschlicher Energien, bestand darin, dass sie im Namen der Dezenz das Schweigen darüber gebot. Man eliminierte die Worte mit dem Erfolg, dass man die Fakten ignorierte. Der victorianische Engländer verlor seine Vision des Bösen, weil er in seiner Seele die Lüge hatte. Gehen Sie in die Bureaus unserer Fabians, Sie werden Eau de Cologne riechen statt Sozialismus. Ich erinnere mich, ein Buch mit Kindergeschichten als Kind gelesen zu haben. Da fragte ein Vater: `Bist du bereit zu sterben?´ `Noch nicht´, sagt das Kind. `Noch nicht?´ fragt streng der Vater. Das Kind merkt seine Antwort war falsch, und hat Angst vor der Rute. Es sagt also: `Nicht früher, als bis ich ein neues Herz habe.´ So wurde erzogen. Nicht bei uns zu Hause. Wir waren Wunderkinder. England ... ich hoffe nie mehr dahin zurückzukehren."

So leise bei diesem fatal deutbaren Wort auch die Schwester den Blick änderte, Beardsley spürte es. Und begann, damit ja keine Pause entstände, sofort weiterzusprechen, als ob er gerade nur ein Komma gesetzt hätte.

"Denken Sie, Oscar wollte meine Blätter zur Salome nicht in seinem Hause dulden. Er fand sie abscheulich. Er ahnte wohl, dass sie länger am Leben bleiben würden als seine Gewandstudie nach Flaubert. Wir können uns nicht leiden. Dies und das ist ihm ja gelungen. Aber er ist in seinen sozialen Ideen schrecklich altmodisch und konventionell. Wie ein fashionabler Held in Disraelis Romanen. Das hat ihm auch seinen guten Einfall im Dorian Gray verdorben. Denken Sie, was Hawthorne daraus gemacht hätte, den Bostoner mein´ ich natürlich. Oscar denkt immer an den Effekt, wobei nur Vulgäres herauskommt. Er kriegt das Material, in dem er arbeitet, nicht unter, sondern das Material ihn."

"Er ist jetzt ein armer Mensch", sagte die Schwester, und der Bruder streichelte ihr die Hand. "Ja, mein Liebchen, aber ich meinte es nicht so, Oscar muss schrecklich gelitten haben, ja. Aber man kann ihm das nicht leichter machen damit, dass man ihn jetzt zu einem außerordentlichen Poeten ernennt. Da sind andere, deary, du kennst sie und man wird sie vergessen über Oscars menschlichem Schicksal, und sie sind wirkliche Dichter. Denk an unsern John Gray und an Lean back, and press the pillow deep, Heart´s, dear demesne, dear Daintiness. Er traute seinen Versen nicht", wandte er sich mir zu, "und ist Priester geworden. Oder denk an A. E. Housman" - und zu mir hin: "er hat Verse geschrieben, nur mit der griechischen Anthologie vergleichbar." Und die Schwester rezitierte:

The lads in their hundreds to Ludlow come infor thefair,

There's men from the barn and theforge and the mill and the fold,

The ladsfor the girls and the lads for the liquor are there,

And there with the rest are the lads that..."

Hier stockte sie. Und Beardsley fiel ein: "Sag nur den Schluss: that never be old. Zu diesen lads gehörte unsere Bande. Bis auf mich natürlich, deary, ich werde ein uralter Großvater werden oder ein Heiliger. Du weißt ja, Heiligkeit verlängert das Leben, wie Francis Thompson sagt unser Dichter, was immer auch Johnson daherredete, dass seine Verse niemals edel, immer nur sublim seien. Johnson ist katholisch geworden, immer schon ein Scholastiker, weil der Katholizismus eine bessere Plattform für die Kontroverse sei. Ein schrecklich streitsüchtiger Junge. Aber er konnte famose lateinische Gedichte machen, wirkliche Gedichte. Er dankte Oscar für den übersandten Dorian mit einer langen lateinischen Hymne. Ich hab' nur die erste Strophe behalten:

"Benedietus sis, Oscare!

Qui me libro hoc dignare Propter amicitias:

Modo modulans Romano

Laudes dignas Doriano,

Ago tibi gratias. "

 

Sei gepriesen Oscar

Der du mir das Buch aus Freundschaft gewidmet hast:

Nur ins Lateinische verändert

Sollst du loben und preisen den Dorian

Ich sage dir Dank

Beardsley sprach das Lateinische wie die Italiener aus, nicht wie ein Engländer. "Aber Lionel säuft. Er ist so schrecklich allein. Jeder von uns. Lauter Hamlets. Das protestantische Ende." Die Schwester war, kurz bevor er das sagte, aus dem Zimmer gegangen.

Wir hatten uns verabredet, andern Tages Marcel Schwob zu besuchen.

Beardsley ohne Überzieher fand trotz des kalten Windes eine Droschke zu nehmen nicht nötig. Es sei ganz nah in der Rue du Bac. "Schwob liegt seit einem Jahr im Sterben, ein auf den Tod Kranker", sagte er, wie einer vom andern Ufer der Gesundheit. "Er ist ein richtiger kabbalistischer Zauberer."

Unser Besuch war sehr kurz. Schwob hatte einen schlimmen Tag. Er lag im teppichverhangenen Zimmer auf einer Couchette. Seine Freundin saß an seinem Lager. Er sprach kaum ein paar Worte, dankte für den Besuch. Ein schneeweißes Gesicht. Darin wie Blut ein großer Mund. Auf einem kleinen Gestell an der Wand glänzte im Dämmerlicht die vergoldete Büste eines jungen Männerkopfes. Als wir nach Hause fuhren, sagte mir Beardsley, es sei das Porträt eines jungen Dichters namens Claudel.

Franz Blei 1924

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