John Gray     John Gray (1866-1934)

Der viel versprechende Lyriker und Dramatiker, ein Tischlersohn mit ausgesprochen schönem Profil und nervösem Temperament, war vermutlich Wildes zweiter Lover, bis er in seiner Rolle als ständiger Begleiter 1891 von Lord Douglas abgelöst wurde. Die intime Beziehung des poetisch talentierten Bibliothekars im Auswärtigen Amt mit dem zwölf Jahre älteren Wilde ging auf einen frankophilen Beitrag Grays für die Zeitschrift The Dial zurück, dem im August 1889 eine erste Begegnung im Haus des schwulen Künstlerpaares Charles Ricketts und Charles Shannon folgte. Am 1.2.1891 wohnte Wilde einer Lesung Grays im Männermilieu des Rhymers' Club bei, der sich allabendlich im Cheshire Cheese Pub in der Londoner Fleet Street traf. Während Wilde zu Hause seinen ehelichen, väterlichen und repräsentativen Pflichten nachkam, tauchte er so zugleich in eine homosexuelle Halbwelt ein. Damit entsprach er durchaus der viktorianischen Gepflogenheit eines stillschweigend geduldeten Doppellebens. In einem Leserbrief an den Daily Telegraph vom 19.2.1892 stritt Wilde ab, Grays Gönner zu sein: »Gewiss bedürfen alle Künstler in diesem vulgären Zeitalter der Protektion. Vielleicht haben sie ihrer schon immer bedurft. Doch der Künstler des 19. Jahrhunderts findet sie nicht bei Prinz, Papst oder Patron, sondern in der hohen Gleichmütigkeit des Temperaments, in dem Vergnügen am Erschaffen schöner Dinge [...].« Dennoch erbot sich Wilde, die Herstellungskosten für Grays Silverpoints (1893) - eine Sammlung symbolistischer Gedichte, zugleich ein von Ricketts stilvoll gestalteter Kunstgegenstand - zu übernehmen, doch Grays gleichzeitiger Freund Mark Andre Raffalovich (1864-1934), später Autor der Studie Uranisme et unisexualité (1896), drängte Gray zum öffentlichen Bruch mit Wilde. Fürderhin lebte Gray, und zwar zweiundvierzig Jahre lang, mit Raffalovich zusammen - und dem platonischen Ideal einer »sublimen Inversion, einer sublimierten Form von Homosexualität«. Nach dem Tod seines Vaters hatte Gray, mit seiner dichterischen und seiner religiösen Berufung ringend, einen Zusammenbruch erlitten, war durch Londons Straßen geirrt und hatte gemurmelt: »Ich muss mein Leben ändern. Ich muss mein Leben ändern.« Wie viele Homosexuelle aus seinem Zirkel trat Gray bald darauf zum Katholizismus über und ließ sich mit 35 Jahren zum Priester weihen. Ob er, wie vielfach angenommen, als charakterliches Vorbild für Dorian Gray diente, sei dahingestellt; auch wenn sich Gray gegen diesbezügliche Behauptungen verwahrte, lieh er doch der Wilde'schen Romanfigur seinen Familiennamen und nannte sich im Freundeskreis stolz Dorian. Als Wilde gegen Ende seines Zuchthausaufenthaltes mit Bosie abrechnete, zählte er Gray zu den Gefährten seines »wirklichen Lebens«, seines »höheren Lebens«.